Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1909)
- Date
- 1909-12-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Amtsrichter Veranlassung gehabt zu der Behaup tung, daß die Reise auf das Ersuchen einer von Gott verordneten Obrigkeit unternommen werden müsse. In der Bitte um Verlegung des Termins sei nur das Ersuchen enthalten gewesen auf Gewiffensbedenken Rücksicht zu nehmen. Daraus ist vom Landesgerichtspräsidenten aus Ostrowo folgender Bescheid eingegangen: „Auf ^Zhre Beschwerde vom 4. August d. I. erteile ich ihnen nach Anhörung des beteiligten Richters folgenden Bescheid: Ich kann es nicht billigen, daß das Königliche Amtsgericht zu Koschmin in seinem Bescheide vom 18. Juni d. I. Ihre religiösen Bedenken als solche nachgeprüst hat, weil diese Ihre persönliche Angelegenheit sind. An dererseits können di se Bedenken Sie nicht von der Er füllung staatsbürgerlicher Pflichten befreien. Ihnen steht also kein Recht zu, die Verlegung eines auf den S. bbath anberaumten Termines zu verlangen. Hierdurch wird es aber nicht ausgeschlosien, daß aus Gründen der Billigkeit und Humanität bei Bestimmung eines Termintags religiöse Bedenken Berücksichtigung finden, sofern dies die Umstände gestatten und nicht die Jnteresien anderer geschädigt werden. Dem beteiligten Richter habe ich von dieser Anfassung Kenntnis gegeben." Tatsache ist, daß bislang überall auch in un serer Provinz in solchen Fällen von den Behörden und Gerichtsämtern den religiösen Gefühlen von Zeugen weitgehendste Rechnung getragen worden ist. Oesterreich, wiener Betet. (Bon unserem Korrespondenten.) Wien, 28. Nov. Innerhalb des kurzen Zeitraumes von einer Woche haben die Wiener gesetzestreuen Juden zweimal Gelegenheit gehabt zu zeigen, daß sie nicht nur durch Wort, sondern auch durch Taten bestrebt sind, das wahre, gesetzausübende Judentum zu festigen und zu fördern, und was das merkwürdigste dabei ist, sie verstanden, die führenden Kreise der Kultusgemninde wenigstens, in gewissen Beziehungen für sich zu interessieren Dienstag, 23. November, abends veranstaltete der junge und schon so rührige Verein der Sabbatfreunde, Lchorrire-Schabbos" indem Prachtsaale des Hotel Kontinental einen Vortragsabend. Herr Oberrabbiner Dr. Güdemann hielt einen wissenschaftlich tiefdurchdachten Vortrag über die religiöse, ethische und soziale Bedeutung des Sabbats, ünd erntete für feine geistvollen Ausführungen den begeisterten Beifall des sich aus den verschiedensten Lagern der Juden heit zusammensetzenden tausendköpfigen Publikums. Der um den Verein sich verdienstvoll bemühende Vorstand, insbesondere der Obmann desselben, Herr Moritz Felsenburg, hat sich ein bleibender Verdienst um die gute Sache geschaffen und wäre es zu wünschen, daß sich dem Verein noch weite Kreise anschließen mögen. Ww1 W naiD1?! Sonntag, am 28. November, fand auch die feierliche Einweihung der unter Aufsicht der Schiffschul stehenden Speisehalle, nicht zu verwechseln mit „Volksküche", statt. Das Bestreben des Vereins „Einheit", der diese Halle errichtet hat, geht dahin, den minder bemittelten Glaubensgenossen für geringes Entgelt genügende Nahrung zu liefern und das Ganze jedoch auf das Niveau eines Restaurants zu heben. Keine Volksküche, wo der. Arme immer an seine Dürftigkeit gemahnt wird, sich beim Eingänge blecherne Marken erst geben lassen und sich auch das Essen in der Küche selbst holen mußhier in der „Einheit" gilt jeder Eintretende als willkommener Gast und wird jedem nach seinem Wunsche das Essen gebrachtjeder soll sich heimisch fühlen im Kreise seiner Brüder. Insbesondere ist die Errichtung einer eigenen mensa avLäemic» für die jüdische Hochschuljugend sreudigst zu begrüßen. In diesem Sinne sagte auch bei der Einweihung der ln jüdischen Kreisen rühmlichst bekannte Herr Bernhard Hofbauer: „Schon als wa# omaK seinen pflanzte, was nach hem Worte unserer Weisen nicht anderes als na*? w, für die Armen bedeutet, wollte er bloß als Bedingung hierfür: oa^n rsmi, daß der Staub, das Unedle nicht in den Kreis seines Avrohomzeltes getragen werde. So möge auch hier nur nnrik, Einheit und wahre Gastlichkeit herrschen." Herr Rabbiner Fürst (Schiffschul) knüpfte an den Satz an: nnV i-'aew /varatt. ,T>a# 71a hts und schilderte den echtjüdischen Geist, der in dieser Anstalt herrschen soll. Es sprachen noch Herr Rabbiner Schmidt, Herr Rabb. Dr. David (Kultusgemeinde) und Herr Waltuch vom Wiener Zionistischen Zentralkomitee. Letzterer verurteilte diejenigen, die den Aeußerungen jüdisch-religiösen Empfindens feindlich gegenüberstehen und meinte u. a. „Wir alle wissen, daß es heute kein Judentum mehr gäbe, wenn nicht die Tausende und Abertausende treuer und anhänglicher gesetzestreuer Juden allen Versuchungen widerstanden und treu zur Thora gehalten hätten." Mit einem Hoch auf den Kaiser, von Herrn Hofbauer ausaebracht, und Absingen der Kaiser- Hymne schloß die erhebende Feier. Wien, 28. Nov. Die Plenarsitzung des Kultusvorstandes am 21. d. M. begann wie immer mit der Verlesung einer Reihe von Dank- und Entschuldigungsschreiben, Bittgesuchen rc., darunter einer Mitteilung des Fortbil dungsschulrates in Wien, daß auf erfolgte Vorstellung des Kultusvorstandes eine Ausschreibung behufs Besetzung von Supplentenftellen dahin richtig gestellt wurde, daß der Bemerkung „Mit Taufschein" die Wörter: „bezw. Geburtszeugnis" angefügt wurden. Es werden dann verschiedene Subventionen bewilligt, und zwar an die Lämelschule in Jerusalem, den Beth-Hamidrasch- Verein „Talmud-Thora", Wien, II., den jüdischen Turnverein im XV. Bezirk, den Verein „Tefilas Haneorim", die Zeitschrift „Mittellungen für jüdische Volkskunde" usw. Darauf beantragt, entsprechend den Vorschlägen des Kuratoriums der „Bildungsanstalt für Religionslehrer an Volks- und Bürgerschulen" in Wien und der Unterrichtskommission das Bertreterkollegium die Angliederung des V. Jahrganges an diese Anstalt. In dem Organisationsstatute, welches vom Plenum des Kultusvorstandes in der Sitzung vom 10. Juni 1906 beschlossen wurde, war die Dauer des Kurses mit vier Jahren vorgesehen und der Lehrplan dementsprechend eingeteilt. Mit Rücksicht auf die Sachlage wurde unter Anerkennung der guten Prüfungsresultate bei der mit Ablauf des III. Jahrganges vorgenommenen öffentlichen Prüfung der Zöglinge die Anregung gegeben, die Angliederung eines V. Jahrganges in Erwägung zu ziehen, wobei auch das Bestreben zum Ausdrucke kam, das Lehrpensum für den IV. und V. Jahrgang derart einzurichten, daß Absolventen des V. Jahrganges, aufbauend auf die erworbenen Kenntnisse durch eigenen Privatfleiß sich ur allgemeinen staatlichen Reifeprüfung für das Lehramt an öffentlichen Volksschulen vorbereiten könnten. Demgemäß ist auch der Zeichenunterricht im Ausmaße von zwei Wochenstunden in den Lehrplan ausgenommen worden und es hat 'ich in Betätigung seines Interesses für die An- 'talt der akademische Maler Herr David Kohn iereit gefunden, diesen Unterricht zu übernehmen. Das Plenum genehmigte diese Anträge des Vertreterkollegiums sowie den Antrag, das gegenwärtige Organisationsstatut pro kuturo einer Umänderung zu unterziehen. Des ferneren liegt eine Mitteilung der k. k. n. ö. Statthalterei vor, daß der am 26. September 1909 verstorbene Wilhelm Freiberg unter anderem folgende Legate ausgesetzt hätte: l 50.000.— dem „Kaiser Franz Josefs-Ferienjeim" zur Gründung und Erhaltung des Seejospizes in Grado. L 1000.— der Bersorgungs anstatt der israelitischen Kultusgemeinde. £ 1000.— der „Chewra Kadischa" in Wien. 1000.— der Jsr. Volksküche in Wien, XX. Bezirk. K 500.— dem isr. Blindeninstitute tn Wien, außerdem vermachte Herl nannte substitutionsweise mit einem späteren Fälligkeitstermine K 125.000.—, die sich auf die verschiedenen hiesigen jüdischen Wohltätigkeitsanstalten verteilen. Eine fernere Mitteilung der k. k. n. ö. Statthalterei gibt bekannt, daß der am 30; Sept. d.J. verstorbene Herr Dr. Moriz Adolf testamentarisch folgende Legate vermacht hat: K 20.000.— dem neugegründeten Fonde zur Errichtung eines jüdischen Knabenwaisenhauses in Wien, K 30.000.— für sechs jüdische Wohltätigkettsanstalten, von denen eine vom Erblasser bestimmt ist, während die übrigen fünf Anstalten der Erbe des Verstorbenen im Einvernehmen mit dem Präsidenten der israelitischen Kultüsgemeinde Wien zu bestimmen hat. Ungarn. öekSlirgung jttdifdier Dolhsfdiulen. (Bon unserem Korrespondenten.) A. G. Budapest, 28. Nov. In Vertretung der ungarisch-jüdischen Lehrerschaft hat der „Ung.-Jsraelitische Landeslehrerverein" ein Memorandum an den Kultus- und Unterrichtsminister Grafen Apponyi gerichtet, in dem auf die Gefahr hingewiesen wird, welche den jüdischen Elementarschulen durch das Inkrafttreten des Gesetzes über die Unentgeltlichkeit der Volksschulen droht. Das Gesetz vom Jahre 1907, welches den Volksschulen das Annehmen von Schulgeldern untersagt, tritt im Jahre 1910 in Kraft und schadet den jüdischen Schulen ungemein, da das Haupteinkommen derselben bisher die Schulgelder bildeten, welche nun infolge obigen auSfallen werden. Es wurde zwar seitens des Staate.» eine Entschädigung jenen Gemeinden, die eine Schule aufrechterhalten, zugesprochen, doch ist diese so minimal bemessen (15 Kronen per Kind pro Jahr), daß voraussichtlich eine große Anzahl jüdischer Schulen gezwungen sein wird, sich aufzulösen, wodurch viele jüdische Lchrer brotlos werden, Der „Ungarisch-israelitische Landeslehrerverein" richtete nun an den Minister die Bitte, die weitere Aufrechterhaltung der jüdischen Volksschulen, die insbesondere in den gemischtsprachigen Gegenden eine hohe Kulturaufgabe erfüllen und einzige Verbreiter der ungarischen Sprache sind, dadurch zu ermöglichen, daß die jüdischen Volksschulen außer der gesetzlich festgestellten Entschädigung für das entgangene Schulgeld eine Subventton erhalten. Sollte aber dies nicht möglich sein, so möge der Minister die brotlos gewordenen jüdischen Lehrer an den staatlichen Volksschulen anstelle». 4- * Die heutige Nummer des antisemittschen „Alkotmany" bringt aus Marmaros-Sziget folgende Schauermär: „Der bei der Grenzpolizei zu Oekö rmerzö angestellte Grenzpolizist Johann I a n c s 0 wollte Sestern einen galizischen Wunderrabbi der iesigen Grenzpolizei zuführen. Unterwegs egab sich der Polizist in die Schankstube zu Bistra, die einem Juden gehört. Auch der Rabbi kehrte mit ihm ein. Der ermüdete Polrzist trank ein Glas Branntwein, worauf er sich unwohl fühlte und bald darauf starb. Die Königliche Staatsanwaltschaft hat sofort verfügt, daß die Leiche an Ort und Stelle untersucht, bezw. seziert werde, der Wunderrabbi aber wurde unter Bewachung gestellt." Diese ganze Meldung hat das genannte Autisemitenblatt selbstverständlich zu Hetzzwecken völlig aus der Luft gegriffen. Das Ritualmordmärchen wird auf die Dauer langweilig, und da dichtet man andere und schönere. gtufflanfr. Petersburg, 28. Nov. Die Tatsache, daß etwa 50.000 Juden am japanischen Kriege teilgenommen haben, von denen ein gut Teil auf den mandschurischen Schlachtfeldern verblutet ist, ficht die Echtrussen nicht an. Der Antrag aus Ausschließung der Juden vom Vttlitärdienste