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Der Israelit · 1909-12-02 · Heft 48 (2.12.1909) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 48 (2.12.1909)
Date
1909-12-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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L Dezember 1909._ -» ' lassen, und wir sind dankbar für die wohltätige Wirkung dieser Sonnen. Allein, die Saaten, die bestrahlt werden, müssen unsere Saaten, und der Boden, in dem sie wachsen, muß unser Boden sein. Fremde Art schlagende Samenkörner gedeihen un.er der wärmsten Sonne nicht, und ein fremder, kalter Boden versagt den Segen der Fruchtbarkeit. Ein sprechender Beweis für die Freudigkeit, mit der das Judentum jede Zeiterneuerung und Verjüngung willkommen heißt, liegt in der uns religionsgesetzlich vorgeschriebenen, weihevollen Begrüßung des Neumondes. Israel tritt hinaus unter den freien Nachthimmel und dankt dem Schöpfer, der den Lichtball der Nacht schuf und immer wieder aufs neue aufseine kreisende Laufbahn führt. Israel erblickt in diesem leuchtenden Zeitmesser sein eigenes Vorbild. War ja auch Israel die weltumkreisende Leuchte in der Nacht des Heidentums, und es ist ja des Schöpfers und Gesetzgebers Wille, daß dieses Israel sich verjünge und leuchte. Doch, da tritt die alte Talmudweisheit an den Weihepriester der Zeit und ihres neu ausgehenden Gestirns, tritt an Israel heran und ruft ihm zu: Du lobst den Schöpfer, der die Monde erneuert wvin anno, so lobe ihn auch dafür, ja vor allem dafür, daß er die Monde heiligt D'ttnn «npo Wisse Israel: die Monde an sich sind nicht heilig, geheiligt werden sie durch den Inhalt, den der Mensch auf Gottes Geheiß in sie hineinlegt. Auch die Gefäße im Heiligtum auf Moria erhielten den Charakter der Heiligkeit nur durch den geheiligten Gehalt, mit dem sie erfüllt wurden. Nun, auch die Zeit, deren Erneuerung du begrüßest, ist ein solches Gefäß. Das Judentum kennt keine heiligen Zeiten und keine heiligen Männer, es kennt nur Zeiten und Männer gottgeheiligten Inhalts. Darum, so rufen die Talmudweisen mit Würde zu, darum sollt ihr vor diesem Neumond und vor dieser Neuzeit nicht willen- und urteilslos auf den Knieen, sondern IDiyD aufrecht stehend sollt ihr die Neuzeut begrüßen und 'Snoo Schulter an Schulter, einmütigen Sinnes und Willens sollt ihr sie begrüßen. Ihr sollt ausrecht stehen, vom eigenen Selbstbewußtsein aufrecht gehalten wieMänner. Ihr sollt nicht Anbeter, sondern Verbündete der Neuzeit sein! (Schluß folgt.) Korrespondenzen und Nachrichten. MoUh« Das Jubiläum einer Schule. (Bon unserem Corespondenten) Mainz, 29. November. Manches Mal überkommt uns die Sehnsucht nach dem Mute, der unsere Großen im vergangenen Jahrhundert beseelte, wenn wir sehen, wie eine kühne Tat oft fortzeugend Gutes wirkt, bis in die spätesten Geschlechter. Und gab es tatsächlich denn eine kühnere Tat als diejenige war, die den Heimgegangenen Dr. Lehm a n n s. A. vor nunmehr denn nahezu einem halben Jahrhundert veranlaßte, hier in Mainz eine jüdische Schule zu begründen? Mit Hohnlachen begegnete man ihm von allen Seiten. Zu dem Unternehmen fehlte sozusagen alles: die Kreise, die sich dafür zu begeistern hattendie * Der §§titeßi Kinder, die die Schule besuchen solltengeeignete Lehrkräfte, die darin unterrichten sollten und das letzte — nicht das geringste — die Mittel, durch die eine solche Anstalt unterhalten werden sollte. Nur wenige wandeln noch unter uns, die von dem Niedergang, der in jener Zeit auf religiösem Gebiete herrschte, eine volle Kenntnis besitzen. Es war ein Kulturzustand unter den jüdischen „Deutschen", der sich in vielfacher Hinsicht mit dem gegenwärtigen Rußlands vergleichen ließe. Selbst die Söhne und Töchter streng frommer Leute, ja solche bekannter 'ToSn ED'DDn hatten sich von der alten Emuna abgewendet. Sie lachten ihre Eltern aus, die den Sabbath feierten und die Speisegesetze inne hielten. Mit der „Bildung", die aus nichtjüdischen Quellen stammte und mit der modischen Kleidung Andersgläubiger glaubte man die Ueberlieferungen der Väter abwerfen zu können, wie ein verbrauchte- und zerrissenes Kleid. Hier in Mainz gab es junge Leute, Söhne bekannter die nicht nur nicht hebräisch lesen konnten, sondern die es durchaus nicht lernen wollten. Das alte Judentum schien in Deutschland verloren. Da machte sich denn Dr. Lehmann auf und neben seinem ersprießlichen Wirken in der Gemeinde selbst und nach außen, galt eS ihm vor allen Dingen eine Schule zu begründen, die auch für andere strenggläubige Gemeinden vorbildlich werden sollte. Er wußte, daß nur dem, der die Jugend besaß, die Zukunft gehören würde. Und nun begann der Kamps nach innen wie nach außen. Die eigenen Mitglieder seiner Gemeinde konnten nur mit Wiederstreben zur Benutzung der Schule für ihre Kinder gebracht werden. Der Geist der Zeit sprach eben dagegen und als man sie dazu gebracht hatte, da fehlten wiederum die zu einer Schule notwendigsten Einrichtungen. Aber Dr. Lehmann erlahmte nicht. Er und wenige Freunde, letztere damals schon alte Leute, gingen von Haus zu Haus, hier und in den Nachbarstädten, um jedes Vierteljahr die wenigen hundert Gulden zusammen zu bringen, die man zur Zahlung der geringen Gehälter benötigte. So ging es viele Jahre hindurch, aber der Erfolg blieb nicht aus. Trotz der Schmähungen und des Spotte-, die von der neologen Seite dem Unternehmen unausgesetzt wurden — setzte man doch von Zeit zu Zeit Spottlieder in die Mainzer Lokalblätter — gedieh die Schule aufs Prächtigste. Ein halbes Jahrhundert ist seitdem verflossen. Kann man es denen verdenken, die ihr Heilgstes durch die Schule retteten, wenn sie diesen Zeitabschnitt durch eine entsprechende Veranstaltung zu feiern beabsichtigen? Herr Rabbiner Dr. Bondi, der die Anstalt seit nahezu 20 Jahren im gleichen Sinne vorbildlich leitet, und die Verwaltung der Jsr. Religions-Gesellschaft fordern in einem Rundschreiben zu einer solchen auf. (Bergt, auch Inserat in heutiger Nummer.) Am Dienstag, den 2 Tewes (14. Dezember) soll sie s. G. w. veranstaltet werden und alle Vorbereitungen werden getroffen, sie zu einer würdigen zu gestalten. Den Mittelpunkt soll eine akademische Feier im Festsäale der Liedertafel bilden, dem sich dann im Rheinischen Hofe ein Fest- Banket anschließen soll. Die Schüler unserer Gesellschaft, die nicht mehr in ihrer Vaterstadt wohnen, sondern, zerstreut in alle Welt, die hier empfangenen Lehren als festen Halt in allen Lagen des Lebens mit hinausgenommen haben, an sie ergeht hauptsächlich der Ruf, sie mögen einen Augenblick stille stehn in der Hast deS Daseins, und sich erinnern an die herrlichen Lehren, die sie hier empfangen, an den geistvoll liebevollen Unterricht, den sie von dem berühmten Begründer der Anstalt genoffen und sie mögen kommen und mit uns den Markstein setzen helfen, damit auch noch ferneren Geschlechtern zum Bewußtsein werde, daß auch uns daS hier geschaffene Werk kein leerer Wahn. Aber noch eine weitere Bitte ergeht an sie: die Räume der alten Schule find längst zu eng geworden. Auch entsprechen sie in keiner Weise mehr den Anforderungen, die eine neue Zeit in _ «L s» Seite 7 Bezug auf Licht, Luft und Hygiene an derartige Anstalten zu stellen gewohnt ist - ein neues HauS muß deshalb gebaut werden, das nach außen hin das neuerblühte gesetzestreue Judentum in Mainz würdig vertritt. Wem von den ehemaligen Schülern der Mainzer Unterrichts-Anstalt seine Mittel es gestatten, der möge nicht zögern, sein Scherflein zu spenden zu dem neuen Hause. Beträge nimmt das Bankhaus Jsaac Fulda, Mainz entgegen. Mühlhausen i. Elf., 25. Nov. Bei der. von der Regierung beabsichtigten Neueinteilung der Rabbinate, ist bekannttich für Mühlhausen ein zweiter Rabbiner in Aussicht genommen. Die Berwaltungskommisfion der hiesigen israelittschen Gemeinde hat sich jedoch gegen dieses Vorhaben der Negierung gewandt, indem sie folgendes geltend machte: „Es ist in Mühlhausen kein Bedürfnis für zwei Rabbinatsstellen vorhanden, nachdem der jetzt amtterende Rabbiner reichlich Zeit übrig hat, um die rituellen Funkttonen in Rixheim und Habsheim mitbesorgen zu können. Sollte das Kaiserliche Ministerium eine gegenteilige Ansicht vertreten, so erscheint die Angliederung der Gemeinden Rixheim und Habsheim zweckmäßiger an den Rabbinatsbezirk St. Ludwig, welcher eine sehr geringe israelitische Bevölkerung aufweist." Wie man hört will sich auch der Gemeinderat, der sich in seiner heuttgen Sitzung mit der Angelegenheit befaflen wird, dem Antrag der jüdischen Gemeinde anschließen. ’i .i -i % Posen, 26. Nov. Ein Fall der wett über die Grenzen unserer Provinz hinaus Jntereffe verdient, macht hier auch in der politischen Presse viel von sich reden. Er betrifft den Herrn Amtsrichter von Koschmin, der sich einmal in der Rolle eines jüdischen Schriftgelehrten gefiel. Ein Mitglied der jüdischen Gemeinde in Pogorzela war von dem Amtsgericht zu Koschmin zu einem auf einen Sabbath anberaumten Termine als Zeuge geladen, bat aber mtt Rücksicht darauf, daß er am Samstag weder fahren noch schreiben dürfe und unter Bezugnahme auf das Zeugnis des Herrn Rabbiner Dr. Heppner in Koschmin um Vertagung des Termins. Darauf erhiett er seine Eingabe mtt folgendem auf den Rand gesetzten Bescheid zurück: „König!. Amtsgericht. Auf Ihr nebenstehende- Gesuch würde nur Rücksicht genommen werden, wenn Ihre Auslegung der den Saboath betreffenden religiösen Vorschriften dleseits für richtig anerkannt würde. Sie wird aber als grundfalsch betrachtet. Zu dieser Beutteilung ist nicht nur der Rabbiner Dr. Heppner qualifiziert, sondern Jedermann, der auch die alttestan entottschen Vorschriften alS Richtschnur seines Lebens ansieht, insbesondere aber auch die Behörden in einem christlichen Staat, in dem Sie bekanntlich wohnen. Sie wollen sich vor Augen halten, baß Sie diese Reise nicht aus freien Stücken zu unternehmen haben, sondern auf das Ersuchen einer Ihnen von Gott verordnettn Obrigkeit. Es bleibt also beim Termn Falls Sie nicht erscheinen, wird Ihre Bestrafung, eventuell auch Ihre Vorführung a'-geordnet werden. Zur Unterschrift werden Sie nicht gezwungen werden. gez. Dr. Hoffmann." Dieser Bescheid veranlaßte den Zeugen, an den Herrn Präsidenten des Kgl. Landsgerichts Ostrowo eine Beschwerde zu richten, in der betont wurde, daß jeder Rabbiner und jeder Kenner der religiösen Vorschriften bestätigen müsse, daß es nach jüdischem Religionsgesetz verboten sei, am Sabbath zu fahren und daß Herr Dr. Heppner sich dadurch beschwert fühlen müsse, daß das Gericht sich zu einer Entscheidung über ihm unbekannte religionsgesetzliche Vorschriften als zuständig erachtet und Gewiffensbedenken ohne Anhörung eines Sachverständigen zurückweise. Die erteilte Belehrung, daß die Beurtellung einer Behörde in einem christlichen Staate als Richtschnur des religiösen Handelneines Rabbiners zu dienen habe, bedürfe wohl einer Richttgstellung durch die Vorgesetzte Behörde. In dem von dem Verfasser des Beschlusses gemeinten Sinne sei der preußische Staat kein christlicher, sondern Rechtsstaat, in dem auch den Bekennern jüdischer Religion Gewissensfreiheit gesetzlich und verfassungsmäßig gewährleistet sei. In keinem Falle habe der Herr 3 3

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