Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1909)
- Date
- 1909-11-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449399--66040-2508710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
. : > ' Sette 8 Hx. 46 Der $*tnelit. 18 November 190 wäre sehr zu wünschen, daß die westlichen jüdischen philantropischen Gesellschaften diesen Bestrebungen ihre ernste Aufmerksamkeit widmen. Es handelt sich dabei um die Existenz und das Schicksal von Zehntausenden von Juden, die sonst allmählich in Elend und Entbehrungen zu Grunde geben. boöjer Brief (Bon unserem Korrespondenten.) Lodz, 12. November. Sie bringen wohl hier und da mehr oder minder wichtige Berichte über das jüdische Leben in unser Stadt, die aber kaum imstande sein dürften, ein zusammenhängendes Bild von den ' Verhältnissen, unter denen die hiesige Judenschast zu leben und zu leiden hat, zu bieten. Die Stadt Lodz zählt bei einer Bevölkerung von 400,000 Seelen nicht weniger als 150,000 Juden, resp. 30,000 jüdische Familien. Doch stehen die Einnahmen und damit der materielle Reichtum der Gemeinde in gar keinem Verhältnis zu ihrer Seelenzahl. Nur der sechste Teil der Mitglieder ist steuerpflichtig, während 25,000 Familien nicht Einkommen genugjhaben, um der Kultusgemeinde beizusteuern ,' und von diesen letzteren ist es wieder nur ein geringer Bruchteil, der sich durch allerlei Arbeit oder Handwerk, wobei auch die schwersten Beschäftigungen, wie Lasttragen, Steinklopfen usw. nicht verschmäht werden, einigermaßen ernähren kann, während der große Rest fast ausnahmslos aus berufS- und beschäftigungslosen Luftmenschen besteht, die wie durch em Wunder von heute auf Morgen leben, alle aber ein elende es Dasein, ein finsteres Kellerleben fristen und auf die öffentliche Unterstützung angewiesen sind. Diese aber ist natürlich bei aller Opferfreude und allem Wohltätigkeitssinn, die die besitzenden jüdischen Klaffen in Rußland auszeichnen, doch nicht imstande, dem Maffenelende nur halbrdegS zu steuern, umsomehr als es an einem einheitlichen System bei dieser Hilfsarbeit leider vollständig fehlt. Verschiedene ausgezeichneteJnstitutionen und Wohlfahrtseinrichtungen gibt es wohl auch hier in Fülle, ebenso Unterstützungskaffen aller Art, die aber leider Hunderte täglich abweisen müssen. Gewiß könnten bei zielbewußten planmäßigem Vorgehen viel mehr schwache Existenzen aufgerichtet werden, als es bis jetzt der Fall ist. Wer all die verhungerten und verkommenen Gestalten sieht, die die Kassen, besonders auch das Haus des greisen Rabbiners Me i sel, der der Gemeinde ein von allen Schichten der Bevölkerung gleich geliebter und verehrter Vater ist, umlagern, der vergißt dieses Bild des Jammers nie mehr. So sah ich auf dem Bureau des Rabbiners einen.Mann, der, ein Weber von Beruf, früher seinen Unerhalt vollkommen verdiente durch die wirtschaftliche Krisis aber tief gesunken ist. Er kam, um sich einen Totenschein ausstellen zu laffen. Es betraf sein letztes Kind, das dritte in einem Jahr. Solche Fälle, sagte mir der Sekretär, erleben wir hier täglich. Die Kindersterblichkeit ist eine ganze enorme, und die Todesursachen sind in allen Fällen die gleichen: Mangel an Licht und an Luft und Unterernährung. Es ist auch sehr b«eichnend für die Verhältnisse hierzulande, daß Rabbi Meisel, der durch Staatszuschuß und die Aufmerksamkeit seiner reichen Verehrer ein verhältnismäßig hohes Einkommen hat, sich trotz seiner mehr als bescheidenen Lebensweise in ärmlichen Verhältniffen befindet, weil er den Unzähligen, die ihn täglich um Rat und Hilfe anflehen, auch mit weitgehenden Unterstützung beisteht. Es existiert hier auch ein offizieller jüdischer Wo hltätigkeitsverein, von dessen Tätigkeit folgende Daten Zeugnis ablegen: Nach dem veröffentlichten Monatsberichte hat der Verein im Laufe des Monats Oktober 262 Unterstützungen in der Gesamtsumme von 682 Rbl. 30 Kop. erteilt und für ständige Unterstützungen die Summe von 393 Rbl. verausgabt. Die vom Verein erhaltene Borschußkasse erteilte 139 Vorschüsse auf die Summe 8645 Rbl., während von den ftüher geliehenen Vorschüssen wiederum 6974 Rbl. 75 Kop. in die Kasse einflossen. Die billige Küche verabreichte während des genannten Monats 597 Mittagsmahle zu 3 Kop., 254 — zu 4 Kop. und 2518 — zu 5 Kopeken. Zu diesen billigen Mahlzeiten hat die Kaffe 211 Rbl. 49 Kop. zugelegt. Und doch! Bei all diesem materiellen Elend wie viel Idealismus, Geistesadel, Glaubenstreue und Thorafreude, die man ganz besonders an Sabbat- und Feiertagen in den hiesigen Judenaassen wahrnehmen kann! Da gehen wir in die Petrikausstraße, die ihrer Ausdehnung nach die größte in der Welt sein soll. Welches Hasten, Jagen und Treiben an einem Feiertag und welche stille, beseligende Ruhe an eineck Sabbat. Da ruht der Orkan der Arbeit und Leiden, allen Jammer, alles Elend scheint der Friedensengel des Sabbat mit sanfter Hand weggewischt zu haben. . . . Wohl gibt es, wie Ihren Lesern zur Genüge bekannt ist, auch hier Gesetzesübertreter, nicht allein in den gebildeten Sphären, sondern leider auch in den Arbeiterkreisen, Jünglinge die oft aus Verzweiflung und Verbitterung auf verhängnisvolle Irrwege geraten sind. Indessen sind es immer noch G. L. kleine unbedeutende Gruppen, die im erfreulichen Bilde des Ganzen, das das Leben der gesetzestreuen Massen aufweist, vollständig verschwinden. Und man darf hoffen, daß selbst diese abtrünnigen, verirrten Brüder immer mehr zur Einsicht und Einkehr gelangen. Denn die tatvolle mutige Aktion der rabbinifchen Führer und ihre Aufklärungsarbeit hat auch hier ihre Wirkung nicht verfehlt. — Von der äußeren Lage der hiesigen Judenschaft und ihrem Verhältnis zu der polnischen Bevölkerung ein anderes Mal. Wilna, 12. Nvv. Gestern verurteilte der hiesige Gerichtshof den Rechtsanwalt Hillers o h n zu einem Jahre Festung, weil er in seiner bekannten Verteidigungsrede im Bielostok- Prozeß angeblich zum Umsturz der bestehenden Staatsordnung aufgerufen haben soll. Wie es damit bestellt war, ergibt sich schon daraus, daß Hillerson auch nicht ein etziiziges Mal während seiner Rede vom Präsidenten zur Ordnung gerufen wurde, noch die Beschränkung der Redefteiheit des Verteidigers überhaupt auch nur in Erwägung gezogen worden wäre, ja kein einziger der anwesenden Richter hat auch nur daran gedacht, in Hillersohns Rede den ihm zur Last gelegten „Aufruf zum Umsturz" zu erblicken. Trotzdem wurde auf Wunsch .des Justizministers Schtscheglowitow Gillersohn der Prozeß gemacht und der Wilnaer Gerichtshof war gesügig genug, sich den Wünschen der Regierung anzupassen. Dieser Fall, wo einem Verteidiger nachträglich für den Gebrauch der ihm rechtlich zustehenden Redefreiheit der Prozeß gemacht wird, scheint selbst den Reaktionären, deren Treibereien die Verfolgung Hillersohns zu verdanken ist, doch zu bedenklich. So hat die neuformierte „Fraktion der Nationalisten" einen Punkt in ihr Programm ausgenommen, der mehr Genchtsfreiheit fordert. Ist auch die einzige liberale Forderung der neuen Regierungspartei, eine Forderung übrigens, die darauf hinausgeht, den Verbändlern die Redefreiheit vor Gericht zu sichern, welche sie den Liberalen versagen möchten. Jekaterinoslaw, 10. Nov. Schon vor vielen Jahren hat die russische Regierung aus den Regierungsgütern einen sogenannten Bodenfonds zu dem Zwecke bestimmt, diesen Boden in Parzellen an solche jüdische Kolonisten in den südrussischen Gouvernements in Pacht zu überlaffen, deren Bodenbesitz zur Erhaltung der Familie zu klein ist. Bor zwei Jahren, wurde infolge eines Regierungserlaffes die pachtweise Ueberlaffung von Boden an jüdische Kolonisten plötzlich eingestellt, und die älteren Pachtungen wurden gekündigt. Eine Ausnahme wurde damals bloß mit 14 jüdischen Kolonistenfamilien ter Kolonie Nahar Tob im Chersoner Gouvernement gemacht, deren Männer sich im russischjapanischen Kriege ausgezeichnet hatten. Diesen wurde auch weiterhin der Boden verpachtet, um ihre Familien erhalten zu können. Nun kommt aus Petersburg die Nachricht, daß auch diesen 14 jüdischen Kolonisten die Pachtungen entzogen und die Kolonisten samt ihren Familien dem Hunger preisgegeben wurden. Wohl haben sich die Betroffenen mit einem Bittgesuche an die Regierung gewendet, doch ist wenig Hoffnung vorhanden, daß dem Gesuche Folge gegeben werde, da man weiß, daß die Regierung die Verdrängung der jüdischen Kolonisten aus ihren Kolonien systematisch betreibt um den ganzen Vodenkomplex für die Bauern frei zu bekommen. Dieser Umstand veranlaßt auch die jüdischen Kolonisten immer mehr zur Auswanderung. England. London, 3. November. In Kanada breitet sich der Antisemitismus immer mehr aus. Vor kurzen ereignete sich in M o n t e r a l ein Vorfall, der an russische Zustände gemahnt. Im jüdischen Viertel kehrte ein Jude in einem Gasthause ein und wurde dort ohne jede Ursache von zwei französischen Rowdis Plötzlich überfallen und niedergeschlagen. Als ihm einige Juden beistehen wollten, kamen wie auf Verabredung mehrere Franzosen herbeigeeilt, und es entstand eine förmlicher Straßenkampf, an dem sich gegen 4000 Menschen beteiligt haben sollen. Die Polizei schritt während der Exceffe nicht ein und trat erst nach deren Beendigung in der Aktion. Ihre Tätigkeit bestand dan darin, daß sie die französischen Exzedenten unter sicherer Bewachung nach Hause geleitete, dafür aber mehrere schwerverletzte Juden in Haft nahm und eine gerichtliche Klage gegen sie erhob. Rumänien. Bukarest, 10. Nov. Die nach jeder Richtung hin traurige Lage der rumänischen Juden ruft immer wieder die öffentliche Kritik der Rechtszuftände in dem Königreich an der unteren Donau hervor. Wer nicht gänzlich unempfindlich durch Parteivoreingenommenheiten geworden ist, der muß über das in Rumänien unter denl Borwand gesetzlicher Verordnungen fortdauernd ausgeübte Unterdrückungssystem auf das tiefste empört sein. Bon der Interpellation im österreichischen Parlamente haben wir bereits berichtet. Jetzt erhebt kein Geringerer als der berühmte Staatsrechtslehrer v. B a r seine Stimme in der „kevas 6u äroit international" zugunsten der in Rumänien völlig rechtlos gemachten Juden. Es handelt sich für den genannten Rechtslehrer bei dieser rumänischen Judenfrage ebensosehr um das allgemeine Völkerrecht wie um die räumlich auf Rumänien beschränkten Rechtszustände. In beiden Hinsichten verletzt der rumänische Staat die Rechtsordnung sowohl wie das Völkerrecht. Professor v. Bar erörtert in der genannten Zeitschrift die peinliche Angelegenheit und sagt: „Während in den anderen Staaten die Juden — wenn auch vielfach beschränkt — Rechte als Staatsbürger genießen, hängen sie in Rumänien von dem Gutdünken her Regierung ab, die sie je nachdem als Ausländer oder als rumänische Staatsangehörige behandelt." Herr v. Bar steht nicht an, zu erklären, daß gegenüber einer derartigen Völkerrechtsverletzung seitens der rumänischen Staatsregierung es Recht und Pflicht der Signatarmächte des Berliner Vertrages sei, Rumänien zur Erfüllung der in jenem Vertrage ihm auferlegten Verpflichtungen anzuhalten. Es trifft leider nur allzu sehr zu, wenn Herr v. Var sagt, daß durch das Schweigen der Mächte die Lage der Juden in Rumänien eine sehr traurige werden mußte und auch tatsächlich geworden ist. Wird auch dieser Appell d?s Herrn v. Bar an die Mächte, die Verletzung verbriefter, völkerrechtlicher Rechte nicht ungerügt hingehen zu laffen, wiederum vergeblich gewesen sein? Unter der sophistischen Rechtsauslegung seitens der rumänischen Staatsbehörden wird ja der Berliner Vertrag vom Jahre 1878 geradezu ein völkerrechtlicher Spott! me sei au Bel eic km zu we im Dc Er La me Ir ma saß zwl ru M St erh ziel bei Se In noc schc Tel ha gar Mc Gel zwc Ju abe ihre tfivl deri eine an vor in i wir larn Pal wol eine unb und und floss Gal Per jüdi Ap in r habe Die! und Pali Werl nahe Bau 1 äuße Absi groß intei Lanl aus Pall C A nach Woö