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Der Israelit · 1909-12-02 · Heft 48 (2.12.1909) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 48 (2.12.1909)
Date
1909-12-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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gelten in allen posnischen Jnsurrektionsbewegungen haben die Juden an dem deutschen Standpunkt festgehalten, obwohl sie dabei am meisten Leben und Gut?gefährdeten. Sie sind in allen deutschen Nationalommitees gewesen, haben alle deutschen Interessen vertreten. Um so entschiedener muß die Tendenz einer Broschüre zurückgewiesen werden, die neuerdings aus den Kreisen der deutschen Ansiedlungskommission hervorgegangen ist und in der die „auch deutsche" Gesinnung der Posenschen Juden als Hindernis der Germanisierung der Ostmarken bezeichnet wird. Durch mutiges, kein Opfer scheuendes Bekenntnis zu ihrem Deutschtum haben die Juden ihre reine Gesinnung bekräftigt, obwohl sie nur wirtschaftliche Nachteile von diesem ihren Bekenntnis haben und von der ftaatlidjen Macht keinerlei Begünstigung, ja nicht einmal gleiche Berechtigung erfahren. Jetzt möchte man ihnen gewisse Mißerfolge der Ostmarkenpolitik in die Schuhe schieben, aber im Gegenteil würden diese viel krasser zu Tage treten, wenn der' das Deutschtum stützende Einfluß der Juden nicht wäre. Besonders in den immunen aus deren Verwaltung man sie jetzt auch verdrängen möchte, baben sie sich durck die aufopferndste unentgeltliche Mitarbeit aufs Höchste um jede kulturelle und deutsche Sache verdient gemacht. Es wäre Sache der Staatsregierung, ausdrücklich die Gesinnung, wie sie in solcher Broschüre hervortritt zu mißbilligen. Reformen auf politischem, wirtschaftlichem, vor allem aber auch auf gesellschaftlichem Gebiet, Bekämpfung des Berufs- und Konfesjionsexklusiven Kastengeistes müssen dahin wirken, den Juden das Leben in den Ostmarken, wo sie Seite an Seite mit der christlichen Bevölkerung für die deutsche' Sache stehen, erträglich zu machen. Der Buchstabe des Gesetzes von der Gleichberechtigung muß namentlich auch hier im Osten endlich einmal eine Wahrheit werden." Diesen Ausführungen kann man, soweit sie den unerquicklichen Nationalitätenkampf betreffen, durchaus zustimmen. Daß dieser durch die Fehler übereifriger Beamten der Ansiedlungskommiffion und des Ostmarkenvereins nicht gerade gemildert wird, läßt sich auch leicht denken. Allein, hört man die Herren bis zum Schluffe an, da, wo sie ihre Wünsche präzisieren und auf die Heilmittel zur Sanierung der Mißstände Hinweisen, so könnte man, minder eingeweiht, leicht dem Glauben verfallen, als sei allenthalben in den deutschen Landen auch in sozialer und gesellschaftlicher Beziehung die volle Emanzipation der Juden eine vollzogene Tatsache, als sei in dieser Beziehung nirgendwo sonst mehr Grund zur Klage, außer im rückständigen Osten, dem der Jude daher, um zu Aemtern und Würden zu gelangen, den Rücken kehre. In Wirklichkeit ist aber dem keineswegs so, und Mitglieder des „Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" oder der Abwehrvereine, die sicherlich auch auf dem Judentag vertreten waren, hätten es bezeugen können, daß als Schauplatz des Abwehrkampfes der Westen und Süden nicht minder als der Osten in Betracht kommen. Daß es Sache der Staatsregierung sei, eine Gesinnung, wie sie in der Herrschen Broschüre hervortritt, ausdrücklich zu mißbilligen, ist gewiß richtig und es soll auch ihrerseits in mehr oder minder nachdrücklicher Weise geschehen sein. Auch ist es eine durchaus billige Forderung, durch staatliche Reformen das Los der jüdischen Bevölkerung in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht zu verbessern. Es wird aber verlangt, daß die Regierung vor allem auf gesellschaftlichem Gebiet: helfend eingreife und den konfeffions-exklusiven Kastengeist bekämpfe. Damit würde es schon seine Schwierigkeit haben, auch wenn, was sehr zu bezweifeln ist, eine Regierung gewillt sein sollte, ihre Kompetenzen so weit auszudehnen. Man kann keinen zur Liebe zwingen und mit Hilfe des Schutzmanns am allerwenigsten. Die Polizei kann, so sie es für angebracht hält, eine antisemitische Versammlung auflösen, sie kann aber in k.iner Weise veranlaffen, Juden im Verhältnis zu ihrer Fähigkeit, ihren Verdiensten für die in Betracht kommende Sache Ehrenämter zu übertragen. In einer geschloffenen Gesellschaft hat nach ben modernen Rechtsbegriffen im Berfaffungsstaate der „Staat" überhaupt nichts zu suchen. Wie sollte er da den Juden vor Zurücksetzung und Benachteiligung im Klub und Bereinshause schützen können? Das gilt aber, wie schon erwähnt, nicht allein vom Osten, sondern ganz im gleichen Maße auch vom Westen und zum guten Teil auch vom Süden unseres Vaterlandes. Der denkende Jude hat sich mit diesem Zustande längst abgefunden und mutig einen Schritt zurück gewagt — zu seiner jüdischen Welt, die mit ihrem reichen Innenleben einst unfern Altvordern alles sein mußte und uns heute noch mit ihrer Fülle von Aufgaben und beglückenden Aspekten für das, was uns das Außenleben ungerechterweise vorenthält, vollauf zu entschädigen vermag. Bester kann der Jude auf die ihm zuteil werdende Behandlung gewiß, nicht reagieren. So weit müßten heute auch die Juden der Ostmarken sein, wäre die soziale und gesellschaftliche Zurücksetzung der einzige und hauptsächlichste Gegenstand ihrer Klage. Sie sind aber viel weiter. Sie verlassen den Boden ihrerHeimat und nehmen anZahl stetig ab.Da müssendenn die Gründe doch schon tiefer liegen, organischer mii dem Wesen und Entwicklungsgang von Land und Bevölkerung verbunden sein. Den Referenten des Judentages war es aber umso weniger möglich, tiefer in das Problem einzudringen, als sie ausschließlich nur den Osten ins Auge faßten nnd auf jede Analogie mit anderen Gegenden, auf jede vergleichende Gegenüberstellung unerklärlicherweise verzichteten. Denn das Schicksal, die Zahl ihrer Juden abnehmen zu sehen, teilt die Provinz Posen mit vielen anderen Gegenden West- und Süddeutschlands. Man braucht nur auf das Großherzogtum Hessen hinzuweisen, das, abgesehen von seiner antisemitischen Partei, deren Einstuß auf die politische Lage nicht größer ist, als in allen übrigen deutschen Staaten, einen Nationalitätenkampf nicht kennt und besten Statistik in Bezug auf die jüdische Bevölkerung nach dem jüngst erschienenen Buche Dr. Rupins „Die Juden im Großherzogtum Hessen') dennoch ganz ähnliche Erscheinungen aufweist, wie die der Ostmarken. In einem Zeitraum von 83 Jahren (von 1822 bis 1905) sehen wir auch da die wohlbekannten Bilder an unserem Auge vorüberziehen. In den ersten 27 Jahren (bis 1849) vermehrt sich die jüdische Bevölkerung erheblich stärker als die christliche, in den nächsten zwölf Jahren hält sich das Wachstum von Christen und Juden die Wage. Von 1861 an aber nimmt die Zahl der Juden absolut und relativ immer mehr ab und sinkt 1905 von 28,061 (3,04%) im Jahre 1849 auf 24,699 Seelen — 2,04% der Gesamtbevölkerung herab. Vergleicht man damit die Tabellen aus Posen in der Denkschrift des Verbandes, so ergibt sich in der Hauptsache ein ähnliches nur grelleres Bild. Auch dort hat mit Ausnahme einiger weniger Gemeinden die Steigerung der Juden bis Ende der 40ger Jahre angehalten, in 9 Städten war sogar eine kleine Vermehrung noch bis 1872 zu konstatieren, dann setzte der stete und allgemeine Rückgang ein. Städte, die 1849 30% und mehr Juden hatten, weisen 1905 nur noch 5—6% Juden auf. Wie in Hessen so tritt auch in Posen mit Ende der 40er Jahre eine Stagnation im Wachstum der jüdischen Bevölkerung ein, auf die dann vom Anfang der 60 er Jahre an eine rapide Abnahme folgte, welche bis heute anhält und immer bedenklichere Formen annimmt. Diese Vergleiche legen doch vor allem die Vermutung nahe, daß die Ursachen, die Ruppin im genannten Buche für die Abnahme der Juden in Hessen auf Grund seiner Forschungen anzugeben in der Lage ist, auch für Posen und für alle Ostprovinzen in erster Reihe in Betracht kommen. Die Hauptursache liegt aber nach Rupin in der Abnahme der Geburten, die in der Abwanderung allerdings eine kräftige Unterstützung findet. Der Rückgang der jüdischen Geburtenzahl, den Ruppin in Hessen konstatiert, ist im Osten nicht minder erschreckend. Und behält'sman zudem in Erinnerung, was uns unlängst Wassermann über dieses unerquickliche Kapitel in unserem modernen sozialen Leben zu sagen wußte,') so wird man nicht ahne tiefes Bedauern diese Erscheinung auch mit der Preisgabe der vom jüdischen Ge- ') Siehe Leitartikel in Nr. 36 des Jsraelits. ') Siehe Leitartikel im Israelit Skr. 45 und 46. In der fremde. Zum Wochenabschnitt. Die Geschichte des verloren geglaubten Sohnes, die unS der heuttge Wochenabschnitt vor die Seele führt, hat von je mehr denn jede andere Partte der heilig. Schrift, die Maler, Dichter und Musiker aller Zetten zu reizen und anzuregen vermocht. Auch unsere Weisen, die es wie die echten Künstler verstehen, die GotteSwahrhett der Bibel durch alle Mittel poetischer Vertiefung und Verklärung unS ans Herz zu reden, haben die Geschichte Josephs SzumUntergrunde etneSGemäldeS,vomverloren g glaubten Joseph und von den Söhnen, die dem Judentum zu allen Zetten wirklich verloren gehen, gestaltet, wie eS nicht ßöner, lebendiger und ergreifender zu uns sprechen mtte. Sie sagen, der Satz: „Die Grube war leer, es war kein Wasser darin" (Kap. 37 B. 24), deute darauf hin, baß die Grube, welche Joseph aufnahm, wohl keine Wassergefahr in fich barg, umsomehr aber die Gefahr von giftigen Schlangen getötet tu werben. Und doch .war eS, — wenn wir der Weifen Hort recht verstehen — Reuben, der den Bruder ohne Bedenken dieser Gefahr aussetzte, derselbe Reuben, der sich ganz faffungs- und trostlos zeigte, als er später erfuhr, daß Joseph, der Lebensgefahr entronnen, dafür aber in die lieblose Fremde, aus welcher so eminente Gefahren für deS Jünglings Seele drohten, erbarmungslos hinausgestotzcn wurde. Auch den anderen Brüdern mußte, als fie das Ungeheure ihres Tuns zu ihrem Schmerze begriffen, in erster Reihe um die junge Seele des Verstoßenen bange sein. Denn JT131T bXD plttJD 1N1Vp2ste suchten ihnindenStärten des Lasters, dort glaubten sie, vielleicht noch in der schüchternen Hoffnung, ihn zu retten, den durch ihre Schuld moralisch verlorenen Bruder zu finden. Nun aber hatten die Brüder denn doch des Träume.s Charakterstärke und Willenskraft weit unterschätzt. Sie kannten ihren Bruder zu wenig,, um ben Einfluß der väterlichen Lehre auf ihn recht zu bewetten. Ein Schutzengel, das halten sie nicht gewußt würde Joseph in die Fremde hinaus geleiten es war V2K bv IJpm die Jdealgestalt des großen Vaters, die dem Sklaven wie dem Herrscher unentwegt vor Augen schwebte, die ihn vor sittlicher Entgleisung schützte, seinen dumpfen Kerker beleuchtete, wle er später seinen H^rrscherthron mit Menschlichkeit und Gerechtigkeit umgab, die den einstigen Feinden, die so hart an ihm gehandelt halten, Verzeihung, dem darbenden Volke gerechte Behandlung, Hilfe und Versorgung sicherten. So lebte der Sohn auch in ftemder Umgebung, mochte sich sein Schicksal gestalten wir es immer wollte im Bannkrei e, in der Ideenwelt des Vaters. Und in dieser Wett deS Geistes fanden fie, Vater und Sohn, sich mühelos wieder. Ein Wort, ja nicht einmal das, ein bloße- Merkzeichen INA rrbHäft DK KT1 nurv HOT fllSTD genügte, und Jakob erkannte sein K nd, erkannte, baß es sein, seines GotteS und seines Volkes treuer Sohn geblieben ist. So zeichnen unsere weisen Bibelerklärer in gedrängter Kürze das Bild des Sohnes, der den Weg nicht verlor, nicht verlieren konnte. Das Bild führt, wie jedes wahre Kunstwerken, eine beredte Sprache, und diese kl ngt wie eine bittere Anklage, ein schwerer Borwurf gegen die jüdischen Eltern von heute, welche bei der Erziehung und Versorgung ihrer Kinder leider nur noch fetten jene Erziehungsweishett unserer Alten verraten. WaS soll unser Kind werden? DaS ist die Frage, die heute im Vordergründe unserer SrziehungSsorgen steht. Das Wie muß der Zukunft überlaffen werben, aber auf daS Was kommt es in erster Reihe an, auf die materielle Versorgung, auf die Summe der Fähigkeiten und Kenntnisse, die ihm eine Pofitiou im Leben sichern. Der Jüngling geht, toum der Schule entwachsen, in die Welt hinaus. Er. ist zum tüchtigen, erwerbsfähigen Manne geworden, allein fragt nur nicht w t e. Der Sabbat wird entweiht, die Gesetze der Reinheit und des jüdischen Jaschronus verletzt, die Spetsevorschriften, auf der Reise wenigstens, nicht mehr gehalten. Das Band zwischen Ettern und Kind lockert sich zusehends und im gleichen Maße auch das, welches das jüdische Einzelglied mit seinem Volke, mit seinem Gotte verbindet. Da gibt es keinekKennzeichen, keine Merkworte mehr, an denen die Väter ihre Kinder erkennen, keine die die Kinder und Eltern zueinander führen. * DeS Kindes Geist ist tot und es wird dem Vater kaum etwas nutzen, wenn er entsprechend der nÖ*ni? N^O-Borschrist seine Hände in Unschuld wäscht und beteuert »b irT *b irrjn ntn* Denn eben tu diesem Xp liWl Uegt die schwere Anklage, deren fich kein BaüWn solchen Fällen entziehen kann, in dem Umstande, daß Lte Augen, die Bateraugen, nicht gesehen, nicht sehen .■■■

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