Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1909)
- Date
- 1909-11-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449400--66062-2508733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
liche Gleichstellung Mer Bürger die unerläßliche Voraussetzung für das Gedeihen des Landes sei. Die echt-russischen Stadtverordneten fanden als Antwort darauf nur neue maßlose Beschimpfungen der Juden. Als der jüdische Stadtverordnete Buch stab auf ihre Ausfälle zu antworten versuchte, wurde er mit den Rusen „Fort, Jude!" nicdergeschrien. Bei der Verkündigung des Abstimmungsresultats ertönten Zurufe: „Buchftab, jetzt kommt ein Pogrom 1" — Der eigentliche Führer der hiesigen echten Rusien, der Stadthauptmann Tolmatschow, hat bekanntlich auch eine gerichtliche Klage gegen den hier in die Reichsduma gewählten jüdischen Rechtsanwalt Brodsky angestrengt, weil er in angeblich unrechtmäßiger Weise sich eines russischen Vornamens bediene. Tolmatschow hofft offenbar, daß eine gerichtliche Verurteilung Brodskys die Annullierung seiner Wahl zur Folge haben würde. Die Zugenfrage im IrnnSfage. (Bon unserem Korrespondenten.) Helsingfors, 22. November. Der Landtag wurde, wie unfern Lesern durch die politische Presse bereits bekannt sein dürfte, gestern durch einen kaiserlichen Ukas aufgelöst. Kurz vor Toresschluß aber befaßte er sich mit der Judenfrage, in welcher er sogar noch wichtige Beschlüsse fassen konnte. Entgegen allen Machenschaften der Rechten gelang es den Sozialdemokraten, ihren bekannten Antrag auf Erweiterung der Rechte der Juden noch auf die Tagesordnung zu setzen. In der Diskussion, an welcher sich nicht weniger als 29 Redner und Rednerinnen beteiligten, ging es sehr heiß her. Die Schweden traten für die Rechte der Juden ein, ebenso die Vertreterinnen des Frauenrechtes. Die Altfinnen operierten in gewohnter Weise mit plumpen Verleumdungen und wilden Ausfällen gegen die Juden. Bei der Abstimmung wurde der Antrag der Sozialdemokraten mit 112 Stimmen der Sozialdemokraten, tungfinnen und Schweden gegen 43 tim men der Altfiunen angenommen. Ueber den praktischen Wert des Beschlusses läßt sich zur Stunde noch nichts Bestimmtes sagen, da der Landtag unmittelbar darauf (infolge der Verweigerung des Militärbeitrages) aufgelöst wurde. Finnland geht nun schweren Zeiten entgegen. Aber die Juden haben allen Grund, dem Lande in seinen bittern Kämpfen glücklichen Erfolg zu wünschen. England. Der Kampf um die neue Reform. (Bon unserem Korrespondenten.) London, 21. November. Wie vorauszusehen war, blieb Dr. Adlers Predigt nicht unbeantwortet. In einem Schreiben sucht Claude G. Mo nt es io re nachzuweisen, daß er kein schlechterer Jude sei wie jene, die unter dem Deckmantel der „United Synagogne" denken und handeln wie er und nur seine Konsequenzen nicht ziehen wollen. Der begonnene Federkampf "wird andauern und die Situation klären. Eines steht fest: das gesetzestreue Judentum kann nur dabei gewinnen. Selbst Montefiore gesteht in seinem dieswöchentlichen Brief an Dr. Adler zu, daß die Erfüllung der jüdischen Gesetze für jene, die an die Göttlichkeit von Bibel und Talmud glauben, keine Bürde, sondern die wahre Freiheit bedeute und er sich mehr genötigt fühle, jene f»alben der United Synagogne anzugreifen, die ehre und Leben nicht zu vereinigen verstehen. Aber es ist nicht nur Montefiore, der das Kompromißjudentum der United Synagogne geißelt, die schier endlose, sich an das Pamphlet Montefiores anknüpfende Korrespondenz irr der „Jewish Chronicle" wirft Steine auf die Führer der englischen Judenheit, die Unwissenheit und Jndifferentismus in derselben gepflegt, statt der jüdischen Lehre, infolgedessen ein Zusammenbruch des ganzen Kompromißsystems der U. S. über kurz oder lang unausbleiblich sei. Und nun besinnen sich auch unsere Kanzelredner auf ihr konservatives Judentum, denn plötzlich sind ihre Augen geöffnet und sie haben ein banges Gefühl, daß allein das Festhalten am jüdischen Gesetz und jüdischer Tradition der englischen Judenheit die Rettung vor dem Untergang bringen kann. In inneren Zusammenhang mit der Montefiore-Bewegung brachte Dr. S. A. Hirsch als Präsident der Jew's College Union Society das Ti:ema seiner Presidentialadreß. Dr. Hirsch, seit 30 Jahren am Jew's College lehrend, hat schon viel gewirkt, um Rabbiner Hirschs Ideen in England bekannt zu machen. Er führte auch in seiner Arbeit aus, daß er nach Samson Raphael Hirschs Rat/- seiner wissenschaftlichen Forschung auf chren Wegen folgend, nach seinerMethode die Philosophie in der jüdischen Religwn behandelte. In den „Outlines of a Philosophy of the Jewish Religion" bewies er auf diese Weise mit glänzenden Logik, daß die philosophische Rechtfertigung der jüdischen Religion ausschließlich vom orthodoxen Judentum geführt werden könne. Einmütig wurde in der Diskussion von allen Parteien der Wunsch ausgesprochen, daß diese Skizzierung zu einer Geschichte der jüdischen Philosophie von Dr. Hirsch ausgearbeitet werden möge, die dann für die heutigen englischen Verhältnisse eine Bedeutung haben würde, die der der 19. Briefe seines Namensvetters nicht unebenbürtig wäre. Sir Benjamin Cohen, der frühere Vizepräsident der United Synagoge und Präsident des „Jewish Board of Guardians" ist im Alter von 66 Jahren aus dem Leben geschieden. Seit einem Jahrhundert haben sich die Mitglieder der Familie, die eine der ältesten aschkenasischen englischen Familien ist, mit jüdischen Gemeindeangelegenheiten auf philantropischem Gebiete beschäftigt. Viele Jahre war der Vorstorbene Parlamentsmitglied und Chairman der Finanzkomitees der London County Conncil; doch trotz dieser vielseitigen Inanspruchnahme, war er tagtäglich in tätiger Arbeit auf dem Bureau des „Jewish Board of Guardians" zu finden." London, 15. Nov. Bei den letzten Kommunalwahlen in England wurden drei Juden zu Bürgermeistern gewählt, und zwar Alderman H. E. Davis in Gravsend, Aldermann H. Feldmann in Hüll und Harry Graumann in Johannesburg. Die ersten zwei bekleiden diese Aemter schon seit mehreren Jahren. Hingegen wurde im Greater London, das 18 Mayors zu wählen hatte, kein einziger Jude gewählt. Ganz merkwürdig ist es dem bekannten jüdischen Politiker und Philantropen Carl Stettauer in Stepney ergangen, wo er als Mayors-Kandidat aufgestellt wurde und seine Wahl sicher schien. Mr. Stettauer ist jedoch für nächsten MäiH als Kandidat in den Grafschaftsrat in Aussicht genommen. Nun forderte der konservative Klub in Stepney kurz vor Eröffnung des Wahlaktes, Stettauer möge erklären, daß er im nächsten März nicht als Kandidat auftreten werde. Stettauer wies natürlich eine solche Zumutung zurück, und die Folge davon war, daß die Konservativen in letzter Stunde einen Gegenkandidaten aufstellten, dem Stettauer unterlag. Die Wahl dürfte jedoch angefochten werden. JUnetrilta. Der neue BQrgermeifier. New-Dork, 1. Nov. Es besteht darüber kein Zweifel, daß der neugewählte Mayor von New-Jork Mr. G a y n o r niemals diesen Sieg errungen hätte, wenn das E a st End nicht nahezu wie ein Mann für ihn gestimmt hätte. Gaynor hat sich schon als Richter des Supreme Court durch seine Gerechtigkeit und sein ausgeprägtes Verständnis für die besonderen Berhältniffe des Ghettos die Liebe der Juden erworben. Diese kam auch in jener Deputation der Rabbiner aller Synagogen der .Ostseite zum Ausdrucke, die Gaynor einige Tage vor der Wahl empfangen hat. Die Deputation dankte dem Richter für sein bisheriges Verhalten den Juden gegenüber und versicherten ihn ihrer Untersetzung im Wahlkampfe. Gaynor sagte in seiner Antwort u. a.: „Ich finde keine Worte, der großen Freude Ausdruck zu geben, die mir Jbr Besuch bereuet hat, indem ich darin ein Zeichen außergewöhnlicher Freundschaft zu mir erblicke. Sie sind die Kinder einer Rasse ,U"d einer Bockssamilie deren Ursprung am Anfang der Geschichte, in jener Grenzl nie liegt, wö die Geschichte beginnt. Sie gehören einer Raffe und einer Bolkssamilie an, die in königlichen Palästen gestanden hat zu einer Zeit, da die anderen Völker noch nackt durch die Wälder streiften und in Höhlen wohnten. Das Christentum bat allen Grund stolz zu sein, aber es bleibt stets eingedenk, daß es Ihre heiligen Schriften übernommen und sich angeeignet hat. Die ganze Welt hat Ihnen viel zu danken. Zunächst die Religion, den lauben an euren einzig n, wahren Gott, von dem Sie niemals abwichen. Sie dankt Zhneir auch viel aus dem Gebiete der Wissenschaft, Literatur und Staatskunst. Ich kann mich leider jetzt nich' aus die Aufzählung aller jener Ang> hörigen res Volkes verbreiten, deren Ber dienste um die Förderung, Aufklärung und Zivi isatwn allgemein anerkannt wird. Die Christen l att n niemals wahre Gründe, Sie zu Haffen. Der Haß entstand aus Böswilligkeit entstand in Zeiten der großen Mißverständnisse. Dieser Haß kann sich heute nur noch bei jenen Völkern halt>n, die noch in Un wissenheit verharren, die aus einer niedereren Kulturstufe stehen als die übrigen und die noch der Einwirkung der wahren Zivilisation bedürfen, um von dies m Haffe bef eit zu werden." Gaynor versprach schließlich, der Mayor aller Bürger zu sein und dafür zu sorgen, daß diejenigen Juden, die den Sabbath halten, nicht gezwungen werden, auch am Sonntag zu ruhen. Brief aus Argentinien. (Bon unseren Torespondenten) E. N. Buenos Aires, 20. Okt. Die Ansiedlung von Juden in Argentinien ist noch so kurzen Datums, daß man heute erst beginnt sie zu sammeln und sie zu einer festen Gemeinschaft zusammenzufügen. Und der Zusammenschluß ist nötig, seitdem sich eine unverhohlene Mißstimmung gegen die argentinischen Juden geltend macht, seitdem die anständigeKlaffe der arbeitenden, an der Politik unbeteiligten Juden immer mehr den Haß von außen über sich ergehen lassen muß und zudem auch noch die Notwendigkeit einer reinlichen Scheidung nach innen empfindet. Leben doch hier Tausende aus der Heimat verjagter Juden, die in unserem freien Lande ihre Menschenwürde wieder gefunden haben und eine schöne freie Heimat, die bereits vielen zu Ansehen und Reichtum verholfen hat. Und unter solchen günstigen Verhältnissen wurde hier bis heute für das Judentum wenig oder nichts getan! Wohl gab es einige Gemeinden, auch Wohltätigkeitsanstalten usw., aber es gab kein gemeinsames wirkungsvolles Arbeiten, keine Gesamtinteressen, mit einem Worte keine Gemeinschaft. Erst vor kurzer Zeit, am 5. August gelang es endlich nach übermenschlicher Arbeit und Mühe Herrn Rabbiner Dr. H alphon den langgehegten Wunsch in Erfüllung zu bringen: die Gründung der „Federacion Jsraelita Argentlna." Zu den Institutionen, die die „Congregacion Jsraelite Argentina" bilden, gehören: die „Congregacion Jsraelita (Kultusgemeinde), dieEhewr a h K a d i s ch a, der Israel. Wohltätigkeitsverein „Ezrah", die Talmud Torah-Schule. Sehr spät — aber nicht zu spät besann man sich darauf, daß es eine argentinische Judenheit gibt. Es wird freilich auch Herrn Dr. Halphon schwer fallen, die verlorene Zeit einzuholen, den bereits eingeriffenen Schaden gut zu machen. Wir wollen aber vereint und begeistert kämpfen und arbeiten und retten was noch zu retten ist. Seit ca. 50 Jahren gibt es eine jüdische Gemeinde, seit ca. 25 Jahren eine jüdische Kolouisation und., seit wenigen Tagen erst gibt es-eiNe — sagen wir Centralstelle jüdisch - argentinischer Interessen als Wacht für unser Judentum, als Schutz und als Schranke gegen innere und äußere Feinde. Von ihr erwarten wir viel — erwarten wir alles. —sss— . r *** ’ -''ff -