Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1909)
- Date
- 1909-11-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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cm WWWWMW^WWWIWWMW t . euilleton Das Sefermabl. Bon Arthur Kahn. (Fortsetzung) Kurz nach dem Nachtgebet begann der Ball im größten Saal des Dorfes. Weil aber viele in solchen Dingen erfahrene Männer die Ueberfüllung des Saales schon vorausgesehen hatten, so wurde eiligst noch Kaufmanns große Scheune zu einem Ballokal umgewandelt, aus dem nächsten Dorfe ein paar Musikanten herbeigeholt und trotz des fehlenden Parkettboden bald darauf von einer zahlreichen Menge tanzlustiger Menschen fröhlich getanzt. Die Alten, die es weniger eilig hatten, fanden sich in beträchtlicher Zahl nochmals bei Schimme und Veilchen ein und dort begann nun eine solche zweite Sude, als hätten die Teilnehmer den ganzen Tag über gefastet. Nun war die Zeit der Tischreden gekommen, von denen viele noch nicht gehalten worden waren und die von den Rednern allersamt für so wichtig erachtet wurden, daß keiner von ihnen sie um irgend einen Preis hatte ungesprochen lassen wollen. Noch hatte der Kiews den ganzen Nachmittag über nicht den Mund auf gemacht, was bei einer so wichtigen Festfeier sehr befremdlich erscheinen mußte, aber damit erkärt wurde, daß jeder Balbos heute Mittag selber Gastgeber'war und die fremden wie die einheimischen Feftteilnehmer im ganzen Dorf zerstreut waren. Jetzt waren die wichtigsten Personen bei Schimme versammelt und sollte erst jetzt, nach der Hawdole, die häusliche Hauptfeier für Schimme beginnen. In Voraussicht der vielen Gäste hatte Veilchen alle Stuben ausräumen und zu einer großen Tafel Herrichten lassen. Und nun saßen die Freunde, Verwandten, Bekannten sogar Fremde, in fröhlicher Stimmung beisammen, ohne sich durch die Enge der Räume genirt zu fühlen. Inmitten des heitern Oeplauders erklang der Helle Ton, den Ktewe durch das Anschlägen an ein Glas hervorrief. Kiewe, sich wohlbewußt, was es bedeutete, wenn er sprach, dachte aber noch gar nicht daran für sich das Wort zu ergreifen, sondern bat die Leute jetzt auf die Rede des Lehrers und Predigers Levi zu achten. Levi, verblüfft, daß Kiewe ihm dem Vorrang ließ, bedurfte erst der Sammlung bevor er den Text gefunden hatte. Er rühmte den Schimme und seine frommen Tat, für die er sich ein großes Verdienst und den Dank der Gemeinde erworben hätte. „ ... . doch muß die Thora nicht nur geschrieben, sondern sie muß auch gelehrt werden, damit Gottes Wort in seiner nie versiegenden Kraft nicht nur in der Lade ruht, sondern lebendig bleibt im Munde und in den Herzen ihrer Bekenner. Es ist daher auch sehr verdienstlich, Schüler ausbildenzu lassen/ und besonders wird das Wort unserer heiligen Lehrer durch die Kinder der Armen erhalten werden, wie unsere Weisen sagen --" Schimme ahnte wohinaus Levi zielte und berechnete bei sich, daß er schon zehn bis zwanzig Taler für Levis edlen Zweck opfern mußte. Doch war er in so gehobener Stimmung, daß er Levi eher Dank wußte, als Veilchen, die in der Ansprache des Lehrers erst den Anfang der Dinge ahnte. Als bald daraus Kiewe sich wieder von seinem Sitz erhob und zu sprechen wünschte, da klage zu Nr. des „Israelit". wurde Veilchen innerlich schon unruhig.. Doch Kiewe, der Veilchen sehr wohl kannte, richtete seinen Appell an Schimme in einer ganz andern Form als Levi. , Seine Brille auf die Stirn schiebend, Hub er mit feierlicher Stimme an: „Mein teuerer, alter Freund Schimme! Als du heute Morgen im Hallel sagtest: lau omus ki echjeh, wa'asapper mausseh jo/ Ich werdenicht sterben, nein, leben werde ich und Gottes Taten erzählend" . . . .Schimme traten in Erinnerung wie nah er dem Tode war, die Tränen in die Augen. In Veilchens starr blickende Grünauaen kam ein Zua von Rührung. Kiewe aber fuhr feierlich fort: „da, lieber Freund bist du in Tränen ausgebrochen, weil dieser herrliche Vers auf dich gar schön gepaßt hat. Das waren die Tränen der Dankbarkeit gegen Hakodosch boruch hu, der, als du im Todesschattentale wandeltest unser Aller T'chine erhörte und dir in seiner Gnade das Leben wiederschenkte. Jassor jisrani joh, welamowes lau nesononi/ Mag Gott mich auch züchtigen, dem Tode aber gibt er mich nicht preis." Veilchen begann hier so laut zu flennen, daß der Redner erst eine kleine Pause machen mußte. Wenn Veilchen im Kreise ihrer Freundinnen weinte, so mußte sie „Chawruse" bekommen, sonst hörte sie bald wieder auf. Die anwesenden Frauen weinten aber diesmal nicht mit. Da beruhigte sich Veilchen bald, legte die Hände andächtig auf die Brust und sah erwartungsvoll Kiewe an, der dann ruhig fortfuhr: „Lieber Freund und Jugendchawwer! Wer sich einmal längere Zeit in großer S'kone befunden bat, der lernt schneller die Nichtigkeit alles Irdischen und seine eigene Hinfälligkeit kennen, als wenn er hundert Predigten darüber anhört. Was wäre nun unser flüchtiges Leben denn überhaupt wert, wenn wir nicht zuweilen gute Taten verrichten? Wenn wir von dem Ueberfiuß, den wir zusammen gearbeitet haben und oft törichterweise noch weiter Zusammenhalten und zu vermehren trachten, als ob es kein Ende gebe, als ob auch nicht etwas weniger, das wir Verwandten und Nachkommen hinterlassen, noch reichlich genug wäre, und das am Ende vielleicht verloren, oder in fremde Hände geht, wenn das Schicksal und Gott es so, oder anders bestimmt haben, was wäre unser Leben wert, frage ich, wenn wir nicht auch Maasim Tauwim verrichteten? Was tu' ich damit, wenn ich hundertfünfzig Jahre alt werde und keines guten Menschen Herz mesammeach gewesen bin? Wenn ich nicht auch einmal einem Bruder in seiner täglichen Bedrängnis beigestanden bin? wenn ich nicht einmal einer armen Joussem zur Versorgung mitgeholfen habe? . . . ." Veilchen mußte die Hitze in dem von Menschen und Lichtern dumpf gewordenen Raum sehr zugesetzt haben, denn sie mußte förmlich nach Luft schnappen und wechselte ihre Gesichtsfarbe. Kiewe sprach von Gemilus Chasodim, von Hachnosas Kallo und von ähnlichen Dingen, bei denen das Geld eine gar schöne und verewigende Rolle spielen könnte. Schimme hörte gefaßt zu. Als aber Kiewe mit erhöhter Stimme und ihn fest anblickend sagte: „Schimme, mein lieber Freund! Hakodosch boruch hu hat in seiner Weisheit dir Kindersegen versagt. Doch heute hast du dir ein gar herrliches Kind, eine Tochter, wie sie kein sterblicher Mensch erzeugen und kein staubgebornes Weib gebären kann, erworben und in der heiligen Schul steht jetzt deine unsterbliche Tochter, geschmückt durch deine väterliche Opferwtlligkeit wie eine Königstochter. Lieber Schimme, heute nun, wo dich Hakodosch boruch hu einen Ehren- und Freudentag hat erleben lassen, wie er seit zwei Menschenaltern keinem Balbos mehr in diesem Kahal beschieden gewesen ist, erwirb dir eine zweite Tochter von Fleisch und Blut / die dir eine eigne Heimat, einen braven Mann dereinst zu verdanken haben und brave Kinder erziehen wird, und die dein Andenken segnen wird, wenn längst keiner mehr von uns allen mehr sein wird.. . ." Jetzt begann Schimme zu schluchzen. Daß ihm, dem kinderlosen Manne einmal von Menschenlippen das Wort Vater entgegen gerufen werden könnte, erfüllte ihn mit Wonne mit Wehmut zugleich. Ein warmes Glückgefühl durchströmte seine Brust. Als er sich gefaßt hatte, erhob er sich und redete Kiewe und die übrigen Gäste an: „Ihr lieben Leut', meine guten Freunde und Chawerim! So schön reden wie der Levi und der Kiewe kann ich nicht. Ich muß mit Moscheh Rabbenu sagen: „wie kann ich vor Pharao reden, da ich doch ein Mann mit ungelenker Zunge bin?" Aber du, mein teurer, Freund Kiewe, sollst nicht umsonst mich an all die Güte und Liebe, die mir Gott bis auf den heutigen Tag erwiesen hat erinnert haben. Wohl hat mir Gott Kinder versagt und an meine Verwandten habe ich bisher redlich meine Schuldigkeit getan. Zwar haben sie mir nicht absonderlich gedankt und meine zwei Schwesterjungen, der Jakob und der Simon haben mich sogar wie zwei Achbrauschim ausgeplündert, begannest und begasselt haben sie mich.' Ich hab's ihnen schon längst moochel gewesen. Und Gottlob hat es mir nichts, geschadet und ich könnte noch ganz gut zwei Töchter ausgeben. Da will ich denn auch deine Worte nicht ftumpiren') und der heutige Schabbos und Jomtow soll nicht Vorbeigehen, ohne daß ich mir nicht noch eine leibliche Tochter anschaffe. Dort sitzt ja der Nathe Bing, unser von Gott und der Welt geliebter Freund, der Vater der Jesaumim und der Gabbe der Hachnosaß kallo-Kibbe. Mein lieber wackerer Freund Bing! Ihr habt heut' meinen schönsten Lebenstag mit Eurer schönen zu Gott erhebenden Stimme verschönern helfen, wie ich es mir im Cholem nicht herrlicher hätte vorstellen können. Und weil ihr alles das nicht für Geld, sondern nur L'schem sch'majim halber tut, so versprech' ich euch für meine nächste Tochter, die Ihr mir zusührt, wenn sie einen Schidduch tun kann zweihundert preußische Taler, hier aus der Stell' zahlbar." Die Mehrzahl der Anwesenden erriet, daß Kiewes Rede zu Minchen Brandeis' Gunsten gehalten worden. Eingeweihte ahnten, daß zwischen Kiewe und Nathe schon vorher die Rede vereinbart war, und Schimme, der, schlau genug, den Zusammenhang durchschaute, willig darauf eingehen würde. Als Veilchen hörte, das Schimme dem Nathan Bing zweihundert preußische Taler für die Hachnosaß kallo-Chewra versprochen, fiel sie, die schon längst von der Hitze litt, in eine wohltuende Ohnmacht. Als die Frauen erschreckt Veilchen umringten und die ihr zunächst sitzende Frau ausrief: „Veilchen kriegt ein Chulsches (Ohnmacht)" und nach Wasser, Eau de Cologne und Wein zum Ansprengen eilen wollten, rief ihnen die Sette Bär, Veilchens Schwägerin halblaut zu, sie möchten Veilchen nur ruhig im Chulsches liegen lassen, wenigstens so lange, bis der Schimme aus seinem Pult die zweihundert Taler hervorgeholt und den Männern ausbezahlt habe. „Veilchen schadet ein Chulsches gar nichts", beruhigte Sette die ängstlich gewordenen Leute. „Pah", fuhr sie geringschätzig fort, „wo Veilchen von Geben reden hört, wird ihm schon schwach. Macht nicht so viel Geschichten, Ihr Weiber, was schad't Veilchen ein Chulsches? „es hat eine Natur wie 'ne Katz' und dem Schimme schaden zweihundert Taler so wenig wie eine Flasch' Wein". Tatsächlich erholte sich, nachdem die Weiber. Schimmes Rückkehr und die Aushändigung der zweihundert Taler abgewartet hatten, Veilchen sehr bald. Ihr erstes Wort, das sie wieder sprach war: „Der Schimme hat doch chodsche nicht noch mehr gegeben? Er ist gewiß schicker, dann gilt's nicht." (Fortsetzung folgt.) ') unbeachtet lassen.