Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1909)
- Date
- 1909-11-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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4. Novnttber 1909. Der JSraelit. «r. 44. «eite 7 rissen zu werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die „praktische" Art und Weise unserer Wohltätigkeit an dieser Strömung Anteil hat. In dieser, wie in vielen anderen Beziehungen, ist es ein Glück für uns, daß die Vorherrschaft des amerikanischen Judentums in kurzer Zeit den russischen Juden zufallen muß. Gar viele werden ohne Zweifel bis dahin noch als Opfer der Assimilation dem Unglauben, der Mischehe, oder was sonst nicht allem verfallen. Diejenigen aber, die ihrem Glauben treu bleiben, werden nicht so äußerst „aufgeklärt", und ungesund beeinflußt werden, daß sie nach jeder süßen Frucht der Wohltätigkeit greifen, und an ihrer vergiftenden Wirkung zu Grunde gehen." Horrespondenzen und Nachrichten. Deutsche« Deich. Frankfurt a. M., 3. Nov. Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: „Die jahrelang fortgesetzten Bemühungen der „Freien Bereinigung" und demit ihr kooperierenden „Verbandes der Sabbatfreunde", in Sachen der Sonntagsruhe, haben zu einem erfteulichen Erfolge geführt. Das Reichsamt des Innern hat in seinem — soeben zur Veröffentlichung gelangenden — vorläufigen Entwürfe einer Novelle zur Sonntagsruhe unseren Anträgen insoweit entsprochen, als in Aussicht genommen wird, den an jüdischen Feiertagen gänzlich ruhenden Geschäftsbetrieben in für den Verkehr geschlossenen Geschäftsräumen die Beschäftigung ihrer jüdischen Angestellten bis zur Dauer von drei Stunden zu gestatten. Die Genehmigung hierzu soll im einzelnen von der höheren Verwaltungsbehörde oder durch Ortsstatut erteilt werden. Daß die Bindung der jüdischen Interessen an ortsstatutarische Regelung den Wert der ganzen Bestimmung nahezu illusorisch machen würde, ist unsererseits Herr maßgebenden Instanzen eindringlich dargelegt worden. Es ist daher ein dankenswertes Zugeständnis, daß nach den Grundzügen der Weg der ortsstatutarischen Regelung nicht der einzige bleibt, sondern durch Verfügung der oberen Verwaltungsbehörde ersetzt werden kann. Immerhin wird für die Praxis auch dieser Modus erhebliche Schwierigkeiten bereiten, sodaß es dringend wünschenswert erscheint, die gesetzgebenden Körperschaften zur obligatorischen Festlegung der uns günstigen Bestimmungen im Gesetze selbst zu veranlassen. Mit der Hoffnung, daß dieses Ziel während der weiteren Stadien der gesetzgeberischen Verhandlungen erreicht wird, verbindet sich aufrichtige Dankbarkeit für das Verständnis, das die höchsten Instanzen der Reichsregierung, sowie die Regierungen der größeren Bundesstaaten, namentlich das bayrische Staatsministerium, unseren heiligsten religiösen Interessen in dieser Angelegenheit bisher entgegengebracht haben. Diese Empfindung wird in den weitesten Kreisen unserer Gesinnungsgenossen jedenfalls geteilt werden." Berlin, 30. Okt. Das Schächtverbot in Potsdam wurde in der gestrigen Stadtverordnetenversammlung aufgehoben. Die jüdische Gemeinde in Potsdam hatte wiederholt darum ersucht und jetzt wieder eine ausführlich begründete Eingabe auf Grund der bekannten Gutachten an die Stadtverordnetenversammlung gerichtet. Es wurde in dieser Eingabe darauf hingewiesen, daß außer Potsdam nur noch eine Stadt in der Provinz Brandenburg, Luckenwalde, wo jedoch nur wenige Juden wohnen, ein Schächtverbot besitzt. Die Stadtverordnetenversammlung stimmte daher der Aufhebung des Schächtverbots zu, mit der ausdrücklichen Motivierung, daß kein Grund zu dieser, die jüdische Bürgerschaft bedrückenden Maßregel vorliege. Berlin, 28. Oktober. Der „Wahrheits- Apostel" Herr Bruhn, setzt dieTaÜik der ehernen Stirn fort. Alle gegen ihn erhobenen Beschuldigungen gingen, wie eS in der letzten Nummer seines Blättchens heißt, von „frecher, verleumderischer Seite" aus und seien eine „ganz gemeine, niederträchtige Aktion" der judenliberalen und sozialdemokratischen Presse. Besonders giftig ist Herr Bruhn jedoch auf die ihm politisch sonst so nahestehende „Tägliche Rundschau" und die „Staatsbürgerzeitung", die beide fteilich mit ihm nicht grade glimpfisch verfahren sind. Der „Staatsbürgerzeitung", widmet ihr einstiger Verleger folgenden duftigen Blummenstrauß. „Bedeutung haben die Auslassungen dieses Blattes, das in kaum mehr als 1500 Exemplaren gedruckt wird, weiter nicht, da die ganze Redaktion aus einem Artikelschreiber und einem Sitz-Redakteur besteht und der Arttkelfabttkant erst seit vier Monaten überhaupt fich mit politischen Dingen befaßt. Dieser durch Zufall zum antisemitischen Redakteur gewordene - kribtfax, der die antisemitische Bewegung überhaupt nicht kennt, wird nun von der liberalen Presse He ^rn Abgeordneten Bruhn gegenüber als Kronzeuge ins Treffen geführt! Das Pulver ist eben schon so sehr verschaffen, daß schließlkch jede fich nur bietende Gelegenheit ergriffen werden muß. Ein anderes Blatt sagte kürzlich: die >,StaarSb.-Ztg." ist hundsgemein. Nach den Erfahrungen, die wir jetzt gemacht haben, stimmt dies." Die Herrschaften müssen ja einander kennen, da sie lange genug ein He« und eine Seele miteinander gewesen sind. Auch gegen den „Deutschen Antisemitenbund", der kürzlich eine Erklärung veröffentlichte, daß er Bruhn schon seit längerer Zeit aus der Mitgliederliste gestrichen habe, speit der also Gestäupte Gift und Galle. Er erklärt in seinem Organ diese Behauptung für eine „bodenlose Frechheit"- er sei aus dem Antisemitenbund ausgetreten, weil „die Macher desselben Krakehler seien und ihre Politik über ein zweckloses Geschimpfe über die Juden nicht hinausgehe". Aus diesem Grunde habe er auch Abg. Zimmrrmann mitgeteilt, daß er sein Hospitantenverhältnis zur Reformpartei löse. Dresden, 1. Nov. Das Schicksal der antisemitischen Kandidaten, die fich schon der kühnen Illusion hingegeben hatten, im neuen Landtage als „Wirtschaftliche Vereinigung" eine besondere ausschlaggebende Gruppe bilden zu können, ist bereits im ersten Wahlgange besiegelt. Der schöne Traum hat mit einer grausamen Enttäuschung geendet. Oswald Zimmermann, der „Fraktionschef" der im letzten Landtage einen Abgeordneten zählenden „Partei", hatte im 10. länolichen Kreise, den er bisher vertrat, seinen sicheren Durchfall vorauSgesehen und eine Kandidatur hier nicht mehr angenommen. Der 18. städtische Wahlkreis Augustusburg-Marienberg, der ihm bessere Chancen zu bieten schien, hat jedoch ebenfalls von Herrn Zimmermann nichts wissen wollen - die Stichwahl entschied dort zugunsten der Nattonalliberalen. Auch die beiden Leipziger Kandidaten der Reformpartei, Baurat Enke und Justizrat Schnauß, zwei alte Mitglieder der antisemitischen Partei, gelangten nicht in die Stichwahl. Die Kandidatur der Reformpartei im 9. ländlichen Kreise erzielte gar nur 1041 Stimmen. Am erbärmlichsten hat jedoch die antisemitische Kandidatur im 22. ländlichen Wahlkreise Leipzig-Borna abgeschnitten. Dieser Wahlkreis steht wohl, was die Zahl der anttfemitischen Versammlungen anlcmgt, bei weitem an der Spitze sämtlicher Wahlkreise. In der Zahl der erhaltenenStimmen rangiert Herr v. Holleuffer- Kypke mit seinen 1690 Sttmmen jedoch als letzter. Nicht minder kläglich ist das Wahlergebnis für die unter der Firma „Mittelstands-Bereinigung" vereinigten Antisemiten ausgefallen, die jetzt mit Ach und Krach zwei Mandate aus dem Schiffbruch gerettet hat. Kiel, 1. Nov. Gegen die völlige Sonntagsruhe im Handeisgewerbe wendet sich der Kieler Detailltstrn-Berein mit einer Eingabe au die städtischen Kollegien, in der unter Darlegung der Gründe zum Ausdruck kommt, daß die Einführung der völligen Sonntagsruhe im Handelsgewerbe weder im Interesse der Geschäftsinhaber noch der Bevölkerung liege. Ebensowenig liege sie aber auch im Interesse der Stadt, da eine solche Maßregel erhebliche Ausfälle für die Geschäftsinhaber nach sich ziehen und ihre Steuerkraft stark herabsetzen würde. Um aber den nicht ganz unberechtigten Wünschen der Handlungsgehilfen entgegenzukommen, haben fich die Geschäftsinhaber bereit erklärt, auf die I V» Stunden am Sonntag Mittag zu verzichten, wenn die Verkaufszeit am Sonntag Vormittag bis 11 Uhr ausgedehnt werden sollte. Gleichzeittg legt der Kieler Detaillisten-Berein mit dem Raoatt-Spar- Berein „Kilia" zusammen den städtischen Kollegien eine Sammlung von Unterschriften solcher Gewerbetreibenden vor, die aus geschäftlichen Gründen bitten, von der Einführung der völligen Sonntagsruhe Abstand zu nehmen. - Den gleichen Standpunkt nehmen auch, wie bereits mitgeteilt, die Berliner Gewerbetreibenden ein. Gesterreirh. wiener vrlek. (Bon unserem Korrespondenten.) Wien, 30. Oktober. Tiefbetrübend für uns Wiener Juden ist es, zu sehen, auf welch geistigem und kulturellem Tiefstand die so große jüdische Gemeinde, welche 180 000 Seelen zählt, angelangt ist. Es wird viel vom Konservattvismus, der überall gepflegt wird, gefaseltdoch wie sieht dieser in der Praxis aus? Ueberall krasse Unkenntnis der elementarsten Begriffe des Judentums, gepaart mit Indolenz, ja sogar mit Feindseligkeit gegen die kleine Minderheit der gesetzestreuen Juden. Die Folgen davon sind Mischehen und Maffentaufen, und so ist das Ende gar nicht abzusehen. Spricht man über diese Situatton mit den Herren vom Kultusvorstande, so bekommt man höchstenein bedauerliches Achselzucken zur Antwort. Es ist übrigens zu glauben, daß diese Herren über die Ursachen der erwähnten Erscheinungen, umsomehr über die Mittel, dieselben zu bannen, im Unklaren find. Denn wie kamz jemand, dem alles Gefühl und Verständnis für daS praktische gesetzesausübende Judentum entschwunden ist, der sich mit einem Hohnlächeln über die „veralteten Zeromonien" und über die „kleinlichen Beschränkungen" hinwegsetzt, den Eifer und die Kraft aufbringen, sich für die von ihm selbst verachteten Institutionen einzusetzen.? Ja, solange der KonservattviSmuS dieser Herren darin besteht, einmal am Samstag den Tempel auftusuchen und dem Rabbiner nach einer Predigt, in welcher so schön von Menschenliebe, von Solidarität aller Geschöpfe, von Wohltaten an Arme ohne Unterschied der Konfession, aber beileibe, nicht von Schabbosheiligung, von ntea n?TK oder gar von mne gesprochen wird, die Hand zu drücken, kann es nicht besser werden. Denn fünf Schritte vom Tempel zündet man sich wieder seine Zigarre an und geht ins Bureau, um seine nnterbrochene Arbeit auftunehmen.