Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1909)
- Date
- 1909-11-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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11. November 1909. Der JSraettt. Sette V. Nr. 45 So meinte Herr Kultuspräsiden Dr. Till es, die Allianz möge die vom Judentag mit so schlechtem Erfolge begonnene Arbeit zur Schaffung der Organisation wieder aufnehmen, während Herr Dr. Rafael Landau dafür eintrat, daß sie sich jetzt ausschließlich den kulturellen Aufgaben widmen möchte. Mit der Bestellung eines 12gliedrigen Propaganda-Komitees fand die Versammlung ihren Abschluß. Ungarn. Religionsunferridif un9 Schulaufsicht. (Bon unserem Korrespondenten.) A. Gr. Budapest, 7. Nov. Der Kultus- und Nnterrichtsminister richtet eine Verordnung an beide jüdische Landeskanzleien, in der er den ministeriellen Erlaß No. 57121 vom Jahre 1906 zurückzieht und anordnet, daß die jüdischen Schulstühle (Schuldeputationen) kein Recht mehr haben, den Religionsunterricht wie bis dahin in den Bürger-, Handels- und Mittelschulen zu beaufsichtigen. Das Recht zur Beaufsichtigiung des Religionsunterrichts seitens der jüdischen Schuldeputationen bezieht sich nur auf die Elementar- und Volksschulen. Diesen hochwichtigen Erlaß haben wir einem Spezialfall zu verdanken. Herr L. Löw, Oberrabbiner in Ungvar, wollte nämlich die Qualifikation eines vom Schulstuhl gewählten Religionslehrers nicht anerkennen und beharrte darauf, daß der schon seit Jahren wirkende, in seinem Amte ergraute Religionslehrer in seiner Stellung verbleibe. So kam die obige ministerielle Verordnung zustande, die die Oberaufsicht des Religionsunterrichtes dem Rabbiner zuerkannte und zu Gunsten des alten Lehrers entschied, den die „Modernen" zu Ungvar verfolgen zu müssen glauben. * * * Das Munizipium des Komitats Bereg hat vor einigen Wochen den Beschluß gefaßt, daß sämliche auf seinem Gebiet befindliche Wirtshäuser an Sonn- und Feiertagen, sowie an Jahrmarktstagen und an den Tagen, an denen militärische Musterungen stattfinden, geschloffen sein müssen. Da eine überaus große Zahl der dortigen Wirte Ju den sind, ist die antisemitische Tendenz dieses Beschlusses offenbar. Die in ihrer Existenz hart betroffenen jüdischen Schankwirte haben an das Ministerium des Innern appelliert, welches denn auch erfreulicherweise den ungesetzlichen Beschluß des Komitats Bereg annulliert hat. gfoftlanfr. Kulturhurtofa. Grodno, 3. Nov. In Polen besteht das Gesetz, daß in den Chedarim (jüdischen Schulen) neben dem Hebräischen auch die russische Sprache als obligatorisches Fach zu unterrichten ist. Fahndungen nach „fehlenden" Melamdim und polizeiliche oder gerichtliche Ahndungen von Vergehen gegen diese Bestimmung gehören dort zur täglichen Erscheinung. In Lithauen dagegen ist es den Melamdim aufs strengste verboten, in ihren Chederschulen die heilige russische Sprache zu unterrichten. So erleben wir es jetzt, daß zur gleichen Zeit, da jenseits der Memel auf polnischem Gebiet noch einige Chedarim wegen mangelhaften russischen Unterrichts von amtswegen geschlossen sind, nicht weniger als 300 jüdische Lehrer sich in den nächsten Tagen vor dem hiesigen Bezirksgerichte zu verantworten haben werden, weil sie es gewagt haben, in ihren Schulen auch die russische Sprache zu unterrichten. Man ist auf den Ausgang des Prozeffes gespannt, da es der Verteidiger gewiß nicht versäumen wird, auf den krassen Widerspruch in den besagten Bestimmungen und die grotesken Zustände, die daraus entstehen, hinzuweisen. Der wahre Grund, den aber die Anklagebehörde nicht angeben kann, liegt natürlich darin, daß die Regierung gar zu gern die Juden in Polen zu Verbreitern der ruffischen Kultur und Sprache heranziehen möchte, wozu im beffersruffifizierten Lithauen aber keinGrundvorli 'gt. Warschau, 8. Nov Nun soll in Russisch-Polen die städtische Selbstverwaltung, die so viele Schatten voraus geworfen hat, eingeführt werden; über deren Gestaltung bestehen zwar noch tiefgehende Differenzen zwischen den Wünschen der Polen und den Vorschlägen der russischen Regieruug die natürlich besondere Maßnahmen „zum Schutze der russischen Bevölkerung in Polen" treffen will, beide Parteien stimmen aber darin überin, daß die Rechte der in Russisch-Polen wohnenden Juden in der künftigen städtischen Selb st Verwaltung soviel als möglich beschnitten werden sollen! Die Polen sehen in den Juden ein „russifizierendes Element", — die Regierung dagegen erbl ckt in ihnen einen „polonsierenden Faktor"! Und so herrscht jedenfalls auf beiden Seiten die schönste Eintracht darüber, daß das aktive und passive Wahlrecht der Juden zu den. städtischen Verwaltungskörpern in Russisch-Polen auf das geringste Maß beschränkt werden soll, derart, daß die Juden keinen Einfluß auf die städtischen Institutionen hätten, zu deren Unterhaltung sie entsprechend ihrer Zahl in ehrlicher Weise beitragen. Von der „Gefahr der Russifizierung", namentlich durch die aus Lithauen hierher gekommenen Juden, wird in letzter Zeit in der hiesigen polnischen Presse viel gesprochen. Die hervoragendsten Vertreter der polnischen öffentlichen Meinung haben zu dieser von den „Litwaken" drohenden „Gefahr" Stellung genommen. Wären nicht von dieser Bewegung ernste Folgen zu befürchten, so verdiente sie einfach der Lächerlichkeit anheimzufallen. Diese von der russischen Regierung entrechteten, wie Parias behandelten unglücklichen Juden, die an ihrer eigenen Volkssprache und überlieferten Kultur festhalten — Pioniere des Ruffentums! (Uebrigens schützt die russische Regierung die jüdischen Kinder vor ihrer Russifizierung durch jüdische Lehrer, wie der mitgeteilte Fall aus Grodno beweist. (Red.) Finnland. Helsingfors, 3. Nov. Es hat doch den Anschein, als ob die krisenhaften Zustände, in denen jetzt die äußere Politik Finnlands sich befindet, die Führer zum Nachdenken über die Rechtsbegriffe, die der Innern Politik zur Grunde läge dienen sollen, anregt. So hat die Kommission für Grundgesätze im finnländischen Landtag einen Entwurf angenommen, wonach alle Juden, die in Finnland geboren und daselbst bis zu ihrer Mündigkeit gelebt oder längere Zeit mit Erlaubnis der Administration im Lande gewohnt haben, das Recht bekommen müssen, in Finnland zu wohnen und sich mit Handel und Industrie zu befassen. Ueberdies muß ihnen die Möglichkeit geboten werden, finnländische Bürger zu werden. Außerdem wurden, auch Erleichterungen' für durchreisende und zeitwillig in Finnland ansässige Juden angenommen. Ob der Landtag diesen Entwurf genehmigt und zum Gesetze macht? England. liOnSoner Brief. (Bon unserem Korrespondenten.) London, 6. Nov. Was bereits Ihre Korrespondenz vom 11. Oktober erwähnte, hat inzwischen den Weg in die breite Oeffentlichkeit gefunden. Das Pamph iet Monte fiores,daszuerst nur für die Mitglieder seiner Gemeinde bestimmt war, ist vor vierzehn Tagen im Jewish Chronicle veröffentlicht worden. Es hat die Gemüter aller Schattierungen der englischen Judenheit mehr oder weniger erregt — nicht zum wenigsten die Mitg ieder einer Religions Union selbst — und die allgemeine Erregung hat vergangenen rat? ihren Ausdruck in einer Predigt Dr. Adlers gefunwn, die er in der N ew West EndSynagogue sielt. Wie ein Klagelied lesen sich seine zu Herzen gehenden Worte, denen er als Text das Psalmenwort 'nb nitfjn ny zu Grunde legte. Angesichts der Offenheit, mit der Montifiore jede Autorität, insbesondere jede Autorität eines Buches verwirft und lediglich die Stimme in der eigenen Brust zum Gesetzgeber für die jüdische Gemeinschaft ernennt, wird es selbst dem weiten Kreise der „Halben" klar, daß auf dem Weg der „Reform" der Untergang der jüdischen Religion mit absoluter Sicherheit herb'igeführt werden müßte. Infolgedessen hat sogar Jewish Chronicle, der Claude Montefiore bisher offensichtlich begünstigte, eine Schwenkung vollzogen und sucht jetzt Anschluß an die konservative öffentliche Meinung. * * * Freilich — für die ernste und gewissenhafte, keine falsche Rücksicht kennende Handhabung des Rc ligionsgesetzts, die in der Millionenstadt gewiß nicht immer leicht ist, besagen „konservative Stimmungen" leider noch nicht viel. Und in dieser Hinsicht läßt das milde, überall zum Ausgleich neigende Regime des Chiefrabbi bei aller Reinheit der Absichten leider manches zu wünschen übrig. Gerade in der Woche, die Dr. Adlers Predigt voranging, wäre dem jh N'2 Gelegenheit geboten gewesen, durch Eingestehen eines vorhandenen Nebels an die praktische Arbeit zu gehen. Schwere Beschuldigungen gegen die Aufsicht des n'3 m christlichen Hotels würden bei einem Meeting die Schechitahkommission erhoben und zahlreiche Beweise gebracht, daß bei den unter Aufsicht stehenden öffentlichen Festessen vielerlei nicht in Ordnung ist. Dr. Adlers schwache Verteidigung des Bestehenden konnten weder überzeugen noch eine genügende Energie des jn rV3 glaubhaft machen - doch es steht zu hoffen, daß, da die Angelegenheit öffentlich zur Sprache gebracht wurde, die gewissenhafte Regelung der Kaschruthverhältniffe näher gerückt ist. * * Wir konnten konstatieren, daß 25 Juden bei den vorwöchentlichen Wahlen für den „ Borough Council" (Stadtverordnete) Erfolg hatten. Zwar drückt sie alle das Joch der miDK nicht allzuschwer, bei Herannahen der Wahlen jedoch wird an diese jüdischen Mitbürger mit brüderlichen Gefühlen appelliert. * * * Im North London Beth Hamidrasch macht sich der Einflug des neuen Rabbiners Dr. SchoeIlfeld bereits unter seinen Mitgliedern fühlbar - nicht nur Schiurim und Droschaus zu geben hat er sich zur Aufgabe gemacht, auch den Frauen will er durch Gründung eines „Gesetzestreuen Frauenvereins" den fehlenden Halt geben. Nur über dessen praktische Ziele sind sich die Gelehrten noch nicht einig, und eine für die kommende Woche einberufene Generalversammlung soll erst darüber entscheiden. Vielleicht hat die eine oder andere Führerin in der dieswöchentlichen Korrespondenz des Jewish Chronicle von dem Mangel einer jüdischen Küche, in einem Hospital im Süden Londons gelesen, dessen Leiterin sehr gerne den zahlreich dort verpflegten Juden koschere Nahrung reichen wollte, wenn ihr Rat und Mittel zur Verfügung gestellt werden? Derartige Hilfe von gesetzestreuer Seite ist das, was wir hier benötigen. Dänemark. Kopenhagen, 1. Nov. Die Bereinigten Staaten von Nordamerika und Italien hatten schon jüdische Minister, aber Dänemark ist das erste Land der Welt, in dem wieder ein Jude zum Chef eines Kabinetts ernannt worden ist. Dieser jüdische Premierminister Dänemarks und des Königs Friedrich VIII., Herr Zahle, zählt 43 Jahre. Er ist von Beruf Rechtsanwalt und seit zehn Jahren Mitglied des Folkethings und Präsident der denuckratischen Partei, die jetzt in Dänemark die Regierung übernommen hat. Neben dem Premier Zahle, der außer dem Präsidium übrigens auch das Verteidigungsministerium verwaltet, sind noch zwei Juden Kabinettsmitglieder : der Finanzministes Dr. Edward Brandes, ein Bruder von Georg Brandes,