Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 47 (25.11.1909)
- Date
- 1909-11-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Ko. 47. Seite 6 die einzelnen in die *?K my eintreten, jeder mit der besten seiner Gaben, mit dem ganzen Segen, den sein Stamm vom Vater Jakob erhalten. Die Gemeinde heißt auch V125C und fordert von den Teilen, aus denen sie sich zusammensetzt, daß sie sich als einzelne Körner im Gesamtspeicher betrachten und die Gemeinde als den Fruchtschatz ansehen, in welchen diese Körner zur Geltung kommen. Jeder einzelne sei sich dessen bewußt, daß der Segen, den er vom Gemeindeverbande empfängt, weit größer sei als der, den er ihm für sein Teil zuführt Die einzelnen sollen durch ihren Zusammenschluß zu einer Gemeinde, zu einer echt jüdischen Gemeinde Großes gewinnen: die Zusammengehörigkeit mit Gesamt»-Israel, das allen Regungen des Herzens, dem Hoffen, Beten, Ahnen, Glauben und Handeln des in seiner Vereinzelung weltverlorenen Jsraelsohnes seine höheren Ziele vorhält, und das in der dieses Judentum vertretenden Gemeinde den Ausdruck seiner großen Solidaritätsgedanken findet. An der Schwelle des Familienhauses winkt die Gemeinde mit ihren jüdischen Zielen und Forderungen. Das jüdische Haus erzieht jüdische Männer und Frauendie jüdische Gemeinde erzieht jüdische Charaktere! Für Israels Lage gilt das Losungswort: Jeder bei seiner Fahne! Ob dieses nun im Wüstenbrand oder im Eisesland seine Zelte aufschlägt. In Israel soll jeder seinen Bater und seine Familie kennen! Es soll einem jeden geboten sein, nach Maßgabe der ihm vom Bater und Stamme aus überkommenen Ueberlieferung und anerzogenen besonderen Fähigkeit zu den Forderungen des Gemeinwohles Stellung zu nehmen. Das Gemeinwohl, namentlich die Einzelgemeinde kann bei einer solchen ehrlichen Selbsteinschätzung der moralischen, intellektuellen Leistungsfähigkeit seitens des einzelnen nur gewinnen, indem ihre verschiedenen Teilzwecke die warme Einzelpslege erfahren, von der die mächtige Förderung des Gesamtzweckes bedingt ist. In der Tat sehen wir bei aufmerksamer Betrachtung des altjüdischen Gemeindelebens, daß dasselbe um so schönere Blüten trieb und gesündere Früchte zeitigte, je tiefer es in seinem geschichtlichen Boden wurzelte und sich nach seiner Eigenart aus seinen Anfänge-« heraus entwickelte. - (Fortsetzung folgt.) Alt-Berlin. Bon Dr. Ed. Biberskld in Berlin. II. Im Juni 1829 hielt A. H. Heymann als frischgebackener Ehemann seinen Einzug in Berlin, das fortan seine Heimat werden sollte. Es ist bezeichnend für die Bescheidenheit der Lebensansprüche jener Tage, und diese wieder machen es erklärlich, wieso man damals noch nicht so leicht bei der Hand war, sein Judentum den „Lebensanforderungen" zu opfern, daß die ganze Einrichtung des jungen Paares 500 Thaler kostete, die Wohnungsmiete 130 Thaler pro Jahr betrug! Dabei stammte die junge Frau aus reichem Hausesie war die Tochter des durch seine große Bethhamidresch-Stiftung berühmt gewordene Mauroh Leipziger in Breslau und hatte eine für damalige Begriffe sehr ansehnliche Mitgift erhalten. „Es war allerdings", so bemerkt hierzu A. H. Heymann, „damals eine andere Zeit und zu den Seltenheiten gehörte der leichtsinnige Charakter eines jungen Ehemanns, der, wie es bei der fortgesetzten Kultur in der Gegenwart gar zu häufig geschieht, den größten Teil der Mitgift zu einer verschwenderischen Hauseinrichtung verwendet hatte." Dafür gönnte sich das junge Paar einen anderen kostspieligen Luxusalle Formen echtjüdischen Gemiluth chassodim waren ihm geläufig und in ihnen betätigte es sich in seltener Gleichstimmung der Seelen durch sein ganzes Beisammenleben. Aber A. H. Heymann gab nicht nur gern und mit vollen Händen, sondern er stellte auch seine Person stets bereitwilligst in den Dienst der npnx und verstand es meisterhaft, auch andere zum Geben und Tun zu veranlassen. Nimmt man hinzu, daß er über ein ungewöhnliches organisatorisches Talent und eine vor keiner Schwierigkeit zurückbebende Energie verfügte, so wird es nur allzubegreistich, daß sehr bald kaum ein Wohltätigkeitsinstitut, kein gemeinnütziger Verein bestand, in dessen Vorstand A. H. Heymann nicht gewesen wäre. Und da er auch über diese Seite feines Lebens in seinen „Erinnerungen" sich genaue Rechenschaft ablegt, so erhalten wir hierdurch eine große Reihe bezeichnender Züge aus dem jüdischen Bereinsleben damaliger Zeit, und damit eine Charakteristik der maßgebenden und einflußreichen Kreise, die für die Beurteilung jener Tage von unschätzbarem Werte ist. Da ist die „Gesellschaft für Freunde", jene Gründung, darin F riedländer unseligen Gedenkens und seine Kumpane, die, weil es öffentlich damals noch nicht ohne eine gewisse Leibesgefahr anging, sich in diesem Klub ein ungestörtes Retiro geschaffen hatten, um ihre Pfeife am Sabbat in Ruhe rauchen zu können! Diese schöne Tradition lebte noch in den Tagen, da A. H. Heymann ihr Mitglied war — und lebt auch heute noch — in reinster Kultur fortsie „war nicht nur bestrebt ihren jüdischen Charakter, sondern auch ihren jüdischen Ursprung zu verleugnen, und dies ist weniger verwunderlich, wenn man erwägt, daß in der Verwaltung fast immer mehrere getaufte Juden saßen!" Und nun kommt etwas, was so recht bezeichnend für die leidige „Toleranz" der konservativen Berliner Juden und wohl auch nur für denjenigen verständlich ist, der das hiesige Milieu genügend kennt, um die Allmacht der humanitären Phrase in ihrer ganzen unbegrenzten Wirkungskraft richtig einschätzen zu können. „Wenn es auch hieß, daß mit der Begründung der Gesellschaft im Jahre 1792 eine anti-konservativ-jüdische Richtung beabsichtigt worden, so hatten sich ihr im Laufe der Zeit doch eine große Anzahl strenggläubiger Juden angeschloffen, weil sie deren wohltättge Tendenz im Auge hatten und daher lediglich die jährlichen Beiträge zahlten, ohne einen sonstigen Genuß in Anspruch nehmen zu wollen!" Also, trotz der „antikonservativen" Gründungstendenz, trotz der Verleugnung des jüdischen Ursprungs in der Verwaltungspraxis, trotz der Borstandschaft von Täuflingen und ihres Einflusses auf dieGebahrung dieses „jüdischen" Vereins, konnte selbst ein so starkgeistiger Mann und überzeugt orthodoxer Jehudi wie A. H. Heymann nicht die Formel finden, die allein einem solchen Konventikel gegenüber angebracht war und ist, konnte „eine Anzahl strenggläubiger Juden" es sich nicht versagen, mitzutun, weil sie die wohltätigen Tendenzen der Gesellschaft im Auge hatten. Klingts nicht wie ein Mär aus unseren Tagen, und wie wenig haben wir inzwischen doch aus den Ereignissen zugelernt! — An den festlichen Veranstaltungen der „Gesellschaft der Feinde" konnten — und könnten! — die konservativen Mitglieder nicht teilnehmen, weil es dabei streng trefah zuaeht. „Wenn dies einmal von einsichtsvollen Männern gerügt wurde, so hörte man allemal von gewisser Seite her die Anwort: Es wäre inkonsequent, wenn man hier jemand wollte koscher zu essen gebendenn unsere Gesellschaft ist ja gerade aus Opposition gegen den Konservativismus gegründet worden." (Woraus man —nebenbei — ersehen mag, daß die „Magenfrage" selbst für den Ueberliberalismus unter Umständen eine Prinzipienfrage sein kann!) Man kann dieser Anschauung die logische Richtigkeit nicht absprechenaber trotzdem in dieser Weise den Konservattven förmlich wörtlich gesagt wurde, daß sie nicht in die „Gesellschaft" denen Verhältnissen gelebt: aber wer diesen Schatz an jüd'schen Werken sah, unter denen matt alles s'nden konnte, was auf dem Gebiete unseres heiligen Schrifttums irgend Bedeutung hat, der mutzte meinen, tver sich solchen „Luxus" leisten konnte, durfte gewiß aus dein Vollen schöpfen. Nur wenige wissen, daß in diesem Hause gern gedarbt «vurde, dainit man nur für Tyn2££ uird e.anz speziell für Anschaffung von nicht kargen brauchte. In diesen D'^BD hat die Verstorbene die persönlichen Freunde ihres Mannes gesehen; von niemand glaubte sie sich so verstanden, wie von ihnen, die ja mit ihr am meisten die Trauer und die Vereinsamung mitfühlen mußten. .pt ttHH' war ja nie : and mehr oa, der in ihnen forschte, sich um sie kümrnerte. Im Raume der Bibliothek wurde auch die ungedruckte, handschriftliche Hinterlassenschaft Rabbis Dimons und die zumeist Anfragen enthaltenden Briefe vieler, man möchte sagen, aller namhaften jüdischen Großen aufbewahrt. Der Schreiber dieser Zeilen ward dessen gewürdigt, einen Blick in diese Schriften werfen zu dürfen, und da fand er u. a. auch eine Korrespondenz, die R. S. Hurwitz mit Fr. Delitzsch, jenem evangelischen Theologen von europäisch, m Ruf, gepflogen. Delitzsch ist da fast immer mit rein hebrä'schen, oder doch so mit hebräischen. Worten und Zitaten durchsetzten Zeilen vertreten, daß man sich «reuen dürfte, wenn jeder deutsche Jude so zu korrespondieren verstünde. Delitzsch kündigt sich an, daß er an dem >,nd dem Tage persönlich vorsprechen würde. Er bedankt sich für die Winke, die ihm Hurwitz bei -er Durchsicht einer seiner Schrisim vor deren Veröffentlichung gegeben und meint, daß es ihm selber nie gelungen wäre, seine eigenen Fehler zu bemer en, denn, so schließt er, pB’ ’ö wer emdeckte seine ligenen Jrrtümer? Am rührendsten ist aber folgendes Schreiben. Hurwip batte sich um Naturalisation beworben, war abschlägig beschieden worden und hatte Delitzsch sein Leid geklagt .Delitzsch erinutigt ihn zu einer Erneuerung des Gesuches, er könne sich nicht denken, daß ein Rekurs an die Kreishauptmanuschast nicht doch oon Erfolg sein sollte und er fährt dann fort: „Ich kann sagen, daß Leipzig sich rühmen darf, in Ihnen einen der größten, nein, vielleicht den größten Takln udkenner der Gegenwart zu besitzen, dessen Gutachten und Meinungsäußerungen von einem Ende Europas bis zum anderen für gewichtvoll, ja, für entscheidend gelten; und daß Sie, obgleich ein so großer Gelehrter, aillem gehässigen und fanatischen Treiben grundsätzlich sernstehen, das habe ich in dem langjährigen Verkehr mit Ihnen, dessen ich gewürdigt ward, genügsam erfahret. Ihr ganz ergebener Geheimer Kirchenrat Prof. Dr. Delitzsch." Seit unsere Rebbezin Vt des Weg alles Sterblichen gegangen, ist die Stätte, die diese Erinnerungen barg, anderen, profanen Zwecken zugefübrt worden. Dieser Tage ward der Haushalt aufgelöst . Das Andenken der frommen Bewohner des früheren Leipziger Rabbinerhauses soll unserem Gedächtnisse nicht entschwinden. E. C. (Die Tempelsänger.) In der in Wien erscheinenden Zeitschrift „ D i ef Wage " veröffentlicht E. Lädier unter obigem Trtel folgendes auf einer tal- «nudischen Erzählung basierende Gedichtchen: . . So stimmt doch an das Tempellied, Das ihr gespielt im Heiligtum!" „ „Im fremden Land der Sang verblüht Und unser Lied ist tot und stumm!"" „Tie Harfe hat wohl noch den Ton, Ten vollen, schönen Saitenklang? Nebukadnezar lehrt euch schon Entlocken ihr den alten Sang?" Da hingen sie auss Weideholz Tie Harfen auf — ihr letztes Gut. Ein einz'ger Schlag, geführt vom Stolz Tie Finger lagen da .... im Blut, Tie Finger, die im heil'gen Amt Einst meisterten das Saitenspiel — Auf daß sich niemand mehr entflammt An Gottesfängen im Exil? Es floß ihr Blut, wie vom Altar Das Opferblut einst: rot und heiß. Mit ihm verschwand für immerdar Das Tempellied zu Gottes Preis - „ „Nun übe du nur deinen Zwang! Nicht greift zur Harfe unsre Hand. Auf fremder Scholle stirbt der Sang, Das Lied verstummt in Feindesland!"" Und feierlich sie traten vor Und hielten ihm die Hände hin - Ta öffnete er still das Tor Und ließ sie schweigend weiterzieh'n. Ü