Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1909)
- Date
- 1909-12-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Drr 3. Dezember 1909. _~ Volksrechtes behandeln ließe. Hier aber haben höhere Gewalten ihre Hand im Spiele, und auf jeden Fall sind die Perspektiven sehr entmutigend, da die eiserne Hand, die hier in die Gestaltung der inneren Politik Finnlands eingreift, vor Verfassungsrücksichten sicherlich nicht zurückschrecken wird. Nach dem von Geheimrat Deiderich ausgearbeiteten Projekte, welches ohne Zweifel künftighin die Grundlage für die Beziehungen Finnlands zu Rußland bilden wird, würde man von einer Autonomie Finnlands nicht mehr gut reden können. Jedenfalls besteht keine Hoffnung, daß Finnland in absehbarer Zeit wieder einen Landtag erhält, der Beschlüsse von der Art deS von dem letzten in der Judenfrage gefaßten bestätigt. Der näckste Landtag wird, wie man heute schon mit Bestimmtheit sagen kann, auch wenn et nicht auf Grund eines neuen Wahlgesetzes ganz im Sinne der russischen Reaktion zusammengesetzt sein sollte, nicht mehr in der Lage sein, Beschlüffe wichtiger Natur zu faffen und ihnen bindende Kraft zu verleihen. Somit ist nun die finnische Judenheit um eine Hoffnung ärmer, und die Entäuschung wirkt umso schmerzlicher, als sie einem Licht- und Hoffnungsstrahl so jäh folgte. Die „Macht" der vdnmächtigen. Bon Rabbimr Dr. Likbermar n in Königsberg. Der spiritns rector des Vereins jüdischer Religionslehrer Ostpreußens hat sich in der am 17. d. Mts. hier abgehaltenen Lehrerversammlung einen Gewaltstreich geleistet, welcher nach dem Urteil Feinfühliger den Schild des Vereins befleckt hat. Die mit allen möglichen, auch für unmöglich gehaltenen Mitteln erfolgte gewaltsame Unterdrückung der Redefreiheit des unbequemen Gastes aus dem gesetzestreuen Lager, der zur Verteidigung seiner durch den Vereinsvorstand angetasteten Ehre schriftlich um Zulassung zu der betreffenden Verhandlung gebeten hatte, ist ein, in Königsberg selbst freilich nicht mehr ganz unerhörter Vorgang. Gewaltakte sind ein Symptom der innern Ohnmacht, welche über geistige Waffen nicht verfügt. Gälte es also lediglich einen Zusammenstoß von Personen, wir könnten lms mit dieser Selbsteinschätzung jenes Bereinsvorstandes als Ohnmächtigen schon zufrieden geben. Hat doch das Schweigen des mundtot gemachten unbequemen Gastes allen Verständigen mehr enthüllt, als die beste Rede vermocht hätte. Jedoch, hinter den Kulissen des vom Vereinsvorstande angeführten Theaterstückchens schwebte in fühlbarer Realität ein Geist, von dem die Führer des ostpreußischen Lehrervereins als ergebene Diener des „Verbandes ostpr. Synagogen- 3. Leitet Ihr Eure Abkunft von Abraham Isaak und Jakob ab? 4. Wenn ja, beobachtet Ihr die Religion Eurer Vorväter? 5. Habet Ihr in Eurer Mitte jene Israeliten, die sich Rabbiniten nennen, verschwägert Ihr Euch mit ihnen und esset Ihr von ihren Speisen und ihrer „Schechitah"? 6. Beobachtet Ihr das Gesetz der Beschneidung, haltet Ihr den Sabbath heilig und feiert Ihr das Pessachfest? 7. Besitzet Ihr irgendwelche Aufzeichnungen über Euere erste Ansiedlung dort? 8. Welchen Kalender benützt Ihr und auf welches historische Ereignis stützt er sich. Wir zählen unsere Jahre von der Erschaffung der Welt, haben 12 Monate im Jahre u. zw. Nissan, Jjar, Sivan, Tamus, Ab, Ellul, Tischri, Heschwan, Kislew, Tebeth, Sch'wat und Adar, welch' letzterer Monat in einem Schaltjahre wiederholt wird. Wir zählen jetzt das Jahr 5656. Wie führet Ihr diese Zählungen? 6. Wie richtet Ihr Euer Wochenfest ein? Zählet Ihr die vorgeschriebenen 50 Tage vom zweiten Pessachtage oder vom ersten Sonntag, der mit einem der Festtage zusammenfällt. Wir beginnen 0 das Omerzählen mit einem Sonntag während des Pessachfestes entsprechend dem Gesetze: „Sieben volle Wochen sollen es sein!" Aus diesem Grunde fällt unser Wochenfest immer aus "einen Sonntag. 10. Beobachtet Ihr das Gebot der Schausäden mit einem blauen Faden? Traget Ihr die Schaufäden jeden Tag oder bloß während des Gottesdienst^? 11. Habt Ihr den Pentateuch, prophetische oder gemeinden" munter geschoben werden. Dieser Geist — und mit ihm haben wir's am Ende zu tun — stammt aus der „vierten" Dimension des. „Liberalismus." An ihn erinnert die unverkennbare physiognomische Aehnlichkeit inbezug auf die Intoleranz und das Machtgelüste, an ihn erinnerte die krampfhafte Anstrengung, mit welcher der Versammlungsleiter sich bemühte, den Popanz der „Einigkeit" und des „Friedens" über den drohenden kritischen Tag 1. Ordnung*) gesund und wohlbehalten hinüberzuretten und etwaige Riffe mit mehr Gewalt als Geschick zusammenzuschneidern, an ihn erinnerte aber besonders die verwandtschaftverratende Stimme: Es war der „liberale" Geist, der „leibhaftig" durch die auf die Orthodoxen ntedersausenden — Liebeöbeteuerungen von der „Eintracht und Brüderlichkeit" hindurchklang. Also, an der Vaterschaft des „liberalen" Geistes ist kein Zweifel. Schade nur für das vom Versammlungsleiter in den Wind hinaus verschwendete Pathos, welches er für eine dankbarere Gelegenheit sich hätte warmhalten können. Aber ach, du lieber Geist, du bist erkannt, und auf die du's abgesehen hast, wollen deine Kinder gar nicht sein. Die Regisseure des ostpr. Lehrervereins sowie des Gemeindeverbands befinden sich im Irrtum, wenn sie bei den ostpr. Provinzgemeinden Blindheit und Urteilslosigkeit voraussetzen sollten. Ein großes Teil der Kultusbeamten sowie der Vorstände und Gemeindemitglieder wissen ganz gut, auch wenn sie schweigen, was sie von dem lockenden Sirenensang des „Liberalen Judentems" zu halten haben, der sich apV' V>P VlPn die Jakobstimme „aussetzt", um mit dem verführerischen Rufe „Einigkeit und Frieden!" Leichtgläubige heranzuflöten. Wir wissen 's: die Liberalen bedürfen vor der Öffentlichkeit vorläufig der Phrase von der „Einheitund Einigkeit" mit den Orthodoxen zwecks Förderung ihrer eigenen das Judentum untergrabenden Reform bestrebungen. Erstens ist das ein vielversprechendes Mittel zur Diskreditierung der bösen und unbequemen Orthodoxen 2pp' V'p Vipn. Man schreit, „Einigkeit!" und drückt genau gleschzeitig das gesetztreue Judentum an die Wand. Man macht es wie jener Pfiffikus, der seinen Rivalen in einem Gedränge windelweich geschlagen hatte, und, um unerkannt zu bleiben, selber aus voller Kehle „Hilfe! Hilfe!" rief. Die „Liberalen" sind es doch, welche sich in Orgelsynagogen separiert haben, zwar immer noch „Einigkeit" rufen, aber mit- *) Nämlich über die erste Versammlung nach der im Vorjahre erfolgten Begründung des gesetzestreuen Behörde, eins in Ostpreußen. andere Bücher, welche die Religionsgesetze, Geschichte und Moralsätze enthalten? 12. In welcher Sprache und von wem wurden sie geschrieben? 13. Wo haltet Ihr Eure gottesdienstlichen Uebungen ab? Besitzt Ihr Synagogen? In welcher Sprache verrichtet Ihr Eure Gebete, wann und wo wurden sie verfaßt und zusammengetragen? 14. Fastet Ihr an bestimmten Tagen des Jahres? 15. Habt Ihr in Eurer Mitte die Nachkommen Ährons, der Leviten, Rabbiner oder Prediger? 16. Beachtet Ihr das Purimfest? Ehrt Ihr das Andenken Mordechch's und Esthers, die die Juden in Persien errettet haben? 17. Lernt Ihr hebräisch und hebräische Schriften? 18. Wir wünschen aü'ch über Eure Beschäftigungen und Berufe zu erfahren, ob Ihr wohlhabende Männer mit Kapital und Industrie-Unternehmungen in Eurer Mitte habt? Lebt Ihr in günstigen Verhältnissen? Wie kleidet Ihr Euch? Wie ist Eure Haussührung? Habt Ihr Religionslehrer für Eure Kinder? In welchem Alter heiraten Eure Kinder? Wie groß ist Eure Zahl? Ueberwiegen die Männer oder die Frauen? Bedient Ihr Euch im Privatleben der äthiogisck>en oder auch einer anderen Sprache? Dieses Sendschreiben ist in hebräischer und französischer Sprache abgesaßt, das letztere kann Euch von derselben Person, an welche es adressiert ist, leicht übersetzt werden. Wir hoffen, daß Eure Antwort nicht lange werde auf sich warten lassen und wir das Vergnügen haben werden, zu hören, daß Ihr Karaiten seid, gleich uns. Lasset uns wissen, wie unsere Briefe Euch direkt, ohne Mittelpersonen erreichen können und verständigt uns, ob Ihr nicht mitunter Vertreter nach . _No. 48 . Sette 5 telst der Orgel, des gemischten (leider allzugemischten) Chors und des verstümmelten Gebet-, buchs die fleißigsten Gottesdienstbesucher, nämlich die Gesetzestreuen, aus den mit dem Gelde auch Orthodoxer erbauten Synagogen hinausgedrängt, sie sind es doch, welche durch Einführung einer „modernen", das Hebräisch langsam einsargenden und die Assimilation fördernden Unterrichtsart Schülern aus frommen und bewußt jüdischen Familien den Zutritt zu den Gemeinde - Religionsschulen unmöglich gemacht haben, die „Liberalen" sind es doch, die bei offiziellen Mahlen selbst solcher großen Vereinigungen, welche auch Orthodoxe vertreten, der von ihnen angebeteten „Friedensgöttin" nicht einmal das Opfer bringen, aus Rücksicht auf die gesetzestreuen „Brüder" ausnahmsweise koscher zu dinieren! Kurz, die„Liberalen" sind es doch, welche die Einheit der jüdischen Gemeinschaft gesprengt haben 1 Aber „Einheit und Frieden!" mutz dennoch verkündet werdendenn: die „Liberalen" fühlen, daß sie vorläufig noch nicht ohne die Gesetzestreuen auskommen können. Vorläufig, d. h. so lange noch die rituellen Jnstituttonen (z. B. Schechita, Ritualbad cr.) eine Gemeindesache sind. Die „liberalen" Gemeinden sind schon heute gezwungen, sich zur Heilung ihrer Risse einen Arzt aus dem gesetzestreuen Lager zu verschreiben, nämlich einen frommen tomp. Und nun beginnt das widerliche Spiel, welches ein wohlerzogenes Empfinden tief verletzen muß. Die aus „liberalen" Herren bestehende Führerschaft —Vorstand und Rabbiner — der Gemeinde will als Vorgesetzte, als religiöse Instanz, als kompetente Autorität für einen gesetzestreuen Funktionär gelten, der nicht nur an sich in seiner ganzen religiösen Anschauung und Praxis in krassem Gegensätze zu seiner „Obrigkeit" steht, sondern dem der Widerspruch sogar stillschweigend zur Pflicht gemacht wird. Es ist, als hörten wir gewissermaßen den stummberedeten Auftrag des „liberalen" „Rabbiner an „seinen" Schachet: „Hören Sie mal, Sie Schachet, Sie müssen ein frommer Mann sein. Mir persönlich würde es ja natürlich ganz egal sein, wenn sie denselben religiösen Anschauungen huldigten wie ich, und auch leben würden wie ich, wenn Sie den Sabbath durch rwonn nivtt verletzen, wie ich, wenn Sie wahllos überall speisten wie ich, ohne viel nach "»BO und nS"»£3 zu fragen, aber das geht hier nicht wegen der Gemeindepoli . . ., ich wollte sagen, wegen der, na, wie heißt's doch, wegen der Gemeindeeinheit, wegen der Einheit des Judentums. Darum, wehe Ihnen, wenn Sie so leben wollten wie ichich darf alles, denn ich bin bloß der Rabbiner. . . Uebrigens nichts für ungut, Sie verstehen mich doch, Sie Europa, Rußland, Egypten und Jerusalem entsendet. Indem wir den Segen Ahrons auf Euer Volk berabslehen, bleiben wir mit Bruderliebe usw." Es folgen, die Unterschriften Nissim Mokhizobs und anderer 6 karaitischer Führer. Auf dieses Sendschreiben kam wohl nicht von den Falascha's selbst, sondern vom Generalkonsul Mondon-Bediaillek aus Adis Ababa eine ausführliche Antwort, in welcher alle Fragen beantwortet wurden. Der Konsul teilt mit, daß er kaum in der Lage sein werde, das Schreiben den Falascha's zukommen zu lassen, die Fragen aber auf Grund eigener Kenntnis beantworte. Die Falaschafrage hatte aber das Interesse der Karaiten bereits in solchem Maße machgerusen, daß zur Besprechung derselben eine Konferenz der Vertreter der ttaraitengemeinden aller Länder nach Theodossia, in der Krim einberufen wurde. Es wurde beschlossen, eine Karaitenexpedition nach Aethiopien auszurüsten. Diese Expedition scheint jedoch niemals zustande gekommen zu sein. Und inzwischen ' haben die Forschungen des Herrn Faitlowitschs er- - geben,, daß die Falascha mit den Karaiten nichts gej mein "haben. l iLebensweiSheitJ In einem jetzt erschienenen Büchlein „Proben zur jüdischen Literatur" von Tr. » Adolf B i a ch (Leipzig, Verlag von Gustav Engel' finden wir folgende hübsche Wiedergabe zweier Dich- I tungen von G a b i r o l: i . Lebensweisheit. Willst sicher Tu durchs Leben wandeln, j In Unglück ruhig und Gefahr, I Sei fest im Wollen, wie im Handeln. . ■ In Wort und Tat besonnen, klar ... j Im Glücke froh und stark im Leiden,! Geduldig mit den Toren sein, Ten Sinn in klare Worte kleiden.