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Der Israelit · 1909-11-18 · Heft 46 (18.11.1909) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 46 (18.11.1909)
Date
1909-11-18
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 18 Nr. 46 Der Israelit. 18 November 1908. doch Achab hinzuhalten. Bis endlich nach dreijährigem Waffenstillstand Achab sich rüstete, den wichtigen Stützpunkt Ramoth Gilead mit der Waffe in der Hand zu nehmen. Trotzdem war sein Land zu sehr entkräftet, als daß er allein den Schlag zu führen gewagt hätte. Da kam ihm ein, wie es scheint, unerwartetes und an und für sich sehr auffallendes Ereignis zu Hilfe. In Juda war auf Asa sein Sohn Josaphat gefolgt. Er setzte das Werk seines Vaters fort und rottete den Götzendienst völlig aus Juda aus. Mit Nachdruck wird allerdings das Land Juda erwähnt. In den von seinem Vater eroberten Städten Ephrajims scheint er in religiöser Hinsicht nicht den Erfolg gehabt zu haben wie in politischer. In den Städten Judas aber entwickelte er eine rege Tätigkeit. Er entsandte Sendboten in die Städte, Gelehrte, Leviten und Priester, die als Wanderlehrer von Ort zu Ort zogen und die vergessene Lehre Gottes wieder ins Gedächtnis riefen und öffentliche Lehrvorträge hielten und dauernde Lehranstalten begründeten. Mit dieser inneren Reorganisation ging die äußere Hand in Hand. König und Volk, Thora und Staat standen nach innen und nach außen gefestigt und geachtet da. Nun aber, da Josaphat Reichtum und Ehre in Fülle genoß, da verschwägerte er sich mit Achab, indem er für seinen Sohn und Nachfolger Joram eine Achabs Tochter zum Weibe erwählte. Es ist kaum zu begreifen, wie Josaphat diesen Schritt unternehmen konnte. Die Aufrichtigkeit seines Strebens im Dienste der Thora können wir nicht bezweifeln. Der Schriftvers bezeugt ihm diese häufig und nachdrücklich. Aber die glänzenden Erfolge haben in ihm eine Einbildung "und einen Stolz auf seine Tätigkeit zur Reife gebracht, der ihm mit dem sonst etwas sonderbar klingenden Ausdruck nachgesagt wird: „'ein Herz wurde hochmütig in den Wegen Gottes." Diese Eitelkeit kann es nur gewesen sein, die ihn hoffen ließ, auch im Nordreich Gutes wirken zu können. Wie darf ein Josaphat, so mochte er sich gesagt haben, der eine solche Verherrlichung zu Ehren der Thora bezweckt hat, im abgesplitterten Winkel des Südreiches, das doch nur ein Sechstel der ganzen Judenheit umfaßte, separatistische Politik treiben? Er könnte und dürfte, so meinte er, bei der Prinzipientreue, die er bisher betätigt hatte und der unerschütterlichen Folgerichtigkeit seiner Handlungen den Fuß über die Grenze setzen. Es reizte ihn die große Aufgabe, die er sich gestellt hatte, gerade im Lande eines Achab zu erfüllen. Und ihm würde und ihm müßte es gelingen, auch das Nordreich zur Rückkehr zu bewegen. Natürlich müßte man die trennenden Momente verschweigen und nur die einigenden hervorheben. Man müßte zeigen, daß Fenilletorr. vas Liebt. Eine Fußwanderung führte mich in das hochgelegene Dörfchen D. in der Eifel. Hotels gab es dort nicht, doch konnte man sich in einer Bauernwirtschaft Milch frisch einmelken lassen, zu der das Stück mit selbstgezogenem Honig bestrichene Schwarzbrot vortrefflich mundete. Es war ein richtiges Dorfidyll, Kinder, Hühner und anderes Geflügel im bunten Durcheinander. „Das sind doch nicht alles Ihre?" fragte ich den Wirt, auf die unbeflügelte, krabbelnde Schar deutend. „O nein, diese da gehören dem Handelsmann Meyer." Er zeigte auf eine Reihe dunkelhaariger Kinder, die etwas ruhiger zusammensaßen. Es war eine hübsche Gruppe. Ein etwa sechsjähriger Knaben war eifrig beschäftigt, mit Moos und Steine ein Haus zu bauen und vier kleinere schauten andächtig dem Werke zu. Ich konnte die Gesichter der Kleinen nicht deutlich erkennen. Der bauende Knabe hatte einen auffallend geweckten und dabei weichen Ausdruck im Gesicht. „Das ist eine traurige Gesellschaft," sagte der Bauer, meinem Blicke folgend. „Traurig, wieso?" man bei energievoller Wahrung seiner Grundsätze doch tolerant sein könne. Und durch Milde und konziliantes Wesen könne man das schier Unerreichbare erreichen, das Unmögliche wahr machen — und was wäre „verbindlicher" als eine eheliche Verbindung? Und nun versteigt sich.der intereffante Irrwahn zur vollendeten Höhe. Die bestgemeinte Religions„politik" vergißt sich selbst. In der Eitelkeit ihrer Leistungsfähigkeit in der Selbstüberschätzung ihrer Kraft und der Verkennung des Wirkungsbereiches ihres Einflusses verläßt sie die eigentliche und allein mögliche Stätte ihrer Wirksamkeit und begibt sich auf ein hartes Feld, das alle Kraft und jede Fruchtbarkeit unwiederbringlich verloren hatte. Der Boden ist mit unschuldigem Blut getränkt und die Luft ist erfüllt mit dem Geist der Lüge und der Falschheit, des Menschenstolzes und des Menschenwahnes. Das Gotteswort und die Pflanze der Sittlichkeit findet keine Bedingungen zum Gedeihen dort mehr vor. Ein Wahnphantom und eine Lockung des Ehrgeizes kann es nur sein, recht ernstlich zu glauben, hier wirken zu können. Die äußere Größe des Wirkungskreises kann eher verflachen als vertiefen, eher täuschen als erfüllen, eher veräußerlichen als verinnerlichen. Und Josaphat kommt auf den verhängnisvollen Gedanken, sein Kind, ja den künftigen König Judas, die kommenden Generationen diesem Frevel der Versöhnlichkeit und des Strebertums zu opfern. Er wähnt durch die Familienverbindung günstigen Einfluß in Israel und auf Israel zu gewinnen. Er sieht nur, was er in Juda schon getan hat und meint nun auch verpflichtet zu sein, in Israel Versuche zu unternehmen. Er sieht aber nicht, was in Juda ihm noch zu tun übrig blieb. Hätte er Genüge gehabt an seinem kleinen Reiche und wäre in ruhiger zielbewußter Arbeit fortgefahren, wie er begonnen, so wäre die Inschrift seines Grabsteins nicht durch die Worte getrübt worden: „Jedoch die Opferstätten hörten nicht auf und das Volk richtete auch ferner nicht sein Herz auf den Gott ihrer Väter." Da haben wir es ja. Es gab so viel zu tun im kleinen Kreis des eigenen Landes, daß jedes Hinausschreiten ans demselben ein Zerstören der eigenen begonnenen Arbeit bedeutete, und durchaus keinen Aufbau im größeren Lande des israelitischen Reiches. Und dazu noch müssen wir das gewagte Mittel bedenken, dem Sohne, dem ältesten, dem natürlichen Vorbild der jüngeren Geschwister, und vor allem dem künftigen Könige, dem Vorbild des ganzen Volkes, eine Tochter eines Achab — und das heißt doch eine Tochter der Jsebel — als Gattin zuzuführen. Konnte doch die grausame und rohe Jsebel es leichten Herzens über sich gewinnen, einen angesehenen, friedlichen Mann mit patri- Da sprang der ältere Knabe hoch, um sich noch etwas Baumaterial herbeizuholen. Jetzt merkte ich auch, worauf sich das Wort „traurig" bezog. Ausdruckslos starrten die vier Kleinen vor sich hin. Kein Schimmer von Verständnis leuchtete aus ihren Blicken. „Ja, es ist eine traurige Gesellschaft," wiederholte der Wirt, „sie sind alle nicht richtig im Kopf." „Alle vier? Wie entsetzlich. Aber wie kommt das, der Aellefte sieht doch so vernünftig aus?" „Ja, der ist von der anderen Mutter. Es ist eine ganze Geschichte, wenn Sie wollen, erzähle ich sie Ihnen." „Ja, ja, bitte." „Der Meyer war in erster Ehe mit einer sehr braven Frau verheiratet. Sie hatte ihm ein paar Groschen in die Ehe gebracht, und er konnte seinen Viehhandel, sein Geschäft, damit sehr vergrößern. Sie lebten recht und schlecht miteinander. Zu Schulden kommen ließ er sich wohl nichts, aber lieb gehabt hatte er wohl von jeher eine andere, die als Magd bei seinen Eltern war. Ein derbes Mädel mit einem hübschen Gesicht, sonst war eigentlich nicht viel mit ihr los. Aber die Frau wußte es wohl und grämte sich darüber. Im ersten Wochenbett starb sie,- der große Junge ist von ihr. Kaum daß der Meyer die ersten Trauerwochen abwartete, da archalischem Familiensinn auf die hinterlistigste, empörend schleckteste Weise aus der Welt zu schaffen, um ihrem Gatten, dem König, den Erwerb eines Weinberges zu ermöglichen. Aus solchem Holze schnitzt man keine Gattinnen für jüdische Gatten, keine Mütter für jüdische Kinder, keine Königinnen für Davids Thron. (Schluss, folgt.) Li« scbönes eban«irikagescde«ir. Befferes können wir unserer Jugend nicht schenken, als ein gutes Buch. Ich kenne auch keinen Freund, der von unserer Jugend herzlicher empfangen wird, als ein schönes Buch. Es ist aber nickts wesentlicher für die Erziehung, als die Wahl eines guten Verkehrs für unsere Kinder. Die Lektüre der ersten Jugendjahre kann einen gewaltigen, nachhaltigen Eindruck auf das Kinderherz ausüben, der für die ganze Lebensrichtung bestimmend sein kann. Wenn ich bedenke, wie völlig brach das Feld der Jugendschriften für uns Anden darniederlag, dann erfüllt es mich mit Freuden, daß wir allmählich wissen werden, was wir den heutigen Kindern Geeignetes in die Hand geben können. Außer den Lehmannschen sehr beliebten Schriften gab es in unserm Sinne recht wenig. Und alles, was es gab, litt an einem großen Fehler. Es konnte keine Volksliteratur werden. Es verlegte sich selbst den Weg in die Häuser des Mittelstandes. Alles war zu teuer. Wie freudig begrüßten wir daher den Jüdischen Volksschriftenverlag zu Frankfurt a. M., der von der Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums ins Leben gerufen wurde. Und in der Tat, wir sind in unfern Erwartungen von ihm nicht getäuscht worden. Bis heute liegen fünf niedliche Bändchen vor, die broschiert k 30 Pfg. und gebunden k 50 Psg. hoffentlich in großen Massen in die Bibliotheken unserer Religions- und Volksschulen, in die Häuser und auf den Chanukkatisch unserer Kleinen spazieren und ihnen eine große Freude bereiten werden. „Sabbatstimmungen", die im ersten Bändchen enthalten sind, werden besonders die Kinder am schönen Rhein recht ansprechen, da heimische Erzählungen uns darin erfreuen. Auch unsere ganz Kleinen, die eben noch Alphabetschützen waren, gehen nicht leer aus. Mit großen Buchstaben sind kurze „Kinderträume" auf ziemlich gutes Papier geworfen, die der Phantasie der Kinder glücklich angepaßt sind. In sehr gefälliger Form sind jüdische Lebenspflichten und Gewohnheiten im dritten Bändchen „Ein Tag aus dem Leben eines Juden" in eine lebenswahre Erzählung gekleidet, und für unsere reiferen Schüler bietet die Behandlung der holte er sich schon die andere Frau ins Haus. Das war nun 'ne Liebe! Die Ehe blieb auch nicht kinderlos. Jedes Jahr gab's ein Kind. Und das muß man nun der Frau lassen, sie zeigte sich brav. Im Hause und in der Wirtschaft überall voran, und der Junge hatte es auch gut. Aber das Unglück kam rasch genug. Als ihre eigenen Kinder heranwuchsen, eins nach dem anderen, war keins richtig im Kopf. Der Mann wurde ganz hintersinnig und die Frau besorgt still ihre Sach', das Geschäft geht trotzdem gut. Die einzige Freude im Haus ist der große Junge. Das ist aber auch ein ganz besonderer Kerl. So ein richtiger guter, er kennt nichts, als sich mit den armen unglücklichen Geschöpfen zu beschäftigen." Es war wirklich ein rührender Anblick. Eine Frau brachte den Kindern Butterbrot, und der älteste Knabe bemühte sich nun, den Kindern Stück für Stück in den Mund zu schieben und die aufdringlichen Hühner zu verjagen. Nachdenklich verließ ich das Dorf. Es war kein Wunder, daß der Handelsmann hintersinnig geworden war, wie der Bauer sagte. Das traurige Schicksal der Kinder mochte ihm wohl als Strafe für die an der ersten Frau begangenen Gedankensünde erscheinen. Einige Jahre später führte mich der Weg wieder in dieselbe Gegend der Eifel. Wieder

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