Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1909)
- Date
- 1909-11-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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dem Zureden schließlich nach und folgte dem Verführer ins dritte Dorf, wo sich ein Nonnenkloster de;- „ct, um daselbst die Vorbereitungen für die Taufe zu treffen. Die Mutter erwirkte bei dem nächsten Gendarmerieposten, daß ihr ein Gendarm mitgegeben werde, um das Mädchen samt dem Entführer zu verhaften. Und nun geschah etwas Merkwürdiges. Ganz unbegreiflicherwetse hat der Gendarm, der mit dem Haftbefehl ins Kloster ging, den Auftrag seines Vorgesetzten ignoriert und die^ Verhaftung unterlassen, obgleich ihm das Mädchen in Gegenwart der Mutter von der Oberin des Klosters ausgeltefert wurde. Nun wandte sich die arme Mutter an den Abgeordneten Dr. Gabel, der sowohl beim Gendarmeriekommando in Lemberg, als auch beim Lemberger Bischof intervenierte, jedoch borläufig ohne Erfolg. Ungarn. Profeffanflfdter Rnfifemifismus. (Bon unserem Korrespondenten.) A. Gr. Budapest, 22. Nov. Die Vertreter der protestantischen Kirche Siebenbürgens hielten vorige Woche ihre Generalversammlung in Klausenburg ab. Bei dieser Gelegenheit kam an den Tag, daß an der Förderung des Genossenschaftsunfuges nicht weniger als 255 protestantische Geistliche und Lehrer beteiligt sind. Die konfessionellen Genossenschaftsgeschäfte und Wirtshäuser, in denen man „gesegnete Ware" verkauft, beuten einerseits das Bauernvolk aus, andererseits richten sie unzählige jüdische Existenzen zugrunde. Das protestantische Volk war hierzulande immer judenfteundlich gesinnt, umso mehr ist es als ein trauriges Symptom der Zeit anzusehen, daß eine sogenannte sozialpolitische Bewegung, wie es die Genossenschaftsbewegung sein will, auch bei den Protestanten nur noch mit antisemitischem Einschlag denkbar ist. Vor einem Jahre wurde von protestantischer Seite ein Verein gegründet, der das ftiedliche Zusammenwirken verschiedener Konfessionen zum Ziel hatte und den Namen „Religionsgleichheit" führt. Diesem Verein sind auch viele Juden beigetreten. Wie wir uns erinnern, bildete einen Programmpunkt dieses Vereines die Bekämpfung der antisemitischen Genossenschaftsgeschäfte, die — katholisch sind. Es ist also höchst unverständlich, daß die stärkste Waffe des wirtschaftlichen Antisemitismus nun auch von „judenfreundlicher" Seite aufgegriffen wird. Oder handeln unsere toleranten protestantischen Mitbürger nach den bekannten Worten: „Haust du meinen Juden, so hau ich deinen?" . . . * * Der rühmlich bekannte Redakteur des Ungarischen Neologenblattes, von dessen Wirken die Leser dieser Zeitung schon öfters zu hören bekamen, unternimmt gegenwärtig einen Feldzug gegen orthodoxe Rabbiner und Gemeinden, die ihm nicht sehr sympathisch sind. In der letzten Nummer seines Blattes beschäftigt sich Herr Szabolcsi mit der Miscolczer Affäre, über welche in Nr. 44 des „Israelit" ausführlich berichtet wurde. Nachdem sich aber gegen den Miscolczer Oberrabtner Dr. Spitzer mit den bekannten Titeln „Analphabet", „Fanatiker", „Zizißbeißer" rc. nichts ausrichten läßt, muß sich der Herr Redatteur auf das dankbarere Gebiet der Verallgemeinerung begeben, um zuletzt die peinliche Affäre statt dem wahrhaft Schuldigen Dr. Spiro, der orthodoxen Landeskanzlei, ja der Orthodoxie im allgemeineil, in die Schuhe zu schieben. Die Logik wird förmlich auf den Kopf gestellt was selbstverständlich allgemeine Heiterkeit erweckt. Von Wahrheitsliebe, die wir selbst von unseren Gegnern zu erwarten das Recht hätten, ist da keine Spur, und es muß mit Bedauern konstatiert werden, daß dieser begabte Mann sein schriftstellerisches Talent immer mehr in den Dienst des Orthodoxenhasses stellt — auf Kosten des guten Geschmackes und der Wahr- , Hastigkeit. | Budapest, 19. Mai. Einen bemerkenswerten Beweis religiöser Toleranz lieferte dieser Tage der hiesige Gerichtshof. Vor mehreren Jahren hatte ein später aus dem Judentum ausgetretener Jude seiner ersten Gattin den rituellen Scheidebrief überreicht und ohne sich von dieser Frau auch gerichtlich scheiden zu lassen, mit einer anderen Frau eine zweite Ehe geschlossen. Demzufolge wurde er wegen Bigamie angeklagt. Er verteidigte sich damit, daß die orthodoxen Rabbiner von Budapest und Sobranz, die bei der rituellen Scheidung mitwirkten, ihn hierbei nicht aufmerksam gemacht hätten, daß er nur dann eine zweite Ehe eingehen könne, wenn er auch gerichtlich geschieden werde. Die als Zeugen vernommenen zwei Rabbiner bestritten die Angaben des Angeklagten, und als sie beeidigt werden sollten, stellten sie den Antrag, ihnen die Eidesleistung zu erlassen, da sie noch niemals geschworen hätten, und sich aus religiösen Gründen einer Eidesablegung, wenn nur irgend möglich, enthalten müßten. Der Gerichtshof erfüllte das Verlangen der Rabbiner und sah von der Ablegung des Eides ab. Mutzlanv. Juden- und blldungsfelndlidi- Petersburg, 19. Nov. Nach einer soeben publizierten ministeriellen Verordnung werden die im Auslande Studierenden, namentlich Juristen, zum Staatsexamen in Rußland nicht mehr zugelaffen. Bisher wurden russische Untertanen, die an einer ausländischen Universität studiert und den Doktorgrad erlangt haben, zum Staatsexamen in Rußland zugelassen. Der Minister bediente sich hierbei einer im § 479 vorgesehenen besonderen Vollmacht hierzu. Nunmehr will er von dieser Vollmacht keinen Gebrauch macheiu Diese Maßregel richtet sich besonders gegen die Juden, die wegen der an den russischen Hochschulen für sie gelte nden Prozentnormen sehr häufig gezwungen sind, ihr Studium im Auslande zu beteiben. Durch die fast gänzliche Ausschließung der jüdischen Studierenden aus den russischen Univärsitäten werden sie dazu getrieben, in ausländischen Hochschulen Aufnahme zu ssuchen; und nun soll ihre dort erworbene Bildung hierzulande keine Anerkennung finden! Eine andere Erklärung des Kultusministers besagt, daß die jüdischen Talmud-Thora- Schulen nicht als Normalschulen anzusehen seien und deren Lehrer daher die üblichen Vergünstigungen bezüglich des Militärdienstes nicht genießen können. Das Schlimmste ist, daß der sogenannter Bildungsmtnister Schwarz in der Duma eine bereitwillige Unterstützung seiner judenfeindlichen Politik findet. Die Dumakommission für die Landessicherhelt hat einen Beschluß gefaßt, wonach Juden keine Militärärzte werden und die militärische Medizin-Akademie nicht besuchen dürfen. Der Vorschlag wurde von dem echtrusfischen Abgeordneten Markow eingebracht. Der Kadett General Bobiansky bekämpfte den Anttag in entschiedenster Weise und wieS darauf hin, daß eine große Reihe jüdischer Militärärzte während des russisch-japanischen Krieges bekanntlich aufepfernde und hervorragende Dienste geleistet haben, und daß die jüdischen Aerzte zur Armeereserve gehören. Es wäre ein schreiendes Unrecht, die jüdischen Aerzte von Militärstellungen in Friedenszetten auszuschließen, während man sich ihrer in gefährlichen Kriegszeiten in großem Maße bedient. Diese Ausführungen bleiben jedoch erfolglos, und Markows Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen. So arbeiten Regierung und Duma in ungestörter Eintracht an der fortschreitenden Entrechtung der Juden, womit sie den Fortschritt Rußlands, wie sie ihn verstehen, zu fördern glauben. Moskau, 19. Nov. Die Zeit der großen Messen in Rußland rückt nun näher und da macht sich tiefe Besorgnis in der gesamten Handelswelt geltend, infolge der Gesetze, die die Juden __ ...... . von der Beteiligung an Messen in "den Städten, wo ihnen der Aufenthalt verboten ist, ausschließen. Besonders ungern würden die Juden am Handelsmarkt in Charkow vermißt werden und den Ausfall müßte dann auch naturgemäß die Handelswelt in Moskau in empfindlichster Weise zu spüren bekommen. Aus diesem Grunde haben nun die Moskauer und Charkower Handelsfirmen an die Charkower Börse ein Gesuch gerichtet, in welchem sie bitten, dieselbe möge um Einstellung der Ausweisung von Juden, welche nach Charkow auf die Pokrow-Messe kommen, Schritte tun. Diese Petition ist ausschließlich von christlichen Handelsfirmen unterzeichnet. G r o d n o, 19. Nov. Aüs den Verhandlungen im Prozesse Hillersohns, über welche wir bereits in voriger Nummer berichtet haben, seien noch folgende, in vieler Hinsicht interessanten und bezeichnenden Stellen aus der großangelegten Rede des Verteidigers, Herrn Rechtsanwalt Grusenberg, wiedergegeben: „Htllersohn wird beschuldigt wegen Verbrechens gemäß Artikel 129 deS Strafgesetzes. Dieses Delikt setzt eine Oeffentltchkeit voraus) die Anklage wäre also unmöglich, wenn im Gerichtssaale kein Publikum anwesend wäre. Täten Sie dann nicht besser, die Tür des Gerichtssaales als unseren Mund zu sperren? Ich bin außer Stande, Ihnen hier die Stimmung zu schildern, die der Btalystoker Pogrom-Prozeß bet allen Beteiligten hervorgerufen hat. Aber Sie können mir glauben, daß dieser Prozeß die teuersten Lebenstdeale Hillersohns in Trümmer geschlagen hat. Mein Frennd Htllersohn und ich gehen in der Auffassung über die Judenfrage auseinander. Er glaubte noch, wie das Gros der jüdischen Intelligenz in den Achtztgerjahren, an die Möglichkeit einer Assimilation) der Pogrom von Btalystok hat diesen Lebenstraum vernichtet. Wissen Sie, meine Herren, was das bedeutet, wenn ein Mensch eine so grausame Enttäuschung erlebt, wenn er fleht, daß die jüdische National frage, über die er so lange gegrübelt hat, durch Mörderhände gelöst wird? Und der Prozeß selbst? Da wollte man den Juden selbst das rauben, was ihnen nicht einmal die Pogrommörder wegnehmen konnten — ihre Ehre. Der Herr Staatsanwalt hat an Htllersohn die Frage gerichtet, warum er fich denn mit den Pogroms und nicht mit der Geldfrage beschäftigt habe, da er doch der Anwalt der Beschädigten war. Also wegen Geldes dürfen wir sprechen, nur nicht wegen der Ehre unserer geschändeten Töäster. Wohin soll das führen? Juden haben fich an der Revolution beteiligt! Ja, richtig. Aber doch nur deshalb, weil man uns vogelfrei erklärt hat. Weil die Blutströme von Kischinew und Biathstok das Gemüt unserer Intelligenz zur Verzweiflung getrieben haben. Ich besitze nicht die Macht, za strafen oder zu befreien. Ich glaube jedoch an den Steg der Gerechtigkeit. Denn ohne diesen Glauben wäre ich gar nicht in diesen Saal getreten. Sie müssen die Rechte der Verteidigung wahren, denn ohne Verteidiger ist jeder politische Prozeß unmöglich. Das mußte selbst Plehwe anerkennen. Beseitigen Sie die Verteidigung, dann bleibt das Gericht bloß ein schöner Sarg mit einem lebsosen Inhalte. An dem Tage, da Sie uns des freien Wortes berauben, bringen Sie gleichzeitig die russischen Gerichte in Gefahr. Allein, wie immer Ihr Urteil ausfallen mag, wir russischen Advoka en haben nie Furcht empfunden und werden auch künftighin der Furcht nicht zugänglich sein. Wohin immer uns das Schicksal auch führen mag, üöerall wird laut und entschieden aus unserem Munde das freie Wort erschöllen." Die feurigen Worte des Verteidigers machten gewaltigen und nachhaltigen Eindruck — auf das Auditorium, nicht aber auf die Richter. Denn Hillersohn wurde, wie bereits mitgeteilt, zu einem Jahre Festung verurteilt. Odessa,21.Nov. Die völlige Ausschließung der Juden vom Wahlrecht ist es, was unsere von den Verbändlern - völlig beherrschte Stadtduma zurzeit anstrebt. So wurde ein von dem Pogromhelden Pelikan eingebrachter Antrag mit großer Mehrheit angenommen, den Zarenin einem Gesuche um gänzliche Ausschließung der Juden von den Wahlen zur Reichsduma zu bitten. Vergeblich protestierte der einzige fortschrittliche Stadtverordnete N owikow dagegen, der darauf hinwies, daß eine Aenderung eines SraatSgrundgefetzes nur mit Zustimmung der Reichsduma vorgenommen werden könne und daß die recht-