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Der Israelit · 1909-11-11 · Heft 45 (11.11.1909) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 45 (11.11.1909)
Date
1909-11-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Korrespondenzen und Nachrichten. Deutsches Deich. Dlt-Berltn- (Bon unserem Korrespondenten.) E. B. Berlin, 2. Nov. Um dem Leser eine spätere Enttäuschung zu ersparen: Die folgenden Zeilen sollen ihn weder in eine Ausstellung alten Porzellans oder Hausrats noch in ein Bergnügungs- oder Bierlokal einführen - nicht einmal in das mit Recht so beliebte „Jettchen Gebert-Milieu" sollen sie ihn versetzensondern bloß die Bekanntschaft eines Buchs sollen sie ihm vermitteln, dessen Lektüre ihm ebensoviel Vergnügen wie Gewinn verspricht. Den Verfasser dieses Buches deckt längst der Rasen und weiland genoß er zwar mit vollstem Grund den Ruf eines der ehrenwertesten und tüchtigsten Kaufieute Berlins, der seine Geschäftsbücher sicherlich in musterhaftestem Stande hieltdem aber niemand den Ehrgeiz zugetraut, auch noch als Verfasser gelehrter Bücher zu glänzen und unter die tromives literati ausgenommen zu werden. A. H.Heymanns „Lebenserinnerungen", von denen hier die Rede ist, sind auch wirklich kein gelehrtes, d. h. nur für Wenige genießbares Werksie find auch nicht für die Oeffentlichkeit verfaßt und bei der Niederschrift nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen. Ja, hätte ihr Verfasser geahnt, daß sie später einmal vor einen größeren Leserkreis hintreten würden, er hätte sie wahrscheinlich lieber dem Feuer übergeben als dies zu gestatten. Und dennoch haben seine Kinder Recht daran getan, daß sie an diesen prachtvollen „Erinnerungen", die für sie bestimmt scheinen, auch Außenstehenden sich zu erfteuen Gelegenheit botenmehrdaß sie diese Aufzeichnungen, die eine reiche Quelle zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Berlin gerade in ihrer kritischsten Zeit, da das Alte im Kampfe mit dem Neuen unterlag, und darüber hinaus eröffnen, nicht verschütteten sondern der literarischen Ausnützung eröffneten. Diese Eigen schäften des Buches rechtfertigen es, daß an dieser Stelle darauf hingewiesen wird. Die Erkenntnis von dem Wert und -er Bedeutung der Memoirenliteratur für die Geschichtsforschung ist noch jungen Datums und diesem Umstand mit dürfte es zuzuschreiben sein, daß relativ so wenige Lebenserinnerungen bisher ihren Weg aus den Familienarchiven in die Oessent lichkeit cmgetreten haben. Für Aufzeichnungen jüdischer Männer und Frauen tritt noch das weitere Moment hinzu, daß in der Unrast und Hast ihres Daseins sie entweder nicht die Muße oder Stimmung fanden, einen Lebensgang zu schildern, der zumeist nur Leid und Schrecken ge wesen, oder wenn sie es dennoch taten, die Auf Zeichnungen verloren gingen oder von Verfolgerhand zerstört wurden. So hat sich denn nur da und dort ein „vom Feuer erretteter Scheit" erhalten und späteren, besseren Zeiten einen intimen Einblick in die früheren Tage und das Kleinleben der damaligen Menschen gestattet. Vor Allen aber trifft das Wort Kaufmanns (Einleitung zu den Memoiren der Glücket von Hameln) in diesem Punkte das Richtige, daß „in einem Schrifttume wie dem jüdischen, in dem alles Persönliche scheu zurücktritt, die Zufälligkeiten des Einzellebens neben dem Bleibenden und Ewigen der Gesamtheit gar nicht zu Worte kommen", naturgemäß also autobiographische Aufzeichnungen selten sein mußten. Ist darum jede Erscheinung, die auf diesem Gebiete sich darbietet, von Wert, so besonders, wenn, wie hier, der Schreiber, durch Schicksal und Stellung, durch Beobachtungsgabe und darstellerisches Können die Eignung besitzt, die geschauten Dinge und Erlebnisse richtig zu distanzieren und über dem privaten Kleinkram die größeren Vorkommnisse seiner Zeit nicht zu vergessen. Aron Hirsch Heymann war der Sohn einer Kleinstadt, Strausberg in der Neumark, wo er als Sohn eines der „ersten" Mitglieder dieser Riesengemeinde von 8 beitragenden Mitgliedern, des R. Nechemjoh, das Licht der Welt erblickte. Und als er am 19. Oktober 1680 in Berlin starb, da gaben fast die ganze jüdische Gemeinde der Retchshauptstadt und nicht wenige der angesehensten und vornehmsten nichtjüdischen Bürger seiner Leiche das Geleit auf ihrem Wege aus dem Patrizierhaus, Unter den Linden, wo noch heute das von ihm begründete und wegen seiner überlieferten, vornehmen Geschäftsführung hochgeachtete Bankgeschäft blüht, nach dem Friedhofe in der Schönhauser Allee, Aber dieser Kontrast des Einst und Später besagt wenig für die Eigenart dieses Mannes, von dem der Herausgeber seiner „Lebenserinnerungen" mit Recht zu rühmen weiß, daß er „ein echter 3ube" war und als die Aufgabe feiner Lebens es betrachtete, in der Gemeinde, die ihn vom Tage ftiner Selbständigkeit an zu den ihrigen zählte, „Kultur und modernen Geist ebenso mit dem alten Judentum zu verbinden, wie er selbst in seinem eigenen Jnnery beides harmonisch vereinigte." Kann für einen „echten Juden" wohl eine lohnendere, lebenswertere Aufgabe gedacht werden? Und es war nicht A. H. Heymanns Schuld, wenn ihre Lösung dennoch nicht geglückt ist. Die kleinstädtischen Verhältnisse, aus denen er hervorgegangen, haben auf ihn nicht abgefärbt, sondern im Gegenteil durch ihre Enge das Streben zur Weite im Herzen des Jünglings, des heranreifenden Mannes nur um so stärker entfacht. Bon dieser Enge und Kleinlichkeit gibt uns der Schreiber der „Erinnerungen" ein in seiner abschreckenden und verletzenden Gestalt um so wirkungsvolleres Bild, das sich würdig den Schilderungen dieser Art bei Bernstein undKomzert anreiht, nur daß der versöhnende Humor, die Empfindung für die anheimelnden Seiten dieses Kleinlebens, das jene Schriftsteller auszeichnet, ihm abgeht. Kein Wundersein Vater R. Nechemjoh hatte eine harre Art, die schwer auf dem andersgearteten Sohne lasteteein frommer Am Haarez, kannte er in allen Dingen, ob weltlichen oder religiösen, nur eine berechtigte Weltanschauung, die nämlich, welcher er sich selbst zurechtgezimmert hatte- und in jeder Abweichung von dieser Anschauung bei einem Anderen, und zumal bei seinem Sohn, sah er eine unverzeihliche, mit aller Gewalt zu unterdrückende Auflehnung gegen die Grundgesetze des Alls. Aus dieser Freudlosigkeit der Jugendzeit erklärt sich wohl jene bittere Schärfe des Urteils «über .Personen und Verhältnisse, die auch der Greis nicht zu überwinden vermochte, und die ihn nicht selten zu karrikierten Schilderungen der Dinge und allzuharter Kritik von Persönlichkeiten verleitet. Aber, mag diese übertriebene Schärfe des Tons auch da und dort störend sein: in der Sache irrte der frühzeitig in der Schule des Lebens zur Eigenart erzogene Blick A. H. Heymanns fast nie — und wenn es dennoch geschah, so räumt er rückhaltslos selbst den geschehnen Irrtum ein. Die ersten 20 Kapitel des Buches sind der Schilderung der Ereignisse vor Gründung seines eigenen Hausstandes, der die Uebersiedelung von Strausberg nach Berlin brachte, gewidmet. Diese Schilderungen, so amüsant sie auch sein mögen, man wird ein atembeklemmendes Gefühl dabei nicht los. Mit der unentrinnbaren Macht des Fatums sieht man, jetzt zurückschauend, aus diesen Beschreibungen der Lebensauffassung und Lebensbetätigüng in den jüdischen Landgemeinden zu Anfang des vorigen Jahrhunderts sich jenen lauten und glückwünschenden Juden und Christen überfüllt war, die alle den Helden des Tages sehen und kennen lernen wollten. Selbst Asmussens Nebenbuhler, der lange Sörensen fand sich ein, drückte seinem Rivalen die Hand mit den Worten: „Respekt vor dir, Junge, jetzt hast du die Else redlich verdient und deine dreihundert Dukaten Die 300 Dukaten wurden noch an demselben Tage dem glückseligen Bräutigam ausbezahlt und zwar ohne Abzug. Aber die Braut bestand darauf, daß die Summe bei Leidersdors deponiert bleibe, bis nach der Hochzeit. Minister Bernstorfs ließ Asmussen am folgenden Tage in sein Palais zur Audienz kommen und teilte ihm mit, oaß der König den Marineminister angewiesen habe, ihm eine Einträgliche Stelle bei der Marine zu geben. Ihren Höhepunkt aber erreichte die allgemeine Freude, als am zweiten Tag Sukkos der Pflauzenbund mit dem. Esrog in der Synagoge von Hand zu Hand wanderte, um der Pflicht des Tages zu dienen. Der Vorsteher ließ in der Synagoge ausrufen, daß jeder das Recht habe, unentgeltlich diese Mizwo zu erfüllen. Wer aber einen Beitrag zü dem hohen Preis beisteuern wolle, der möge vor der ganzen Gemeinde die Höhe der beizutrageuden Summe öffentlich aussprechen. Auch der Aermste ließ es sich nicht nehmen, sein Scherflein beantragen. Bon den sieben Vorstehern gelobte jeder 25 Dukaten, und die übrigen Gemcindemitglieder folgten diesem Beispiel in so hochherziger Weise, daß der ganze ‘ Betrag auf diesem Wege gedeckt wurde, ohne daß die Gemeindekassc dafür in Anspruch genommen werden mußte. Der greise Rabbiner feierte das Ereignis durch eine begeisterte Ansprache, in der er die Opferwilligfett der Gemeinde rühmend hervorhob und fchloß mit der Hoffnung, daß das Verdu nst dieser Mizwo der Gemeinde beistehen möge, dir augenblickliche schwere j Zeit glücklich zu übersiehe«. Denjenigen, die mit so treuer Hingebung über die Erfüllung der Gottesgebote wachen und seine Hülfe dafür erhoffen, habe Gott jederzeit mit seiner besonderen Gnade zur Seite gestanden, und ihnen seinen schützenden Beistand in so vielfältitiger Weise gewährt, daß auch die Gemeinde, Die mit solchen Opfern die Gott gebotene Pflicht erfüllte, zuversichtlicher als sonst auf ihre Rettung und Erhaltung hoffen dürfe. (Zur Geschichte der Juden i« Bulgarien.) Bulgarien hat eine interessante jüdische Geschichte aufzuweisen. Die erste Judengemeinde des Landes wurde vor etwa 1800 Jahren gegründet, und ihre Zahl mehrte sich ständig. Als das Bulgarienreich im 12. Jahrhundert mit Venedig, Ragusa und Genua in Handclsverbindungen kam, gründeten viele jüdische Kaufleute dieser Städte Niederlassungen in den bulgarischen Donauhäien und der jüdische Einfluß kam auf diese Weise zu immer größerer Geltung im Lande. Als um das Jahr 1290 die Tataren in Bulgarien einsielen, wurde ihr Heerführer bei der Belagerung von. Tirnowo von einem Juden getötet. Vierzig Jahre später nahm Zar Iwan Alexander eine Jüdin, namens Sarah zur Frau, die als Zarin Feodora einen wesentlichen Anteil an der Regierung nahm. Beim Tode Iwan Alexanders kam der Sohn der jüdischen Zarin, Iwan Tschischman zur Regierung, der zahlreichen jüdischen Flüchtlingen aus Ungarn Ausnahme m sein Reich gewährte. Unter der Türkenherrschaft lebten die Juden Bulgariens ebenso wie die der anderen Provinzen des Reiches, und wir haben keine Kenntnis von irgendwelchen besonderen Vorkommnissen. Dagegen haben die Juden im Jahre 1877 bei dem großen Brande von Sofia sich um die Rettung der Stadt sehr verdient gemacht, und in Anerkennung dieser. Tatsache | bestimmte Fürst Alexander im Jahre 1879« daß die Feuerwehr von Sosictz aus jüdischen Bürgern gebildet werden sollte. Im Kriege gegen Serbien (1885) fochten die bulgarischen Juden m.t großer Auszeichnung und Fürst Alexander hob ihre Verdienste besonders hervor, indem er sie „echte Nachkommen der alten Makkabäer" nannte. Gegenwärtig besitzen die Juden Uvar nominell alle Bürgerrechte, tatsächlich aber unterliegen sie allen möglichen Beschränkungen, und noch vor wenigen Wochen hatten die Ausschreitungen und Rechtsbeschränkungen einen solchen Umfang angenommen, daß zahlreiche Juden Bulgariens nach der Türkei answanderten. (B asiardieruna stammfrcmvrr Tiere.) In der „Umschau" wird über Versuche des amerikanischen Physiologen Jaques Löeb berichtet, dem es zum ersten Male geglückt ist, Tiere berschst dener Artzugehörigkeit > rfolgreich miteinander zu kreuzen. Das Experiment gelang bei weibl'chen See geln und männliche - Seesternen unter bestimmten Bedingungen. Als Resultat aber ergab sich die merkwürdige Tatsache, daß die aus der Kreuzung gewonnenen Larven absolut keine väterlichen Eigenschaften besaß n — es warei^ reine Seeigellar en. Wer de kt dabei nicht an den überlieferten Grundsatz: ^3?dKn irr« ^in -6vin 1'OQiri s'vnp ]w Gilt ja das göttliche I)'v^-Gesetz in überwältigender Einheitlichkeit durch alle Stufen der organischen Schöpfung hierdurch bis hinauf in die Menschenwelt, und grade d t e D’pH, welche die Beachtung dieses IZ'v^-Gesetzes im fitt ichen Leben des Juden fordern, weisen auf ihr Urbild in der organischen Natur hin: iaj “]b YiDpiro D’pn ’m^n n» „Meine Gesetze hütet: die Gesetze, die ich längst in der Vergangenheit der Natur ausgeprägt

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