Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1909)
- Date
- 1909-11-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 46 Der JSraeltt. 18. November 1909 zuwenden, nachdem wir noch kurz die ideale Seite des Problems berühren. Wie der Zustand jetzt ist, haben wir gesehen. Vom Regierungsgesetz abgesehen, ist es ja eine Lebensnotwendigkeit, daß die Rabbr> ner für die heilige Lehre mit den besten modernsten Waffen streiten können. Der heutige Rabbiner in Galizien hat weder das Ansehen noch die Waffen, um die Reihen zu führen und den Kampf aufnehmen zu können. Hoffen wir denn, daß Die Dinge sich von selbst so entwickeln werden, denn es gibt schon manche Rabbiner mit umfassender moderner Bildung. Diese Ent Da der Artikel in einer Zeitung Deutschlands erscheint, so will ich noch eine Frage beantworten, die wahrscheinlich so manchem unserer deutschen gesetzestreuen Brüder beim Lesen auf der Lippe schweben wird: „Warum kann die deutsche Orthodoxie Rabbiner mit Abitu.rium und Doktorat haben und befindet sich dabei wohl", die erste Antwort ist: '’ötrsi tona 40 na es liegen bei uns die Verhältnisse anders. Di: deutschen Orthodoxen sprechen die Landessprache, haben also eine Schwierigkeit weniger zu überwinden. Die Mturrelle Gefahr liegt für uns in einer anderen Sphäre*). Außerdem weiß ich, daß man man zur Würdigung in weiteren Kreisen nur niedriger zu hängen. Jedenfalls leisten die gesetzestreuen Juden im Kampfe um das Schächten auf die „liberale" Unterstützung mit Vergnügen Verzicht, wenn diese Hülfe nur um den Preis erniedrigender Beleidigungen zu haben ist. Das möge sich Herr Professor Geiger merken. Wickelung w.ird aber durch den Prüfungszwang I auch in Deutschland so manchen stillen Seufzer mit Gewalt unterbrochen. Das Rabbinat wird 1 r ^» daduxch begraben, es wird sich nicht mehr zu entwickeln haben. Ein jeder gebildeter Rabbiner wird dadurch im Voraus *»D£>, während jetzt schon in der Volksmeinung eine Wandlung sich vorbereitete, dahin, daß ein wirklich frommer Rabbiner auch schon gebildet sein dürfte. Für. die Freiheit der Entwickelung ist cs am besten, wenn der PMfungszwang ganz aufgehoben werden sollte. Das' wird man aber leider von der Regierung nicht verlangen können, Da dieselbe aus manchen Gründen Jntereffe daran hat, daß der Rabbiner zumindest die Landessprache beherrschen soll. Die Regierung wird höchstens den Zensus auf 6—4 Klassen heruntersetzen. Jeder Schulzwang ist aber von Uebel. Können wir alles nicht verlangen, so werden wir uns schaden, wenn wir es vergangen. Wir werden dadurch unser ganzes Streben vereiteln. Man muß also etwas verlangen, was die Regierung gewähren kann. Man soll also darnach streben, daß die Regierung für die galizischen Rabbiner eine besondere Prüfung in den profanen Bildungsfächern einführen und hierfür eine besondere Prüfungskommission einsetzen soll. An uns ist cs, zu trachten, daß man nur jovrel fordern soll, als für das Rabbinat zuträglich ist. Bocerft will ich noch bemerken, daß schon einmal eine solche Prüfung für Rabbiner, die man die philophifche nannte, zu Recht bestanden und R. Jsnrk Schm elkes hat sie ohne Schaden für seine Größe und Frömmigkeit bestanden. Es wird auch leichter werden, etwas zu verlangen, was schön einmal dagewesen. Das Wichtigste ist, daß per Geist dieser Prüfung nicht der Geist der Pedanterie sein soll. Man JoII aus die allgemeine Geistesentwickelung sehen und nicht auf die Details. Wir haben es mit Autodidackten zu tun, deren Bildungsgang oft einen Zickzackweg nimmt. Vom Geprüften soll man die Beherrschung einer Landessprache, Deutsch oder Polnisch nach eigener Wahl, fordern, er soll im Stande sein, ein Thema, wie man es bei der Reifeprüfung stellt, voll und frei in einem Aussatz zu behandeln. Ferner Weltgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Landes- und der jüdischen Geschichte, und mit Einschluß der Geographie, Psychologie und Logik in jenem geringen Umsange, wie es im Gymnasium genommen wird. Diese drei Gegenstände (Sprache, Geschichte, phil. Propedeutik- 'sollen im selben Maße gefordert werden, wre bei Gymnasialmatura. Will die Regierung nicht eine besondere Kommission einsetzen, so soll sic gestatten, dies an jedem Gymnasium diese Teilmatura abgelegt werden kann. Diese letztere Form der Prüfung wird wahrscheinlich sehr leicht zu erlangen sein und man soll speziell danach streben. Sollte die Regierung darauf eingehen, so gibt es ja Gymnasien beider Sprachen und ein jeder hätte dann freie Wahl in dex Sprache. Bei vielen Universitäten in Europa ist eine ähnliche Aufnahmeprüfung eingeführt für solche, die Theologie studieren wollen, da man einsieht, daß es ein Unrecht ist, "einen jeden zu zwingen, alles zu können. Für die rabbinischen Studien genügt diese Prüfung vollauf. Menschen mit allgemeiner Bildung werden sich aber zu einer solchen Prüfung unvorbereitet stellen können. Allenfalls wird eine 2—3 monatliche Vorbereitung ansrMen, . . , darüber hört, daß die Rabbiner die schönste Zeit und schönsten Geisteskräfte dev jungen Jahre auf.das Abitnrium verschwenden müssen. Von den deutschen min rede ich nicht und sind dies auch zumeist Leute mit besonderem Entwicklungsgang, die ihre Studien schon als gewiegte Talmudisten begonnen haben. Von unserem Durchschnittsrabbinnr fordern wir aber mehr min als die deutschen Orthodoxen von ihrem Durchfchmttsrabbiner, und es ist gut so! Die zweite Antwort ist die: Es muß ein sehr Großer kommen, der das für den Osten leisten soll, was Chacham B e r n a y s, S. R. H i r f ch. Israel Hildesheimer für die deutsche Orthodoxie geleistet haben. Nene Wege bahnen, können nur gottbegnadete Individualitäten, die im nicht dicht gesät sind. Es ist selbstverständlich, daß nicht sämtliche Rabbinatsbeslissene hierzulande Genie's sind, wo in der Welt ist es anders? Bon Geistesgrößen können wirmeinen vlpv W s'h'Ln '12^ bwo sie werden es zu Wege bringen, die zwei Gebiete von min und norn in sich aufzunehmen und vielleicht auch für andere verdaulich zu machen. Die gewöhnlichen Talente können einen neuen Weg nicht gangbar machen, sie werden^ dabei straucheln und das geistige Gleichgewicht verlieren. Es ist für sie außerdem physisch unmöglichdie vielen Details der Gymnasialgegenstände einzubüffeln und noch dazu jenes Thorakönnen aufzubringen, das wir von einem Rabbiner fordern. Allgemeine Bildung kann uns nützen — der Detailkram ist für uns unnütz — allgemein^ Bildung kann man ohne Schaden für unsere min erwerben, und Pas sollen wirk von der Regierung erbitten. orrespondenzen und Machrichten. ^entfdje» SLeidr« Berlin, 15. November. Die jetzt unter Leitung Ludwigs Geigers stehende „Allgemeine Zeitung des Judentums" berichtet in ihrer letzten Nummer über die Aufhebung des Schächt- Verbots in Potsdam und fügt folgende geschmackvolle Bemerkung hinzu: „Gerade die Liberalen, obwohl sie' weit davon entfernt find, das Judentum für eine Magenreligion zu halten, sind stets mit den Orthodoxen einig im Kampfe gegen das Schächtverbot gewesen." Die „Liberalität" der Gesinnung, die sich in dieser Beschimpfung des historischen Judentums ganz nach anttsemittschem Vorbild äußertbraucht *) Siehe den Arttkel „Tas östliche Kulturproblem" in Nr. 43—44 des „Israelit". Ll. Hamburg, 15. Nov. Das Repräsentantenkollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt im Gemeindebureau, Kaiser Wilhelmstraße, eine Sitzung unter dem Vorsitz des Herrn I. Alex and er, ab. Zunächst wurde die Abrechnung für das Jahr 1908 einer dreigliedrigen Kommission, überwiesen. Eine Mitteilung des Gemeindevorstandes betrifft das Einverständnis desselben mit dem in voriger Sitzung angenommenen Antrag des Herrn Laskar, der Armenkommission der Deutsch-Israelitischen Gemeinde drei weibliche Personen als Helferinnen bekzugeben. Es wird ferner mitgeteilt, daß die Armenkommission bereits den Beschluß des Repräsentantenkollegiums zur Ausführung gebracht habe. Diese Mitteilung wurde mit großem Beifall ausgenommen. Das statutengemäß ausscheidende Vorstandsmitglied des Altenhauses der Deutsch- Israelitischen Gemeinde, Herr Max Bauer, wird per Aklamation wiedergewählt. Die vom Gemeindevorstand dem Kollegium zur Mitgenehmigung vorgelegte Wahlordnung für die in diesem Jahr vorzunehmende Wahl von 1b Mitgliedern und 7 Ersatzmännern des Repräsentantenkollegiums wird mit einem Ammendement des Herrn Alexander Berg, wonach die Feststellung des Wahlresultats öffentlich zu geschehen hat, und mit der Leitung der Wahlhandlung auch andere, nicht dem Gemeindevorstand angehörende Personen, vertraut werden können, angenommen. Den Hauptpunkt der Sitzung bildete die Beratnng des mit einem Defizit von 31,000 Mk. im Voranschlag abschließende Gemeindebudget für 1910. Unter den Ausgaben figuriert an erster Stelle das Armenwesen mit 65,000 Mk. und das Schulwesen mit 67,000 Mk. Diese beiden Positionen werden ohne Debatte anstandslos bewilligt. Ebenso werden die Beihülfen für das Siechenheim, Pstegestätte, das Paulinenstift und das Waisenhaus für israelitische Mädchen mit 7500 respektive 4000 Mk. ohne Debatte genehmigt. Zu sehr lebhaften Auseinandersetzungen kames beiderPositionBegräbniswesen. Herr D. Mttnoen berichtet namens der Begräbniskommisston, daß diese sich bereits zu verschiedenen Malen mit der Frage der Uebernahme der Begräbnisverwaltnng in Gemeinderegie. beschäftigt habe und diesem Gedanken durchaus sympatisch gegenüberstehe. Der Redner entwickelt dann näher die auch von den anderen Mitgliedern geteilte Ansicht, daß es möglich sei, nach dem Beispiel anderer Großgemeinden die Friedhofsverwaltung in eigener Regie zu übernehmen oder zu verpachten, wodurch aus dem jetzigen Ausgabeposten eine Einnahmequelle für die Gemeinde geschaffen werden könne. Leider habe die Kommission bei 'ihren Arbeiten nicht das genügende Entgegenkommen seitens des Gemeindevorstandes gefunden und es empfehle sich deshalb heute nochmals einen definitiven Beschluß zu fassen. Die Ausführungen des Herrn Münden werden von den Herren Laskar, Bacharach und Levy noch ergänzt und gelangt schließlich der folgende Antrag der Herren Ar. Plaut, Jos. Ritter zur einstimmigen Annahme. Das Repräsentantenkollegium beschließt und ersucht den Gemeinde- Vorstand, den Kontrakt des Friedhofsinspektors Müller auf dem nächstmöglichen Termin zu kündigen und die Friedhofsverwaltüng, in erster Linie die des Friedhofs in Ohlsdorf, in eigener Regie zu übernehmen bezw. eine Submission auszuschreiben und zwar unter Hinzuziehung der Begräbuiskommission. Die Ausgabeposition für das Begräbniswesen wird deshalb nur für 6 Monate bewilligt. Bei der Position Bureaumiete wird auf Antrag des Herrn Alexander Levy beschlossen, den Gemeindevorstand zu ersuchen, dem Kollegium den Bericht der gemischten