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Der Israelit · 1909-11-25 · Heft 47 (25.11.1909) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 47 (25.11.1909)
Date
1909-11-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette«. Rr. 47 Der Mraütt. «hörtentrotzdÄn „sie sich gewissermaßen als Parias Letrachten mußten" — sie fanden nicht den Mut zu dem „Hibodlu" der Torah, denn die „Gesellschaft der Freunde" übte neben dem Trefah essen ja auch die „Wohltätigkeit!" Man muß gerade bei solchen kleinen Zügen verweilen, weil sie den Schlüssel zu so manchen größeren Vorgängen und Ereignissen liefern, die sonst schwerer verständlich wären. Und so gibt diese „Toleranz" oer konservativen Juden denn auch die Erklärung für die dreiste Brüskierung ihrer allergerechtesten und bescheidensten religiösen Forderungen seitens der Gemeindegewaltigen in der bald hernach anhebenden Zeit der Herrschaft der Reform. „Ein artiges Kind fordert nichts, eS bekommt aber auch nichts", hat nur allzu treffend Bismarck einmal gesagt. In dieser Rolle des artigen Kindes aber haben sich die Berliner konservativen Kreise gegenüber den un «Egen liberalen nur allzu lange gefallen. In der Politik und so auch im jüdisch-politischen Leben behält nur der Recht, der jederzeit und ent schieden fordert. Wer sich mit Füßen treten läßt und dabei noch froh ist geduldet zu werdenwer sich seiner religiösen Empfindungen wegen als Paria in einer Gesellschaft fühlt und dennoch unentwegt an ihrer Fahne festhält, über den schreitet die Realpolitik des Tages erbarmungslos hinweg- und das war das verdiente Schicksal -es Berliner Konservativismus! Einmal gab es übrigens doch koscher zu essen in der „Gesellschaft der Freunde"- das war i. I. 1842 bei dem fünfzigjährigen Jubiläum der Gesellschaft. Aber belleibe nicht etwa für die Öe „Gesellschaft" - dreihundert Mitglieder en der Tradition und ihren Prinzipien treu und aßen wie sonst trefahfür 70 Personen, die darauf refiektierten, dagegen wurden an Extratischen koschere Speisen angerichtet. Und weil das koschere Essen besser zubereitet war als der Rippenspeer und die Krebssuppe auf der anderen Seite des Hauses, „so hatte der koschere Tisch die Genugtuung, daß viele von den anderen Tischen kamen und förmlich darum bettelten sich an jenem beteiligen zu können." (In Berlin nennt man so etwas einen „Kiddusch haschen:!") Herr des Himmels! Also 70 Mann waren da. mals in der Gesellschaft gegenüber 300, die noch konservativ genug waren, um bei dieser Gelegenheit ihr Religionsgesetz demonstrativ zu betonenwas hätte diese Minorität von fast 25 pCt. nicht durchzusetzen vermocht, wenn sie nur den Mut der Rücksichtslosigkeit besessen hätten auf einen Schelm anderthalb zu setzen! Beinahe hätte es übrigens in der „Gesellschaft der Freunde" sogar noch einmal koschere Tafel gegeben. „Einige Jahre später," so erzählt A. H. Heymann bei dieser Gelegenheit, „besuchte der so allgemein geachtete SirMosesMontefiore aus London auf seiner Rückreise von Petersburg, wohin er sich im Interesse der russischen Juden begeben hatte, auch Berlin, wo er sich mehrere Tage aufhielt. Dem Manne, der auch hier allgemeines Aufsehen erregte, wurde seitens der jüdischen Gemeinde jede nur mögliche Ehrenbezeugung zuteil und die „Gesellschaft der Freunde" wollte ihm zu Ehren ein großes Festmahl bereiten und zwar — man höre und staune — ein streng koscheres. Er nahm es jedoch nicht an . . ." Jedes Wort des Kommentars erscheint überflüssig und könnte die Kraft der Antithese nur ganz empfindlich schädigen. Wie weit die antijüdische, nicht einmal die anttkonservative Verbissenheit der „Gesellschaft" damals ging, mag man am besten aus folgendem kleinen Geschichtchen entnehmen, das ebenfalls an dieser Stelle A. H. Heymann erzählt: „Ungefähr im I. 1851 hatte ein Herr Zechltn die jüdische Gesellschaft der Freunde zu seiner Universalerbin eingesetzt. Als nun das Stadtgericht den Vorstand, dessen Vorsitzender ein getaufter Jude war, von dem Testament benachrichtigte, ging die Antwort zurück: „Die Gesellschaft der Freunde ist keine jüdische Gesellschaft." Da aber keine andere Gesellschaft der Freunde in 1 Berlin aufzutreiben war, so mußte der verehrliche Vorstand sich schließlich doch zur Annahme des Legats bereit finden lassen, aber nicht ohne sein Gewissen dahin zu salvieren, daß er mit süßsaurer Miene dem. Stadtgericht erklärte: „Die Gesellschaft sei zwar von Juden begründet, habe aber keine jüdisch-konfessionellen Tendenzen!" Und diese Gesellschaft hatte es gewagt, einen Moses Montefiore an ihren Tisch zu laden! LOf*. f&omfponb enzen und Nachrichten. Deutsche» Metch. Bremen, 32. Nov. In dem jetzt erschienene Berichte des Bremer Komitees für hilfsbedürftige durchreisende Juden (Hilfsverein der deutschen Juden) pro 1908 lesen wir u. a folgende sehr interessante Unterredung des Sekretärs des Hilfsvereins Herrn Bloch mit dem Generaldirektor der argentinischen Einwanderungskommission Herrn Alsina: „Herr Alsina äuß> rte sich mir gegenüber wie felgt: ,,Es freut mich außerordentlich, daß der Hilfsverein der Den scheu Juden ein Mitglied zum Zwecke des Siudiums der araentimschen Einwandernngsfrage delegiert hat. Ich bitte Die zur Kenntnis zu nehmen und es auch Ihren Freunden in Europa bekannt zu geben, daß unsere Negierung mit den jüdischen Einwandern außerordentlich zufrieden ist. Die Juden sind sehr fleißig, arbeitsa » und anständia. Sie verdienen ihr Brot und kommen sogar oft zu Wohlstand und Reichtum nur dank ihrem Fle ße und ^ioui ä fsil lionorodlemenl". Gewiß gibt es unter den?«uben, wie unter allen andern Einwanderern, manche die in ihren Handlungen und ihrer Lebensweise zu wünschen übrig lassen, ich kann aber sagen, daß ihre Zahl prozentual sehr gering ist. Die Juden sind durchaus nützliche Elennnte sür unser Land. Auch in den Schulen zeichnen sich die Juden aus. Die jüdische Jugend ist sehr fleißig und sehr begabt. Die Juden habere bei uns so manche Industrien nicht nur weiter entwickelt, sondern geradezu geschaffen, wie Mützen und Hutiabrikation, Leder- und Lederindustrie, Konfekion und manches andere. Sehen Sie, alle Sessel, Stühle, Sofas, Schreibtische und Pulte in eie ein Bureau, das ist alles hiesige Produktion, die zum größten Teil von jüdischen Händen herrührt. Auch als Ackerbauer und Viehzüchter haben die Juden bei uns sich gut berührt. Wir wünschen mehr und mehr die Einwand rung solcher nützlichen Elemente zum Besten unseres Landes, und die Juden werden auch ihrerseits mir unserer Regierung zufrieden sein. Wir machen nie und werden auch nie einen llnterschied machen zwischen Konfessionen, jeder kann und loll nach seiner Religion leben, nach seinem Ge issen; unser Land ist das Land der absoluten Freiheit. Die Juden sollen bei uns eine neue Heimat finden, in der sie sich als Bürger sicher und wohl fühlen werden. Wenn Sie es möglich finden daß die Juden noch andere Industrien bei uns einführen und fördern können, so seien Sie ve sichert, daß sie stets das Wohlwollen und das weitestgehende Entgegenkommen seitens unsere Regerung finden werden " Der Bericht enthält außerdem noch sonstige interessante Daten über die jüdische Einwanderung in Argentinen. Die Jahresrechnuug bilanziert mit Mk. 120i 98,96 an Einnahmen und Mk. 11900t,15 an Ausgaben. Straßburg, 22. Nov. In Sulz u. Wald hatte sich das Gerücht verbreitet, daß das dortige Rabbinat bei der Neueinteilung der Rabbinatsbezirke aufgelöst werde» solle. Daraufhin wurde von den zum betres. Rabbinate gehörenden jüdichen Kultu.gemeinden Sulz u. Wald, Hatten, Sarburg mib Kutzenhausen ein Gesuch an das Ministökiunl uild zugleich all das Jsr. Konsistorium zu Straßburg gerichtet mit der Bitte, )as Rabbinat Sulz u. Wald auch nach fernerhin leftehen zu lassen. Aus dem in den letzten Tagen den Konsistorien vorgelegten Regierungsentwurfe geht nun hervor, daß genanntes Rabbinat nicht nur bestehen bleibt, sondern auch gäuz bedeutend vergrößert wird. Außer abgenannten Kultusgemetnden werden fernerhin noch diejenigen von Niederrödern, Draöhenbronn, Wörth, GörSdorf, Langenfulzbach und Lembach dazu kommen, wodurch das Rabbinat Sulz zu den bedeutesten des Bezirkes gezählt werden kann. Aufgelöst werden durch die Neueinteilung der Rabbinatsbezirke die bisherigen alten Rabbinate Lauterburg,Maurmünster undQuatzenheim und die dazu gehörenden jüdischen Gemeinden werden je nach ihrer L i ge anderen Rabbinaten zugeteilt. Dahingegen ist für Straßburg die Gründung eines zweiten Rabbinats vorgesehen. Bei der Einteilung ist die Regierung von dem Grundsätze eingegangen, die Rabbinatsfitze womöglich in Kanton- und Kreishauptstädte zu verlegen; so erklärt sich die geplante Verlegung der bisherigen Rabbinatsfitze von Dambach nach Barr, von Fegersheim nach Erstein und von Schirrhein nach Bischwetler. Im Ober-Elsaß war diese Neueinteilung notwendig und bedeutet kaum eine tatsächliche Veränderung, da ja dort eine große Anzahl alter Rabbinate nur noch dem Namen nach existierten. Diese wurden schon längst nicht mehr^ besetzt, sondern von Nachbarrabbinern interimistisch verwaltet. Fast jedem Rabbinat im Ober-Elsaß waren ein, manchmal auch zwei weitere Rabbinate zur interimistischen Verwaltung zugeteilt. Nach der neuen Einteilung sollen 13 Rabbinate im Ober-Elsaß aufgelöst werden, nämlich: Dürmenach, N iederfePt,Uffho lz, Senn heim, Niederhagen tal,Plotzhetm, Sierenz,Pfa statt, Rixheim, Sulzmatt, Hatstatt, Biesh e i m und B e r g h e i m. Dahingegen wird Mühlhausen zwei Rabbinate erhalten. In Senn heim bleibt, wie bereits berichtet, das Rabbinat, solange es von Herrn Rabbiner Bamberger verwalret wird, bestehen. Zn Lothringen bestanden bisher nur drei Rabbinate, nämlich Metz, Saargemünd und Pfalzburg. Nach dem Regierungsentwurf kommen hierzu noch Diedenhofen und Morchingen, während der Sitz des Rabbinats von Pfalzburg nach Saarburg verlegt wird. So wird es fortan in Elsaß-Lothringen 31 Rabbinate geben, von denen 16 auf das Unter-Elsaß, 10 auf das Ober-Elsaß und 5 auf Lothringen entfallen. Gleichzeitig mit dieser Neueinteilung der Rabbinatsezirke plant die Regierung auch die Errichtung einer begrenzten Zahl von staatlich besoldeten Kantorenftellen, wobei aber ausschließlich minderbemittelte Kultusgemeinden berücksichtigt werden sollen. Hildburghausen, 19. Nov. Aus Anlaß eines Spezialfalles, der in der Gesetzgebung noch nicht vorgesehen war, hat das altenburgische Ministerium bestimmt, daß Schulkinder jüdischen Glaubens an jedem Sabbat sowie an jüdischen Feiertagen vom Schulunterricht zu dispensieren sind, sofern die Eltern der Kinder dies verlangen. Oesterreich. Wien, 19. Bov. Im Verlaufe der Wahlrefvrmdebatte im Bukowinaer Landtage hat der Präsident des jüdischen Klubs, Abgeordneter Dr. Strauch er, in einer großangelegten Rede noch einmal die Forderung bezüglich des jüdischen Katasters entwickelt. Der Redner führte u. a aus: „Die Regierung möge sich wohl überlegen, ob es anje eigt erscheint, daß gegen den Willen zweier Volksiämme des Landes, die Deutschen und Juden, welche zusammen mehr als 170 000 Einwohner repräsentieren und, ohne jede Ueberhebung, auf allen Gebieten zu den größten Kulturelemeiten des Landes gehören, die größte Steuerlast . des Landes repräsentieren, in Gewerbe, Handel und Industrie und in den fteten Berufen auSchlaggebend find — eine Wahlreform geschaffen werden oll, durch welche Deutsche und Juden und insbesondere sie letzteren vergewaltigt werben sollen! Sie sanieren das unL zugefügte Unrecht nicht durch die uns zugewiesenen Mandate, denn die Wahlbeztrksetnteilung enthält nach Ihrer Vorlage die kraffe,:en Ungerechtigkeiten. Sie sehen, meine Herren, Wahlbezirke mit 6000 Einwohnern, aber auch mit 7000, 20000 oiS 25000, 36- bis 46000, ja 70000 Einwohnern. DaS nennt man nach

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