Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1909)
- Date
- 1909-12-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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v-;^: e -,. '^ .»- Der Israelit Ein Centralorgan fOr das orfflodtee Jndentnm Begründet oon Dr. Lebmann in fflainz 50. Jahrgang. SSI Sranhfurt a. HL, den 2. Dezember 1909. 19. Kislexo Sv70 M*S. Abonnement pro Vierteljahr: Gewöhnliche Ausgabe Mk. 1.50, HestauSgabe (Kunstdruck) Mk. 3.—. Auslandspreise: Gewöhnliche Ausgabe: Oesterreich-Ungarn 2 Kr., Rußland l Bub., England 2 sh., Amerika 50 cts., Niederlande 1.20 fl., Frankreich Frs. 2.50. Abonnements bei allen Postanstalten» Buchhandlungen, sowie direkt bei dem Verlag. HestauSgabe nur direkt. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate: 30 Pfennig für die sechsgespaltene Colonel-Zeile; Rabatt nach Tattf. Inserate« annahme nur durch Haaseustein u. Bögler A-G.. Frankfutt a. M.» und deren Filialen. Zahlnnge» können außer dirett an dm Verlag erfolgm per: Eonto hei dem Postscheck-Amt Frankfurt a. SW. Wo. 344* ßkdnto bei der K. K. Postsparkasse «Sie» Wo. 79605* «onto bei de« K. Postsparkastenamt Budapest Wo. 18424. Lonto bei der Wigaer «ommerzdank in Wtga und derm Filialen. Oer nadidrucft der ßrtihel und Correfpondenjen des „Israelit“ fff nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es fidi um größere nufffifee handelt, nur nach vorheriger Genehmigung gehottet ©BßQQQQßQBQQBQBBQ wir bitten unsere ttbonnenten in Vetter reich-llngam die noch rüchifändigen flbonnementsbelrZge bei der K- H Poftfparhaffe Wien (Cfo -no- 79608) be?w. Budapefl (Cfo.-no. 18424) alsbald einzuzahien Hm 10 Dezember noch ausflehende Beträge werden ohne weitere Benachrichtigung durch Nachnahme erhoben. Oerlag des Israelit (6m bß.) SMSSSSPSSSSSASSS O$tmarkcnpolitik. Man schreibt uns: Wie ironisch das Schicksal mitunter sein kann, Hat, wie schon so mancher andere, auch der „Verband der deutschen Juden" erfahren. Just zur Zeit, da sich dieser Verband rüstete, durch Wort und Schrift auf die wahren Ursachen der jüdischen Abwanderung aus dem Osten hinzuweisen und die Quellen des von den Vertretern der deutschen Kultur so tief empfundenen Uebels vor aller Welt bloßzulegen, mußte ein kulturhungriger Regierungsrat ihm mit einer Broschüre in die Quere kommen, in der er quasi den Spieß umdreht und in einer sonderbaren Verwechslung von Ursache und Wirkung in der Auswanderung der Juden nicht die Folge, sondern den letzten Grund der unwirtlichen Verhältnisse in Posen sieht. Im Grunde dürfen sich aber die Ostmarken-Referenten auf dem Judentage, die Herren Justizrat Breslauer und Wolfs bei Herrn Dr. Herr bedanken und zwar dafür, daß er durch sein Pamphlet ihren Ausführungen von vornherein aufmerksame Ohren und erhöhtes Interesse sicherte. Jedenfalls ist es nicht zum geringen Teil sein Verdienst, daß es ihnen ungleich besser ging als ihrem Kollegen am Referentenpulte, Herrn Rabbiner Dr. Guttmann. Hat doch selbst der Oberpräsident Herr p, Waldow, der oberste Beamte der Wovinz Posen, gegen die Broschüre seines Rates Stellung genommen und sich im Sinne der auf dem Judentage zum Ausdruck gelangten Wünsche gMH jedwede Benachteiligung der jüdischen Bezug in den Ostmarken ausgesprochen. Dies alles darf uns aber nicht davon ab halten, auch die Aufstellungen, Klagen und Wünsche, soweit sie in den Verhandlungen des Judentages, sowie in der uns vorliegenden Denkschrift des Verbandes zum Ausdruck gelangten, auf ihren tatsächlichen Gehalt, auf ihre innere Berechtigung und Stichhaltigkeit zu prüfen und vor allem darauf, ob und inwiefern sie auf die geeigneten Mittel znr rationellen Abhilfe Hinweisen. Daß der Nationalitätenkampf, unter dem Land und Leute in Posen mehr denn anderswo zu leiden haben, die treibende Kraft der jüdischen Auswanderung aus den Ostprovinzen ist, ist die erste Voraussetzung, von der die Ostmarken-Referenten ausgehen, und die man sich stets vor Augen halten muß, um die Ausführungen der Herren in allen Teilen zu verstehen und richtig zu bewerten. Herr Justizrat Breslauer schilderte zunächst die Zustände, die es veranlaßt hätten, daß von 1885 bis 1905 116 Städte über 25 Prozent, 54 Städte über 50 Prozent ihrer jüdischen Bevölkerung verloren, daß in gleicher Zeit die Zahl der jüdischen Landbewohner in jenen Distrikten von 3249 auf 1389 zurückgegangen sei, und sagte dann u. a. wörtlich: „Diese Abwanderung ist ein Schaden, in allererster Linie auch für das De utschtum jener Provinzen. Denn es steht fest, daß bei der Ueberuahme jener Landesteile durch Preußen, die Juden die ganz überwiegende Mehrzahl der deutsch sprechenden Bevölkerung gebildet haben, daß sie inmitten slavischer Völker ihren vom Mittelalter her bewahrten deutschen Dialekt, ihrer Anhänglichkeit an deutsche Kultur stets treu geblieben sind, und daß sie (obwohl erst 1869 in diesen Landesteilen zu voller Gleichberechtigung gelangt) auch von den Behörden in kritischer Zeit stets als eine Stütze des Deutschtums anerkannt worden sind. In Zeiten, wo die Behörden diesen Gesichtspunkt erkannten und demgemäß behandelten, ist die jüdische Bevölkerung auch tatsächlich in höherem Grade stabil geblieben. Ihre starke Mwanderung in diesen vorausgehenden und folgenden Epochen ist demgemäß nicht, wie man behauptet Folge, mangelnder Bodenständigkeit". Die Juden sind lange Zeit aus' dieser Ostprovinz, in der sie minderen Rechtes waren, nach begünfligteren Landesteilen abgewandert, der'Mangel jeglicher Bildungsmittel hat die Jugend :it großen Scharen nach dem Westen gelockt und die Eltern nachgezogen. Schließlich waren es die Veränderungen des Erwerbslebens, auch die von der Regierung ausdrücklich gepflegte Konzentratton der Juden in den Städten, die die wirtschaftlichen Verhältnisse vieler Familien untergruben und Tausende zwangen, sich auf neuem Boden eine Existenz zu gründen. Diese Zustände haben nun noch eine Verschärfung erfahren durch die Tätigkeit der Ansiedlungskommission. Sie bedient sich (zwar der Juden gern als Bundesgenossen gegen die Polen, handelt aber sonst bei all ihren wirtschaftlichen Unternehmungen rocht rücksichtslos gegen die ~ Lebensinteressen der jüdischen Bevölkerung. Die amtlich gestützten Genossenschaften drücken durch ihren Wettbewerb die jüdischen Gewerbetreibenden nieder. Jüdische Anwälte, Aerzte, Apotheker usw. können sich oft gegen die feindliche Haltung, die die Bevölkerung auf Anregung von Beamten des Ostmarkenvereins und der Ansiedlungskommission annimmt, nicht behaupten und wandern ab. Es ist eine gründliche Aenderung, auch in der amtlichen Behandlung, dieser Verhältnisse notwendig, wenn dem Verschwinden der Juden, dieses dem Deutschtum dort so wichtigen Elements, aus dem Osten Einhalt getan werden soll." Direkt mit der Herrschen Broschüre befaßte sich dann Wolff-Lissa, der auch der Behauptung von der mangelhaften Bodenständigkeit der Juden mit einigen auch an sich recht interessanten historischen Daten und Zahlen wirksam entgegen zu tteten wußte: „Ter Kampf wird immer verbitterter; die Kriegskosten aber tragen in erster Reihe die Juden der Ostmarken. Tie Polen greifen sie vor allem um ihrer wirtschaftlichen Stellung willen an, die ihre Expansionsgelüste erschwert. Der Antisemitismus ist ihnen nur Waffe. Me Deutschen aber sind ihnen keine zuverlässigen Bundesgenossen. Die Maßregeln der Rek gierung schwächen ihre Positton, machen vielfach die Existenz des deutsch-jüdischen Elementes unmöglich. Jeder Platz, den ein Jude räumt, nimmt ein Pole ein? T«s ist also reine deutsch-nationale Sache. Der Deutsche ist ohne den Beistand des deutschen Juden im Osten nicht konkurrenzfähig. — Der Jude aber hat in jenen Gegenden von je der deutschen Nationalität die wichttgsten Menste geleistet. Sie sind seit dem Jahre 1000 (zweihundert Jahre früher als christliche deutsche Einwanderer) in Polen ansässig und find während dieser ganzen Zeit stets deutsch sprechende, deutsch gesinnte Menschen gewesen. Das Königreich Polen behandelte sie lange sehr gut und tolerant. Erst später wurden sie, durch die politischen Verhältnisse in Polen bedrängtin die Städte getrieben und auf Händel und Gewerbe beschränkt. Sie kamen als die intelligentesten Teile der städtischen Bevölkerung an Preußen und als der weitaus deutsch Kulttvierteste dieses ganzen Distrikts. Das Generakreglement von 1797 schränkte sie trotzdem auf jede Weise ein und unterwarf sie härtesten ChikaNen. Gleichwohl waren sie (im Gegensatz zu den vielfach polonisierten deutschen Einwanderern!) nicht nur die deutschesten, sondern auch die preußisch loyalsten Einwohner der Provinz. Aber auch bei der Wieder-Einverleibung im Jahre 1815 hat man ihnen die Wohltat des liberalen Judengesetzes von 1812 vorenthalten. Erst 1831 in der revidierten Städteordnung erhielten sie wenigstens die Möglichkeit zu kommunalen Bürgerrechten: wobei die tolerantere Staatsregierung noch gegen die Antisemitischen Individuen in den Lokalbehörden vielfach anzukämpfen hatte. Schließlich wird die Posensche Judenschaft gleichberechtigt — auf dem Papier. In dieser Zeit hat der Staat durch Schulen und andere Bildungsmittel mancherlei fiir die Juden getan und wenigstens ihre religiöse Freiheit und zrvilbürgerttche Rechtsalerchheit garantiert. Aber als voller lttsatz jür die hingwende preußische Loyalität der östlichen Juden, die sich speziell in den Befteiungskriegen bewMtt hatte, kouyte das mM v