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Der Israelit · 1909-11-25 · Heft 47 (25.11.1909) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 47 (25.11.1909)
Date
1909-11-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ig Mtm über der will. rabbineickommisfion denken wie man immer wm, so ist doch weit über diese Angelegenheit hinaus der Wille zur Macht und zur Selbständigkeit, den die gesetzestrene Judenhett in Rußland so einmütig und intensiv bekundet, erfreulich und hoch bedeutsam. Die bislang führerlosen Massen haben die erste Gelegenheit benutzt, um zu zeigen, daß sie da find, wenn sie gerufen werden, daß sie mit Herz und Hand hinter ihren Führern stehen. So mögen denn diese ruhig weiter schreiten und ihren Getreuen, die, wenn sie wollen, eine ganz ungeheure materielle und geistige Macht bilden, den Weg weisen zu dauernder Organisation für Gott und sein Gesetz. Die Aufgaben einer Wurden Gemeinde in der ßeuzeit. Bon Rabb. Josef Nobelm in Halberstadt. Hochgeehrte Versammlung!*) Herzlich dankend komme ich der mich sehr ehrenden Auffordernng der löblichen Einberufer dieser Vorversammlung zur Repräsentantenwahl in der hiesigen altehrwürdigen jüdischen Gemeinde nach, in einer diese Gemeinde betreffenden hochwichtigen Angelegenheit das Wort zu ergreifen. Es handelt sich um die demnächst zu rekonstruierende Vertretung der Gemeinde, um das Ziel, das diese anzustreben und um das Programm, das sie zur Erreichung ihres Zieles auszuführen haben wird. Es handelt sich nicht um Personen, sondern um die Sache. Es ist eine die Gemeinde berührende heilige Sache, die durch ihre große Tragweite mit den Interessen des hiesigen engeren Gemeindeverbandes zugleich die Interessen des Judentums berührt. Die Besprechung des vorliegenden Gegenstandes erfordert einen über die Gemarkung dieser Stadt hinausreichenden, weite Fernen umspannenden Horizont. Darum dürfte es gerechtfertigt erscheinen, wenn ein Gast aus der Ferne sich heute in Ihrer Mitte zum Worte meldet. Dem allen persönlichen Fragen vollkommen Fernstehenden ist es um so eher möglich, der Hauptfrage mit ungetrübtem Blicke und unbefangenem Urteil gegenüberzustehen. Verehrte Versammlung! Meine Herren Gemeindemitglieder! Sie leben gegenwärtig in einem gehaltschweren Uebergangsmoment. Die alte jüdische Gemeinde geht nieder, und Propheten der Neu- *) Bortrag, gehalten in der in Posen am 9. Nov. 1909 stattgefundenen Versammlung des „positiven Block". , au. lütter Posen, dieser einzigen öNi wird eine Neugeburt verheißen. Sind's wie einst bei Mutter Sara freundliche Engel der Liebe, die die Botschaft bringen? Sind sie von Vorboten der Zerstörung begleitet? Ich halte es nicht für meine Aufgabe, diese Fragen zu beantworten. Ernste Tage kommen. Es können im Kampfe der Meinungen und Interessen die Leidenschaften der Kämpfer entfesselt, die Stimmen der Wahrheit und der Gerechtigkeit übertönt werden. Um so wichtiger und nötiger ist es, vor dem anbrechenden drohenden Morgen das Heute wahrzunehmen. Heute schweigt noch der Lärm der Wahlschlacht. Heute hat das ruhige, innerlich überzeugte Gewissen das Wort, und dies Wort kann und soll ein Wort des Friedens sein. Dieses „Heute" zu benützen, diese vorbereitende Spanne Zeit mit der wohlüberlegten zielbewußten Erwägung dessen auszufüllen, was Sie, was wir ffHW sollen und wollen — darin erblicke ich den Zweck meines Hierseins. Einst geschah es, da stand Josua mit seinem wohlgerüsteten Heere vor Jericho. Noch hatte die Kriegstrompete nicht das Zeichen zum Aufbruch gegeben und die Posaunen, die die Mauern der Zwingburg niederschmettern sollten, schwiegen noch. Da erblickte Josua, der Führer des Volkes, einen fremden, ungekannten, mit dem Schwerte bewaffneten Mann, und er fragte ihn: Gehörst du zu uns oder zu unfern Gegnern? Der Mann gab sich als ein Sendling Gottes zu erkennen und sprach: „'HKl nny ich bin wegen des jetzigen Momentes gekommen! Mich rief nicht die Kriegstrompete von morgen, sondern der ruhige Rüstabend von heute, und der Boden, auf dem du, Josua, stehst, ist ein heiliger Boden." Nun, meine Verehrten! Auch ich, einer der letzten und schwächsten Diener unseres Gottes, des Gottes Israels, auch ich rufe es den sehr geehrten Führern dieser Bewegung zu: TiKS nny. Ich bin wegen des „Heute" gekommen, und bet Boden, auf dem wir stehen, ist ein heiliger Boden, und die Mittel, deren wir uns bedienen, sollen der heiligen Sache, der sie dienen, würdig sein. An die Pforten der alten jüdischen Gemeinde wird ungestüm gepocht, und man fordert im Namen der Neuzeit Einlaß in die Gemeindestube, Einlaß in die alten Gemeindeinstitutionen, Einlaß für alles/was den Stempel des „Liberalismus" und. der modernen Aufklärung trägt, und man zitiert den Geist des Jahrhunderts, der in allen Landen umgeht, und vor dem sich die alten Mauern unseres Religionsgebäudes zur Erde neigen und alle Türen, auch die, die in unser Allerheiligstes führen, öffnen müssen. Was ist Wahres, Gerechtes an dieser Forderung? Ist jener Stempel echt, und wer hat das zudÄcken? Jst dieser Geist des JahWMWK mit seinem neuzeitlich ästhetischen, Diktat so mächtig, so allgewaltig, daß wir alle, daß nicht nur unschuldige Kinder, daß auch in Ehren und im Väterglauben ergraute Männer und Frauen sich in seine Fürsorgeerziehung begeben müssen? Was bedeutet uns die alte jüdische Gemeinde, und was bedeutet uns die Neuzeit? Das ist die Frage. Die Gründung der Gemeinde in Israel datiert von der Stunde, in der Vater im Sterben seinen Söhnen zugerufen: Sammelt Euch! Vom Sterbelager des Vaters tragen die Söhne Jakobs den Batersegen in die Gemeinde Jakobs. Das Vaterhaus erweitert sich zur Brüdergemeinschaft, die sich nach Stämmen gliedert; die Familie stellt ihre Männer und Frauen mit ihren individuellen Gaben und Segnungen in den Dienst der Gemeinde. Die in einzelnen Familienhäusern gepflegten vertraulichen Beziehungen und genährten Traditionen spinnen sich hinaus bis an den Mittelbau, der die treuen Familienväter zur gemeinsamen Wahrnehmung der das enge Heim übersteigenden Interessen unter einem Dache vereinigt. Die Gemeinde bildet den Ueberegang von der Intimität der Famili zu der Oeffentltchkeit des Staates. Seit der Auflösung des jüdischen Staates wie dem Verschwinden der fühlbaren Zentralpunkte einer Gesamt-Jsraelsgemeinde ist die „Gemeinde" im engeren Sinne die Depositärin des großen Gesamtheitsgedankens und der mit demselben verknüpften, ganz Israel berührenden Interessen. Sie ist um so mehr befähigt und verpflichtet, diese Interessen nach der religiösen und humanitären Seite hin zu pflegen, als mit der fortschreitenden politischen Gleichberechtigung ihr Wesen von den politischen Agenden losgelöst wird und den Charakter einer zu religiös-sittlichen Zwecken bestehenden Bereinigung erhält. Diese Zwecke seien vor allem edel und rein wie dieAbsicht derEinzelglieder, die diese Vereinigung bilden. Die Gemeinde heißt bti mji und soll in alten ihren Einrichtungen und Bestrebungen davon „Zeugnis" geben, daß sie Gottes ist, und daß der Geist des erhabenen Jsraeltums, der angestammten Vätertugend und Muttersitte ihre Tempel, Schuten und Häuser durchzieht. Rein sei die my„ in allen ihren der Weihe des Einzel-, des Ehe- und Famllienlebens gewidmeten Stätten, rein wie der Odem des Ewigen, der ihrem Bündnisse Kraft und ihren Schöpfungen Leben gibt. Rein, frei von jedem selbstisch herrischen Gelüste und bereit für den Bruderbund Opfer zu bringen, so mögen Nun aber — noch ist es nicht zu spät, und wenn das Versäumte nachgeholt wird, wenn Bücher, vom Geiste des Judentums erfüllt, in künstlerischer Form und ohne tendenziöse Aufdringlichkeit geschrieben werden, sie werden schnell in wetten Kreisen Freunde finden. Das Mittel, sie zu schaffen, befitzen wir nun, einen klewen Anfang dazu wenigstens. Der Jüdische BolkSschrtftenv e r l a g G. m. b. H. in Frankfurt a. M. bat vor einiger Zeit eine Ankündigung erlaffen, die von dem Erscheinen seiner ersten fünf Bändchen*) berichtet. Das Programm des Jüdischen BolksschrtftenverlagS umfaßt Volks- und Lugendschriften, unterhaltenden, erzieherischen und erbauenden Inhalts. Erzählungen auS der Vergangenheit und. Gegenwatt des Judentums Biographien großer Männer, Darstellungen jüdischer Lehre diese natürlich unter strengster Betonung der Tendenz, Apologetisches, praktische Thema u. a. m. sollen in abwechslungsreicher Folge erscheinen und durch möglichst große Bielseitigkett weitere Kreise zu Lesern finden. Die Jugend und daS Alter, Stadt und Land, Kaufmann und Gelehrter — ein jeder soll an diesen Bändchen seine Ereude haben, und jeder Band soll auf seine Weise zur räfttgung des jüdischen Gedankens bettragen. Die kleinen Bändchen sollen in ihrer stillen, anspruchslosen Art große A.bctt leisten. Sie sollen in unseren Mußestunden zu uns kommen, uns von der Geschichte unseres Bottes erzählen, von den Wechselgängen seines Geschickes, von seiner ewigen Lehre, von dem Lebenswege der Träger und Erfüller dieser Lehre, von der Tiefe der jüdischen Volksseele, von jüdischer Denkungsart, nnd fie alle sollen *) Jedes Bänbchm kostet broschiert 30 Pf., gebunden 50 Pf., in elegantem Geschenkband 90 Pf. Mitglieder der „Freien Bereinigung" können auf sechs Bändchen zu insgesamt 1/20 Mk., gebunden 3,40 Mk. (statt 1,80 Mk. und 3 Mk.) abonnieren. das Judentum in höchster Reinheit wtederfptegeln. Nicht mehr sollen unsere Kinder fich für den Weihnachtsmann, denn Osterhasen und die Martinsgans begeistern aus Mangel an guten jüdischen Büchern, auch nicht für die „sagenhaften Gestalten jüdischer Vergangenheit", wie wir es in sogenanten jüdischen Geschichten lesen, in diesen Bändchen sollen fie das Judentum kennen lernen und so die Kinderstube zum Borhof des GesetzeSheiligtumS werden. In den Kindern liegt die Zukunst, und ein Kinüerherz und ein KtndeSgemüt ist allezeit bereit, stch aus seinen Büchern die Ideale seines Lebens zu schöpfen und seine jugendliche Seele, mit Begeisterung zu erfüllen. Die Begeisterung aber ist die große Kraft, die ein Volk stets aufs neue mit Mut und Zuversicht für den Kampf des Lebens ausrüstet. So werden diese Bücher Mttträger der großen Aufgaben werden, die das Judentum zu erfüllen berufen ist und Mitkämpfer am heiligen Werke der Gesetzesersüllung Noch aber ist erst derAnfang geschaffen. ES gilt an die Arbeit zu gehen. Jahre werden dahin gegangen sein, bis die Saat, die heute gestreut wird, zur Reife kommt, aber kommende Geschlechter werden dankbaren Herzens beS Sämanns gedenken.**) **) Rabbiner und Lehrer werden fich ein Verdienst um die gute Sache erwerben, wenn fie für reichlichen Absatz der Volksbücherei sorgen und auf diese Werse die dauernde Arbeitsfähigkeit und die Ausgestaltung des Berlages — der als gemeinnütziges Unternehmen und ohne die Abficht des Erwerbes arbeitet — sichern helfen. ES erschienen biS jetzt fünf Bändchen, folgende: I.Sabbathstimmungen von ArthurKahn 3. Kinderrräume von Herrn Schwab. 3. Ein Tag aus dem Leben eines Juden von Jubäus. 4. Naturwissenschaftliche Hypothesen im Lichte der jüdischen Anschauung von Pros. (Eine Reminiszenz an Kranz Delitzsch.) Das kurz vor Roschhaschonoh leider erfolgte Ableben der Witwe des früheren Leipziger Rabbiners R. Simon Hurwitz ist in diesen Blättern bereits gemeldet worden. Nur Eingeweihte können die Größe des Verlustes ermessen. Die Verewigte hat es mit unübertrefflicher Meisterschaft verstanden, das Andenken ihres großen Mannes den vielen hiesigen, die zu seinen Schülern und Verehrern gezählt, sowohl, wie den zahlreichen Fremden, die bei ihm Rat und Belehrung gesucht hatten, frisch und lebendig zu erhalten. Ihres Mannes Hinterlassenschaft wahren, das schien ihr die von der Vorsehung ihr zuerteilte Aufgabe. In dem bescheidenen Zimmerchen, das ihr Rabbi durch sein gottgeweihtes Leben und durch sein unausgesetztes Thorastudium geheiligt hatte, durfte nichts, auch nicht das geringste geändert werden. Der Tisch, auf dem die Erklärung zum „Machsor Vitry" mit der herrlichen Einleitung dazu entstanden ist, wo die Herausgabe des ferttggestellt und alle die übrigen Geisteserzeugnisse des Weltweisen in Leipzig gedacht und geschrieben wurden, durfte nicht von der Stelle gerückt werden, er war ihr der jnSltP *7 Wie ein Q’EHp '»EH'3 bewahren die ehrwürdige Matrone die große Bibliothek ihres seligen Mannes. R. Simon Hurwitz hat in äußerst deschei- Dr. Fink. 5. Skizzen und Lithauer von S. Schachnowttz. Die Bändchen eignen fich in dem schmucken Einband, den thnender Verlag gegeben, trefflich zu Geschenkzwecken; auch wirb sich mancherorts etn Mäcen finden, der die Mittel zur Verfügung stellt, um die Broschüren unter Schülern und Schülerinnen der Religionsschulen zu verteilen.

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