Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1909)
- Date
- 1909-11-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Grttr 4. 18. Ndvrmver m» Charakter, der verdiente und unverdiente literarische oder sonstige Ruhm des Menschen stand uns stets abseits." (Jeschurun VII, S. 348.) Mit gegenwärtigen Zeilen aber wollen wir auf eine wohltuende Ausnahme Hinweisen. Auf einen treuen Parteigänger Frankels, der durchaus die Ansichten Fränkels teilt, als Wahrheit verficht, dennoch aber die den Forscher zierende Objektivität besitzt, um auch dem Gegner volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und deshalb seine Verdienste zu würdigen. Allerdings lebte und wirkte derselbe in weiter Ferne vom eigentlichen Schauplatze des Kampfes und schrieb sein Buch erst im Jahre 1873, also circa 11—12 Jahre nach dem großen Streite, der die Zeitgenossen so lebhaft beschäftigte. Vielleicht waren im Laufe dieser Zeit noch andere heißblütige Herren, die den unbequemen Kritiker des rutPDn "2in mit Spott und Verdächtigungen zu überhäufen sich veranlaßt fühlten, zu einem etwas objektiveren Urteil gelangt. Es ist dies Elieser Zeitlin, Dozent für Talmud und jüdische Wissenschaften an der ehemaligen kaiserlichen Rabbinerschule in Shitomir in Rußland, der in seinem im Jahre 1873 erschienenen Buche WiV Vy DW 4. Teil, die „vier Hauptrichtungen in Bezug auf den Talmud, nämlich den blinden Autoritätsglauben, dessen ausgesprochenen Gegensatz, die radikale Verwerfung des Talmud, und die zwischen beiden sich bewegenden Anschauungen Hirschs und seiner Anhänger und Frankels und dessen Parteigänger" darstellen und würdigen will. Wie wir schon aus dieser Ueberschrift des Verfassers sehen, teilt derselbe das Glaubensbekenntnis des jüdischen Volkes in Ansehung der Gütigkeit und Autorität des Talmud in vier Richtungsn ein, die sich alle im Judentum der damaligen Zeit vorfinden. Die zweite dieser Richtungen ist die, anderen Spitze Hirsch steht: „Diese Richtung, an deren Spitze Männer stehen, die mit der Krone der Thoragelehrsamkeit und Gottesfurcht und mit dem Kranze der (profanen) Wissenschaft und der modernen Gesittung geschmückt sind, bekennt ebenfalls die Heiligkeit der mündlichen Lehre, und aller auf Grund derselben getroffenen Entscheidungen und daß demgemäß der weitaus größere Teil der Mischnah und des Talmud für ewige Zeiten heiligend verbindlich ist. Auch ist dieselbe gegen jegliche Umdeutung der Begriffe mDD -pi /irrvQKD WT3. Alle diese Begriffszeichnungen sind ihrem einfachen Sinne gemäß aufzufaffen. Auch für solche rvD?n deren Ableitungen uns ftemdartig und fernliegend scheinen, hat der menschliche Verstand keine rechtfertigenden Gründe zu erklügeln. Im Gegenteil, das eben ist ihre Ehre, ihre Heiligkeit und Zierde, daß sie alle menschliche Vernunft übersteigen. Und auch für den menschlichen Verstand und die menschliche Vernunft bedeutet es keine Beleidigung und Zurücksetzung, daß die göttliche Weisheit ihr überlegen ist rc. Erklärungen und Interpretationen der Mischnah, die von derjenigen der Gemara abweichen, sind nicht zu beachten. Die Jnterpretationsregeln nnv a"' wie auch die anderen Jnterpretionsregeln wie z. B. OK Bf viyvl '121 mioo^l KipöS sind ebenfalls sinaitischen Ursprunges. Äber diese Richtung erkennt auch die unbedingte Notwendigkeit der Aneignung moderner Bildung, Sprachen rc. an, natürlich auf solche Art und Weise, daß dieselben keinen Glaubenspunkt und kein Gesetz verletzen rc. Heil dieser Richtung und ihren Führern orrnttfK nvbn '1VK1 rc. (S. 38—44). Die dritte Richtung ist diejenige Frankels, des Verfassers des mtpon '2in und seiner Genossen und Schüler. Der Verf. spricht sich zum Schluffe seines Buches für die Frankelsche Richtung aus. „In meinen Augen ist die Richtung Frankels oie rechte." (S. 61). Um so höher ist nun die Objektivität des Verfassers zu werten, mit welcher er sich bestrebt, der von Hirsch vertretenen Richtung, vor allem der Persönlichkeit Hirschs gerecht zu werden. Und da stellt sich nun das merkwürdige Schauspiel dar, daß der in russisch-jüdischen Jeschiboth ausgewachsene, später als Talmuddozent an einer solchen Rabbinerschule wirkende Anhänger und Gesinnungsgenosse Frankels, die, nach de- Verfasserseigener Aussage, die russische Regierung eigens dazu errichtete, um mit der Hilfe ihrer Zöglinge die „Dummheiten des veralteten und verrotteten Talmud" aus dem Leben ihrer jüdischen Untertanen zu vertilgen (S. 55 n. 56),— daß nun dieser russisch-jüdische Vollblut-Franklianer ein viel größeres Maß von Anstandsgesühl und Objektivität des Forschers verrät, als die in Gymnasien und auf Universitäten herangebildeten Parteigänger Frankels im deutschen Reiche und in Ungarn, die Hirsch so köstlich schildert: -da brach eine wilde Jagd wütende Hetze wider uns los, ein Rudel junger kläffender Hörer voran, ins Horn stoßende Jäger von der Elbe hintendrein, und auf deren Hallo eilten von der Seine und der Elbe, vom Main und der Theiß, von der Leine und von der Weichsel würdige Genossen herbei, nicht um auch nur mit einem Worte die von uns gebrachten Beweise zu widerlegen — dazu hat man bis auf den heutigen Tag noch nicht einmal den Verbuch gemacht — nein, um das sittliche, bürgerliche und wissenschaftliche Anathema über uns ÄT. auszusprechen. „Schlagt den Hirsch tot!" das ward die allgemeine Losung, das ist kürzer, darum braucht Ihr sein Wort nicht zuwiderlegen." (Jesch., VH, 352). Und nun hören wir Zeitlin: „Da Rabbiner Hirsch der eigentliche Urheber und Hauptfaktor, wie auch der unerbittlichste Anführer in diesem Streite gegen Frankel ist, so muß ich zunächst meinen Lesern zeigen, wer und was eigentlich dieser Hirsch ist, was für einen Ruf er besitzt, damit man ihn nicht mit unverdienten Verdächtigungen überhäuft und ihm die häßlichen Eigenschaften nachweist, durch welche sich der größere Teil seiner orth. Amtsgenossen auszeichnet (!). In dieser Beziehung will ich meine manch sonst beobachteten Verfahren gemäß Vorgehen, nämlich das Urteil von Gegnern einholen. Denn solche pflegen die verläßlichsten Zeugen zu sein, um die Wahrheit klarzustellen. So will ich auch hier beifügen, was über diesen hervorragenden Mann solche Männer geschrieben, die in Bezug auf Glauben und Wissenschaft einen seinem Standpunkte diametral entgegengesetzten einnehmen. Der Gelehrte Stern, der Begründer der Reformgemeinde in Berlin, schreibt in seiner „Geschichte d. Judentums von Mendelsohn bis auf die Gegenwart": „Noch heute wird niemand, der mit der warmen Empfindung seines Herzens dem Judentum angehört, die 19 Briefe Ben Usiels zu lesen im Stande sein, ohne sich von dem Hauche eines Gemütes angeregt zu fühlen, in dessen Tiefen mächtige Begeisterung für die erhabene Größe des Judentums lebt, niemand wird in dem Gedankengange, der diesen Briefwechsel beherrscht, das Walten eines Geistes verkennen, der den Gang der Menschenuni Bölkergeschtchte mit durchdringendem Blicke zu erforschen sucht, und die Ursachen des Judentums, wie die Geschichte Israels, von ihren ersten Anfängen bis auf die Gegenwart, mit dem Maße einer großartigen Idee zu messen versteht rc.-— Freund und Feind waren von der frappierenden Eigentümlichkeit gleich überrascht, uttd alle itt gleicher Weise ehrten den Mut des kühnen Kämpfers 2c." Aehnlich äußert sich der berühmte Geschichtsforscher M. Jost in seinem „Buche Geschichte dies Judentums und seine Sekten" 3. Teil Seite 352 rc?) Auch der große Rapoport läßt in seinem Buche'rivKI DlW '121, das er eigens zur Verteidigung und Rechtsprechung Frankels gegen *) Me es scheint stn> die schönenlund ergreifenden Worte Geigers am Anfänge seiner Besprechung der 19 Briefe (Geigers Zeitsch. ift 2 B. S. 351) dem Berf. unbekannt geblieben. Man s. auch diesen Nachg. Schriften densteuer und der goldene Opferpfennig, den sie Ehrlich entrichten mußten, dem Grasen Friedrich von Oettingen, im Jahre 1401 dem Sohne König Rupvrechts Ludwig angewiesen, der die Summe von 5 sl. 10 Schilling erhielt; am 31. August 1411 bekam dies der Burggraf Friedrich von Nürnberg. Ter im Zinsbuch der Aebtissin von Lindau vom Jahre 1400 öfters genannte Simelli scheint mit dem oben genannten Samuel identisch zu sein. Hier wird auch an der „Metzg" ein .Haus erwähnt, „das der Juden was", also wohl als" ihre Synagoge bezeichnet werden kann, bei der zugleich wohl auch — daher die Lage — die Schlichtungen vorgenommen wurden. Zur Wohnung hatten sie eigene Häuser, und zwar oft sehr wertvolle. Während die Häuser damals gewöhnlich aus Holz bestanden, wird als Besonderheit des Juden .„Steinhaus" bervorgehoben. In dem Pestjahre 1348, das durch seine furchtbaren Judenhetzen, eine traurige Berühmtheit erlangte, scheint Lindau gut davongekommen zu sein, denn die einheimischen Quellen schweigen hievon. Wegen eines Juden kam e8 im Jahre 1349 zu einer Fehde zwischen der Stadt Lindau einerseits und dem Freiherrn Burkhart von Ellerbach zu Pfaffenhofen und dem Ritter Markward von Schellenberg zu Wasserburg andererseits. Diese hatten sich, wie es scheint in Lindau selber, eines Juden bemächtigt und „ime (ihm) seine schulden mit gewalt abgetrungen". Als die stolzen Herren alle Mahnungen der Stadt, den Gefangenen herauszugeben, in den Wind schlugen, rückten die Lindauer mit ihren Verbündeten — sie standen seit dem 9. August 1358 mit Konstanz, St. Gallen und Schaffhausen in einem engeren Bunde — vor die Feste und zerstörten sie. Das verhängnisvollste Jahr ist für die Juden der Stadt Lindau das Jahr 1430 geworden. Man hatte sie beschuldigt, daß verschiedene von ihnen an dem Mord eines christlichen Knaben zu Ravensburg lvergl. „die Juden Zn der alten schwäbischen Reichsstadt Ravensburg" im „Israelit" 1909, Nr. 30, 31 und 33) beteiligt gewesen sein sollten. Sie wurden gefangen genommen und nach einem Verhör durch den Landvogt Jakob Truchseß zu Waldburq und den Schirmer ihrer Privilegien, Erkinger von tzeinsheim, Herr zu Schwarzenberg, für schuldig erklärt. Nicht weniger als 15 von ihnen wurden alsdann auf dem „Judenanger" angesichts ihrer begnadigten Glaubensgenossen verbrannt. Diese aber,nutzten aus der Stadt ziehen. Der Rat aber bestimmte, daß für alle Zukunft weder Jude noch Jüdin in Lindau „haußhäblich" wohnen sollten. Welch ein Gegensatz zwischen dem freudigen Empfang, welchen die Lindauer dem Juden bereitet hatten, der sie aus der Auswucherung der Lombarden errettete, und dem düsteren Schicksal, das kaum drei Menschenaller später die jetzt genau so wie einst die Italiener verhaßten Juden traf! Diese Vertreibung der Juden hatte nicht ganz den Beifall des Königs gefunden, der mit ihnen die Möglichkeit verlor, so oft wie früher von der Stadt unter irgend einem Vorwand Geld zu erpressen. Das Blutmärchen, das wie so oft in der Geschichte erdichtet wurde, um die unbequemen Juden sich vom Halse zu schassen, hat auch in Lindau der Anlaß sein müssen, daß die Stadt „für alle Ewigkeit" von den Juden „gereinigt" würde. Ter wahre Grund dafür, daß man im Jahre 1430 eine Anzahl Lindauer Juden eines angeblichen Mordes halber mit dem Feuer hinrichtete, rst ohne Zweifel darin zu suchen, daß jetzt die christlichen Handelshäuser in Lindau bestrebt waren, sich des einträglichen Geld- und Edelmetallhandels zu bemächtigen. Mit diesen gleichzeitigen Bestrebungen der Bürgerschaft steht, der „Gerusch" in einem unverkennbaren inneren Zusammenhang. Trotzdem aber nun ein Sfadtgesetz örlässen worden war, wonach man fürohiü ewiglich keinen Juden noch Jüdin in die Stadt aufnehmen, dort haushäblich sitzen, noch ihr Wesen daselbst treiben lassen solle, konnte bfer Rat es nicht bindern, daß bald wieder die Juden sich in der Stadt und bereu Umgebung sehen ließen. Ja man hatte oftmals wieder Sehnsucht nach ihnen. Im Jahre 1559 gewährte Kaiser Ferdinand der Stadt endlich, was sie so lang schon erbeten üud in den weiten zweifelhafter Reichstrauer nicht hatte erhalten können, ein Privileg gegen die Inden, wie auch andere Städte es besäßen. In der Stadt zwar dursten sie sich nicht über Nacht aushatten, im Gebiet aber länger, und in den umliegenden, besonders den adeligen Besitzungen wohnten ihrer viele. Nur wurde den Juden, „die der Stadt Bürger und .Hintersassen bedrängten", verboten, ohne besondere Genehmigung des Rates für jeden einzelnen Fall Darlehen an Lindauer zu gebcu: Darlehen ohne diese Erlaubnis waren nicht klagbar. » Wie grausam man damals besonders gegen die Juden vorging, zeigt eine Notiz in den Scharfrichter? akten vom Jahre 1570, wonach ein Jude zwischen zwei Hunden an den Füßen aufgehänat wurde. Noch im 18. Jahrhundert wurde den Juden der Aufenthalt in der Stadt nur kurz und unter vielen Einschränkungen gestattet. Ja, die Bestimmungen wurden noch verschärft. Bürger und Untertanen wurden mit beweglichen Worten gewarnt mit Juden einen Kaut oder ein Geldgeschäft abzuschließen. Erst in unseren Tagen ließ sich die eine oder anberei sraelitische Familie wieder in Lindau häuslich nieder. Heule aber noch wird der Besucher der Stadt an die gräßliche Judenverbrennung vom Jahre