Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-11-18 · Heft 46 (18.11.1909) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 46 (18.11.1909)
Date
1909-11-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449399--66039-2508709
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

18 November 1909. SDet MraeÜt. Nr. 46. «ette 7 Kommission zur Erbauung eines eigenen l meindehaufeS vorzulegen. Einen sehr breiten Raum nehmen im Budget die Bewilligungen für Wohltätigkeitsinstitutionen und gemeinnützige Stiftungen ein. Es erhalten bewilligt eine jährliche Subvention von je 1000 Mk. die „Theresienstiftung zur Unterstützung kurbedürftiger Israeliten", der„Verein zur Speisung hülfsbedürftiger israelitischer Kinder", Zuwendnngen von je 500Mk. erhalten die „Israelitischen Knaben- und Mädchen- Hort^ und der „Verein für Arbeitsnachweis", begründet von der Henry-Jones-Loge. Der herein zur Bekleidung armer Schüler der Talmud-Thora- Schule" erhält eine jährliche Beihülfe von 250 M. Die jüdische Bibliothek und Lesehalle erhält eine Subvention von 100 M. Der „Hamburgische Verein für jüdische Geschichte und Literatur" und die „Gabriel Rietzer-Vereinigung" erhalten eine Beihülfe von je 150 M., außerdem werden noch die Beiträge zum „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund mit 500 M. und dem „Verband deutscher Juden" mit 300 M. und für das „Bureau für Statistik der Juden" mit 200 M. bewilligt. Des weiteren wird dem Gemeindevorstand noch für außeretatmäßige Zuwendungen für hiesige und auswärtigeWohltätigkeitsinstitutionen die Summe von 1000 M. bewilligt. Bei der Beratung der Einnahmepositionen vertritt Herr Münden den Standpunkt, daß eine Befferung der Gemeindefinanzen nur dann möglich sei, wenn ein besoldeter technisch ausgebildeter Verwaltungsbeamter an die Spitze der Gemeinde-Verwaltung gestellt würde, da es bei der heutigen Ausdehnung der Gemeinde nicht mehr möglich sei, die Vorftandsgeschäfte ehrenamtlich und im Nebenamte zu verwalten. Die Anregung findet allseitigen Beifall, doch wird zunächst von der Stellung bestimmter Anträge abgesehen. Am Schluß der vierstündigen Sitzung wird das mit 196,000 M. bilanzierende Budget nach dem Voranschläge mit den beschlossenen Aenderungen genehmigt. Gleichzeitig wird der Gemeindevorstand ermächtigt, die Gemeindesteuer für das Jahr 1910 bis zu 1 pCt. des Einkommens der Steuerpflichtigen auszuschreiben. Lübeck, 12. Nov. Herr Dr. Carlebach aus Lübeck teilt uns mit, daß er aus religiösen Bedenken sich veranlaßt gesehen habe, aus der AllianceJsr.Univ., deren Mitglied er seit fast40Jahren gewesen war, auszutreten und daß außer ihm fast sämtliche Mitglieder in Lübeck ausgetreten seien. (Wir beglückwünschen Herrn Rabbiner Dr. Carlebach zu diesem Schritt, der unseres Erachtens die einzige gebührende Antwort auf die fortgesetzten Herausforderungen der Allianz gegenüber der gesetzestreuen Judenheit bildet. Red. d. Jsr.) Posen, 12. November. Nun kann über die Zugehörigkeit des „Ostmarkenverems" zum Antisemitismus kein Zweifel mehr herrschen. In einer vorige Woche stattgehabten Versammlung des Pofener Ostmarkenvereins, die von Professor Hötzsch, dem früheren langjährigen Redakteur des Verbandsorgans des antisemitischen „Vereins deutscher Studenten", geleitet wurde, wurde gegen einen Vortrag, den Professor Hans Delbrück vor 3 Wochen in Posen über die Berfehltheit der Ostmarkenpolitik gehalten hatte, Stellung genommen. Referent war der Herausgeber der „Ostmark, Dr. Wendland-Berlin, der bekanntlich ebenfalls den führenden Kreisen des V. d. St. angehört. Herr Dr. Wendland empfahl in warmen Worten das Studium der bekannten antisemitischen Broschüre des Regierungsrats Herr: „Ostmärkische Städtepolittk", und Herr Professor Hötzsch richtete in feinem Schlußwort an den anwesenden Verfasser, der in den nächsten Tagen auS der Proinz scheide, innige Dankes-und Abfchiedsworte. Der Vorgang ist von größter prinzipieller Bedeutung. Dem Ostmarkenverein gehören viele Hunderte von Juden an, die sich im Vertrauen auf die bekannte Zusicherung deS Mitbegründers deS Vereins, von Tiedeman n, daß der Antisemitismus niemals Eingang in den Verein finden werde, gern unq opferwillig der Fördenug des Deutschtums und dem Verein angeschlossen haben. Wenn jetzt von zwei Männern, die eine so autoritative Stellung im Ostmarkenverein bekleiden, in so unverhüllter Form für den Aneisemitismus Reklame gemacht wird, so bedeutet dies zweifelos eine schroffe Abkehr von den bisherigen guten Traditation deS Vereins. Qanzmavk. Die JQSifchen“ Minister. (Boa unseren Eorespondenten) Kopenhagen 15. November. Durch einen Teil der politischen Presse sowie durch sämtliche jüdischen Zeitungen ging die Kunde von der Wahl dreier jüdischer Minister in Dänemark. Selbst der Premier wurde zum Juden gemacht. Auch der „Israelit" gab die Nachricht mit einigem Vorbehalte wieder. Wie ich Ihnen aber als Eingeweihter mitteilen kann, beruht die ganze Geschichte auf einer Miftifikation, die wahrscheinlich durch die antisemitische Raffenschnüffler in Deutschland zuerst in die Welt gesetzt, dann auch auf alle anderen Zeitungen übergegangen ist. Ein Handelsminister namens Heilbuth gibt es in Dänemark überhaupt nicht. Der Handelsminister Weinmann ist aber kein Jude, ebensowenig der Ministerpräsident Zahle, dessen christlicher Stammbaum sich Nachweisen und weit zurück verfolgen läßt. Einzig der Finanzminister Ed. Brandes ist der Abstammung nach Jude. Wie wenig aber das Judentum an seiner hohen Auszeichnung gewonnen hat, haben Sie bereits in der ersten Kerrespondenz zum Ausdruck gebracht. Denn dieser Herr hat bislang alles getan, um sich vom Verdachte des Judentums reinzuwaschen. Auf dem Ministersessel wird ihm höchstens noch der jüdisch klingende Name übrig bleiben, den zu ändern er sich schon mit Rücksicht auf seinen großen Bruder, Georg Brandes, nichts leicht entschließen wird. Weit mehr Interesse für uns und noch bezeichnender für die Stellung der Juden in Dänemark ist die Tatsache, daß der neugewählte Rektor der hiesigen Universität, Professor Salomonsen, Direktor des German-JnstituteS, Jude ist und zwar ein solcher, der diesen Ehrennamen auch verdient. — Aus dem innerjüdischen Leben hierzulande wäre noch so manches Wichtige und Interessante zu berichten. Darüber aber ein anderes Mal, da der Zweck dieses Berichtes nur sein soll, unwahren Gerüchten, die zu falschen Vorstellungen über die hiesigen Verhältnisse führen könnten, entgegenzutreten. Ungarn. Brief aus Ungarn. A. G. Budapest, 14. Nov. Die.Nyirbatorer Neologen-, später 8tatusguo-Gemeinde hat es bei der früheren Regierung durchzuführen gewußt, daß, sie als Muttergemeinde, die kleine Orthodoxengemeinde aber blos als „Betgenoffenfchaft" erklärt wurde. Der Charakter einer Muttergemeinde wurde der Nyirbatorer-Orthodoxengemeinde mit der Begründung abgesprochen, daß sie keine Matrikel habe, die das Kriterium einer Muttergemeinde bilden. Die Orthodoxen wollten sich mit dieser Entscheidung durchaus nicht zufrieden geben und versuchten es, sichbeijederGelegenheit von der Bevormundung der Neologen zu befreien. Nun hat vor Kurzem der Kultus- und Unterrichtsminister, Graf Apponyi, zu ihren Gunsten entschieden und der Orthodoxen-Gemeinde den Charakter einer autonomen Orthodoxengemeinde verliehen. Diese ministerielle Entscheidung kann man zwar nicht anfechten, allein die Gemeinde zu Nyirbator, die seit ihrem Bestehen ihre Direktive von der Neologen Landes- Kanzlei erhält, kam nicht in Verlegenheit und wußte Rat. Die Ryirbatorer 8i»tn8gno- Gemeinde hat sich einfach zur Orthodoxie bekehrt, und sich ohne weiteres zu einer orthodoxen Gemeinde konstituiert. Natürlich nur zu dem Zwecke, um die Konstituierung der wirklichen Orthodoxen zu verhindern, da zwei orthodoxe Gemeinden in einer Stadt nicht existieren dürfen. Die 8t»tusguo-Gemeinde zu Nyirbator galt seit Jahrzehnten als eine der Reform zuneigende Gemeinde, auf welche die Neologen bei ihrer „Kulturarbeit" stets rechnen konnten. So hat sich die Zahl der „orthodoxen" Gemeinden, in denen die Pioniere der Neologie die Hauptrolle spielen, um eine vermehrt. Spiritus Rector in Nyirbator ist Herr Mandel, ein Bruder des verstorbenen Reichstagsabgeordneten P. M a n d e l, der bisher zu den fanatischsten Feinden der Orthodoxie gehörte. Dieser Herr glaubt, daß er durch die Aenderung der Gemeindfirma auch über die orthodoxen Juden zu Nyirbator die Gewalt behalten könnte. Uebrigens wird die Angelegenheit demnächst ein von der orthodoxen Landeskanzlei und den streitenden Parteien eingesetztes Schiedsgericht beschäftigen. Die Entscheidung des Schiedsgerichts muß aber nach der ganzen Sachlage zugunsten der früheren orthodoxen Betgenoffenschaft ausfallen, die ohne Zweifel als orthodoxe Mutter gemeinde erklärt werden wird; da sie sich zuerst als solche konstituiert hatteso wird die gewesene Statusgno-Gemeinde sich entweder der orthodoxen anschließen, oder in ihrem 8tatu8guo-Bechältnis weiterhin verbleiben müffen. Somit wird dieser neueste Tric der Nleologie auch kaum in Zukunft Schule machen könuen. -I- * -i- Die unerwartete Wendung in der ungarischen Politik, besonders die Spaltung der Unabängigkeitspartei, weckt in der jüdischen Bevölkerung gemischte Gefühle. Einerseits ist es zu bedauern, daß Franz Kossuth seiner Majorität im Abgeordnetenhause verlustig wurde, da Kossuth, liberal wie er ist,stets die Interessen des Judertums geschützt hat, anderseits kann die Sprengung dieser Partei von jüdischer Seite kaum bedauert werden, da die Unabhängigkeitspartei — besonders in den letzten Jahren — ein Sammelplatz feudaler, antisemitischer Elemente geworden ist, die oft genug Tendenzen in die Partei hineinzutragen sich bemühten, mit welchen bislang ein gütiges Geschick Ungarn verschont hat, R»ftiand. P et er s b u r g, 12. Oktbr. Die wirtschaftliche Lage der Juden im Anfiedelungsrayon wird immer trostloser. Die Fabriken werden den jüdischen Arbeitern immer mehr geschloffen. Der Kleinhandel, auf den die Juden zum größten Teile angewiesen sind, wird durch die großen korporativen Gesellschaften beständig verdrängt. Auch die Lage der jüdischen Handwerker gestaltet sich immer trauriger. Es fehlt an genügenden Fachschulen und Kursen zur Ausbildung von jüdischen Handwerkern, sodaß diese mit den gut organisierten nichtjüdischen Handwerkern nur schwer, konkurrieren können. Das schlimmste ist die in den jüdischen Massen herrschende allgemeine Mutlosigkeit, die eine energische Aufmunterung und Zusammenfassung der Kräfte nicht aufkommen läßt. Der unerträgliche politische und rechtliche Druck in Verbindung mit dem stetig wachsenden ökonomischen Elend haben in der jüdischen Bevölkerung eine lähmende Verzweiflung und Resignation erzeugt. Umsomehr ist es zu begrüßen, daß die hiesigen jüdischen Handwerker sich zu einem Verbände unter dem Namen „Hilfe durch Arbeit" zusammengeschloffen haben, um eine Selbsthllfe zu organisieren. Der Verband entfaltet eine rege, erfolgversprechende Wirksamkeit, und er erfreut sich oer Sympathien weitester jüdischer Kreise. Die unter den jüdischen Arbeitern herrschende große Arbeitslosigkeit hat in einigen Orten, wie Warschau und Bjalystok, zu dem Bestreben geehrt, jüdische Arbeiterfabriken auf genossenschaftlicher Basis zu begründen. Bisher konnte aber dieser aussichtsreiche und schon im Interesse der Sabbathruhe zu begrüßende Plan aus Mangel an Mitteln noch nicht verwirklicht werden. LS

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.