Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1909)
- Date
- 1909-11-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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11 November 190 Seite 8 Rr.,45 S* hat aber seine soziale und ethische Wertschätzung in den Gemütern des Publikums lediglich dem -Umstande zu verdanken, daß er in dem Oberrabbi nat seine folgerichtige Krönung fand, daß echteT Horagel eh rte denHamburg.Rabbinatssiv zierten und damit ihr, der Thora, so offiziell wie möglich die Anerkennung als dem geistigen Mittel- : Punkt alles jüdischen Gesamtheitslcbens, als Seele der jüdischen Gemeinde gezollt wurde, sg So ist es denn einfache Pflicht der Selbsterhaltung, ist es ferner ein nobile officium gegenüber der gesamten deutschen Judenheit, daß die Hamburger Gemeinde einen dem Heimgegangenen Oberrabbiner V'sr einigermaßen ebenbürtigen osn Tö^n ans den Hamburger Rabbinatssitz berufe. Wenn nicht leistungsfähige und dabei von echtjüdischem Geiste durchdrungene Gemeindekörper wie der Hamburger Synagogenverband der Thora die Ehre geben und einen anerkannten, zum Lehren und Entscheiden Autorität ^besitzenden Gelehrten der deutschen Judenheit schenken — wo denn soll es geschehen? Die vorstehenden Darlegungen werden im Prinzip vermutlich von fast allen auf die Wahl Einfluß nehmenden Faktoren gebilligt. Die Geister scheiden sich erst, wenn bei der Ausführung die Probe auf das Exempel gemacht, welche der an den Oberrabbiner zu stellenden Anforderungen als die relativ wichtigsten zu betrachten seien. Man sagt vielfach: gewiß, wir möchten sehr gerne einen bedeutenden Thoragelehrten zum Oberrabbiner küren, wenn er dabei ein ebenso bedeutender Philosoph, ein glänzender Kanzelredner, ein liebenswürdiger Gesellschafter, fähiger Diplomat, kurz ein „Mädchen für alles" ist. T>a nun eine solche Kombination verschiedenartiger Vorzüge auf Erden selten gefunden wird, so tritt .an dieser Stelle die gegensätzliche Auffaffung schroff zu tage. Die einen verzichten gern auf den D3n TD^n ersten Ranges zu gunsten des modernen Rabbiners, die andern, und zu ihnen gehört Ihr Korrespondent, wollen lieber über diese oder jene ganz wünschenswerte Tugend hinwegsehen, wenn nur eine kernige, von tiefem Thorawiffen geadelte Persönlichkeit zu gewinnen ist. Freilich eine Persönlichkeit, ein Mann von festem Willen und klarem Blick, für die Dinge der Welt, ein Mann mit gründlicher, wenn auch nicht zünftig abgestempelter allgemeiner Bildung muß es sein, der die dem Heimgegangenen Oberrabbiner entfallenen Zügel aufnimmt. A ber solche Männer gibt es wahrlich noch in der Welt, man muß nur ernst un dbeh arrlich nach ihnen Ausschau halten. Wird, wie wir sehnlichst hoffen, ein solcher Mann gefunden,dann wäre der fegend reich wirkende zweite Rabbiner ihm eine willkommene und durchaus notwendige Ergänzung. Gerade weil die Anforderungen an den modernen Rabbiner so vielfältig und zum Teil einander . ausschließender Natur sind, ist es ein Gedanke von zwingender logischer Kraft, den überall heute anerkannten Grundsatz der Arbeitsteilung auch auf das Hamburger Oberrabbinat anzuwenden. Es ist genug Raum vorhanden, daß beide Männer in einträchtiger Arbeit Zusammenwirken, um alle Organe und Zellen des Gemeindekörpers mit jüdischem Geist zu durchdringen und auch für die größte und ernsteste Aufgabe der jüdischen Gesamtheit, diePslegederThorawissenschaft, die gesammelte Kraft einzusetzen. Möchten diese Erwägungen in der Wahlkommission zum Siege gelangen: NM Dpn *?:> Dil OWD IO' lDlpD ty. Oesterretrh. Wien, 5: Nov. Die Interpellation,.die, wie in letzter Nr. des „Israelit" mitgeteilt, die Abgeordneten Grigorvici und Pittoni im Aufträge des Internationalen Sozialistenkongresses, betreffend die F remdenfrage 4n Rumänien im Abgeordnetenhause eingebracht haben, hat folgenden Wortlaut: „Die österreichische Regierung wurde seinerzeit sowohl im Abgeordnete. Hause als auch in den Delegationen auf gewisse Vorgänge in Rumänien aufmerksam gemacht, Der JSraelit. die wegm ihrer Eigenart.vom österreichischen Staat nicht unberücksichtigt gelassen werden sollten. Es sind dies die Massenausweisungen angeblicher Fremden aus Rumänien. In dem Zeitraum vom 15. März bis zum 15. Juni d s Jahres 1907 sind allein 880 sogenannte ausweislose Fremde durch rumänische ^rrnzbrHörden, zumeist auf österreichischungarisches Territorium, oft mit L.st und Gewalt, gesetzt worden. Bedenkt man nun, daß zu den „aus eislosen Fremden" in Rumänien viele H nderttausend von Personen gehören, darunter sämtliche 250,000 in Rumänien ansässige Juden, so könnte es leicht xeschehen, daß die rumänische Regierung eines Tages alle diese Personen zwingt, österr ichischen oder ungarischen Boden zu betreten, um nicht mehr nach Rumänien htneingelassen zu werden. Die Regierung Rumäniens hat nämlich, entgegen den Aufträgen d r Bertragsmäch e des Berliner Vertrages, zu denen auch Oesterreich-Ungarn gehört, bis öum heutigen Tage die Frage der Naturalisierung dieser sogenannten e-remde deren Familien zumeist seit Jahrhunderten im ande wobnen, nicht gelöst, obwohl sie sie zu allen Bürgerpflichten heranzleht und sie auch den Militärdienst Meisten läßt. So gehören alle sogenannten Fremden in Rumänien keinem Staatsvcrband der Erde an, und wenn ihre Ausweisung auf Grund des Ausweisungsgesetzes vom Jahre 1901 erfolgte, welches die rumänischen Behörden ermächtigt, ausweislose Frenide „in ihr Heimatland" au§- zuweisen, so entsprach d s eben nicht diesem G setz, weil diese angeblichen Fremden kein anderes Heimatland haben als eben Rumänien. Dennoch hat die rumänische Regierung nicht gezögert, ihr mißliebige, gewerkschaftlich organisierte rumänische Arbeiter, wie die in Wien lebenden Tischlergehilfen Brüder Hoppe, den in Triest w i eizden Schlossergehilfen Konstantin Covaci und andere auf Grund dieses Gesetzes, in einem Falle unser Protest der öste - reichischcn Grenzbehörden, nach Oesterreich auszuweisen. Selbst ein Dichter, Barbu Lazarovici, und Dr. Christen Racovski, der bekannte Schriftsteller und Führer der sozialdemokratischen Partei Rumäniens, fielen gegen alles Gesetz auf dem Wege der Ausweisung der Rache d r gegenwärt gen Regierung Rumäniens zum Opfer. Insbesondere der Fall des Dr. Racvwski ist im höchst n Grade empörend, da dieser und seine Familie, noch ehe Rumänien die Provinz Dobru scha bes.tzte, dort wohnten und begütert waren, da er längere Zeit als rumänischer Bürger, als gewählter Landrar funktionierte und im rumänischen Heere den Rang eines Oberarztes bekleidete. Ihm. wurde nicht einmal gestattet, ins Land zurückzukehren, um in dem von ihm angestrengten Prozeß vor dem Kassationshof sein rumänisches Bürgerrecht an der Hand von Akten zu beweisen; ein une hörter Vorgang, der irr keinen; gesitteten Lande möglich ist. Um der österreichischen Regierung zu ermöglichen, einen Einblick in alle diese sie als Verlragsmacht interessierenden Rechtsverletzungen zu gewinnen, legen wir uns. rer Interpellation im Anhang ein vom Herrn Dr. Racovs.i verfaßtes Druckwerk bei, das sich „Les persecutions politiques en Roumaine“ (Die polit schen Verfolgungen in Rumänien) ßetit lt und ihr Gelegenheit geben wird, sich zu überzeugen, daß die gegenwärtige rumänische Regierung ganz Europa, insbesondere aber Oesterreich als Strafkolonie für ihr mißliebige Personen betrachtet und es schon aus diesem Grunde Sache der österre chischen Regi rung wäre, für die Repatriierung der Ausgewiesenen etwas zu unternehmen. Denn daß die rumänische Regierung die Ausweisung nach Oesterreich-Ungarn als Sttafe für ihre eigenen Bürger betrachtet, beweist sie selbst durch den Umstand, daß kürzlich der Führer der gewerkschaftlich vereinigten Schuhmacher von Bukarest, Vasile Anagnosie, gegen das Versprechen, sich von der gewerkschaftl chen Bewegung zurückzuziehen, wieder ins Land gelassen wurde, obwohl er als „au weis oser Fremder" des Landes verwiesen n ar. SolcheZustände erscheinen uns ls unhaltbar, umsomehr, als Oesterreich durch das Borgehen der gegenwärtigen rumänischen Regierung als Nachbarstaat in Mitleidenschaft gezogen wird. Gegenwärtig protestieren die Arbeiter Rumäniens in gewalttgen Massenmeetings g--gen diese barbae tsche Ausweisungspraxi - - auch die Interpellierenden schließen sich diesem Protest an und stellen an die österreichische Regierung folgende Fragen: Ist die Regierung geneigt, ihren Einfluß auf das österreichisch-ungarische Auswärtige Amt auszuüben, daß die>es bet der rumänischen Regierung vorstellig werde, 1. damit die rumäni'che Regierung die Frage der Naturalisierung der sogenannten F emden erschöpfend und ehestens im Sinne des Berliner Vertrages löst- 2. damit die rumäni che Regierung es für die Zukunft hinterläßt, ihr mißl ebige Bürger mit List und Gewalt nach Oesterr ich-Ungarn auszuwetien?" Mun verspricht sich im allgemeinen nicht viel von der Wirkung dieser Interpellation. Umsoweniger als die eigentlichen Motive für die Aktion, wie aus der Interpellation ersichtlich, nicht die Behandlung der Juden, sondern die Ausweisungen der Sozialisten bilden. Immerhin darf man auf die Antwort der Regierung sehr gespannt sein. öeneraloerssmmlung Ser Jsraelififdien nilian?. Krakau, 5. Nov. Unter zahlreicher Beteiligung von Vertretern aller Parteien und Richtungen der Judenheit fand heute zum erstenmale seit mehreren Jahren wieder eine Generalversammlung der hiesigen Filiale oer Wiener Israelischen Allianz statt. Herr Prof. Dr. Ro senblatt begrüßte die zahlreich erschienenen Mitglieder und den Delegierten der Zentrale, indem er hervorhob, daß die Allianz ein hervorragendes Werk der Einigung der Juden auf humanitärem Gebiete vollbringe. Aus der Rede war ferner zu entnehmen, daß der Verein jetzt neben dem weitverzweigten Hilfswerke für die verfolgten Glaubensgenossen auch das Schul- und Erziehungswerk in Galizien wieder in den Vordergrund stelle. Herr Dr. Kaminka erstattete hierauf ein Referat über die Wirksamkeit der Allianz während der letzten Jahre. Es sei der erste statutarische Zweck der Allianz „die Volkserziehung bei den Israeliten durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen zu fördern." Die fast ununterbrochene Reihe von Judenverfolgungen während des verflossenen Dezenniums habe jedoch dazu gedrängt, daß der Verein seine Kräfte vorwiegend in den Dienst des zweiten statutarischen Zweckes, den als Juden Bedrängten brüderliche Hilfe zu bieten, stellen mußte. Als er, Dr. Kaminka, zuletzt in Krakau vor einigen Jahren geweilt, hätten, wie allgemein erinnerlich, gerade hier Tausende von Emigranten der Weiterbeförderung nach überseeischen Ländern geharrt, die die Allianz unter Ueberwindung unsäglicher Schwierigkeiten durchzuführen in der Lag^ wäre. Redner gab eine Uebersicht der Hilfsaktionen der Allianz in Rußland und in Rumänien, die während der verflossenen Jahre insgesamt nahezu zwei Millionen Kronen erfordert hätten. Gegenwärtig sei zwar die Lage, besonders in Rußland, eine noch ebenso triste, wie sie zur Zeit des Ministers Plehwe war, in mancher Beziehung sogar noch schlimmer, da die Majorität der Duma für eine fernere Einschränkung der Rechte der Juden sei. In wirtschaftlicher Beziehung wenigstens sei aber eine Besserung eingetreten und da die Maffenemigration aufgehört habe, könne der erziehlichen Aufgabe in jüngster Zeit erhöhte Aufmerkeit gewidmet werden. Auf die neubegründeten Schulen in Galizien übergehend, schilderte der Referent die großen Schwierigkeiten, mit denen man bei der Aktivierung derselben zu kämpfen habe. Es sei dabei, meint der Redner, auch der Mißstand hervorgehoben, daß die Filialen der Allianz in Galizien selbst so wenig tätig wären. Das werde nun hoffentlich von jetzt ab anders werden, da die Krakauer Ortsgruppe ein so nachahmenswertes Beispiel der Propaganda gegeben hätte. Redner erzählt, wie er erst gestern Gelegenheit gehabt hätte, einen Einblick in den.unvergleichlichen Idealismus zu tun, der die breiten Kreise gerade der orthodoxen Juden erfüllt. In Chrzanow, wo er den von der Allianz gegründeten Kindergarten zu besichtigen hatte, war er um 4 Uhr früh eingetroffen und da es kein Hotel im Orte gebe, habe ihn ein jüdischer Fuhrmann in das — Beth-Hamidrasch gebracht. Dort seien schon zu dieser frühen Stunde nahezu 30 Personen, Greise und Jünglinge, versammelt gewesen, die Talmud und andere heilige Schriften studierten. In einem Lande, wo so viel Liebe zum Judentume h rrsche, müsse auch das Hilfswerk der Allianz warme Förderung finden usw. Wir meinen, daß diese Morgenstunde in einem galizischen Beth'-Hamidrasch in drastischer Weise die Herren darüber belehren müßte, welcher Art die kulturelle Bestrebungen, denen sich jetzt die Allianz in gesteigertem Maße zuwenden will, sein müssen. Es mag auch sein, daß Herr Dr. Kaminka in dieser Beziehung ganz gute Ansichten und Absichten hat. Allein die bisherigen Leistungen »der Allianz auf dem Gebiete der Volkserziehung sind noch keineswegs derant, daß sie das Vertrauen der gesetzestreuen Kreise für sich in Anspruch nehmen könnten. In der Diskussion kann auch die Frage der Gesamtorganisation noch einmal zur Sprache