Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1909)
- Date
- 1909-11-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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an dem er sie erhielt/ trotz der vielseitigen Tätigkeit, die sein ganzes Leben und Wirken ausfüllte. Es ist selbstredend, daß ich in der Beantwortung seiner Briefe ebenso Pünktlich war. Einmal erhielt ich von ihm einen Brief am Eingang des Sukkosfestes, den ich vor Ausgang des Festes nicht beantworten konnte. Auf meine Entschuldigung dieser Verzögerung schrieb er mir: „Neun Tagim Jahre nichts schreiben, das ist eine vortreffliche Einrichtung, die mich mit Bewunderung erfüllt, bet mir kommt das nicht vor und immer weniger." Durch den häufigen Briefwechsel und das Band inniger Freundschaft, das er zwischen uns wob, hatte ich einmal ganz an die Verschiedenheit unseres religiösen Bekenntniffes vergessen und der Anrede den üblichen jüdischen Wunsch beigedügt. Beim Durchlesen des Briefes merkte ich as Versehen, konnte mich aber nicht entschließen, en Wunsch, den ich in so hohem Grade für den Freund empfand, zu streichen. Ich entschuldigte mich deshalb in einem Postskriptum und fügte die Bedeutung des Wunsches bet. Darauf schrieb mir Hilty: „Lassen Sie den israelitiscken Gruß nur immer stehen. Ich habe so viel Verständnis für das Volk Israel, für seine Vergangenheit und Zukunft, als es m ö g l i ch ist, ohne dazu zu gehören. — Gott sei Dank dafür — und ich bin gewiß, daß die rechte Etni gung noch eintrttt, wenn einmal die Worte Jesajas, Kap. 65, 17 ff. etntreten, was auch noch sicher kommen wird, das ist außer Zweifel." Hilty ist auch von jüdischer Seite im Leben oft mißverstanden und verkannt worden. Es lag in der vornehmen Gesinnung seines ganzen Denkens und Handelns, sein edles Selbst nicht hervorzukehren und es gar anderen aufzudrängen. Daß er mich eines liefen Blickes in seine hohe Seele gewürdigt hat, erfüllt mich mit heißem Dank, nicht nur gegen den edlen Heimgegangenen, sondern in erster Reihe gegen Gott, der die Umstände so gefügt hat, daß sich mir Gelegenheit bot, diesem Freunde unseres Volkes menschlich näher zu treten und ihm durch die hier mitgeteilten Züge die treue, dankbare Verehrung unseres Volkes zu sichern, dessen Sache er so furchtlos vertrat, und für das sein edles Herz in so heißer Liebe schlug. Zum Kapitel der IHä lebenentfiibrungen in Galizien. Von Salomon Horwitz, Frankfurt a. M. Schon des Oefternhaben wir namentlich in jüngster Zeit, vonKlofterentführungenin Galizien gelesen. Diese Erscheinung, die sich von Zeit zu So glaubte er wenigstens. Aber als er eben zwischen zwei Kuttern hindurchschwimmen wollte, sielen die Schüsse hageldicht auf ihn ckieder, man hatte ihn entdeckt. Er aber tauchte geräuschlos unter und streckte nach wenigen Minuten in einer Entfernung von 100 Metern den Kopf in die Höhe um sich zu orientieren. -Die feindlichen Schiffsreihen hatte er nun hinter sich und der ersten und schwersten Gefahr war er glücklich entronnen. Etwa zwei Stunden später begegnete er einem englischen Schiff mit Proviant .und Munition, ohne bemerkt zu werden. Einige Stunden später bemerkte sein an die Dunkelheit gewöhntes Auge einen aus dem Wasser emporragenden Felsen, aüf dem er sich niederließ und einen kräftigen Zug aus seiner Schnapsflasche tat. Ohne jede Behelligung setzte er seine Reise fort und kam am folgenden Tage, zwei Stunden nach eingetretener Nacht, in Warnemünde an. In Warnemünde wohnte damals eine einzige jüdische Familie, Meier Gumpel, an welche Asmussen von einem befreundeten Kopenhagener Haus empfohlen war. Herr Gumpel war eben im Begriff, das Gebet vor dem Schlafengehen zu beten, als ihn drei wuchtige Schläge an das Haustor aus seiner Andacht schreckten. > Noch mehr aber erschrak er, als er das Haus öffnete und einen Menschen vor sich sah, der nur mit stzxinkleidern bekleidet war, der von Wasser troff, obwohl es nicht regnete und halb erstarrt war. Wäre der späte Eindringling nicht schon im Hausflur gewesen, so hätte ihn Gumpel nicht ins Haus gelassen. Als er ^rber hörte, daß der seltsame Gast ihm von seinem Geschäftsfreunde Chajim Seligsberger in Kopenhagen geschickt war, so war er sofort herzlich willkommen. Als er gar die Mission mitgeteilt hatte, in der er hierher kam, kannte die Freude Gumpels keine Grenzen mehr. Er alarmierte das ganze Haus, gab Asmussen warme Kleider, zündete selber das Feuer Zeit in diesem Landejwiederholt, verdient wohl der reiflichen Erwägung, und es kann auch hier durch eine psychologische Erklärung des Nebels viel zur Abstellung desselben beigetragen werden. Um auf den Grund dieser schmählichen Entführungen zu dringen, müssen wir zunächst auf die Erziehung der jüdischen Jugend in Galizien etwas näher eingehen. Diese Entführungen sind nicht, wie von mancher Seite behauptet wird, lediglich dem sozialen Elend, dem unsere Brüder in Galizien ausgesetzt sind, zuzuschreiben, sondern bilden eine Folge der unrichtigen Methode der dortigen Jugenderziehung. Schon die Tatsache, daß solchen Entführungen nicht ausschließlich arme Mädchen, sondern auch Mädchen aus gut situierten Häusern zum Opfer fallen, zeugt dafür, daß nicht allein in der beklagenswerten ökonomischen Lage der galizischen Juden der Grund solcher Entführungen liegt, sondern im ganzen Erziehungssystem und in der mangelhaften Mädchenausbildung. Die Erziehung der männlichen und weiblichen Jugend in Galizien ist in orthodoxen Kreisen eine ganz verschiedene. Der orthodoxe jüdische Jüngling in Galizien, der gewöhnlich aus. chassidischen Kreisen hervorgeht, — denn die Mehrzahl der Orthodoxen in Galizien sind Chassidim, — genießt eine vollkommen jüdische Erziehung. Er besucht erst das Cheder, von dort aus kommt er in die Talmudschule, und wird so in der jüdischen Wissenschaft großgezogen. Weltliches Wissen, das doch für das zukünftige Erwerbsleben unumgänglich notwendig ist, wird ihm nur in sehr beschränktem Maße zugeführt. Nun ist es aber ganz eigentümlich, daß dieselben chassidischen Eltern, die ihren Söhnen eine durchaus jüdische Erziehung angedeihen lassen, ihre Töchter ohne Bedenken den Händen der polnischen Assimilation anvertrauen. Die jüdischen Mädchen in Galizien besuchen durchweg polnische Schulen, denn offizielle jüdische Schulen gibt es in Galizien überhaupt nicht. Diese Mädchen werden ausschließlich in die Geschichte und Literatur der Polen eingeführt. Bon jüdischer Geschichte und jüdischer Literatur, von der Kenntnis der Bibel gar nicht zu reden, haben sie keine Ahnung. Selbst der Religionsunterricht, der ihnen in sehr geringem Maße zuteil wird, wird ihnen von solchen jüdischen Lehrern erteilt, die ausgesprochen polnische Assimilänten sind. Die polnischen Behörden, die die offiziellen jüdischen Religionslehrer anstellen, sehen darauf, daß diese Lehrer den jüdischen Mädchen hauptsächlich etwas vom im polnischen Geist abgefaßten Katechismus beibringen. So können wir häufig den Fall erleben, daß in einem chassidischen Hause Bruder und Schwester zwei verschiedene Weltanschauungen vertreten. im Ofen an, braute einen heißen Grog, und die Wirtin trug auf, was sie nur in Küche und Keller hatte. Gumpel wußte nicht, ob er mehr die Opferwilligkeit der Kopenhagener Gemeinde oder den Wagemut des Matrosen bewundern sollte, aber daß cs ihm vergönnt war, an dieser großen, ungewöhnlichen Mizwo auch einen bescheidenen Anteil zu haben, das sctzre seiner Freude die Krone auf. Am anderen Morgen fühlte sich Asmussen so schwach und elend, daß er das Bett nicht verlassen konnte. Die große Anstrengung und Aufregung machten sich nun doch in einem heftigen Fieberanfall bcmcrklich, in dem Asmussen drei Tage und drei Nächte lag. Erst nach acht Tagen war er soweit hergestellt, daß er seine Reise in einem Wagen fortsetzen konnte, der ihn am 4. Tage über Rostock und Lübeck wohlbehalten nach Hamburg brachte. Dort gab er seinen Brief ab, der die Wasserdichtigkeit des Gurtes glänzend bestätigte. Auch in Hamburg erregte der kühne Schwimmer großes Aussehen. Der Esroghändler gab ihm statt eines Esrog noch einen zweiten mit, damit, wenn der eine beschädigt werden sollte, noch der andere in Reserve war. Fünf Tage später war Asmussen wieder in Warnemünde, von wo er sofort in der folgenden Nacht die Rückreise nach Dänemark antrat. Es war dies in der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober, am zweiten Roschhaschono-Abend. Aber die Rückreise war ungemein schwieriger als tzie Hinreise. Englische Schiffe durchquerten den Belt in wacher Zahl, daß er genötigt war, sich abseits der von oen Fahrzeugen benutzten Wasserstraße zu halten und sich zwischen den von den Schiffen gemiedenen Sandbänken hindurchzuwinden. Das Meer war an diesen Stellen oft so seicht, daß es nur bis an die Kniee reichte und bereitete daher dem Schwimmer viele Hindernisse. Als er etwa die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, 9hL 45?, Der Sohn des Hauses ist ein begeisterter Jude. und Talmudkenner, während die Tochter des Hauses zu einer begeisterten Polin herangewachsen ist. Was Wunder also, wenn unter solchen Umständen und bei dem nichts weniger als festen Charakter des Mädchens eine Entführung aus dem jüdischen Lager leicht möglich ist? Es fehlt diesen Mädchen die Basis einer guten jüdischen Erziehung, nämlich die Unterweisung in dcr jüdischen Lehre, Die Gedichte eines Adam Miczkiewicz sind ihnen viel geläufiger als Kapitel aus *|"an oder der jüdischen Geschichte. Solche Mädchen, die nichts mit dem Denken und Fühlen ihrer Eltern gemein haben, besitzen auch keine Pietät zu ihrem angestammten Volke. Diesem Uebel könnte nur durch Gründung jüdischer Mädchenschulen in Galizien abgeholfen werden. Ferner tritt noch ein weiteres Moment hinzu, das solche verhängnisvollen Entführungen heraufbeschwört. Die Juden in Galizien lassen ihre Töchter an keinem offiziellen Gottesdienste teilnehmen. Welch eine Fülle jüdischen Lebens und jüdischen Geistes ergießt sich nicht z. B. in das Herz eines Kindes beim überwältigenden Anblick seiner betenden Eltern in der Synagoge am Bersöhnungstage! Die jüdischen Mädchen wissen nicht, wie ihre Eltern zu ihrem Gotte beten, daher fehlt ihnen auch dasselbe jüdische Feuer und dieselbe feste Standhaftigkeit, die ihren männlichen Stammesgenossen eigen ist. Eine solche Erziehungsweise ist schon an sich selbstverständlich verfehlt, dieser Fehler hat aber noch solch verhängnisvolle Begleiterscheinungen, daß diese noch härtere Folgen zeitigen. Wir lesen häufig, daß Entführungen regelmäßig an Sabbath und Festtagen ausgeübt werdenkein Wunder! Ist es doch der günstigste Moment für den Verbrecher, der eine solch furchtbare Tat ausführen will. Die Eltern und die männlichen Geschwistern sind im Bethause, und unter Umständen bleibt eine einzige Tochter allein im Hause, der Entführer sucht die Gelegenheit auszunützen und kann ungestört sein Vorhaben aüsführen. Wären die Mädchen zu dieser Zeit ebenfalls in der Synagoge versammelt, wäre ein solches Uebel verhütet. Es wäre daher höchste Zeit, daß die galizischen Juden sich aufraffte, um dem Uebel durch einerattonelle und systematische Erziehungsweise ihrer Töchter zu steuern. ji. JA * ■4 1 verletzte er sich an einem langen scharfen Felsstück derart, daß ihm der ganze linke Arm äufgerissen wurde. Der Blutverlust und die dadurch geminderte Kraft des Armes, verbunden mit dem Schmerz, den die 'dem ätzenden Seewasser ausgesetzte Wunde ihm bebereitete, ließen ihn halb erschöpft die englischen Schiffe erreichen, zwischen welchen er hindurch schwiinmen mußte. Diese gefährlichste Partie passierte er glücklich und er konnte in früher Morgenstunde iu Ge.dier unbemerkt das Land erreichen. Dort kuckte er das Haus aui -indem er sein Pferd und sepre Kleider zurückgelassen hatte; aber weiter reichten seine Kräfte nicht. Mit dem Eintritt in das gastliche .Haus sank er erschöpft zusammen und mußte bis zum 13. Oktober das Bett hüten. Länger duldete es ihn nicht mehr, so nahe an dem ersehnten Ziele. Er schwang sich am Morgen des 14. Oktober auf sein Pferd und ritt in sausendem Galopp Tag und Nacht mit nur ganz kurzen Unterbrechungen, bis er an Eref Sukkos um die Mittagsstunde bei dem Präsidenten Leidersdorf ankam. Dieser und die ganze Gemeinde hatten die Hoffnung auf die Rückkehr des Matrosen längst ausgegeben, nachdem der von Tag zu Tag so sehnlich Erwartete bis dahin ausgeblieben war. Um so größer war die Freude als Asmussen ohne ein Wort zu sprechen, die beiden Esrogim seinem Auftraggeber überreichte. Das eine war in der Tat infolge ungenügender Verpackung durch die fortwährende Reibung an dem harten Segeltuch verdorben. Das andere aber war tadellos. Tie Gemeinde Kopenhagen hatte ein Esrog. Die Kunde bon dem gelungenen Wagestück des kühnen Matrosen durflog die ganze Stadt. Else Detlef hatte in ihrer Fischerhütte davon gehört, bevor ihr Bräuttgam sie aufsuchen konnte. Sie eilte in das Haus des Vorstehers Leidersdorf, das mit Gratu- 1 3 -1 ■s* Ä