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Der Israelit · 1909-11-04 · Heft 44 (4.11.1909) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 44 (4.11.1909)
Date
1909-11-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. 4. November 1W9 »ST1 S)*t JsraAtt. daß nur ein Jude, der in jeder Beziehung mit feinem Denken und Fühlen, mit seinem Tun und Lassen auf dem Boden der Bibel steht, allein imstande sei, sie richtig zu erklären. Jetzt begreife er, warum alle Kommentare der Bibel, die er bis jetzt gesehen, ihn so wenig befriedigt hätten." Inzwischen hatten Bundesrat, Nationalrat und Ständerat der Schweizerischen Eidgenossenschaft ihre Entscheidung zu Gunsten des^Schächtens abgegeben, das dann bekanntlich erst im Jahre 1893 durch eine Volksabstimmung in der Schweiz verboten wurde. Als der Bundesrat genötigt war, das ungeheuerliche Verlangen eines Schächtverbotes dem Volk zur Abstimmung zu unterbreiten, ermahnten die gesetzgebenden Körperschaften der Schweiz gleichzeitig das Volk, dieser Ungeheuerlichkeit die Sanktion zu versagen. In der Tat erfolgte das Verbot nur durch eine ganz kleine Majorität. Daß die Behörden und der intelligente Teil der Schweizerischen Eidgenossenschaft in dieser Frage auf Seiten der Wissenschaft und der Gewissensfreiheit standen, ist ein mittelbares Verdienst Hiltys, der in Wort und Schrift unablässig bemüht war, alle maßgebenden Faktoren aufzuklären und sie für die Sache des Rechts und der religiösen Toleranz zu gewinnen. Als ich ihm nach Abschluß des^ersten Teils der Schächt-Campagne ersuchte, für seine Auslagen, Bemühungen und juristischen Konsultationen seine Rechnung einreichen zu wollen, schrieb er am Schluß eines Briefes vom 27. Mai 1880: schließlich meine Bemühungen bisher und künftighin anvetrifft, so machen Sie stch darüber keine Sorge. Das kostet Sie nichtsich werde mich da, wie man in Deutschland sagen würde, „höheren Orts schon gut stellen" und haben wir vom Bott Israel auch Gutes genug überkommen." Ich dachte bei diesen Worten an die Möglichkeit, daß Hilty einmal von jüdischer Seite irgend ein Dienst geleistet wurde, für den er sich jetzt durch seine Selbstlosigkeit erkenntlich zeigen wolle. Auf mein Antwortschreiben, in dem ich ihm meinen Dank für seinen Edelmut aussprach und mich nach dem Guten erkundigte, das er schon vom Volke Israel erhalten habe, außerdem aber auch andeutete, daß die Unmöglichkeit, ihm seine Dienste zu honorieren, mtr eine gewisse Reserve auferlegen müsse,ihn inZukunft fortwährend um feinen Rat und seine Tat zu bitten, schrieb er mir am 4. Juni 1889: „Ich schreibe Ihnen diesmal nur, um Ihnen jede Besorgnis zu benehmen, baß Sie mir mit Ihren Angelegenheiten jemals im geringsten beschwerlich sein könnten. Sie haben meine Gedanken noch nicht ganz verstanden. Bon Edelmut und dergl. ist da gar keine entfernte Rede. 1) Für mich ist der Gott Israels eine ganz vosit've Persönlichkeit, wenn wir ktesS unser menschliches Wort analog anwmben dürfen, und sein Volk ist und bleibt sein Bott, das er ncht aufgeben wird und kann, sondern (nach unserer Auffassung, die Sie mir gewiß einen Moment lang nicht verübeln) noch zu der Einsicht desjenigen bringen wird, den sie verworfen haben, auf Wegen, aber, die nicht unsere Wege find und die jedenfalls wir nicht herbetführen können. Mir sind also die Juden nicht nur ein historisch-kulturell interessantes, sodern auch ein edles Volk, das jetzt zwar in großer, selbstverschuldeter Erniedrigung und Prüfung lebt, aber sicher noch zu Großem bestimmt ist. Die Ausschreitungen Vieler unter ihnen und der Abfall von diesen Gedanken und Hoffnungen unter ihnen selbst macht mir nichts aus, wo ist Menschliches vollkommen je gewesen? Für mich find sie die Träger einer großartigen, unendlich köstlichen und beruhigenden Idee, daß die Weltgeschichte kein Spiel des Zufalls, oder menschlicher Gewalt und Willkür, sondern ein großartiger Plan Gottes ist, der aber mit Freiheit der Menschen durchgeführt werden muß und daher so lange und so viele Schwankungen und Rückfälle zeigt. Das ist der Grund meines Interesses an Ihrem Volke. 3) Ich selber habe nun aber von diesem Volke sehr viel Gutes bereits erfahren. Seine Propheten, Psalmen und seine Geschichte haben mich oft aufgertchtet und ge röstet, wenn ich, wie dies ja zuweilen nicht anders möglich ist, in dieser Weltanstcht schwankend werden wollte. — Es scheint mir also eine gute Gelegenheit vorhanden, diesem '-Tolle als I Ganzem gewissermaßen auch einmal mich dankbar zu erwesen. 3) Endlich will ich mich für meine Bemühungen viel lieber von dem Gott Israels bezahlen lassen, der ein sehr großer Herr ist, als von Ihren Gemeinden, und bin ganz beruhigt, baß ich das alles nicht umsonst tue. (Ruth 3, 13.) Das alles ist mein völliger Ernst und ich würde e8 Ihnen selbst übrigens nicht so schreiben, wenn ich nicht doppelte Besorgnis hätte: 1. daß Sie doch noch an irgend eine Entschädigung dächten und 3. daß Sie aus einer großen Bescheide! heit es wenigstens möglichst vermeiden, mich aufzusuchen oder mir zu schreiben. Ich hoffe aber, Sie werden mir jetzt ein füc allemal glauben, daß ich Sie stets sehr gern seh‘ und Zeit genug für Sie habe, wenn immer Sie mir in diesen oder anderen Sachen Ihres Bottes mündlich oder schriftlich etwas vortragen wollen. So weit mein Verstand reicht, will ich Ihnen immer treuen Rat geben und seien Sie damit ein für allemal über die Situation einverstandennicht wahr? C. Hilty. Briefe dieser Art zeichnen ihren Schreiber treuer als es die vollendetste Charakteristik vermöchte. Es mögen daher hier noch einige aus den mehr als hundert Briefen folgen, die ich von dem großen Mann besitze. (Schluß folgt. Dar örtliche Kulturproblem. (Schluß). All diesen Erscheinungen muß auch in Palästina Rechnung getragen werden und man Boten zu den Herzen der Menschen sendet, der in Seiner Liebe auch Friedrich Schiller erwählt und ihm die Krone der Unsterblichkeit aufs Haupt gedrückt bat. H. Sch. Dreihundert Dukaten für einen €$rog. Von Judäus. (Fortsetzung.) „Else, ich werde mit ihnen allen fertig werden, wenn Du mir treulich zur Seite stehst, komm, wir wollen noch einen Augenblick zurück." „Laß das, Asmus, es ist besser so." Mit diesen Worten schob sie ihren Arm unter den seinigen und zog ihren Bräutigam fort. „Ich weiß. Du bist ihnen allen gewachsen und vor allem dem Sörensen. Aber bei all seiner Unverschämtheit müssen wir doch gestehen, daß das, was er gesagt hat, diesmal wahr ist. Ich weiß nicht, wenn es so weiter geht, wie wir Mann und Frau werden können. Als Du vor drei Wochen mit dem „Neptun" von Jamaika zurückkamst, hattest Du viel Geld: mehr als die Hälfte der Summe, die für unfern Heirats-Consen? nötig ist. Hättest Du damals das Geld zurückgelegt bis auf bessere Zeiten, wenn die Schisfahrt wieder geht, dann hätten wir einen schönen Anfang gehabt, aber jetzt verspielst und vertrinkst Du Dein saner verdientes Geld. Wie viel hast Du noch?" Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm sie ihm die Geldbörse aus der Tasche und zählte beim Mondschein den Inhalt. „Elf Kronen?" sagte sie erschreckt. „Was wirst Du anfangen, wenn auch diese verspielt und vertrunken sind? Tue mir doch das eine zu Liebe, um was ich Dich schon die ganze Zeit bitte, lasse Dich sofort, heute Abend noch, oder jedenfalls morgen früh, bei der Marine anwerben. Sie zahlen zwar lange nicht so viel wie die Kauffahrteischiffe, aber was Du auch bekömmst, ist gewonnen, wenn Du nur aus dem jetzigen Lotterleben herauskommst." Weiter konnte sie nicht sprechen; Tränen erstickten ihre Stimme. Schweigend ging das Paar weiter, aber sie fühlte am Druck seines Armes, daß ihre Worte diesmal nicht ohne Wirkung geblieben waren. Plötzlich blieb Asmus stehen, ergriff die beiden Hände seiner Braut und sah ihr in die verweinten treuen Augen: „Else, Du hast Recht; morgen oder heute Llbend noch, werde ich einen Dienst annehmen. 2lber zur Marine gehe ich nicht. Ich werde den Juden ihren Paradiesapfel bringen und mir 300 Dukaten verdienen, dann können wir in zwei Monaten heiraten. Tu hast doch den Anschlag gelesen?" Lesen und Schreiben konnte Else aber nicht, sie hatte also auch nichts davon gelesen. Ta sie aus der abgelegenen elterlichen Fischerhütte nur selten in die Stadt kam, hatte sie auch nichts davon gehört. Asmus erzählte ihr alles und als er zu Ende war, fragte sie ihn: „Und wie willst Du den Paradiesapfel herbeib ringen?" „Darüber sei unbesorgt, Else. Ich habe mehr als die Hälfte meiner 26 Jahre auf dem Wasser verbracht und habe dadurch Mittel und Wege, die vielen unbekannt sind. Du mußt mir nur vier bis fünf Wochen Urlaub geben. Dann komme ich wieder und zähle Dir 300 Goldfüchse hin, das ist mehr als viermal so viel als für unsere Heirat nötig ist , , : " " ,/ Nr. 44 kann nicht genug vor der Katastrophe warnen, die andernfalls der palästinensischen Judenheit bevorfteht. In den modernen Schulen herrscht die hebr. Unterrichtssprache. Die Orthodoxie wehrt sich dagegen und beharrt auf der Uebersetzungsmethode, trotzdem auch für die eigenen Unterrichtsgegenstände nur Nutzen aus der hebräischen Unterrichtssprache und der natürlichen Methode erwachsen muß. In Palästina ist die Verschiedenheit der Aussprachen eine Calamität und die Modernen wählten die sefardische als Einheitsaussprache des Hebräischen. Auch dies ward zu einer Falle für die Orthodoxen und sie fielen richtig herein. Die Askenasim wehren sich gegen die sephardische Aussprache, trotzdem es ja dort, wo Tausende frommer Sefardim leben, für die Dauer nicht verboten werden kann, besonders da auch das Leben für die Vereinheitlichung von zehn verschiedenen Aussprachen einer Sprache in einem Lande spricht. Anstatt für das Thorakönnen aus der Neuerweckung, des Hebräischen Nutzen * zu ziehen, werden sie eS zu Wege bringen, dasselbe zu HD'nn Mivt-rnzum Schädling zu machen und so der Thora die schwersten Wunden schlagen. Es muß noch bemerkt werden,vdaß sie außerdem auf diese Weise die dort sehr regen nationalen Triebe gegen sich haben, und das ist gefährlich, weil es ideale Triebe sind, die man so mit der Religion ohne Not in Gegensatz bringt.*) Alles was bisher gesagt wurde, hat ganz eigentlich der Diagnose gegolten und hat gezeigt, woran es das bisherige Heilverfahren fehlen ließ. Jetzt aber will ich mich der Therapie zuwenden und zeigen, woran die vielen Heilversuche bisher scheiterten. Während in Deutschland der Kampf seinerzeit um formale Bildung wogte, und die Orthodoxie ihn umging, indem sie sich diese aneignete, sind im Oftjudentum die Bedürfnisse tiefer. Nicht um Geplänkel der Borhut handelt es sich, sondern hier wogt die Schlacht selber. Diese Jünglinge, in talmudischem Denken geübt, in Geistesarbeit ausgewachsen, sind zumeist tiefernster Natur und ringen um die schwersten Probleme. Was soll geschehen? Ich glaube, es ergibt sich beinahe von selbst. Es gilt eine neu* hebräische Literatur im Geiste des thoratreuen Judentums zu schaffen. Diese Literatur soll einerseits alle berechtigten Kulturbedürfniffe erfüllen, anderseits den Ringenden Waffen für ihre innern Kämpfen bieten. Zumeist wird man aber den innern Kämpfen vor- *) Siehe hierzu den abweichenden Standpunkt eines palästinensischen Gesinnungsgenossen in der „Lite- ^rari^ch^^Wart^dieser^umme^^ed^^^E^^^^ und der Sörensen wird dann sehen, daß wir uns heiraten, ehe Du all und grau geworden bist." Während dieses Gesprächs waren sie bis zur Fischerhütte gekommen, in welcher Else bei ihren Eltern wohnte. Asmus verabschiedete sich rasch und leichten Sinnes, wenigstens gab er sich diesen Anschein, um seine Braut über die Gefährlichkeit des Abenteuers hinwegzutäuschen, in das er sich zu stürzen im Begriffe war. „Was wir gesprochen haben, bleibt unter uns; auch Deinen Eltern sage nichts davon," das waren die letzten Worte, die er seiner Braut leise nachrief. Er hatte nichts Geringeres vor, als den Belt zu durchschwimmen und er wollte seiner Braut und ihren Eltern die Aufregung ersparen, die unvermeidlich gewesen wäre, wenn sie von seinem tollkühnen Unternehmen Kenntnis gehabt hätten. Rasch schritt er dem Innern der Stadt zu, n.n sich dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde als Bewerber uni den ausgesetzten Preis vorzustellen. Schon als die erste Ankündigung erfolgt war, batte er die Absictit, diesen Preis zu verdienen, aber als dieser auf 300 Dukaten erhöht wurde, bedurfte es nur der Vorgänge von heute. Abend, um diesen reiflich erwogenen Entschluß auszufiihren. Es war noch früh am Abend, wenigstens nach Kopenhagener Begriffen, als er in das Daus des Vorstehers eintrat und dort angemeldet wurde. Bei dem Präsidenten Leidersdorff waren zwei Mitglieder des Gemeinde-Vorstandes mit ihren Frauen zu Besuch. Die drei Herren hatten sich zu einer ernsten Besprechung zurückgezogen und verhandelten über Mittel und Wege, um die drückende augenblickliche Lage nach Kräften zu mildern. Der Mittelstand und die ärmeren Mitglieder der Gemeinde litten tatsächlich Not durch das völlige Niederliegen von

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