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Der Israelit · 1909-11-04 · Heft 44 (4.11.1909) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 44 (4.11.1909)
Date
1909-11-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
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i:gtebctwEet 190ft. nomie. Der Grund dafür, daß dieser Kampf noch immer nicht beendet ist, daß beide Konfessionen — die orthodoxe und neologe — noch bis zum heutigen Tag keine Autonomie besitzen, ist in tom leidenschaftlichen Angriffen zu suchen, die in jeder Form von neologer Seite gegen die Gesetzestreuen mit einer staunenswerten Ausdauer geführt werden. Die Leser des „Israelit" sind ja von den Memorandendenunziationen und sonstigen Machtnattynen der Mezeyschen Kanzlei und ihres in den orthodoxen Gemeinden wirkenden »Lvvt provocateur« genügend informiert. Gegenwärtig nur ein Beispiel zur Illustration, wie es in einer mit Gewalt vereinten Gemeinde, die zufällig den Namen „orthodox" beibehalten hat, Es muß daran erinnert werden, daß die in Rede stehende Gemeinde eine geteilte war. Die neolog gesinnten Elemente der Miskolezer Judenheit haben den Plan, eine selbständige sogen. „Fortschrittsgemeinde" aufrecht zu erhalten, aufaegeben und sich der Orthodoxengemeinde angeschloffen. Wahrscheinlich haben Rücksichten auf die Kultussteuer und G a b e l l a (Schechitobeiträge) rc. zu diesem Entschluß nicht wenig beigetragen. Die brüderlichen Küsse der Miskolezer Stiefgeschwister haben seinerzeit im Kreise der Neologie große Befriedigung hervorgerufen und Miskolcz wurde den separationssüchtigen Orthodoxen immer als nachahmenswertes Muster der Einheit, des ow vorgehalten. Allein, auch hier unterscheidet sich Schein von Sein ganz wesentlich. Noch zu Lebzeiten des verewigten Oberrabbiners wurde ein „Budapefter Zögling" in der Person des Herrn Dr. Spira als Prediger — nicht als Rabbiner! — in diese „Mustergemeinde" berufen. Dies geschah natürlich erst, nachdem die Friedens- und Einheitshelden die Oberhand in der Leitung der Orthodoxengemeinde zu Miskolcz sich verschafft hatten. Daß dieser Herr Dr. Spira keine rabbinischen Funktionen ausüben konnte, ist den Statuten der „Landesorganisation der orthodoxen Juden Ungarns" zu verdanken, die nämlich jedem orthodoxen m die rwnn mnn von drei anerkannten D'221 als unerbittliche Bedingung stellen. Bor zwei Jahren wurde der Oberrabbinerposten in dieser Gemeinde durch einen anerkannten DDnTD7n, Rabbiner Dr. Samuel Spitzer besetzt. Seit dieser Zeit fühlen sich die neologen Vorstandsmitglieder der orthodoxen Gemeinde in ihrem eigenen Heim unheimlich, da Herr Oberrabbiner Dr. Spitzer in keiner Beziehung sich geneigt zeigt, nach der Geige dieser Herren zu tanzen. Diese hochmögenden Herren haben erst im vergangenen Sommer von Kultusminister, Grafen Apponyi, eine wohlverdiente Ohrfeige erhalten, als sie bei ihm für ,ihren Prediger eintraten. Am vergangenen dürften die gleichenKreise jedoch einenWeltrekord in Dtfn Mn geschlagen haben, und das Vorkommnis kennzeichnet sowohl den löbl. Vorstand dieser Orthodoxen" Gemeinde, als auch ihren Liebling, den „Gegner" des allverehrten Oberrabbiners Dr. Spitzer. Am Col-Nidreiabend hielt Herr Dr. Spitzer eine der Feier entsprechende Predigt. Am Vormittag des linnpn DV bestieg der sog. Prediger Dr. Spira die Kanzel und statt einer Erbauungsrede bekam die andächtige Gemeinde eine förmliche Schimpftirade zu hören, deffen Gegenstand — man staune! — sein Amtskollege und Vorgesetzter Oberrabbiner Dr. Spitzer war. Welche Entrüstung dieses empörende Vorgehen auch in nichtjüdischen Kreisen hervorgerufen hat, zeigt ein Artikel eines unparteiischen Tageblattes, des „Miskoczi Htrado". Dasselbe schreibt: „Es ist höchst sonderbar von einer Predigt, die man nicht stenographiert hat, die nur verklungen ist, zu behaupten, dieselbe wäre ein Plagiat der Rede des 3c. oder Z. (Dies behauptet nämlich Dr. Spira von der Predigt des Dr. Spitzer.) Wie man.uns informiert, wurde diese unverant- Der Asraellt. wörtliche Hetze gegen den Oberrabbiner von den reformsüchtrgen Vorstandsmitgliedern planmäßig vorbereitet und durch den Prediger Spira in Szene gesetzt. Derartige Anklagen sind und bleiben ohne Zweifel unsaubere Waffen, die unter keinen Umständen von der Kanzel eines Gotteshauses in Form von „Erbauunasreden" gebraucht werden dürfen." Das sind die Früchte der „Einheit"! Hetze und Hader im inneren- Entweihung des Heiligtums auch nach außen. RrrMarr!». von öer Petersburger kekormgemelnSe. Petersburg, 30. Okt. Die Befürchtung, die Sie in Ihrem letzten Artikel über die Reformaktion des famosen Herrn Pereferkowitsch zum Ausdruck brachten, die Intelligenz wie das erbitterte organisierte Proletariat könnten dem neuen Erlöser Gefolgschaft leisten, scheint sich, soweit wenigstens erstere in Betracht kommt, glücklicherweise nicht zu verwirklichen. Kein Geringerer als Baron David Ginzburg, der berufene Führer der russischjüdischen Intelligenz, hat sein sehr schwer ins Gewicht fallendes Veto gegen den Reformplan eingelegt. Mit Rücksicht darauf, daß P. als staatlich angestellter Religionslehrer die studierende Jugend für seine Pläne zu gewinnen sucht, sah sich Baron David Ginzburg in seiner Eigenschaft als Präsident der Petersburger Kultusgemeinde veranlaßt, an die Direktoren jener Gymnasien, in denen P. als Lehrer wirkt, ein offizielles Schreiben zu richten, in welchem erklärt wird, daß P. als vom Judentum praktisch abgefallen zu betrachten sei, weshalb er sich nicht mehr zur Erteilung des Religionsunterrichtes an jüdische Schüler eigne. Die Zuschrift, die auch vom Petersburger Rabbinate mitunterfertigt ist, hat in Petersburg großen Eindruck gemacht und man ist gespannt, wie sich die Direktoren der betreffenden Gymnasien dazu stellen werden. Zur Ehre der Wahrheit sei noch bemerkt, daß auch der „Hed-Hasman", dem im erwähnten Artikel die loyale Haltung gegen die Reformbewegung zum Vorwurf gemacht wurde, seine Haltung in den letzten Tagen vollständig geändert und nun den offenen Kampf gegen dieselbe ausgenommen hat. So weist das Blatt eine von P. im „Fraind" veröffentlichte „Erklärung" mit einigen treffenden Bemerkungen zurück, die die ganzen lächerlichen Machenschaften ins rechte Licht rücken. Und im Feuilleton der gleichen Zeitung wird der unternehmungslustige Herr Pereferkowitsch dem Begründer der Caraiten-Sekte gleichgestellt, vor dem nicht eingehend genug gewarnt werden könne. Es lebt doch noch ein gesunder Instinkt in der russischen Judenheit, der sie immer und immer wieder vor inneren Katastrophen bewahrt. Petersburg, 28. Oktober. Bor einiger Zeit hat bekanntlich der russische Ministerpräsident Stolypin die Gouverneure im Zirkularwege aufgefordert, ihre Meinung über die Möglichkeit einer Erweiterung des jüdischen Ansieolungsrayons auf Grund authentiicher Daten bekanntzugeben. Nun haben die rechtsstehenden Parteien der Duma wegen dieses Zirkulars eine scharfe Interpellation angemeldet, deren Behandlung vorausstchtlich zur Aufrollung der Judenfrage in der Duma führen wird. Dies veranlaßt den jüdischen Deputierten Nisselowitsch, sich an die Juden, die jetzt außerhalb der „Tscherta" wohnen, mit dem dringenden Ersuchen zu wenden, ihm wahrheitsgemäß mttzuteilen, ob es wahr sei, daß die Beziehungen zwischen der jüdischen und nichtjüdlschen Bevölkerung in diesen Gegenden so feindliche und cbnormale seien, wie dies in der erwähnten Interpellation der Rechten behauptet wird. Abg. Nisselowitsch hat bereits von mehr als 150 Städten ausMrliche Antworten erhalten. In den meisten Zuschriften wird festgestellt, daß die Beziehungen zwischen den Juden und Nichtjuden die besten seien. In einigen Ottschaften haben sich die Verhältnisse dank der unausge- _Seite 9. Nr. 44 setzten. Agitation seitens der Schwarzen Hundes in letzter Zeit verschlimmert. Nisselowitsch hat die Absicht, sich dieses Materials anläßlich der Debatte über die antisemitische Jnterpellatton zu bedienen. Petersburg, 30. Okt. Der Dumaabgeordnete Beleussöw sammelt zum Zwecke einer Interpellation an den Kultusminister Material über die gegenwärtige Lage des jüdischen Bildungswesens im ganzen Reiche. Ueber die jüdischen Gewerbeschulen sind ihm nun folgende interessante Angaben zugestellt worden: Die Zahl dieser Schulen ist in steter Zunahme begriffen - sie stieg von 6 im Jahre 1903 auf 25 im Jahre 1907. Dementsprechend stiegen auch die Ausgaben für diese Schulen von 144 500 Rubel im Jahre 1905 auf 215 500 Rubel im Jahre 1907. Dagegen sank die Zahl der Zöglinge in diesen Schulen. Im Jahre 1905 betrug sie durchschnittlich 80 in jeder Schuleim Jahre 1906 75 und im Jahre 1907 nur 66 pro Schule. Die Gesamtzahl der Schüler betrug im Jahre 1906 1422, im Jahre 1907 1311. Das erklätt sich gänz offenbar aus der Verschlechterung der ökonomischen Lage der jüdischen Massen und durch die infolge der Progrome hervorgerufenen Maffenauswanderung von Inden aus Rußland. Biele Zöglinge muAen die Schulen verlassen, weil ihre Eltern selbst das geringe Schulgeld von 5—70 Rubel jährlich nicht entrichten konnten. Außer den Fachabteilungen, von denen die fabrikmäßigen Fächer, eine Schlosserei, Weberei usw. die stärkste Frequenz aufweisen, befindet sich in jeder Schule auch eine Abteilung für allgemeine Bildung: 65—75 Prozent von den Absolventen der Schulen haben im ersten halben Jahre nach Beendigung der Kurse Beschäftigung gefunden. Es ist in Rußland selbstverständlich, soll aber für den ausländischen Leser doch hervorgehoben werden, daß diese Schulen nicht etwa von der Regierung, sondern von den Juden selbst, den jüdischen Korporationen usw. unterhalten werden, und daß sie von der Regierung nicht etwa Unterstützung, sondern lediglich — Schikanen und Störungen aller Art zu erwarten haben. Wilna, 30. Okt. Wie der „Kurier Porani" berichtet, hat die politische progressive Pattei ihre Mitglieder zu einer Spezialberatung über die „Frage der littauischen Juden" einberufen. Nach langen Debatten wurde beschlossen, einer gewählten Kommission die Veranstaltung einer Enquete zu übertragen, durch welche die Lage der littauischen Juden von allen Seiten beleuchtet werden soll, um auf Grund des Ergebnisses der Enquete Vorschläge zur Verbesserung der Lage dieser Juden machen zu können. Die der Enquete zugrunde liegenden Fragen werden jetzt durch die Patteileitung festgelegt. Odessa, 30. Okt. General Tolmatschow gibt den Kampf gegen die Liberalen und Juden und die Hoffnung, seinen Willen durchzusetzen, auch nach der vollzogenen Dumawahl noch nicht auf. Er kann es einmal nicht verwinden, daß bei der letzten Dumadeputiettenwahl in Odeffa, ein Jude, trotz der Jnkttgüen und Schwierigkeiten, welche seinen Wählern bei der Ausübung ihres Wahlrechts in den Weg gel gt wurden, den Sieg davon getragen hat. Tolmatschow hat nun an das Präsidium der Duma einen Protest gegen die Wahl Brodski's gerichtet, weil dieser unter seinem russischen Namen gewählt, während er mit seinem jüdischen Namen eingetragen sei. Demzufolge sei gar nicht der richtige Brodski gewählt worden. Ueberdies hat Tolmatschow gegen Brodski wegen angeblicher Benützung eines fremden Namens einen Sttafprozeß angestrengt, in der Hoffnung, daß er verutteilt und als Verutteilter seiner Mandate von selbst verlustig werde. In Dumakreifen ist man jedoch der Ansicht, daß auch diese Kampagne Tolmatschows ergebnislos verlaufen werde, da Brodski im Besitze eines Polizeipaffes ist, in welchem er genau so eingettagen ist, wie auf den Wahlzetteln, durch welche er zum Deputterten gewählt wurde. An-

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