Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1909)
- Date
- 1909-11-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 0. Nr. 44 *'« JSraelit. 4. November 190P Er war so weit von ihnen entfernt worden, daß . im Geschäfte, sondern auch für daS Familienleben, , unpraktisch ist, und sich an einen Schatten anes ihn kaum danach verlangte, mit ihnen wieder I dem sie sich nach so üppigem Leben mit doppelter I klammert. Wir schwatzen falsche Gelehrsamkeit vereint zu sein. Und nun kommt der tragische! Hingebung und Treue, Liebe und Verehrung! aus über die wunderbare Weisheit der diätarischen Moment der äußerst herzzerreißenden letzten Tren-! widmen sollten.! Gesetze/ wir halten jedoch einen Mann, der nung, als sich der Knabe, in der Todesstunde! Bor allem muß betont werden, daß die Religion I seinen Haushalt den hinderlichen Einschränkungen seines Vaters schämt, seine jüdischen zärtlichen I bei all unseren Wohlfahrtsanstalten und besonderen I des rabbinischen Kaschrus- Systems unterwirft, und tröstenden Worte nicht versteht. Erst I Bildungsstätten mehr beachtet werden müßte. I für ein heuchlerisches Fosstlium oder einen in dem letzten Momente werden einige! Es ist eine eigentümliche Sache in der Entwicklung I Narren. früher erklungenen „jüdischen" Wiegenlieder in! der Reformbewegung, eine Seite, der hier noch -| Wir sollten doch wenigstens etwas Achtung der jungen aushauchenden Seele wieder wach. I wenig Aufmerksamkeit gezollt wurde, daß die! übrig haben für diese schönen Gebräuche, haupt- Es ist dies ein jammervolles Bild, wie ein Fa-! feindlichen parteiischen Gefühle gegen die Orthoi sächlich wenn diese an pietätvolle Ueberlieferung milienband durch falsche Erziehungsmethode zer-! doxie oft zu Feindseligkeit gegen die Religion und | aus unserer eigenen Vergangenheit sich anlehnen, stört wird. Gleichzeittg bildet es eine unwiderlegbare! Religiosität selbst führen.! Darin unterscheiden sich leider die Juden in Ame- Anklage gegen die unhaltbaren Berhältniffe, die I Unsere Radikalen von heute wittern Ge- I rika von denen der anderen Länder, daß in ihren man in der sogenannten „wissenschaftlichen Phi- I fühlsdusel, Methodismus, Sentimentalismus,! Wohltättgkeitsanstalten die pietätvolle Ausübung lantropie" vorfindet. I Romantik oder wer weiß was, hinter jeder kräf- I der jüdischen Gebräuche vollständig verschmäht Wtr sehen hier ein modernes Waisenhaus vor I tigen Anregung, welche darauf hinzuweisen sich I wird. In allen anderen Ländern werden die uns, in dem man in blinder Hast laäies und! erlaubt, daß wir nicht religiös genug sind und I jüdischen Anstalten so geleitet, daß die meisten gentlemen aufzuziehen strebt, seine Mündel so! daß wir aus bloßer Trägheit und Großmannssucht I Religiösen keinen Anstand zu nehmen brauchen, auszurüsten sucht, daß sie für ihr Alma Mater I praktische Fragen vernachlässigen rc. Sowie je-! sich ihrer Sorgfalt anzuvertrauen. Die Zeugnis ablegen können. Es wird dabei jedoch I mand die religiöse Note anschlägt, wie ernst und! Kommissionen unser er Wohlfahrtsanstalten beder unverzeihliche Fehler, die Sünde gegen den I aufrichtig er sie auch meinen möge, so läuft er I trachten in ihrer überlegenen Aufgeklärtheit die eigentlichen Sinn oer Wohltätigkeit, begangen, I Gefahr, der Lächerlichkeit und der Verachtung zu I ganze Koscher-Frage mit Verachtung als eine daß man zwischen Eltern und Kinder tritt. Es! verfallen.! Trivialität, die ernsthafte Erwägung eines werden dadurch die kostbaren, unerläßlichen Bande I Die Bilderstürmer gingen früher noch weiter, I Praktischen Menschen nicht verdient, der Achtung, Liebe und des mitfühlenden Ver-! wie es aus der Geschichte genügend zu ersehen I Was , das .Waisen>-Asyl, gnd, .Hospital beständniffes zerrissen, die das Kind weiter an die! ist. In dieser Beziehung weisen die intoleranten I trifft, so bedeuten diese oft eine Lebens- Eltern fesseln sollten, und so schließlich die un- I Ausschreitungen zur Zeit der ersten Aufklärung I frage. Die orthodoxen Eltern vermögen oft aussprechliche Grausamkeit verschuldet, daß der! im Westen Deutschlands sonderbare auffallende I nicht, ihre Kinder in den Bahmen des altüberunschuldige Vater vor seinem Kinde, das sich sei- I Aehnlichkeit mit den ersten Exzessen der Haskalah- | lieferten Judentums zu halten. Sie ergeben sich ner schämt, erniedrigt wird. I Bewegung in Rußland auf. Wir können es I daher meistens mit schwerem Seufzer der bitteren Die Waisenhäuser müssen natürlich wie alle I heute kaum kaum verstehen, wie nationale billig-! Notwendigkeit und überlassen ihre halb verwaisten derarttgen Dinge allmählich aus diesem rohen I denkende Juden das Lehren der hebräischen Bibel I Kinder einer jüdischen Institution, wo alles, was und ungesunden Zustande emporgehoben, die ur-.I und des Talmud als Anstoß erregendes Aerger-! sie als teures Gut des Judentums hochschätzen, versprünglt'chen mechanischen Methoden in bessere und I nis brandmarken konnten, wie dies auf dem I achtet wird. Auch in dem Hospitale steht beV zweckmäßigere ungewandelt und den Bedürfnissen I jüdischen Kongresse zu Frankfurt a. M. in den I Ausübung der alt jüdischen Gesetze vieles im oer Kindesseele entsprechend verbessert werden. I Jahre 1616 bis 1838 geschah. Eine ähnliche I Wege. Vor allem sollte man auf Besserung, in Bezug! Verirrung finden wir in der russischen Bewe-! Die größte sinnlose Greueltat kommt jedoch da auf die körperlichen Bedürfnisse und das äußer- I gung nach mehr Freiheit in Studium und Rede-! zum Vorschein, wo alte Männer in ihrem Greiliche Auftreten bedacht sein. Auch müßte mehr I freiheit. Es ist nicht zu verwundern, daß die l senalter gezwungen werden, den ihren lieb und Gewicht auf Erhaltung der Gesundheit und Dis- 1 Orthodoxie heute den Lebenswandel der großen I wert gewordenen Gewohnheiten eines langjährigen ziplin, auf äußerliche Reinlichkeit und bessere I Reformer erkundet, um zu beweisen, wie sehr der! Lebens zu entsagen, ihre seitherige fromme Lauf- Schulbildung gelegt werden. Nur wenn sich das I Geist der Religiösität ln seiner praktischen Aus-! bahn abzubrechen, um die jüdische Wohltätigkeit Volk selbst aus der niederen Bildungsstufe empork Übung unter den einseitigen praktischen Kämpfen I genießen zu können. Es ist kaum zu verwundern,daß hebt, kann es nach und nach dazu gebracht wer-! der Reformer zu leiden hatte. I unseren russischen Glgubensbrüdern die das unfern den, zu begreifen, daß Waisenasyle mehr sind als I Doch wir leiden heutzutage unter demselben I philantropischen Politikern so überaus schrecklich bloß Schauplätze für bewundernde Fremden,! Mißstande, zwar nicht durch die Verbitterung der I erscheinende Verbrechen begehen und aus ihrem als bloße Puppenhäuser mit gut dres-! Parteiungen, wohl aber durch den auf Unkennt-! Vaterlande auswandern es am schwersten firten gebildeten Puppen/ daß ein Waisenasyl I nis begründeten Mangel an Sympathie, ver- | fällt, ihre Lebensweise zu wechseln, denn für sie. möglichst nach dem Muster eines echt bürgerlichen I ftändnisvoller Ueberlegung und geistiger Einsicht. I bieten die Religion den größten Schatz und Trost. Heimes herangebildet sein muß mit lebendigen,! Wenn ein gotteSfürchttger Jehudi zu uns kommt l Wenn sich ein mitfühlender Men ch den bitteren natürlichen Kindern, und nicht mit hölzernen! und uns bittet, ihm behilflich zu sein, Arbeit zu I Kampf vorstellen könnte, nach welchem sich ein stumpfsinnigen Automaten/ daß die Kinder schließ- I finden, damit er nicht gezwungen wird, seinen l siebzigjähriger Greis entschließt, in ein Haus lich nicht nur dazu erzogen werden sollten, ihre I Sabbath zu entweihen, so sind wir weit davon! einzutreten, in dem, — wie es geschehen ist — vorgeschriebene Rollen in der wohltätigen Anstalt I entfernt, ihn wegen seiner selbstverleugnenden 1 ihm „Trese" vorgesetzt wird, so müßte er verdurchführen zu können, sondern daß sie für das I Treue und Festigkeit zu bewundern, die ihn zum i stehen, warum so viele orthodoxe alte Leute spätere Leben genügend ausgestattet werden müß- I höheren Gehorsam und zur Standhaftigkeit hinlieber nach dem entfernten Palästina reisen möchten, ten, nicht nur für ihren Beruf im Bureau oder | weisen/ wir bemitleiden ihn vielmehr, daß er so I als durch ihre eigenen Brüder ihremJudeutum entder Matrose. Ich habe einen Gurt, den ich um oeu Leib binde, der ist von gut geteertem Segetuch und ist vollständig wasserdickst. Auf der Hinreise lege ich in den. Gurt Euren Brief an den Hamburger .flaur» mann und auf der Rückreise lege ich den Paradiesapfel hinein. Es müßte wunderbar zugehen, wenn ich ihn Euch nicht unbeschädigt aushändigen sollte." Diesem energischen, zielbewnßten Willen hatten die Herren keine Bedenken mehr entgegen zu s.'tzen. Herr Leidersdorf bemerkte noch, daß er das Unternehmen für sehr gewagt und für geradezu lebensgefährhalte; so gern sie auch den Paradiesapfel hätten, so sei es doch ihre Pflicht, auf die großen Lebensgefahren aufmerksam zu machen, damit sie keine Verantwortung hätten, wenn die Lache schief ginge und bestand darauf, daß diese seine Mmahnung in der von beiden Leiten zu unterzeichnenden schriftlichen Vereinbarung wiederholt werde! Als sich Herr Leidersdors an seinen Lcksteibtisch niedcrsetzte, um diese Vereinbarung zu Papier zu bringen, bemerkte der Matrose, daß er auch seinerseits noch einige Bedingungen zu steilen habe. Erstens verlange er io Dukaten Vorschuß für seine Reisikosten, tncldyen Betrag er aber gestatte nach seiner Mcktehr von den 300 Dukaten in Abzug zu bringen. Sei er am 16. Oktober zur bestimmten Stunde nicht wieder zurück, so sei er nicht mehr am Leben und dann bitte er, daß seiner Braut Else Detlef — deren genaue Wohnung er angab — davon Mitteilung gemacht werde und ihr 20 Dukaten ausgezahlt würden. lSchluß folgt.) (Ein Zvvjähriges Gemeinde-Jubiläum.) D-e Synagoge der hochdeutschen israelitischen Gemeinde in Altona, welche im Jahre 1672 erbaut worden ist, soll, wie von uns bereits kurz gemeldet, im nächsten Winter einem kostspieligen Umbau unterzogen werden und wird deshalb für den ganzen Winter geschlossen. Während dieser Zeit wird die Synagoge der vormals portugiesisch-israelitischen Gemeinde (in der Bäckerstraße) aushilfsweise von der hochdeutschen israel.t schcn Gemeinden zu ihren Gottesdiensten benutzt werden. Bon der l^istenz des letzterwähnten ziemlich versteckt liegenden Gotteshauses haben nur verhä.twsmäßig wen ge Glaubens genossen Kenntnis. Nachstehende darauf bezügliche historische Daten dürften daher weitere Kreise interessieren. Die am Ende des 16. Jahrhunderts aus den Niederlanden eingewonderten, ursprünglich portugiesischen Juden, meist vermögende Kaufleute, erwarben im Jahre 1611 in Gemeinschaft mit den in Hamburg lebenden Glaubensgenossen von dem Grasen Ernst von Schauenburg den Platz an der Königsstr. in Altona mit der Erlaubnis, dort ihre Tote nach ihrem Ritus begraben zu dürfen, um ein besonderes Privileg zur freien 'Religionsübung und Erbauung einer Synagoge aber bewarben sie sich nicht. Im Laufe der Zeiten hatten die portugiesischen Juden, deren- Zahl anfangs sehr gering gewesen war, einen Zuwachs erhalten, sodaß dieselben im Anfang des 18. Jahrhunderts anfingen, in Altona besondere gottesdienstliche Versammlung zu haltendennoch war bisher von der Bildung einer eigenen Gemeinde keine Rede. Erst nach dem.Schwedenbrande von 1713 richteten sie in der Dreitenstraße einen Saal,, das ^kleine Haus Jakobs" genannt, für ihren Gottesdienst.ein. .welcher nur von efotem Vorsänger geleitet M am 22. März 1771 erhielt die inzwischen konstituierte portugiesisch - israelitische Gemeinde vom König Christian VI!. die Erlaubnis zur Errichtung einer besonderen Synagoge, welche in der Bäckerstraße erbaut und am 6.. September 1771 in Gegenwart des Oberpräsidenten und Magistrats von Altona eingeweiht wurde. Die Gemeinde, deren Mitglieder stets eine gewisse Exklusivität zu bewahren wußten, ist niemals zahlreich geworden; sie bestand im Jahre 1790 aus nur 16 Familien und hatte keinen Rabbiner, sondern nur einen Vorsänger. In bürgerlicher Beziehung nahmen übrigens die portugiesischen Juden eine wesentlich andere Stellung ein als ihre .hochdeutschen Glaubensgenossen; sie waren den ordentlichen Gerichten ebenso wie die Christen unterworfen und hatten mit der städtischen Armenverwaltung eine besondere Vereinbarung getroffen. Nach und nach verminderte sich die Mitgliederzahl der Gemeinde sowohl durch Wegzug nach Hamburg als auch durch Ab sterben dergestalt, daß dieselbe sich im Jahre 1886 auslöste und die Synagoge und sonstiges Eigentum verkaufte. — Wohl gleichzeitig mit den portugiesischen Juden mögen sich auch hochdeutsche und polnische Juden in Altona e.ngefunden haben; denn schon vor dem Jahre 1611 bewarben sich solche um die Erlaubnis zur Ausübung ihres Gottesdienstes, was ihnen denn auch im Jahre 1610 vom Grasen Ernst von Schauenburg gestattet wurde, ebenso wie letzterer ihnen im Jahre 1611 einen Platz zwischen der Königstraße und großen Bergstraße, neben dem an die portugiesischen Juden verkauften Begräbnisplatze, mit der Erlaubnis überließ, dort ihre Toten nach ihrem Ritus zu begraben. Die hochdeutsche Jsraelitengemeinde kann also im Jahre 1910 auf ein 300jähriges Bestehen zurückhlicken.