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Der Israelit · 1909-11-04 · Heft 44 (4.11.1909) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 44 (4.11.1909)
Date
1909-11-04
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Feuilleton-Beilage zu Nr. des „Fsraelit". Var Zelermadl. Bon Arthur Kahn. (Fortsetzung.) 'euilleton Es war ein unvergleichliches Bild, wie es diese Landstraße sicher nie zuvor gesehen und wohl auch nie wieder sehen wird. Einige Sekunden lang war es still, so daß man das letzte Echo noch wie in unendlicher Ferne nachklingen hörte und die Leute standen so hehr gestimmt da, als seien sie im erhabensten Augenblick der Neujahrsstunde von den Schauern der Andacht durchvebt, nicht aber als ständen sie auf offner Landstraße unter freiem Himmel, eben noch in ungebundener Fröhlichkeit. Da löste sich zuerst Kiewe aus der Gruppe los, trat auf den alten Freund zu, der seine Geige wieder unter den Arm genommen und begann: „Mein teurer alter Freund Nathe! Die Schechine fühle ich noch auf uns ruhen und mir ist, als ob schon heute Nacht Seserchinuch wär'. Schöner kann es auf unserm Sefermahl oßer auch nicht werden. Dafür muß jch euch, lieber Nathe, gleich hi-r unter Gottes freiem Himmel Jejascher koach sagen und ad meo Schonim. Und da, unser Minchett, hat wie Miriam einst am Schilfmeer, als die Schire gesungen war, noch ein Lied zu hokodosch Borchus Preis zugegeben. Dafür wünsch' ich ihm den bravsten unter euch Jungen zum Chosen, bimhero bejomenu!" „Omen!" rief, sich gänzlich vergessend, Elias begeistert, was ein herzliches Lachen auslöste, wodurch die eben noch feierliche Stimmung in allgemeine Heiterkeit umschlug. Der Kaufme (Karl) Seligmann, der mit seinem Weibe mit im Zuge war, versprach in diesem Falle die schönste Haussteuer, Levi die schönste Traurede, die er noch je gehalten und Schimmes Bruder Samuel behielt sich und seine Sette das Unterführen aus. Bereits wurden die ersten Gebäude des Städtchens und die alte Brücke sichtbar, als die frohgemuten Menschen, die Schlaf und Müdigkeit gänzlich überwunden zu haben schienen, sich mit vielen Händedrücken von einander trennten Die festliche Stunde, die mit fieberifcher Ungeduld erwartet worden, war angebrochen. Das Dorf prangte in Laub und Fahnenschmuck, denn die meisten Dorfbewohner, die mit den Juden in freundlichem Verhältnis lebten, wollten sich wenigstens äußerlich an dem Feste betelligen. Bei allen Juden waren Gäste eingetroffen, oft aus beträchtlicher Entfernung, sodaß schließlich auch in den zwei Gasthäusern die Betten und Stuben knapp ausreichten, um die Fremden alle zu beherbergen. Da es sehr heiß war, und, besonders die jüngeren auswärtigen Gäste, zumal die tanzfrohe Jugend nicht sehr anspruchsvoll waren, so fanden selbst auf den Heuböden, noch viele Platz, die sonst in das benachbarte Städtchen hätten wandern müssen. Bei Jokews, die ziemlich weit von der Schule entfernt wohnten, war die neue Sefertora in einem äußerst farbenreichen und blumenüberfüllten Hechal aufgestellt. Durch die Hauptstraße des Dorfes schütten festlich gekleidete Menschen und zuweilen kamen auf ländlichem Fuhrwerk noch neue Gäste hinzu. Die ansässigen Juden waren in voller Aufregung, weil entweder noch ein erwarteter Gast nicht eingetroffen, ein Paar neue Stiefel, oder ein neuer Hut oder sonstiges Kleidungsstück noch nicht pünktlich abgeliefert worden war. Der Schliach, der mit vielen Aufträgen in die nahe Stadt geschickt worden, war über Gebühr lange ausgeblieben und ließ noch immer auf sich warten. Während die Männer sich sorgfältig zwickten, die Jungen sich in den Staat warfen, liefen die Frauen aufgeregt und hastig durch Küche und Stube, alle von der Sorge erfüllt, daß sie sich verspäten würden. Im Gegensatz zu der in allen Judenhäusern herrschenden Hast, war es in Schimmes Behausung schon festtäglich ruhig. Für Veilchen hatte Schimme schon Tage vorher die nötige weibliche Hilfe aus Stadt und Land kommen lassen. Schimme hatte seinen neuen Anzug längst angelegt und Veilchen ihre neue Haube aufgesetzt und so saßen die beiden Alten jetzt ernst gestimmt in der Stube zusammen. Zuweilen sah Schimme zum Fenster hinaus auf die Landstraße, als erwarte er noch Jemand.. Dann sagte Veilchen: „Er kommt noch, du brauchst dich nicht zu beunruhigen." „Die Simche wäre mir verstört, wenn er nicht käm'," erwiderte dann Schimme traurig. Dann kam wieder eine resignierte Ruhe über den mit Gewalt sich beherrschenden Mann. Den ganzen Tag über war er schon sichtlich ergriffen gewesen und auch jetzt wischte er sich öfter verstohlen die Tränen aus den Augen. Es war ein großer Tag für ihn. Und je näher die Stunde kam, in der ihn die Männer abholen und zur neuen Tora führen sollten, desto weniger vermochte er mehr seiner ihn überwältigenden Gefühle Herr zu werden. Als nun Veilchen die Lichter an der großen von der Decke herabhängenden Schabboslampe anzündete begann er laut zu schluchren und Beuchen sekundierte ihm treulich. Er dachte, wie er wochenlang mit dem Tode gerungen und wie er heute sicher schon in seinem Grabe ruhen würde, wenn nicht Hakodosch Borchu dem Malach hamowes geboten hätte von Schimmes Lager zu weichen. Und heute sollte er zum erstenmale seit seiner Genesung auf seinem alten Platz mit der Gemeinde beten, mit seiner Sefertora auf dem Arm, umringt von den alten trauten Toras, und von seinen Freunden. Da wurden schlürfende Schritte im Hausflur hörbar. Bruder Samuel kam, von Kiewe und den drei ältesten Männern der Gemeinde, und Levi, in einen bis über die Füße fallenden Talar gehüllt, gefolgt. Die beiden Brüder sahen sich zärtlich an. Samuel streckte Schimme die Hand entgegen und rief mit vibrierender Stimme: „Massel tof, Schimme! wie dank' ich unserm lieben Harjet, daß er uns den Tag hat erleben lasten. . ." Samuel hatte sich offenbar eine Anrede an den Bruder ausgedacht. Die tiefe Ergriffenheit ließ ihn aber nicht weiter kommen. Er zog sein blüteweißes Sacktuch hervor und begann zu weinen, wobei auch Schimme wieder in Tränen ausbrach. Die Rührung der beiden hünenhaften Männer teilte sich sichtlich den übrigen Anwesenden mit. Einige Frauen, die hinzugekommen waren, umstanden Veilchen, welche gewohnt war, in allen Lebenslagen ihren Schimme zu kopieren und bei dem Anblick der weinenden Brüder ebenfalls laut aufschluzte. Levi, der hinter Kiewe stand und im gegenüberliegenden Spiegel sich wohlgefällig musterte, weil er sich im Talar wie ein hoher kirchlicher Würdenträger oder vielleicht auch wie ein Hohepriester vorkam, wollte eben eine Ansprache an Schimme halten, als er zu seinem Schrecken wahrnahm, daß er vergeffen harte seine Bäffchen.anzulegen. Da vergaß er die feierliche Anrede, wandte sich leise flüsternd an Kiewe und raunte ihm zu, daß er erst vor der Schule seine Anrede halten werde. Da reckte sich Kiewe, seinen magern Hals und das feine Kinn in den bis in die halben Wangen ragenden-Vatermörder preßend, in die Höhe und redete Schimme an: „Lieber Schimme! Der Tag geht zu Ende/ unser Schabbos Kodesch wird bald in alle jüdischen Häuser und Herzen einziehen. Bevor wir dich aber in die Schule begleiten, wo du wieder nach schwerer Krankheit zum erstenmale mit Kahl Tfille tun wirst, sollst du mit uns gehen und die neue Sefertora, die du gestiftet hast, selber auf deinem Arm in die Schule tragen. Es ist dein Kind, das du heute in die Schule trägst, und wir wollen dich begleiten zu dem schönen und herrlichen Gang, mit Musik, Lobgesang und Dankgebet zu Hakodosch Borchu, der dich und uns hat den hehren und heiligen Tag erleben läffen." Solche Ehrungen waren Schimme noch nie zuvor widerfahrenumso höheranzuschlagen, als gerade Kiewe, ein Mann, der das Wort der Tora besser zu deuten wußte, als mancher Rabbiner, zugleich auch ein in christlichen Kreisen wegen seiner allgemeinen Bildung und Klugheit, deren sich oft die Behörde des Ortes bediente, in hohem Ansehen stand, der Führer der Deputation war. Auf die herzliche Ansprache eines so vortrefflichen Mannes, der selbst in einer Gemeinde Beachtung gefunden haben würde, nichts zu erwidern, hätte als Unhöflichkeit oder Beschränktheit aufgefaßt werden können. Da nahm Schimme alle ihm zu Gebote stehenden rhetorischen und geistigen Kräfte zusammen und begann mit vor Rührung zitternder Stimme: „Rabbosai und liebe Chawwerim! Mein Herz lauft mir über von Tränen der Freude und Dankbarkeit. Wo habe ich so große Schije nur verdient! Was ich heunt für Kahl tu', ist ja nichts im Vergleich mit dem, was Gott in seiner Gnade an mir getan hat. Und Ihr, Ihr alle habt mir so viel Lieb' und Freundschaft in meiner langen Krankheit und Heut in der schönten Stunde vor meiner Chuppe erwiesen, daß ich nur sagen kann, ich dank Euch Ihr Leut und Jejascher koach." Unter vielem Weinen und Schluchzen hatte Veilchen und die sie umgebenden Frauen zugehörtauch die Männer in Kiewes Begleitung, der Jokew, der Manche und Chanine schüttelten dem Schimme mit warmen Blicken kräftig die Hand und Alle verließen das Haus. Auf der Straße blickte Schimme, einen Augen? blick stehen bleibend, noch einmal forschend Sie Landstraße hinab. „Auf wen luhrst du noch?" frug Samuel den Bruder. „Jch mein als Falks Salme müßte noch kommen. Jch Hab' ihn doch so oft gebait," antwortete Schimme traurig. „Mach' kei' Stuß, Schimme", mahnte Samuel. — Levi, der Plötzlich während Kiewes und Schimmes Rede verschwunden und uneingederck der Würde seines Tatars, diesen hochhebend nsH Haufe geeilt war, um die vergessenen Bäffchen anzulegen, schloß sich in diesem Augenblick dtzr Männergruppe wieder feierlich an. Noch schnaufte er von dem schnellen Gang, den er nicht gewogt war, und doch hatte er schon das Gesprächsthema erfaßt. Handelte es sich doch um die Person seines Liebltngsschülers, der damals zuden angesehensten Männern der Provinz gehörte, um Salomon Marx, auf den nicht nur die Dorfjuden, sondern auch die sonst gleichgültigen Bauern nicht weniger stolz waren, wie die benachbarten Stadtleute, in deren Mitte Marx viele Jahre gewohnt hatte. „Warum soll Falk's Jung, der Salomon nicht noch kommen?" wiederholte Levi, und blieb, jetzt gleichfalls zurückschauend stehen, um ein wenig Atem zu holen. (Fortsetzung folgt.)

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