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Der Israelit · 1909-11-11 · Heft 45 (11.11.1909) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 45 (11.11.1909)
Date
1909-11-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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11. November 1909. Der A-raeltt. Nr. 45. ^ette 7 Die den H. die Geist der religiösen Zersetzung entwickeln, aus dem die Reform ihre spätere „Ernte" zog. Ein in seiner grenzenlosen Unwissenheit selbstgefälliges Amhaareztum, sich blähend im Hochgefühl erstklassiger Steuerzahlüngsfähigkeit, beherrschte die Kehillah und gab in ihr den Ton an,' Inzucht der Körper, Monotonie der Seelen und geistiges Böotiertum schufen im holden Verein die Stickluftatmosphäre, deren bloße Beschreibung dem modernen, an Licht und Lust gewöhnten Menschen den Atem zu benehmen droht; die Jugend, abgeschlossen von dem Treiben der Alten, vorläufig noch, ohne wahre, innere-Ehrerbietung, äußerlich gehorsam, mit dem Entschluß im Herzen, die erste Gelegenheit zur Selbstbefreiung wahrzunehmen und für den Jammer der Jugend durch um so rücksichtsloseres Vorwärtsdrängen, um so zügelloseres Genießen sich zu entschädigen,- da und dort noch ein „Einsamer", der in seinen jungen Tagen Besseres kennen lernte, mehr als seine Umgebung von Thora und Judentum wußte, aber, durch das Treiben um ihn her abgestoßen und zu sensibel, um zu kämpfen, sich auf sich selbst zurückzog und in neidischer Hut der Gaben und Schätze, die er besaß, in sich verschloß, die Pflicht gegen und für die Anderen, zumal die junge Generation vergaß oder gar unter seiner Würde hielt. Erziehung der Jugend zur Religion in Händen der Rabbis von der Art, wie i ' Heyman sie schildert- Bettelexistenzen, lediglich durch die Frechheit ihres Auftretens ihre Umgebung über ihre Ignoranz zu täuschen und sich den Schein besonderer Heiligkeit zu verschaffen wußtenselbst ohne jeden sittlichen Wert wurden sie berufen, in den empfänglichen Gemütern der jungen Menschenkinder die sittlichen und religiösen Güter zu pflegen und für den Kampf des Lebens ihnen Halt und Stütze zu verleihen- und dabet war ihr würdeloses Betragen doch höchstens dazu angetan, gute Keime, die in ihren Schülern ruhen mochten, zu zerstören, nicht aber ihr Wachstum zu fördern. Aber wie hätte es auch anders sein können, wenn man den ganzen Jammer dieser Existenzen berücksichtigt, bedenkt, daß sie ein Leben führten, das mit Menschenwürde überhaupt nichts mehr zu tun hatte, erwägt, daß ihnen irgendwo in den Gemeinden eine, auch nur mit den „Balbatim" gleichberechtigte Stellung eingeräumt, geschweige denn die Ehre der Thora, deren Repräsentanten sie ja doch nun einmal in den Gemeinden waren, in ihnen respektiert wurde, daß sie die „Meschubodim" nicht nur des verehrstchen Vorstandes und des sonstigen Gemeindepatriziats, sondern von dem letzten Holzhacker und Wasserträger über die Achsel angesehen wurden — man muß das Alles in einem Ausschnitt rn den Lebenserinnerungen A. H. Heymann's, aus dem Leben gegriffen und geschildert, lesen, um den Nieder- «des religiösen Empfindens, den religiösen , lismus der Jugend, die da heranwuchs, die das Alles sah und in sich aufnahm, nicht nur begreiflich, sondern als etwas Unabwendbares ansehen zu lernen. Und noch mehr: Wenn auch heute noch die Gemeindegewaltigen und die es werden möchten, sich in der Einschränkung des Einflusses des Rabbinats nicht genug tun zu können vermeinen, wenn die Anmaßung der „Laien" so weit gediehen ist, daß sie sogar die Prüfungsordnung für Rabbinatskandidaten vorzuschreiben sich berufen dünken — vergleiche Organisationsentwurf deS D. J.G.-B. — so findet diese Verwirrung der Begriffe einigermaßen ihre Entschuldigung und Erklärung in der verfehlten atavistischen Anlage, -dre von ihnen in jenen Zeiten acquiriert worden ist. — So eröffnet sich in den Lebenserinnerungen A. H. Heyman's eine Quelle von unschätzbarem Wert für die Erforschung der jüdischen Geschichte Deutschlands im Zeitalter der „Reform". Was sie speziell für Berlin uns bietet, sei im nächsten Artikel erzählt. außerordentliche Hauptversammlung ab. An Stelle des bisherigen 1. Vorsitzenden Herrn Holtz, der auf Veranlassung der Behörde den Vorsitz nieder gelegt hat, wurde der 2. Vorsitzende Herr Schneidermeister R. Donner gewählt. Herr Holtz wollte zwar nicht klagen gegen seine Vorgesetzte Behörde, die das antisemitische Hetzwerk merkwürdigerweise mit der Würde einäs Beamten nicht vereinbar hält, ließ aber in seiner Ansprache, in der er dem Bunde für das ihm bisher geschenkte Vertrauen dankte und dasselbe auch für seinen Nachfolger, den Herrn Schneidermeister, wünschte, so manches bittere Wort fallen, das erkennen ließ, wie schwer ihm der Abschied vom Vorstandstische des Bundes fällt. Die starke Unzufriedenheit und Reichsverdroffenheit der Herren, die durch die von ihnen in letzter Zeit erlebten Mißerfolge und Widerwärtigkeiten aller Art nur leicht erklärlich ist, kam so recht in folgender Resolution zum Ausdruck: „Der Deutsche Antisemiten-Bund scheidet aus dem Reichsverbande der deutschen Reformpartei aus. Der Bund schließt sich in Zukunft keiner politischen Partei aner betrachtet es als seine Aufgabe, die Antisemiten aller Parteien zu sammelner unterstützt fortan jede Partei/ die die Ziele und Bestrebungen des Bundes anerkennt und förderr." Allein die Herren Antisemiten müßten nicht einen Ahlwardt, Pückler, Schack und Bruh n in ihrer Mitte gehabt haben, wollten sie jetzt entmutigt die Flinte inS Korn werfen. Die Erwähnung all dieser Namen wurde zwar in der Versammlung sorgsam vermieden, aber der Beschluß, trotz aller Mißerfolge „diesen Winter eine energische Werbetätigkeit" zu entfalten, ehrt die Genannten in hohem Maße. Mit der üblichen Empfehlung der „Staatsbürger-Zeitung", auf die, wie die vorgenommene Musterung ergab, noch vier Mitglieder der Versammlung nicht abonniert waren, schloß die denkwürdige Sitzung. Man sagt, daß diese vier Nichtabonnenten der „Staatsbürger-Zeitung sich dadurch verraten haben, daß sie beim Schimpfen auf die Juden nie das richtige Wort finden konnten. . . Kann auch nur ein Berliner Witz sein. Berlin, 3. Nov. Das Oberwaltun gsgericht hat, wie die „Deutsche Juristenzeitung" mitteilt, vor kurzen dahin entschieden, daß ein zu Unrecht zur Kirchensteuer Herangezogener diese Steuer bezahlen muß, wenn er gegen die Heranziehung nicht rechtzeitig Einspruch einlegt. In der Begründung des Urteils wird folgendes ausgeführt: „Die Frist von vier Wochen für den Einspruch ist nach Arttkel HI des Staatsgesetzes vom 14. Juli 1905 und § 94 des Kommunalabgabengesetzes eine Ausschlußfristnur für ihre Dauer ist das Rechtsmittel gewährt und nach ihrem Ablaufe der Herangezogene an der Ausübung des Rechtsbehelfes gesetzlich verhindert. Nun ist zwar der Beklagte ein Jude, und seine Heranziehung auf Grund des nur für Evangelische erlassenen Kirchengesetzes ist aus Irrtum erfolgt. Trotzdem finden aber die Fristvorschriften des Gesetzes auch auf ihnItnwendungdenn im Geltungsbereiche der gedachten Gesetze treffen die rechtlichen Folgen der von oem zuständigen Gemeindeorgan bewirkten Veranlagung einen jeden, der als wirklicher oder vermeintlicher Evangelischer—sei er Preuße oder Nichtpreuße, Deutscher oder Nichtdeutscher — zu einer Abgabe herangezogen wird. Ihre Bekämpfung durch Einspruch, Beschwerde und Klage kann nur nach Maßgabe jener beiden Gesetze geschehen binnen der für jeden dieser Rechtsbehelfe gewährten Frist. Berlin, 5. November. Der „Deutsche Antisemiten-Bund" hielt am Sonntag seine Das Bamburger Oberrabblnaf. Hamburg, 7. Nov. Sie Habens durch einige kurze Korrespondenzen Hre Leser über die tatsächlichen Vorgänge innerialb der Wahlbewegung zur Neubesetzung des hiesigen Oberrabbinats unterrichtet. Allein ich glaube, daß die jüdische Oeffentlichkeit ein Recht daraus hat, Genaueres über die tiefen sachlichen Gegensätze zu erfahren, auf denen sich die Stellung der einander bekämpfenden Parteien aufbaut. Ein klärendes Wort nach dieser Richtung liegt auch im Interesse der Hamburger selbst. Ist es ja, solange Menschen und nicht Engel auf dem Boden des Gemeindelebens wie allüberall mit einander ringen, unvermeidlich, daß Menschliches, Allzumenfchliches, daß das Persönliche mit all' seinen Audentien des Kleinlichen und gehässig Scheinenden, in den Kampf hineinspielt und daß oft dadurch der Schein erweckt wird, als seien es in der Tat lediglich persönliche Zuneigungen und Vorurteile, die das Verhalten der Parteien bestimmen. Wer das auch im vorliegenden Falle ernstlich glauben wollte, würde beiden Parteien bitteres Unrecht tun. Auf die Gefahr hin, von beiden Seiten gescholten zu werden, möchte ich daher vor dem Forum der jüdischen Gesamtheit ulöglichst kurz darstellen, um welche Prinzipien der Wahlkampf geführt wird. Die Anforderungen, die heute an unsere Rabbiner gestellt werden, sind unstreitig bei weitem vielfältiger und extensiv bedeutender als in früheren Zeiten. Der Rabbiner soll sozusagen eine Art Synthese der Gemeinde sein —alles was dort an religiösen und seelischen Bedürfnissen lebt, soll sein Komplement in der Seele des Rabbiners findendem gemeinen Mann soll er volksttimlich kommendem durchgebildeten AkademikerimRahmen der naturwissenschaftlichen Weltanschauung sein Judentum präparieren, der Aesthete verlangt „Stimmung", -er Sozialpolitiker praktische Seelsorge, ein paar Intellektuelle wollen literarische Gelehrsamkeit, und die Reichen sehen besonders auf weltmännische Umgangsformen, schließlich will man auch noch ohne Gewiffensskrupel unter der alles schirmenden Aufsicht des Rabbinats in Ruhe alle Leckerbissen einer modernen Luxustafel schmausen können. Man wird allen diesen Ansprüchen ihre relative Berechtigung kaum streitig machen können, aber es ist demgegenüber den leider immer seltener werdenden Trägern guter jüdischer Tradition nicht zu verübeln, wenn sie darauf aufmerksam machen, daß im Geiste des Judentums zu allen Zeiten ein anderes als Haupterfordernis des Rabbiners angesehen wurde: nämlich „seine" mini Träger der Thorawissenschaft und Lehrer der Thorawissenschaft — das waren die Rabbsnen. von jeher im jüdischen Kreise, und es wäre ein verhängnisvoller Irrtum zu glauben, daß ein Volk ungestraft die Grundlagen und tragenden Kräfte seiner Existenz verleugnen önne, die ihm Jahrtausendelang das Dasein ermöglicht und immerneueLebenssäfte zugeführthaben. Wohlist es Samson Rafael Hirsch, Israel H i l d e s h e i m e r und ihrenGenoffen gelungen, eine Renaissance des praktischen Gesetzesjudentums n Deutschland herbeizuführen, aber diese praktische Frömmigkeit trägt den Keim des Todes in sich, wenn nicht jetzt — da dank der Tätigkeit jener Großen die Vorbedingungen wieder geschaffen md — eine Wiedergeburt der Thora- Wissenschaft in Deutschland angebahnt werden kann. Scharfsichtige Beobachter der letzten Jahrzehnte Entwicklung im Leben der gesetzestreuen weutschen Judenheit sind sich über diese Tatsache ängst einig: Die deutsche Judenheit wird verworren und absterben, wenn sie mehr und mehr die Wurzeln durchschneidet, die ihr noch immer aus dem fruchtbaren Erdreich des minn "llD^ neue Kräfte zugeführt haben. Ohne min keine Zukunft — ohne führende Geister aber keine mm! Hamburg gehört zu denjenigen deutschen Gemeinden, in denen nicht nur im Kreise der D-na 'tya und der Jugend relativ am meisten gelernt wird, sondern die auch durch die Klausvtiftungen einer stattlichen Zahl Thora-Geehrter die Möglichkeit gründlichen ForschenS bietet. Dieser ganze Kreis von v'v2N .'Tö^n

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