Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1909)
- Date
- 1909-11-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449398--66019-2508688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
"W? Sette 4. 11. Rovember 1SVS Zwei Tage später kam er noch einmal in einem Briefe auf das Buch zurück: „Ich muß Ihnen nochmals für daS schöne Buch Dank sagen, in dem ich bereiis ein ziemliches Stück durchgelesen habe, mit unendlich viel Belehrung und meiner Zustimmung, schon zu der sehr schönen Auffassung des Gebets auf pse. IV der Einleitung. Wie sicher ist doch daS Ewige und Wahrhaftige, was auch ein Glied eines anderen Volkes und einer anderen Religion so gut und vollständig verstehen kann! Klar ist mir aber auch an dem Verfasser des Kommentars Seworden, wozu die schweren Leiben des israelitischen -olkes gut waren. Welcher Unterschied zwischen einem sol-chen Juden und denjenigen, die wir historisch auS den Evangelien und auS JosephuS kennen! Diese Erziehung seither ist nicht umsonst gewesen. Und so, denke ich mir, wird es nichts anderes als eine große Gnadenerweisung Gottes sein, wenn jetzt wieder an die Stelle jener oberflächlichen Gleichstellung, die das Ideal aller Ihrer Reformer war und ist, die weniger angenehme, aber vertiefende und vor der Gleichgiltigke t rettende zwangsweise Absonderung tritt, und dieser Abweg mit Dornen verzäum wird für die, welche nicht folgen wollen. Wir werben uns aber immer, so lange ich lebe, über diese Dornenhecke hinüber fteundltch und, meinerseits gesprochen, mit tiefer Dankbarkeit dafür ansehen können, was dieses Volk auch für unS und alle Völker getan und gelitten hat." Für die Kenner der Hirfch'fchen Schrift: „Jüdische Anmerkungen zu den Bemerkungen eines Protestanten über die Konfession der 22 Bremischen Pastoren" werden die folgenden Bemerkungen Hiltys von Jntereffe sein. Diese Schrift, welche die Zurückweisung einer anonymen Broschüre enthält, die gegen eine Vereinigung von Pastoren gerichtet war und dabei die Bibel selbst in maßloser Weise angriff, fällt in die Zeit, in welcher Hirsch Landrabbiner von Oldenburg war. Der darin bekämpfte Anonymus war der bekannte Literarhistoriker Adolf S tahr, der damals Direktor des Gymnasiums zu Oldenburg war. Das teilte ich Hilty bei Uebersendung der Schrift mit, worauf er am 7. Juli 1896 anwortete: „Ihre Sendung hat mich um so mehr interessiert, als ich Stahr gut kannte. Er war eine Art von Fanatiker der Aufklärung und des modernen Evangeliums vom berechtigten Lebensgenuß, eine Mischung von guten Absichten und schwachen Setten des Charakters, aber ein Mensch, mit dem sich ungemein gut diskutieren ließ, da er sehr viel Kenntnisse und reges Interesse für alles besaß. Sie wissen wohl auch, daß er sich mit „Rettungen" Verkannter abgab, u. a. des Ttberius. Ich kam in Berlin in sein Zimmer, als er just dieses Manuskript vollendete. Er zeigte es mir mit den Worten, bas werde einer 2000jährigen Lüge des Tacitus für immer ein Ende machen. Ich lachte laut auf und sagte ihm, TacituS werde sein Schriftstück lange überleben und habe schon jetzt Recht behalten. Die Juden haben dann nach der Broschüre, die in der Schrift HirschS bekämpft ist, wenigstens d t e Satisfaktion erhalten, daß er seine christliche Frau mit .6 Kindern durch eine Scheidung verstieß und eine Jüdin, Fanny Lewald, heiratete. Auch sie hatte eine ähnliche Meinung von ihrer Wirksamkeit und sagte mir mehrmals, Stahr und sie würden nach ihrem Tobe auf dem Marktplatz ein ge metnsameS Standbild in der Art des Schiller- und Goethe-Monuments in Weimar erhalten, was ich ve zweifelte, wiewohl aus Höflichkeit gegen die Dame, im Stillen. ES wird wohl auch nicht in Erfüllung gehen. Das Urteil der Zeitung teile ich nicht.') DaS Beste HirschS find die 5 Bücher Mosis, doch finde ich die Broschüre auch gut, besonders das Kapitel über den „Knecht Gottes", daS verstand eben Stahr nicht, da er lieber ein „Knecht des Fleisches" war. Unser Glaubensb kenntnts richtet sich eben sehr stark nach unseren Neigungen, nicht umgekehrt." Das Jntereffe Hiltys für S. R. Hirschs Schriften erstreckte sich auch auf diejenigen seines Sohnes Dr. M. Hirsch. Die originelle Art der Auffassung eines tiefen christlichen Denkers und die geistvollen Vergleiche und Apercüs, die er allenthalben mit seiner Besprechung zu verweben versteht, haben für den jüdischen Leser einen ganz besonderen Reiz. Er schreibt: „Bern, 4. Oktober 1696. Ich habe das schöne Buch der Haftoroth, da ich gerade Zeit hatte, auf einen Zug durchgelesen u^d mich sehr davon erbaut. Auch daran, daß der Sohn so sehr den Geist des Vaters besitzt, daß man oft den Unterschied zwischen dem Verfasser dieses Buches und dem des Psalm- und Pentateuch-Kommentars völlig vergißt. ES ist ein großes Glück für Sie, daß Sie solche Leute besitzen, mit denen auch wir unS einig in diesen» Geiste uns empfinden können. Die Ueversetzung ist in den historischen Stücken mir sehr interessant gewesen, sie ist plastischer und daher Ö auch genauer als unsere, z. B. in den Erzäh- _ it von Elias, Raöman, Deborah, Hannah, Rahel. Dagegen hat die lutherische Ueversetzung der prophetischem Stücke, z. B. das schöne Kapitel von Jesajas Mehr Poesie und Schwung, oder ist es bloß, daß wir daran mehr gewöhnt sind? Ich glaube aber doch das erstere. Luthrr hatte dichterisches Gefühl, und für diese Sachen kommt es nicht sowohl darauf an zu übersetzen, sondern nachzudtchten, d. h. sich so auszudrücken, daß Jesajas auch so geredet haben würde, wenn er deutsch geredet hätte. Das hat Luther in so hohem Grade erreicht, daß man sich oft gar nicht mehr bewußt ist, daß es Ueversetzung ist. Dagegen die historischen Erzählungen gewinnen ganz entschieden durch die größere Genauigkeit, und man sieht erst in dieser Ihrer Ueversetzung die volle Feinheit dieses historischen Stils, der einem die ganze Situation klar macht, wie wenn man sie selbst gesehen hätte. Da sieht man erst, waS die Bibel für ein historisches Buch ist und welche Torheit die Gelehrten begehen, die sie glauben, mißachten zu können. Noch törichter freilich find die Juden selbst, die einen solchen Schatz ihres eigenen Volkes um die kleine Münte einer oberflächlichen modernen Bildung glauben hingeben zu sollen. Möchte es Ihrem Volke gut gehen und dasselbe zur vollen Erreichung seiner Bestimmung gelangen. Wenn ich eS auch ein wenig und nur in einem einzigen Punkte nicht ganz so meine wie Sie, so wissen Sie doch, daß ich es gut mit Ihnen meine." Zum Schluß noch ein Urteil Hiltys über das Buch eines Autors, der ausgesprochener Reforms) Ich hatte der Sendung ein jüdisches Blatt beigelegt, welches eine Besprechung der Hirfch'fchen Schrift enthielt. ’ _ Rr. 45 jude war: „Die jüdische Ethik von Prof Lazarus". Da Lazarus lange als Profeffor in Bern lebte, war er Hilty persönlich gut bekannt, und ich fragte ihn an, ob ihn seine jüdische Ethik interessiere. Er schreibt darauf am 6. Mai 1899: „. . . . LazaruS werde ich gern lesen, er ist zwar ein klein wenig Effekthascher und eS ist ihm nicht recht ernst mit dem Religiösen, aber eS gibt jetzt doch viele Leute bet Ihnen und bei uns, die „ihre Füße auf den Weg des Friedens richten" möchten, einsehenb, daß der naturwissenschaftliche Materialismus und der politische Sozialismus die.herrlichen Früchte nicht bringen, die sie erwartet hatten. Aber sie möchten die Religion etwas nach ihrem Geschmack „modernisieren." Ich bekomme auch viele solche Briefe und Broschüren, alle mit der stereotypen Redensart, sie seien eigentlich ganz mit meinen Anstauungen einig, „nur etwas liberaler". Ich antworte auf das alles nächster Tage in meinem dritten und letzten Teil „Glück"." Zwei Tage darauf erhielt ich das Buch wieder zurück mit folgendem Brief: „Beiliegend bas Buch zurück, dasich zum Sonntag gelesen habe. Es ist sehr schade um den Gedanken, die schöne Ethik des Judentums einmal gemeinverständlich und entgegen vielen Vorurteilen, die bestehen, darzustellen. Es hätte ein kleines, sehr gut geschriebenes, nicht so in Paragraphen eingeteiltes und mit so viel prätenfiöser und unnützer Gelehrsamkeit überlastetes Büchlein werben sollen. So lesen es wahrscheinlich nur Gelehrte und für die ist es eigentlich doch nicht gedacht, sondern der Gedanke des Verfassers ging offenbar ursprünglich weiter. Aber diese deutschen Professoren fürchten nichts mehr als den etwaigen Borwurf, daß sie „unwissenschaftlich" schreiben." Es ist mir keine so treffende Charakterisierung Lazarus' und seines Buches bekannt, als diejenige, die hier in wenigen Worten gegeben ist. Ueber einen anderen jüdischen Profeffor schrieb mir Hilty am 2. November 1896: „In M. sehe ich Herrn Prof., der mich, aber stets in sehr freundlicher Weise und vielleicht mit einem gewissen Gefühl des Bedauerns für sich selber, für den echten Typus des orthodoxen Judentums anfieht, die größte Ehrenbezeugung, die mir in meinem Leben zuteil geworden ist. Ich wünsche nichts besseres, als daß der Herr Israels auch einen kleinen Teil von dieser Meinung habe." Es fällt mir schwer, mich auf die bisherigen Mitteilungen zu beschränken, aber eine eingehende Mitteilung der herrlichen Gedanken und herzlichen Worte aus diesem Schatz, den mir die Briefe dieses großen Mannes bedeuten, geht weit über den Rahmen eines Aufsatzes hinaus und erforderte eine besondere Broschüre. Ich lasse aus der Fülle dessen, was mir in der Erinnerung an den verklärten Freund weiterlebt, nur noch zwei charakteristische Momente folgen, wie sie mir gerade in seinen Briefen zur Hand kommen. Die herzengewinnende Liebenswürdigkeit Hiltys kam auch äußerlich durch die Pünktlichkeit zum Ausdruck, mit der er meine Briefe beantwortete. Es geschah dies fast immer an demselben Tag, bischer Denkart nicht minder bekannt. Sagen doch unsere Weisen an andtter Stelle: ^22 nb’Öfl jVr *]# 0,teTDn fllb’ÖJ/ daß selbst die Andacht beim Gebete unter den Begriff “fon fällt. Als Träger der Traditioi Abrahams liegt es auch uns, dm 2N^2tt '32, o^ Jsak gleich durch unsere Lebensarbeit das geistige Konterfei Abrahams zu zeichnen. Kleines Feuilleton vrribunäert Dukaten für einen €$rog. Von Jndärr-. (Schluß.) „Ob ich Ihnen diese Bedingungen gewähren kann", benierkte der Vorsteher, „darüber muß ich mich mit meinen Kollegen hier erst besprechen. Geht so lange irr das Nebenzimmer, wo Euch meine Frau ein Glas Tee geben wird." ' i „Die Bedingungen können wir . nicht annehmekl',! . bemerkte einer der Herren. .„Dir . könnte doch jeder! . kommen und sich von uns 10' Dukaten geben läfsen.s ^.Mefthe Bürgschaft baß Nicht das aben-j; Neuerliche Unternehmest nichtsf dlsettt groß2k' Schwill-! . .Mist. Wsgedfl^'Äm.uM'üm INDukatest^rkpretten?; „DMu^der. Ulch sich nie wieder sehenköiWen'^ Wir^vageaeN tun? “Uftfc ga2 nvcht ' .-M^Wkäteth' w orE e^' Ä baißnM Ane^ÜsterhöM'lMlulMtb" , r.') | Einen Augenblick faßen die beiden Herren schweigend da, aber dann ergriff Präsident Leidersoor) das Wort: „Ich teile diese Befürchtungen nicht. Wen«! heute Jemand gekommen wäre, und zur Beschaffung eines Esrog ein Boot hätte ausrüsten wollen, das 50 und mehr Dukaten erfordert hätte, so hätten wir ihn: diese Forderung doch billig zugestLnden. Warum sollten wir dem Manne die so viel geringere Summe verweigern, der doch den Eindruck eines rechten, ehrlichen Mannes' macht? Wenn ich noch eine Bürgschaft für die Redlichkeit des Menschen nötig hätte, so würde ich sie in dem Verlangen erblicken, seiner Braut 20 Dukaten auszuzahlen, falls er tu unserem Dienst sein Leben verlieren sollte. So denkt und spricht rein Schwindler." „Wer wenn der Matrose und seine Geliebte den Plan ausgeheckt hätten, uns utn 30 Dukaten zu beschwindeln, wo 'bliebe dann die Garantie für die Ehrlichkeit des ganzen Vorgehens?" „Ich werde sofort die Probe darauf machen", bemerkte Leidersforf, um zu sehen, ob er und seine Braut ein Komplott verabredet haben, uns um 30 Dukaten zu betrügen." Er ließ den Matrosen eintreten uitb teilte ihn: mit, man wolle yuf seine Bedingungen eingehen. Er sprach noch einmal mündlich die beiderseitigen Beilingüngdrr durch und sagte ihm, man werde -hm ein guteL'MkktPferdr ^s Gedser mitgeben, das sollte er dort in einem befreundeten Hause bis zur Rückreise stehen'lassen;. Äe?Zeit sei kurz und der Weg >ei weit, eS seL alsü Eeine'.Gtmche zu verlierest:' Dann fragte er den Matrosen/E er nochcheute und etwa sofort 'stbrr eisestkönnie, l er werde isrch gewiß i noch von seiner! «Braut veraMchieden .wollen -! i .üASmHs bemerkte, chaß/^er das ifchorL getan habe! und nur aus seiner Wohnung noch den wasserdichten Hut holen müsse, darut stehe er zur Verfügung. „Wenn Sie also bis zuin 16. Oktober abends 5 Uhr nicht zurück sind, so zahlen wir Ihrer Braut 20 Dukaten aus. Aber Sie müssen sie benachrichtigen, daß sie erst Montag den 19. Oktober das Geld bei uns erheben kann, denn am 17. und 18. haben wir Feiertage und da können wir keine Zahlung machen." „Das kommt auf einige Tage nicht an", entgegnete Asurussen. „Sie können das ganz nach Ihrem Belieben machen. Nur bitte ich Sie das Geld meiner Braur zu schicken. Abholen wird sie es nicht, denn sie weiß nichts davon, daß ich das von Ihnen bedungen habe, und soll es auch nicht früher erfahren. Sie würde dieselben Bedenken gegen das Unternehmen haben wie Sie und sich unnütz ängstigen, wenn sie sieht, das; ich selber mit der Möglichkeit rechne, nicht mehr wieder zu kommen." Darauf ergriff derselbe Mann, der vor wenigen Minuten Bedenken gegen die Redlichkeit des Matrosen geäußert hatte, dessen Hand und sagte: „Sie sind ein ehrenwerter Mann, und wir werden als Ehrenmänner unserer Verpflichtung gegen Ihre Braut Nachkommen. 'Aber Ich glaube fetzt selber, daß es. dazu nicht kommen wird, denn Sie werden wohlbehalten zurückkehren und den ausgesetzten Preis verdienen. Möge der Himmel Sie schützen und Sie gesund und wohlbehalten wieder zurückkommen lassen!" Dann wurde die schriftliche Wmachung unterzeichnet und zlvei Stunden später trabte Asmussen auf einem guten Reitpferd in der Richtung nach Gedser, das er um dritten Tag erreichte. 'Die Nacht nach seiner Ankunft war besottders stürmisch, schwarze Wolkenballen verhüllten den Mond, sodaß Asmussen sich kürz vor der mitternächtigen Stunde lautlos ins Meer 7hinMasfen konnte, ohne bemerkt zu werden. iti r rf s -siii liMd'MWWMWH