Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1909)
- Date
- 1909-11-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«3 v^vr^»7» <-W7f? »r»^WU?M>^WVDWNM fWttl Ih. 46, der aus Mischehen stammenden Kinder dem Judentum zugesührt wird (Zeitschrift f. Statistik d. D. Juden II. Die jüdischen Mischehen im Deutschen Reich und die konfessionelle Erziehung der Kinder), da nun von 100 jüdischen Personen, die im Jahre 1906 in Preußen eine Ehe eingingen, 10,43 einen nichtjüdischen Ehegatten wählten, so bedeutet der Verlust an Kindern aus Mischehen, wenn die Geburtenziffer derselben als gleich mit den rein jüdischen Ehen angenommen wird, 10,43 - 3 —-- 1,30 3 3,9 % 4-2 ' ' aller Geburten von einem jüdischen Ehegatten.') Allein all das vermöchte die von uns aufgezeigte Erscheinung des rapiden Geburtenrückgangs nicht zu erklären. Ebensowenig vermag dies eine Berufung auf die soziale Lage der Judendenn diese war schon vor den 70er Jahren nicht wesentlich ungünstiger als heutzutage. Es muß also eine andere Ursache sein, die mit dem Zeugungswillen in Zusammenhang stehtda ja auch an eine plötzliche physiologische Entartung nicht gedacht werden kann. Es ist Brentano vollständig beizustimmen, wenn er (a. a. O. S. 598) die Behauptung aufstellt, daß vor allem die Anschauung abgelehnt werden müsse, als ob die Fruchtbarkeit mit Religion oder Raffe im Zusammenhang stünde. Wir sind gleich ihm der Ansicht, daß die sozialen Verhältnisse stärker sind als Blut und Tauswaffer! Aber es gibt außer der positiven Einwirkung durch die Religion oder Raffe noch eine andere Möglichkeit, wie die Zugehörigkeit zu diesen Kategorien für die Fruchtbarkeitsentwicklung von Bedeutung sein kann. Die Zugehörigkeit kann bewirken, daß andere z. B. soziale Faktoren latent bleiben. Fällt dann plötzlich die bindende Kraft der Religion weg, so treten diese andern Faktoren in ihrer ganzen Kraft in Erscheinung und das letzte Hindernis für eine planmäßige Bevölkerungspolitik ist gefallen. Die Religion vermag so, wenn diese anderen Kräfte sich antisozial erweisen, als sterbender Simson die Tragstützen eines gewaltigen Gebäudes wegzureißen. Ganz so lagen und liegen die Verhältnisse hinsichtlich der jüdischen Religion. So lange den Juden ein starkes Festhalten an der hergebrachten Satzung es unmöglich machte, sich über das „Seid fruchtbar und mehret euch" ohne Gewiffensbiffe hinwegzusetzen, hatte ihre günstige soziale Lage nicht das Sinken der Fruchtbarkeit im Ge- 0 Diese Verlustrechnung findet ihre Erklärung darin, daß */4 aller Kinder aus Mischehen dem Judentum verloren gehen und daß die Zahl der Ehegatten doch nur V, so viel Ehen entspricht. 9n AsrarlU folge, das ihr sonst auf dem Fuße zu folgen pflegt. Als aber in den 60er Jahren infolge des Zuges in die Stadt und aus einer Reihe von andern Gründen eine immer stärkere Abkehr von der Religion oder zum mindesten von der Strenggläubigkeit eintrat, da vermochten die sozialen Faktoren auf einmal ihre Wirkung zu tun. Der sterbende Simson setzt das Judentum in Westeuropa der Entvölkerungsgefahr aus! Das Judentum ist in die dritte Epoche der Bevölkerungsentwicklung eingetreten. Heute vermag niemand zu sagen, wie lange dieselbe dauern wird. So segensreich auch die Epoche der „planmäßigen" Bevölkerungspolitik für den Einzelnen ist, für Staaten und Nationen ist sie zweifellos eine große Gefahr! Kochemrmöschau. Der Hongreg für hebräifche Sprache und Kultur. Wieder geht ein Sammelruf durch die jüdische Welt, eine Einladung zu einem Kongreß für hebräische Sprache und Kultur. In der heutigen Zeit der Kongresse und Versammlungen aller Art, bedeutet ein Kongreß mehr gewiß kein sonderliches Ereignis. Allein es handelt sich hier um einen Appell zur Förderung der heiligen Sprache. Wie sollte ein solcher nicht ein freudiges Echo in allen jüdischen Herzen finden? War ursprünglich ein Kongreß in großem Stile geplant, so wurde, wie ein neuer Aufruf bekannt gibt, vom einberufenden Komite aus gewichtigen Gründen vorerst von diesem Gedanken Abstand genommen und statt dessen eine kleinere Konferenz für die Mitte des kommenden Monats in Berlin angesetzt, derer! Aufgabe es aber sein wird, „bereits in diesem Winter eine groß angelegte organisatorische Arbeit zu entfalten und alle vorbereitenden Schritte für den kommenden Sommerkongreß zu unternehmen " Mit diesem Beschluß glaubt das vorbereitende Komite „die Ansichten der Majorität derer, welche für die Organisierung der hebräischen Bestrebungen wirken wollen, getroffen zu haben." Dieser Glaube des Komites ist es eben, den zu teilen wir auf Grund unserer Neberzeugung leider nicht imstande sind. Die Majorität derer, welchen 18. November 1*09 die Förderung der hebräischen Sprache und Literatur, ihre Organisierung und Ueberleitung in gesunde Bahnen sehr am Herzen liegt, ist weit größer als das Komite glauben mag. Sie umfaßt alle jüdischen Kreise, die demGesetzeund somit auch der Sprache, in welcher dieses uns übermittelt wurde, tr hu geblieben sind. Aber die Ansichten dieser unzähligen Freunde der hebräischen Sprache haben die ^inberufer weder mit dem ersten noch mit dem zweiten Beschlüsse irgendwie getroffen. Ob Kongreß oder Konferenz, auf den Namen der Versammlung kommt es gewiß nicht an, vielmehr auf die Art derselben, aus den Geist, aus dem sie geboren, auf die Voraussetzungen und Gesichtspunkte, unter denen die Sammlung der Kräfte vor sich gehen soll. Und in diesem Punkte hat das Komite nichts getan, was das Vertrauen der intimsten und aufrichtigsten Freunde der hebräischen Sprache und Literatur, der gesetzestreuen Juden, zu rechtfertigen imstande wäre. Daß der Aufruf von keinem einzigen Vertreter des Rabbinerstandes, in dem sich, zumal in Rußland, doch bekanntlich auch bedeutende sowohl durch Stil wie Gedankenreichtum sich auszeichnende Schriftsteller befinden, gezeichnet ist, würden wir noch hinnehmen. Bedenklicher ist schon, daß auch die wenigen Laienschriftsteller, deren literarische Aufgabe es zum Segen für die russisch-jüdische Jugend von jeher war, echtjüdischen Geist in den schönsten künstlerischen Formen zu verbreiten, vollständig fehlen. Was aber am meisten zu denken gibt, fft daß, wie besonders aus dem zweiten Ausruf mit Deutlichkeit hervorgeht, der 8piriM8 revtor der ganzen Bewegung kein anderer als der bekannte hebräische Schriftsteller AchadHaam ist. Achad Haam, der geistreiche Effaist, ist eine eigenartige und bemerkenswerte Erscheinung in der neuhebräischen Literatur und Kultur. Ein Meister des Stiles und Künstler der Form, läßt er in seiner Methode die als überwunden betrachtete Haskalah-Periode ihre Auferftehuung feiern. Was aber diese nur verworren und unklar zum Ausdruck zu bringen vermochte, das nimmt bei Achad Haam eine logisch gegliederte und daher um so wirksamere Form an. Sein Ausgangspunkt, ist die heute selbst von den Verfechtern des Naturalismus nur bedingt anerkannte Entwicklungstheorie und ganz, selbst in Religionsfragen, auf sie gestützt, versucht er eine Umwertung aller Werte — f'zny nennt es der Nietzsche des Ghetto — herauszubilden. Daß der Einfluß dieser Theorien auf die gebildete und halbgebildete ruffisch-jüdische Jugend, die den Namen Achad¬ Haam zu einem Symbol gemacht hat und sogar Kleines Meuilleton Die Juden der Stadt Lindau im Boden$ee. Bon Rabbiner Tr. Schweizer-Weikersheim. Die im schwäbischen Meere gelegene bayrische Stadt Lindau, von Touristen und Ausflügern zu Wasser uud zu Lande heute vielfach besucht, hat eine ruhmreiche Vergangenheit. Ein vielgestaltiges Leben ist wie ein Strom durch die Mauern dieser kleinen Stadt geflossen, der aus seinen Wellen die Geschicke und geistigen Wandlungen des deutschen Volkes wider-, spiegelt. Wer Lindau besucht, wird es nicht versäumen, das Wahrzeichen der L,tadt, das prächtige Rathaus mit seinem altertümlichen Gepräge, zu besichtigen. Voll Bewunderung wird das Auge des Beschauers schon an dem äußeren Schmuck des Hauses haften. D'e 10 Gebote der Thora mit ihren wohlgelungenen Illustrationen an der oberen Abteilung der äußeren Front verzeichnet, in farbigen Feldern gemalt, sie sind es, die den Blick des staunenden Beschauers an sich fesseln. Und unwillkürlich, bei Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Lindaus plötzlich an die 10 Gottesworte der Thora gemahnt, wird der nachdenkende Jude sich fragen: Haben wohl hier in der ehemaligen Reichsstadt Lindau auch Glaubensgenossen gewohnt? Und wenn wir von der Reise zurückgekehrt, in unserer Studierstube angekommen, die alten Memorbücher öffnen und die dort verzeichneten Ortschaften nachschlagen, in denen einst jüdisches Leben pulsiert hat, so werden wir neben der oberschwäbischen Reichsstadt Ravensburg auch Lindau aufgeführt finden, und zwar als eine Stadt, in der einst Judenverfolgung und Juden- Verbrennung stattacsunden. Das Ausgeze chnetse n einer mittelalterlichen Ortschaft im Memorbuch, dem pietätvollen Gedenkbuch der jüdischen Märtyrer, gibt uns den sichersten Anhaltspunkt für die einstige Existenz einer jüdischen Gemeinde an diesem Orte; gibt uns aber auch zugleich den authentischsten Bericht über das Schicksal einer solchen Gemeinde. Tie Juden waren die ersten, welche in größerem Ulnfange Kaufgeschäfte in Lindau betrieben. Um das Jahr 1050 stand ein von ihnen geführter Sklavenhandel in Walenstad am Walensee in hoher Blüte, während uns um dieselbe Zeit Ekkehard IV. erzählt, daß sein Kloster St. Gallen von: Bodensee her Pfeffer bezog. Tie Juden in Lindau betriebetr zunächst Großhandel, später machten sie den Lombarden vielfach Konkurrenz. Tic Stadt-Lombarden, auch „Kawcrschen" genannt, waren Italiener, die Geld auf Zinsen ausliehen. Sie arbeiteten gewöhnlich in Kompagnie gegen einen jährlichen Zins von 43,33 Prozent, indem sie ihre Darlehen durch Pfänder Zcherten. Sie wurden den Juden gleichgeachtet, wie uns eine Urkunde belehrt, wo die Lebrosen erklären, der Pfarrer Markward könne (ich im Falle der Nichtzahlung einer ausbedungenen Summe ,apud Kaüwirscbjnes vel itUeos super nos rum dampnum . . sub usura“ (bei den Kawerschen oder den Juden mit Zinsen auf ihren Schaden) das Geld verschaffen. Ta die Zeiten sehr unsicher waren, so erreichte aber der Zins oft eine geradezu ungeheuerliche Höhe. Der Lombarde Jakobus Korwerzinus de Lindow ließ sich vom Grafen Hilgo von Bregenz für 50 Mark Silber nach acht Jahren nicht weniger als 646 Mark, d. h. 1192 Proz. zahlen. Ta das Zinsnehmen von der Kirche verboten war, so befaßten sich nur die skrupellosen Lombarden damit. In Schwaben hatte fast jede ^stadt ihren Lombarden. Erst später traten die Juden auf und machten den Lombarden vielfach Konkurrenz, und zwar zum Borteil der Bevölkerung, was auch öfters von dieser Seite aus Anerkennung gefunden hat. Ein Vergleich der jüdischen Wucherer mit den christlichen fällt.durchaus nicht zu gunsten der letzteren aus. Tie Bürgerschaft in Lindau war sehr froh, daß sich ein jüdischer Wechsler dort niederließ, der sich mit geringereic Zinsen begnügte. Härter als die Lombarden, denen die Juden in Urkunden oft gleichgestellt werden, haben die jüdischen Wucherer niemals ihre Schuldner behandelt. Nach dem am 12. April 1240 im Aufträge des Kaisers von Bischof Heinrich II. von Konstanz veröffentlichten Gesetz müßte das lombardische Geld vor dem Kauf erst auf seine Reinheit geprüft werden. Für fremdes Geld konnte kein Silber hergegeben werden. Auch durste man es nicht nach auswärts verkaufen. Silberverkauf war für jedermann, Jude»; wie Christen, in gleicher Weise verboten. Er mußte vielmehr durch die Hand des Münzmeisters gehen, der dazu seine Wage unentgeltlich hergab. Im Mittelalter spielte .bei seinem schlecht ausgebildeten Kreditwesen die Bürgschaftstellung eine sehr bedeutende Rolle. Starb in Lindau der Bürge, ehe die Verhandlung vollendet worden war, so hafteten seine Nachkommen nicht für die übernommenen Verpachtungen. Beink Tode eines Mannes, der sich einem Juden als Bürge tzestellt hatte, fiel für des Verstorbenen Erben ebenfalls jede Beranwortung hin-