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Der Israelit · 1909-11-04 · Heft 44 (4.11.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 44 (4.11.1909)
Date
1909-11-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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4 November'1909. Der MraeM. No. 44. Sette 6 beugen können. Es wird den Ergebnissen moderner Wissenschaft im Voraus der Stachel genommen werden. Man wird das Auge der Jugend für den Unterschied zwischen Fakten und Hypothesen schärfen, man wird ihr zeigen müssen, daß die heilige Thora mit fleckenlosem Gewände aus jeder Auseinandersetzung hervorgehen muß. Die wichtigste Aufgabe aber ist, ihnen eine gefestigte jüdische Weltanschauung beizubringen, damit sie auch dort, wo sie keine Antwort wissen, sich auf ihr eigenes heiliges Besitztum zurückziehen können. Es sind oft gesetzestreue Ostjuden sich über die Grundlehren der Thora aus mangelnder Systematik nicht klar. Sie können deshalb auch nie ihre Meinungen andern Mitteilen, noch weniger dieselben verfechten. Wie soll man nun anfangen? Vorerst müssen die vorhandenen Kräfte gesammelt werden. Es sind doch mehrere hebräische Schriftsteller da, welche gesetzestreue Juden sind. Bis jetzt konnten sie nicht zur Geltung kommen, weil die ganze Richtung der Literatur ihnen nicht genehm war, und sie zogen sich in den Schmollwinkel zurück. Sie hatten keine Hoffnung, von den jetzigen Lesern gehört zu werden, und die Orthodoxie lieferte ihnen keine Leser. Ja ich habe die Ueberzeugung, daß eine Anzahl von bedeutenden Schriftstellern plötzlich erstehen wird. Sie wagen sich heute nicht heraus, weil sie fürchten, damit aus der Orthodoxie auszuscheiden. Ich selber kenne einen Rabbiner, der sehr viel auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft leisten könnte und dazu über eine herrliche hebr. Diktion verfügt, aber er bringt der Orthodoxie das Opfer des Schweigens, und er schweigt sich selber tot. Auch viele der jüd. Gelehrten Deutschlands könnten ja nach einiger Gewöhnung Hebräisch schreiben. Nun zur technischen Seite der ganzen Frage. In der neuhebräischen Literatur haben Verlagsgesellschaften die Basis für die Blüte der letzten Jahre geschaffen. Dieser Erfolg lehrt, daß man auch damit beginnen muß, eine solche Literaturgesellschaft zu gründen. Diese Gesellschaft wird Bücher und Zeitschriften herauszugeben, literarische Arbeiten und Arbeiter zu subventioniren, und durch Lehrkurse jüdisches Wissen zu verbreiten haben. Es soll alles geschehen, was jüdische religiöse Kultur fördern kann. Anfängen müßte man mit Schaffung einer Monatschrift, welche auf der Höhe des„Haschiloach" zumindest gehalten sein müßre. Es ist dies die Art der europäischen liter. Monatschriften, welche trotz gediegener Wissenschaftlichkeit einem Durchschnittsgebttdeten zugänglich sind. Im Hebräischen hat sich die Form des modernen Essais eingebürgert. Diese Bemerkung speziell für deutsche Gelehrte, welche in deutscher Sprache einen prächtigen glatten Sttl führen, dagegen im Hebräischen in eine merkwürdige, trockene Art verfallen. Wie wir auch zur neuhebräischen Literatur uns stellen werden, ihr Verdienst um die hebräische Sprache müssen wir anerkennen. Die Sprache ward in nicht viel mehr als einem Decennium zu einer nichtgeahnten Entwicklung gebracht und hat an Reichtum und Biegsamkeit viel gewonnen. Die wissenschaftliche Diction eines Achadhaam, die kernige talmudische Volkstümlichkeit eines Mocher Seforim, der niedagewesene Reichtum der Bialikschen Poesie, die bezaubernde Eleganz Brainins, Frischmanns, S. Benzions S. Bernfelds, die vielseitige Prosa N. Sokolows, die Lebendigkeit der jüngsten Erzähler, das alles sind Errungenschaften die man nicht mehr verlieren kann. Daß gerade manchem dieser Schriftsteller unser Kampf gilt, ist eine andere Sache. Der moderne neuhebräische Sttl strebt vor allem Natürlichkeit an und macht sich den ganzen Wortschatz der nachbiblischen Literatur dienstbar. Nun hat merkwürdigerweise gerade jetzt die Orthodoxie dem M u si v st i l der Haskala-Periode sich zugewendet, trotzdem gerade der moderne Stil dem rabbinischen ähnlicher ist. Auch darin muß es anders werden. Einige Auswüchse demodernen hebr. Stils können leicht entfernt werden. Es trifft sich gut, daß einige der gefetzestreuen Schriftsteller das klassischste Hebräisch schreiben. Es sind alle Bedingungen gegeben, daß gerade die Orlbodoxen den besten Vtil führen, find fie doch den Sprachquellen näher als die Andern. Es muß noch vor einem Fehler gewarnt werden, in den die osteuropäische Orthodoxie immer leicht verfällt,' es ist das Schimpfen auf die Gegner. Durch Schimpfen macht man sich selber verächtlich und setzt sich selber ins Unrecht. Der Leser achtet auch nicht auf die Gewichttgkeit der Argumente, wenn sie im Pamphlet-Stile vorgetragen sind. Im Kampfe siegt, wer für die reine Sache die besten Waffen führt. Wir müssen die in jeder Art besten Waffen uns beschaffen. Das Alles ist Lebensnotwendigkeit für das gesamte Ostjudentum und es ist höchste Zeit zu beginnen — bevor es zu spät ist. Für Palästina ist außerdem die hebr. Schule und Jeschiwa notwendig, was aber besonders breite Ausfübrungen erfordert. In Osteuropa sind die Schulverhältnisse dagegen so verzwickt, daß sich schwer etwas wird neu anfangen lassen, man kann auch nicht damit beginnen. Es steht aber nicht zu erwarten, daß die ostjüdische Orthodoxie allein beginnen wird, D'iiDKn ri'2v ■)D^y na wo man Sie können aus dem Kreis, in dem sie sich bewegen, nicht heraus, fie sehen die Lage und können sich nicht helfen. Die deutsche gesetzestreue Judenheit hat daher die heiligste Pflicht, hier einzugreifen. Dieselbe muß an die Gründung einer solchen literarischen Gesellschaft schreiten, hat doch auch schon jetzt nur sie das Erscheinen zweier hebräischer Standardwerke ermöglicht (Doroth harischonim von Halevy und Toldoth Israel von Jawttz). Hier liegt eine ernste AuMbe für die deutschen Gesetzestreuen, und fie können sich die größten Verdienste um die Tora und das Volk GotteS erwerben. Ihnen selber sollen aber diese Bestrebungen nicht minder nützen. Hebräische Sprache ist für jüdische Lehre und Leben ein notwendiges Organ, und nicht ungestraft entfernt man sich von diesem Lebensquell. Beherrschen kann man aber das tebräische, nur, wenn man es als lebendige prache handhabt. Gut angewendet, kann dieses Streben *um Schlüssel der jüdischen Lehre werden in Aller Händen. Wenn erst einmal die formalen und technischen Schwierigketten völlig überwunden find, da eröffnen sich 'die weitesten Horizonte. Die großen Meister des Ostjudentums, die Heroen des Chassidismus lehrten, daß man nicht nur mit Gebet und Gesetzerfüllung Gott dienen kann, sondern mit allem Thun und Lassen, mit Berufsleben und selbst mit Speise und Trank. Die größten Möglichkeiten des Gottdienens stehen offen in Wissenschaft und Kultur. Ein wahrer Gottesdiener kann sein Leben in jeglicher Wissenschaft zum Gottesdienst gestalten. In Astronomie und Biologie, in Völker- und Kulturgeschichte wird er Gottes Wirken und Wunder schauen, und fie alle werden Hilfswissenschaften der Thora. €ine Anklage gegen die amerikanische Aodltätigkeil. In American Israelite, dem Organ der radikalsten amerikanischen Reform finden wir folgenden offenherzigen Mahnruf, der hoffentlich den verdienten Widerhall findet, und der—im Gegensatz zu der Annahme des Verfasser- — zum Teil auch in der alten Welt hie und da beherzigt zu werden verdiente. „Eine der ergreifendsten Szenen in Zangwill's „Kinder des Ghetto" ist die Beschreibung vom Tode Benjamin Ansell's. Der kluge Knabe'war in seiner Kindheit auS dem dumpfen, kalten Dachkämmerchen seiner Eltern heraus in das gesunde Leben der Vorstadt ins Waisenasyl verbracht worden,- Jahr um Jahr war er hier mehr dem Elend fremd geworden, von dem sein Volk und seine frühere Umgebung heimgesucht wurden. Handel und Wandel und durch die Teuerung aller Lebensmittel. Gemeindesteuern gingen keiüe ein und die Ausgaben steigerten sich von Tag zu Tag. Es handelte sich also darum, außerordentliche Mittel zu beschaffen und darüber berieten die wackeren Männer ohne daß sie zu einer offiziellen Vorstandssitzung zusammen gekommen waren. Da wurde ein Matrose gemeldet, der den Vorsteher der jüdischen Gemeinde zu sprechen wünschte. Tie Herren glaubten, es handle sich .um einen bedrängten Bittsteller, deren viele in diesen Tagen an. die Türen der Wohlhabenden pochten. Herr Leidersdorff erhob sich trotzdem von feinem Sitz und empfing den Eintretenden mit einer entgegenkommenden Herzlichkeit, die auch für einen Stadtkommandanten und selbst für einen Minister genügt hätte. „Mit wem habe ich die Ehre?" fragte der Hausherr. „Mein Name ist Asmus Asrnussen; ich komme, um Ihnen den Paradiesapfel zu beschaffen, für den Sie 300 Tukaten ausgeschrieben haben und wollte von Ihnen die näheren Bedingungen hören. Ich möchte auch gerne wissen, was ein Paradiesapfel eigentlich ist und ivo ein solcher zu holen ist." Die drei Herren sahen sich erstaunt an und einer derselben ftagte: „Und wie wollen Sie das anfangen?" „Das. kommt ganz darauf an, wo ein solcher Apfel zu holen ist, sobald ich den Ort weiß, werde ich meine Maßnahmen treffen und sie Ihnen Mitteilen." „Mr beziehen unsere Paradiesäpfel gewöhnlich aus Hamburg, wir haben sie auch schon direkt von Trieft gehabt. Als Seemann wissen Sie ja ganz gut d. ~ ' . . - “ gewicht nötigen Ballast zu haben, die Lagerräume mit Orangen und sonstigen Südfrüchten ausfüllen und fie kostenlos oder gegen ganz geringe Entschädigung mit nach der Nordsee nehmen. Auf diese Weise haben wir schon wiederholt hunderte von Paradiesäpfeln direkt aus Italien bezogen. Mer dieses Jahr ist uns dieser Weg wie jeder andere verschlossen. Wir würden uns gern mit einem einzigen Exemplar begnügen und dafür 300 Dukaten zahlen, wenn es unversehrt und rechtzeitig in unfern Besitz kommt. Ein Paradiesapfel ist eine Frucht ähnlich den Zitronen, sie ist meistens etwas mehr länglich. Die nächste Bezugsquelle ist Hamburg; ich werde Ihnen einen Brief an unfern dortigen Lieferanten mitgeben. Wenn Sie einmal dort find, können sie leicht hunderte, dort haben, aber wie wollen Sie jetzt nach Hamburg kommen?" ' „Ich schwimme hinüber und zurück," erwiderte der Matrose mit einei7 Gelassenheit, als ob es sich um das Verzehren eines Butterbrods handelte. Die drei Männer sahen den Fremden erstaunt an, als ob sie an feiner Zurechnungsfähigkeit zweifelten, doch dieser führ unbeirrt fort: „Ich habe in Ostindien schon größere Strecken durchschwommen, nur aüs langer Weile und zu meinem Vergnügen und es ist mir nie etwas passiert. Dabei wimmelts dort von Haifischen und Alligatoren, die bequem ein halbes Dutzend Matrosen als Nachtisch verzehren. Dabei war ich in den dortigen Gewässern wildfremd, während ich im kleinen und im großen Belt sowie im Skattgat jedes Felsenriff und jeden Stein wie meine Westentasche kenne. Hier habe ich nur die blauen Bohnen der Engländer zu furch k.» Wl„.u *** i» ten, aber auch gegen sie gibts probate Mittel." j die schwedischen Schiffe, welche Erz nach Italien I „Wer wie wollt Ähr durch dre englischen Kutter helfeäil. her Mückrette. lint ben Mr das Gleich- I hijtdurchwmmen, die Euch doch berm ersten Anbück in den Grund schießen?" ftagte einer der Herren. „Ich habe meinen Plan in alle Einzelheiten überdacht und glaube, daß ich ihn mit Gottes Hilfe ausführe," erwiderte zuversichtlich der Matrose. „Die Strecke von Kopenhagen nach Gedser gehe ich zu Fuß. Tos sind etwa 110 Seemeilen. Wenn Sie mir ein Pferd zur Verfügung stellen um die Reise rascher zu machen umso besser. Bon Gedser bis Warnemünde sind etwa 27 Seemeilen, das ist die einzige Strecke, die ich durchschwimmen muß. Das ist allerdings ein weiter Weg auch fiir einen guten StAvimmer. Wer ich brauche nur die stellen aufzusuchen, welchen die Schiffe sorgfältig aus dem Wege gehen, ich meine die Sandbänke, Riffe und Felsen, auf welchen ich, wenn es nöttg ist, gut einige Stunden ruhen kann". „Wer in Gedser liegen ja die englischen Schiffe dichter als irgend sonst," warf einer der Herren dazwischen, „sie schicken Euch ja ihre Kugeln nach, sofort wenn man Euch schwimmen sieht". „Ja, wenn man mich sieht", erwiederte der Mattose ruhig, aber ich denke man wird mich nicht sehen. Selbstredend ttete ich nicht am hellen Tag meine Schwimmpartie an, sondern warte die Nacht dafür ab. Dann kann ich weite Strecken auch unter dem Wasser schwimmen, so daß sie keinen Zielpunkt für ihre Schüsse haben. Seien Sie unbesorgt meine Herren, die Sache wird sich viel leichter machen". „Mer angenommen, es ginge alles so glatt, wie Sie es sich denken", bemerkte Herr Leidersdorf, „wie könnt Ihr den Paradiesapfel unversehrt gach Kopenhagen bringen, wenn er so lange Zeit im Seewasfer gelegen bat. Er darf nicht zerdrückt, nicht beschädigt ober irgendwie verletzt sein, die Spitzen oben und unten mit ihren Auswüchsen müssen unversehrt sein. Wie ist daS bei einer solchen Schwimmfahrt denkbar?" „Daran habe ich auch bereits gedacht", erwiderte

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