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Der Israelit · 1909-12-02 · Heft 48 (2.12.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 48 (2.12.1909)
Date
1909-12-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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2 Dezember 1909 setze vorgeschriebenen Familienpflichten, wie fie heute leider überall im Osten wie im Westen festzustellen ist, in Verbindung bringen müssen. Von diesem Gesichtspunkte aus ist es denn mehr als zweifelhaft, ob die volle, restlose soziale und gesellschaftliche Emanzipation, wie sie der Judentag für die Ostmarken-Juden so sehnlich herbeiwünscht, dem Nebel zu steuern vermögen würde. Denn daß mit dem sozialen Aufschwünge und mit dem steigenden Wohlstand noch eine größere Beschränkung der Kinderzahl eintritt, läßt sich heute leider auch in jüdischen Kreisen allzuleicht Nachweisen. Nun gibt wohl Nup'pin als sekundäre Ursache auch Auswanderung an, die aber in Hessen doch keine Folge einer Beamten Mißwirtschaft sein kann. Dort gibt es keine Kulturvereine und Ansiedlungskommissionen, die man für die Landflucht der Juden verantwortlich machen könnte. Wenn aber trotzdem auch dort die numerische Rückentwicklung der jüdischen Bevölkerung durch die Wanderung aus den Dörfern nach den Mittelstädten, aus diesen nach den Großstädten wesentlich unterstützt wird, so ist doch wohl daraus zu ersehen, daß die Wanderung als solche nichts des Unnatürlichen und Unbegreiflichen an sich hat. Ueber den wahren Grund dieser Erscheinung gibt vor allem die Jahreszahl 1848-50, die sowohl in Posen wie in Hessen — und wohl auch anderswo — den Höhepunkt der jüdischen Bevölkerung bezeichnet, genügende Auskunft. Mit der Erweiterung der Rechte der Juden und Ausdehnung ihrer Bewegungsfteiheit wuchsen auch naturgemäß ihre Kulturbedürfnisse, ihre Unternehmungslust und ihre gesammten Interessensphären — zum Segen für das gesamte kulturelle und wirtschaftliche Leben. Der Jude, vom Mittelalter her durch eine Politik der Absperrung auf einen engen Kreis konzentriert, folgte dem Zuge der Kultur, der Technik und der Industrie — nach der größeren Stadt, nach der Großstadt. Metropolen, deren vielgestaltiges Leben dem jüdischen Kaufmann Gelegenheit zu einer seiner Regsamkeit und Leistungskraft entsprechenden Betätigung boten. Mittelstädte mit besonders betriebsamer Industrie gibt es aber in der Provinz Posen so wenig wie im Großherzogtum Hessen, so zogen sie, die Juden, dort über die Markpfähle — nach Berlin und hier über die Landesgrenze — nach Frankfurt a. M., Cassel usw. Verloren hat dabei weit mehr als das Deutschtum das Judentum. Denn diese Verschiebungen haben das Eingehen vieler altehrwürdiger Landgemeinden verursacht, für die uns das rapide Anwachsen der Großgemeinden, der Brutstätten des Reformjudentums, einen nur schlechten Ersatz zu bieten vermag. Dagegen anzukämpfen ist nun leider eine schwere Aufgabe. Solange die Aus- Der Israelit Wanderung eine Brotfrage ist, die sich mit Notwendigkeit aus dem derzeitigen Stand der Kultur und des Wirtschaftslebens ergibt, werden wir ihr vergebens mit Rücksichten der Bodenständigkeit, des Heimatgefühles oder mit solchen religiöser Natur beizukommen suchen. Um in dieser Beziehung, wie es die Antisemiten oft tun, von einem Staatsgesetze Hilfe zu erwarten, muß man schon über die agrarische Engherzigkeit der „D e u t s ch e n Tageszeitung" verfügen, die in einer ihrer letzten Nummern allen Ernstes den Antrag stellte, der Wanderlust der Jugend entzegenzuwirken und auf Grund des Familienrechtes die Bewegungsfreiheit der Jünglinge zu unterbinden. Es ist die gleiche Presse, die über den Mangel an Heimatgefühl der „landflüchtigen" Juden jammert. — Dem gegenüber muß aber festgestellt werden, daß der Jude selbst auf fremdem Boden von glühender Heimatliebe beseelt ist, um wie vielmehr der Ostmarkenjude, den tausend Fäden auch noch in der Fremde mit der auch räumlich nicht allzu fernen Heimat verbinden. Hätten die Referenten und Verfasser der Denkschrift all die angeführten Punkte mit in den Kreis ihrer Betrachtungen gezogen, sie wären dann sicherlich nicht zu dem Schluffe gelangt, daß die Ernennung von jüdischen Offizieren und Militärärzten, die Berufung von jüdischen Gymnsiallehrern und besoldeten Stadträteu und Bürgermeistern, jüdischen Landräten und höheren Verwaltungsbeamten den' Ostmarken ihre für die Kultur und die deutsche Sache in diesen Gegenden in der Tat so nötigen Juden erhalten könnte. Jüdische Staatsbeamte sind überall in Deutschland sehr dünn gesät. Es ist aber in Wirklichkeit weder das Ehrenamt, noch der bunte Offiziersrock, der die gewiß zu Unrecht benachteiligten Brüder aus der Heimat lockt. Ihre Auswanderung ist eine Naturnotwendigkeit. die uns wegen ihrer unausbleiblichen Begleiterscheinungen mit tiefer Wehmut erfüllt, die sich aber durch Erfüllung aller an sich nicht unbilligen Forderungen des Judentages nicht aus der Welt schaffen laßt. Wir stehen dieser Erscheinung noch weit ohnmächtiger gegenüber, als der andern Ursache der jüdischen Bevölkerungsabnahme in Posen) von der der Judentag nichts zu sagen wußte, die aber darum nicht minder bedenklich und beklagenswerter ist, dem Rückgänge der jüdischen Geburtenziffer. Diesem Znebsschaden, der heute allenthalben in Deutschland, ja in ganz Westeuropa, immer erschreckender um sich greift, zu steuern, gäbe es nur ein Mittel, nämlich die Rückkehr des jüdischen Volkes zu den Urquellen seiner Lebenskraft und seiner Lebensreinheit: zur Gottestreue. Ko. 48 «eite 3 KochenrnnSschau. Eine neue Ilie9erlage unserer 3roangs- Polifiher. Die gleich nach dem Berliner Gemeindetag einsetzenden Bemühungen, das zweifelfreie Ergebnis der Abstimmung durch allerlei dialektische Künste aus der Welt zu schaffen und daneben eine „Volksbewegung" für die politischen Ideale der auf dem Gemeindetage unterlegenen Groß- Gemeinde-Regenten ins Werk zu setzen, haben anfangs dieser Woche eine neue, große Schlappe erlitten. Sie ist umso größer, als sie gänzlich unerwartet kam und in einem Kreise erfolgte, in dem die Großgemeinde Breslau mit 7 Stimmen von vornherein ein koloffales Uebergewicht hatte. Unser Breslauer Korrespondent schreibt uns darüber: „Der Hauptversammlung des Synagoge n- Gemeindeverbandes des Regierungsbezirks Bre slau, die am 28. November stattfand, lag folgende, vom Vorsitzenden des Bezirksverbandes, Herrn Geheimrat Wollstein, beantragte Resolution zur Beschlußfassung vor: „Der dem 11. Deutsch-israelitischen Gemeindetag zur Beratung und Beschlußfassung vorgelegte Entwurf eines Gesetzes betreffend die Verfassung der jüdischen R. ligions-Gesellschast in Preußen enthält im allgemeinen eine durchaus brauchbare Grundlage für das künftige O rganisattonsgesetz. Er wahrt die Selbständigkeit der Einzelgemeinden, besonders auch in Ansehung des Kultus, sowohl gegenüber den Staatsbehörden, wie gegenüber den Organen der jüdischen Provinzial- und der Landgemeinde in ausreichendem Maße und schafft gleichzeitig die Gesamtverbände, durch welche die Unterstützung leislungsunfähiger Gemeinden, die Schaffung gemeinsamer Woh'.tätigkeitseinrichtungen und Bitdungsanstalten sowie die Vertretung der Gesamtintereffen der jüdischen Religionsgemeinschaft und ihrer Bekenner ermög icht wird. Der BerbandStag spricht sein Bedauern aus, daß durch Annahme deS Antrags F r i e d m a n n die geplante Gesetzgebung Stückwerk geworden und insbe:ondere die Schaffung einer Vertretung der Gesamtinteressen der Judenheit nach außen und gegenüberden Behörden beseitigt worden ist. Der Berbandstag erwartet, daß die bisher tä'.ig gewesene Kommission zur Vorberei'ung deS Gesetzentwurfs, welcher für ihre mühevolle Arbeit Dank und Anerkennung seitens der Deutschen Judenheit gebührt, das Wett fortsetzen und unter Erwägung der auf dem Gemeindetage geäußerten Wünsche und Abänderungsvorschläge einen neuen Entwurf, im wes entlichen auf der Grundlage des früheren, ausarbeiten und dem nächsten Gemeindetage vorlegen werde." l.» «. wollten, wie deSKtndeS eele dank seiner, desBaterS Erziehungsweise, die nur von praktischen, materiellen Gefichtspunkteu ausgtng, ihm nach und nach verloren ging. Tie Binder schon in frühester Jugend an die Lebensquellen der jüdischen Lehre zu führen und fie daraus schöpfen zu laffen, bet ihrer späteren Versorgung aber darauf bedacht'zu sein, daß ihnen diese Heilquellen nie auL den Augen kommen, daß sie nicht zu früh, nicht unvorbereitet hinauswandern und daß fie dann in der Fremde volle Gelegenheit erhalten, in Lehre und Leben treu dem Judentum zlr bleiben, das find die Forderungen, die Erziehungsmaximen unserer Weltwrisen. Wie schön nimmt sich doch in diesem Zusammenhänge folgende aus Tr. Chaglga p. 3d entnommene Talmudstelle aus: D'mtsj mpöDösi rvutoTra 2'22N nm «'Lin? 'wn*? men n« pao pnrt nv ('2 ntop) ßtr nv nv«n /121 ■TYin '‘■0*7 *■« cbir*? D"n ♦nnaop?"n ,nnin n« DipaS mpaa Stäbtoö D'ritDi y'n? nnin ** tjv *61 non iödö nv ".121 nnin 'non pj« N2N1 ms it ntf'tM na Wie tief hat doch der Weisen scharfe Blick in die Psychologie einer thoralauen Zeit geblickt und wie wirksam wissen fie all den Einwendungen und Rechtfertigungen der der Thoraforderung gegenüber gleichgiltigen Eltern zu begegnen. Und wie treffend kennzeichnen die Worte auch unsere dem Thorafiudtum gerade nicht zugeneigte Zeit. „Der Weifen Worte sind dem Stacheleisen deS LandmannS gleich, sagt der weise König, so wird eS wohl auch wahr fein. Aber — wendet der vorsichtige Vater ein — ist nicht gerade dieses Ackerbaugerät ein Symbol her Bewetzlichkät und Unstettgkeit? Wie wollen wir hcute in einer Zeit, die im Zeichen deS steten Verkehrs steht, vlpv^ 21pV2 in der die Erscheinungen und Geschehnisse so rasch und wechselvoll auf uns einstürmen und neue Kulturwerte die alten verdrängen, wie wollen wir in diesem ChaoS von neuen Eindrücken in des Kindes Herzen ein dauerndes Plätzchen für die Thoralehre fichern? Lohnt eS, ihm unter großer Mühe und erheblichen Opfern ausgedehntes Thoraw ssen betzubringen, bas es ja, sobald des Lebens Wogen an ihn heranstürmen, so wie fie so als lästigen Ballast abwetten würde?" „Mit nichtem! antwortet die ErziehungSwetSheit unserer Lehrer. miÖDD b"T\- Oeffnet nur immer dem Kinde die Quellen deS jüdischen Wissens. Nagelfest wird die Thoralehre in seinem Herzen fitzen und all den Stürmen, dm Strömungen und Richtungen der Zeit trotzen, so du es verstehst, die dem Kinde gespendete Lehre durch lebendige Tat, durch Beispiel und Vorbild zu bekräftigen." . Aber eben der Nagel — jammert der besorgte Vater - hat seine Nachteile, -,'jr HT "1222, er bohrt ein Loch, schlagt eine Wunde, da wo er gewaltsam hineingetrieben wird. Wird es nicht mit dmr Thorastudium unserer Lieblinge ähnlich gehen? Wird eSntcht eine Lücke an anderer Stelle schlagennicht Kosten an Zeit und Gelb verursachennicht eine Ueberanstrengung mit fich bringm, die die anderen Schulddiszipltnen ungünstig beeinflussen, oder gar der Kinder Gesundheit beeinträchtigen könnte?" „Keineswegs! sagen unsere Talmudpädagogm, und wir dürfen eS ihnm ruhig glaubm. NV'2) N2 — JpPIlDJ min v-n*T f\X ro-ll me 11. Ueber den Etzifluß des Thorastudiums auf die Entwicklung und den gesamten Bildungsfortgana des Kindes kann kein Zweifel herttchen riO'H rnö- Befruchtend, anregend wirb die gelstschärfmde jüdische Lehre auf die Profanen Lehrgegmstände wirken und die Berstandsbildung und Getstesentwtcklung deS Schülers hellsam beeinflussen. Und auch daS körperliche Gedeihen des Kindes kann dabei nur profirierm. Die jüdischen WiffmSquellm find auch die Urquellen der Lebenskraft und Lebensreinhett. Sa lasset den Jüngling aus btttm Heilquellen Kraft und Stärke schöpfen, auf daß er heil und gesund an Körper und Seele aus allm Prüfungen und Bersuchungm des Lebens hervorgehe." Dann begleitm unsere Kinder wie einst Josef, die Jdealgestaltm der Väter ins treibende Lebm hinaus, die ihnen in allen Lagen deS Daseins schützend zur Seite stehm. Und kehren fie eMst zurück tnS Vaterhaus, so find eS die fllbjiP/ die alten Bindemittel der Thora, die fie dm Weg u deS BaterS.Herzm finden laffen, und die bewtttm, baß D.T2K 2pP’ nn 'nni/ daß echter Jakobsgeist in unseren Kindern lebt und waltet. euilleton Eia Sendschreiben der Karaiten an die falascbas. (Beitrag zur Geschichte beider Sekten.) Vor ungefähr 13 Jahren — so erzählt Rachman Heller im „Jewish Comment" — erhielt das geistige Oberhaupt der karaittschen Gemeinde in St. NeteäKWU,

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