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Der Israelit · 1909-11-04 · Heft 44 (4.11.1909) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 44 (4.11.1909)
Date
1909-11-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Bett« 8 «r. 44 Unb bie religiöse Erziehung der Jugend liegt gar iw Argen. Abgesehen davon, daß ein Teil der Religionslehrer, welche zugleich an den städtischen Schulen in anderen Fächern unterrichten, sich nicht scheuen, am SchabboS z. B. von 8—10 Uhr während der Rechen- und Grammattkstunden ungeniert zu schreiben und von 10—11 Uhr „Religion", das ist nrwn DV na 1121 oder nVaa K? zu unterrichten — vom moralischen Erfolge einer solchen Erziehung kann man sich eine Vorstellung machen — stehen ihnen die anderen „Nur-ReliqionSlehrer" auch nicht in vielen Punkten nach. Dabei ist auch trefflich dafür Sorge getragen, daß die paar religiösen Lehrer, welche in ihrer Jugend auch etwas „gelernt" haben — es find ca. 30 gegen 80 andere — keinen zu großen verderblichen Einfluß auf die Jugend geltend machen können. Der Lehrer wird nämlich mit einem Anfangsgehalt von sage und schreibe vierzig Kronen pro Monat ausgenommen. Zum Aufstiege in die nächst höhere Rangklaffe (es gibt Lehrer erster, zweiter Klaffe und solche, die — überhaupt vogelfrei sind) muß jeder die erforderliche Stundenzahl (30) aufbringen. Da beginnt nun ein Wettrennen und Argen, damit nur der eine dem anderen die Beute abjagen kann. Der Lehrer, der es ernst mit der Erfüllung seiner Pflichten nimmt, muß natürlich im Rückstände bleiben und verbringt demzufolge sein halbes Leben in der untergeordnetsten Rangklaffe. Eine weitere Folge dieses trefflichen Systems ist die dadurch erzielte Uneinigkeit unter den Lehrern, wodurch die Bildung eines festen, geschloffenen Verbandes gehindert wird. Selbstverständlich ist es dabei nicht zu verwundern, wenn dann der Primaner nur notdürftig hebräisch lesen, eigentlich nur stammeln kann. Auch ist es selbstverständlich, daß Religionslehrer bei Wahl ihrer Schwiegersöhne nicht nach Konfession oder Glaubensbekenntnis fragen, und so besitzen wir in Wien schon eine Anzahl nipwn nD7ö, welche christliche Töchter und Enkel haben und sich ihrer freuen. Warum soll denn etwas, was den 5kultusvorstehern, die doch zur Wahrung des jüdischen Kultus berufen sind, gestattet ist, den Religionslehrern verboten sein? Die einzige Sorge der maßgebenden Herren ist — außer dem Steigen und Fallen ihrer Aktien — doch die, ob bei der schönen und herzerhebenden „Mädchenkonfirmation" die Mädchen nur gleichmäßig weiß gekleidet sein werden und ihren „Katechismus" nur ohne Stocken auswendig deklamieren können. Alles andere ist ihnen, zierlich ausgedrückt „Wurst". Ein Wunder find die Folgen eines solchen Religionsunterrichtes nicht. Es fragt sich nur, wie das zu ändern wäre. Da hllst kein Seufzen und Jammern, da heißt es, das Nebel tatkräftig bet der Wurzel fassen und das Judentum von diesen wvi2 säubern. Wien, 30. Ökt. In der gestrigen Sitzung d«S Abgeordnetenhauses haben die Sozialdemokraten einem Aufträge des internationalen Sozialistenkongreffes entsprechend, an die Regierung eine Interpellation gerichtet, ob sie geneigt sei, ihren Einfluß auf das Auswärtige Amt auszuüben, damit dieses bei der rumänischen Negierung in dem Sinne vorstellig werde, daß die rumänische Regierung die Frage der Naturalisierung der sogenannten Fremden (der Juden) erschöpfend und ehestens im Sinne des Berliner Vertrages löse und es für die Zukunft unterlasse, ihr mißliebige Bürger mit List und Gewalt nach Oesterreich-Ungarn auszuweisen. Wien, 28. Okt. Nun hat sich auch das Reichsgericht mit der j ü d i f ch e n Naftonalitätenfrage zu befassen. Dr. Max D i a m a n t in Czernowitz hatte bei der politischen Behörde eine in jüd ifcher Sprache und Schrift abgefaßte Anzeige von der Gründung eines Vereines „Jüdisches Theater" überreicht. Das Ministerium des Innern entschied am 3. April l. I.. daß diese Anzeige überhaupt nicht zur amtlichen Behandlung ^langen könne, weil"fie „nicht in einer der im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder landesüblichen Sprachen abgefaßt war." In dieser « Der ftttaettt. 4. Äoveiaver 190 Entscheidung erblickte Dr. Diamant eine Verletzung des durch die Verfassung gewährleisteten Rechtes auf Wahrung und Pflege der jüdischen Nationalität und richtete eine Beschwerde an daS Reichsgericht. In der Beschwerde wird behauptet, daß in Galizien und in der Bukowina die jüdische Sprache zweifellos als eine landesübliche Sprache im Sinne des Artikels 19. des Staatsgrundgesetzes anzusehen ist, daß die Juden daselbst als eigene Nation anerkannt werden müssen. Der Richter und der politische Beamte, erklärte der Beschwerdeführer, verhandele mit der Partei in jüdischer Sprache und könne daher eine jüdische Eingabe nicht zurückweisen. Jüdische Vereins- und Volksversammlungen seien in Galizien und in der Bukowina wegen sprachlicher Rücksichten noch nie untersagt worden. Ein anderes Verfahren, meint die Beschwerde, wäre mit dem Verbot freier Meinungsäußerung gleichbebeutend. Der Ostjude spreche seine eigene Sprache, habe" seine eigene Schrift und seine eigene Literatur. Von den 811,270 ^uöe^ &ati$ien8 unb den 96,150 Jude n der Bukowina hätten, betont die Beschwerde, nicht weniger als 800000 jüdische Mutter- und Umgangssprache, wenngleich die Volkszählung auf Grund einer Zwangsvorschrift diejüdische Sprache ignoriere. Der Vertreter des Ministeriums des Innern, Sektionschef Baron Eich hoff, führte aus, daß die Juden in Oesterreich nicht als Volksstamm anzusehen sind, daher könne auch die jüdische Sprache nicht als eine in Oesteretch landesübliche angesehen werden. Der Regierungsvertreter verwies weiter darauf, daß in den galizischen Sprachgesetzen die jüdische Sprache nirgends erwähnt ist und daß das Landesgesetzblatt in Galizien auch in jüdischer Sprache erscheinen müßte falls diese als landesüblich angesehen würde. — Das Reichsgericht schloß sich dieser Meinung an und wies die Beschwerde ab. Wien, 30. Okt. Es wird die Einberufung eines allgemeinen Emigrationskongresses nach Wien geplant. Auf einer Versammlung der territorialistischen Organisation, die in den letzten Tagen hier stattgefunden hat, wurde diese Frage eingehend erörtert und folgende Resolutionen angenommen : „Die am 13. Oktober 1909 vom Zentralverein der jüdisch-territorialistischen Organisation für Oesterreich einberufene Versammlung begrüßt mit großer Befriedigung die Einberufung eines allgemeinen jüdischen Emigrations-Kongresses nach Wien und erklärt sich bereit, diesen Kongreß, von welchem sie die Schaffung einer einheitlich arbeitenden Weltorganisation zur Regulierung der Mischen Auswanderung erwartet, nach jeder Richtung zu fördern." Wie man hört, haben die Jto-Vereine in Rußland und England ihre Teilnahme am Kongresse zugesagt, während die Entscheidung der anderen Hilfsorganisationen noch aussteht. i - - 1 Lemberg, 30. Okt. Die ablehnende Haltung deS Ministers des Innern, Freiherr von Haerdtl in der Frage des jüdischen Wahlkatasters in der Bukowina und die sonderbare Rolle, die die Abgeordneten Löwenstein und Kurattda in dieser Angelegenheit gespielt haben, riefen in .ganz Galizien einen Sturm der Entrüstung hervor. Dieser äußerte sich in einer großen Anzahl von Volks- Versammlungen, die in den größeren Städten und sogar in den kleinsten Städtchen abgehalten wurden. Im LemLerger Kreise allein wurden 26 Demonstrationsversammlungen abgehalten, in denen einige einheitliche Resolutionen gefaßt und dem Abg. Dr. Straucher, dem Minister des Innern und dem Abg. Dr. Löwenstein auf telegragraphischem Wege übermittelt wurden. Weitere Prolestversammlun gen wurden veranstaltet in Mikolajew, Sambor, Stary Sambor, Gliniany, Jaroslau, Szezerzec, Kulikow, Zolkiew, Zloczow, Skole, Zablotow, Rzeszow, Tarnopol, und Stantslau. In Krakau sprach in sehr zahlreich besuchter Versammlung Dr. Feldblum über das Thema: „Die Juden und der nationale Wahlkataster in der Bukowina." Auch in Lember g wurde Samstag den 16. d. M., um^7 Uhr abends, unter dem Vorsitze von Joel Aschkenase eine Protestversammlung - abgehalten. Nach dem Referate des Dr. David Schreiber, des Obmannes des Lemberger D.-K., wurde einmütig eine Protest-Resolution gefaßt. Wie hitzig der Kampf geführt wurde, geht übrigens aus folgendem Vorfall, der hier viel von sich reden macht, hervor. Laut Beschluß einer jüdischen Volksversammlung in Sadagora hat der Vorsitzende Dr. R. an den Reichsratsabgeordneten Dr. Löwen st ein. der bekanntlich aegen eine jüdische Wahlkurie ist und in diesem Sinne auch bei der Regierung interveniert hatte, ein Entrüstungstelegramm abgesandt. Dr. Löwenstein, antwortete gleichfalls in scharfem Tone in einem Telegramme an den Vorsitzenden der Versammlung. Dr. R., fühlte sich durch den Inhalt des Telegrammes verletzt und ließ Herrn Dr. Löwenstein fordern. (?) Letzterer sandte seine Sekundanten, die Herren Dr. A s chken ase und Abgeordneten German. Die Sekundanten Dr. Löwenstetns erklärten, daß ihr Auftraggeber nach wie vor die jüdisch-nationale Wahlkurte aus Ueberzeugung bekämpfen werde, daß sein Telegramm und seine Entrüstung dem Vorsitzenden der betreffenden Versammlung und nicht dem Dr. R. persönlich gegolten haben, den er in seiner persönlichen Ehre nicht verletzen wollte. Wir glauben, daß solche „Ehrenaffären" beiden Teilen kaum zur Ehre gereichen werden. Ungarn. Sitzung Ser SentraliiommWon. (Bon unserem Korrespondenten.) A. GL Budapest, 26. Okt. Heute hielt die Zentralkommission der orthodox-jüdischen Landeskanzlei ihre regelmäßige Konferenz ab. Nach Erledigung taufender Angelegenheiten befaßte sich die Kommission mit der überaus wichtigen Frage der jüdischen Waisenkinder, die, so nicht anderweitig für sie gesorgt wird, bis zu ihrem 15. Lebensjahr in den staatlichen Kinderasylen erzogen werden. Diese Frage harrt schon lange der endgültigen Erledigung und ist es höchste Zeit, daß die orthodoxe Kanzlet sich der hunderte von elternlosen jüdischen Kindern annimmt. Auf der Tagesordnung der Konferenz stand noch die Förderung des „orthodox-jüdischen Kultusbeamten - Verbandes". Die Kanzleileitung setzte sich mit einer größeren Affekuranzgesellschaft in Verbindung, die die Pensionsversicherung der orthodox-jüdischen Kultusbeamten nnter günstigen Bedingungen Übernehmen wird. Schließlich wurde die Affaire der Rabbinerwahl zu Nyir Medgyes (wo zwei Rabbiner gewählt sind) verhandelt, über die ein Schiedsgericht zu urteilen haben wird. * * ♦ Der türkische Parlamentarier, UniversitätSprofeffor Dr. Riza Tevfik Bey, äußerte sich anläßlich seines Hierseins einem jüdischen Schriftsteller, Adolf Agai, gegenüber über die Einwanderung der Juden ins Ottomanische Reich dahin, daß ob auch die konstitutionelle Türkei keine autonome Absonderung irgend einer Nationalität in ihrem Lande dulden würde, sie doch nach, wie vor der jüdischen Einwanderung keine Hindernisse in den Weg legen wird. Doch müsse das allzu große Geräusch, das heule jede noch so kleine jüdische Ansiedelung in Palästina verursacht, der freien Einwanderung empfindliche schaden. Die Mchte Oer £inhei(. (Bon unserem Korrespondenten.) A. GL Budapest, 26. Oktober. Seit Jahrzehnten kämpfeu die Leiter der ungarländischen Orthodoxie um die Erlangung der vollständigen Unabhängigkeit, um die Auto-

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