Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1909)
- Date
- 1909-11-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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der Gesetzestreuen bei diesem Wahlkampfe wäre eine unverzeihliche Versündigung gegen die vitalsten und heiligsten Interessen der Judenheit und des Judentums in der Bukowina, die wir unseren dortigen Gesinnungsgenossen nicht Zutrauen möchten. Vom Ausgange der Wahlen für die Minoritätsmandate wird es denn auch abhängen, ob die Anhänger der jüdischen Wahlkurie noch etwas nach dieser Richtung zu hoffen haben oder nicht. Und bei aller Einengung und Einschränkung, unter denen die jüdischen Wähler in der ^Bukowina heute noch zu leiden haben, können sie doch durch diese Wahlen einer späteren Entwicklung und Ausdehnung^ der jüdischen Vertretung den Boden ebnen. Denn daß das „Wahlghetto", wie in der „Neuen Freien Presse" der beabsichtigte jüdische Kataster benannt wird, im Vergleich zu dem Zwangsverhältnis, in welchem sich jetzt die Juden zu den Deutschen, d. h. in der Hauptsache zu den Christlich-Sozialen befinden, noch ein wahres Dorado der politischen Freiheit und Betätigung bilden würde, wird sich jetzt schon zeigen. Die jüdischen „Alldeutschen" und „Allpolen" werden sich natürlich auch dieses Mvl von den Tatsachen wenig überzeugen lassen. Umsomehr soll'en aber die Einsichtigen und politisch Reifen aller Lager den wilden Kampf, der jetzt, auf das persönliche Gebiet übertragen, die häßlichsten Formen annimmt, ruhen lassen und mehr durch friedliche, zielbewußte Arbeit auf die Schaffung der gewünschten und unumgänglich nötigen eigenen jüdischen Vertretung hinwirken. Professor fillty. Weit über die Grenzen der Schweizerischen Eidgenossenschaft hinaus hat der plötzliche Tod des gefeierten Staatsrechtslehrers, des scharfsinnigen Juristen, des weitschauenden Politikers, des vielseitigen Schriftstellers und des edlen, tief religiösen, patriarchalischen Greises tiefempfundene Teilnahme geweckt. Die Tagesblätter, die noch wenige Tage zuvor gelegentlich . der Besprechung des kürzlich erschienenen jüngsten und letzten Bandes seiner „Politischen Jahrbücher der Schweizerischen Eidgenoffenschaft" ihm nur sehr bedingt und reserviert ihre Anerkennung aussprachen, lassen sie ihm jetzt angesichts der Majestät des Todes voll und ganz zuteil werden. Was aber Hilty uns Juden war, wie er jederzeit für das Judentum mit unerschrockenem Freimut eintrat und zwar für das einzige, wahre, historische Judentum, das man gewöhnlich das orthodoxe nennt, das hat keiner seiner Verehrer erwähnt, das in dankbarer Verehrung zu würdigen, ist eine Ehrenpflicht der jüdischen Journalistik. Direktor Samson Raphael Hirsch vor seinen Schülern und Schülerinnen und hielt seine Rede zur Schillerfeier. Fünfzig lange Jahre sind dahiugegangen, Geschlechter ins Grab gesunken, Krieg und Frieden ist über die Erde gewandelt, unermeßlich Großes entdeckt und geschaffen worden — und dennoch, wenn man diese Rede heute wieder liest, heute, da abermals ein Schillertag gekommen ist, man sollte meinen, die fünfzig Jahre seien ein Traum gewesen. Und vor unserer Seele ersteht wieder die kleine Aula mit den Kindern, die heute Großväter und Großmütter sind, und auf dem Katheder steht wieder in der Vollkraft seiner Jahre Samson Raphael Hirsch und hält seine Schillerrede. Und wenn wir uns dann erstaunt fragen, wieso es denn möglich gewesen ist, daß diese Rede nicht unmodern geworden und nicht veraltet ist, so ist's die Rede selbst, die uns die beste Antwort zu geben vermag. Friedrich Schiller hat ihr ja Modell gestanden, der ewig Junge, der nimmer altern wird, und dessen schlanke Gestalt nun schon riesenhaft ins iw^ite Jahrhundert hineinragt. Wieder ist sein Geburtstag gekommen, und wieder werden sie ihn feiern: hoch und nieder wird sich vor ihm neigen, seine Denkmäler wird man bekränzen und Lieder zu seinem Ruhm ertönen lassen. Da darf auch der deutsche Jude nicht bei Seite stehen, und wenn auch der Schillerredner von 18ö9 schon lange verstummt ist — sein gewaltiges Wort folf' heute aufs neue zu uns sprechen. Schiller hat wenig von Juden und Judentum geschrieben, und das Wenige in der Sendung Moses war ein schwerer Irrtum, und dennoch — Samson Raphael Hirsch hat es ausgesprochen, daß es unbewußt jüdische Gedanken waren, die seine Lieder erfüllen, und daß gerade darin die Ewigkeit seiner Werke begründet sei. Ist _ „ »« MM-vs Hilty hatte sich, wie weniges in die Schriften von Samson Raphael Hirsch y'st vertieft und hat in den letzten fünfzehn Jahren, seitdem er die Bekanntschaft mit diesen Schriften machte, wohl kein einziges seiner zahlreichen Werke veröffentlicht, das nicht Gedanken und Zitate aus Hirschs Schriften enthielt, in der. ausgesprochenen Absicht, diese Anschauungen in dem großen Kreise seiner christlichen Glaubensgenossen zu verbreiten. Er hatte überhaupt mit Samson Raphael Hirsch, mit seinem Denken und Fühlen, mit seiner & Wahrhaftigkeit und seiner toleranten ine frappierende Ähnlichkeit, die sich sogar bis auf die Schriftzüge erstreckte. Die Art und Weise, wie er mit den Schriften Hirschs bekannt wurde, und der überwältigende, nachhaltige Eindruck, den sie auf ihn machten, ist von hohem, allgemeinem Interesse. Als im Jahre 1887 die schächtfeindliche Bewegung die schweizerischen Israeliten nötigte, die Hilfe der Bundesbehörden anzurufen, suchte ich Hilty zum erstenmale auf, um ihn um seinen Rat und Beistand in diesem schweren Kampfe zu bitten. Er empfing mich in seiner herzgewinnenden, liebenswürdigen Weise und sagte mir, nachdem ich ihm mein Anliegen vorgebracht hatte, es sei jetzt kurz vor Schluß des Sommersemestertzp wodurch er mehr als sonst in Anspruch genommen sei. Ich solle ihm mein Aktenmaterial lassen, er gehe in wenigen Tagen nach Öhamp petit im Val de Traverse, eine halbe Stunde von Couvet, um dort die Freien zu verbringen, dort möchte ich ihn in etwa 14 Tagen aufsuchen und ihm den Tag meiner Ankunft vorher Mitteilen. Inzwischen werde er die ganze Literatur und die Akten durchsehen und überlegen, was zu tun sei. Als ich ihn 14 Tage später besuchte, lud er mich zu Tisch ein und seine Frau wiederholte diese Einladung in so herzlicher und geradezu dringender Weise, daß ich alle Mühe hatte, dieser Gastlichkeit mich zu wehren. Als ich bemerkte, es würde mir doch schlecht anstehen, aus einer Reise, die ich zur Rettung des Schächtens unternähme, selber Fleisch von nichtgeschächteten Tieren zu genießen, bemerkte Hrllch, sein Studienfteund Lasker habe auch oft bei ihm gegessen. Die Frau Professor meinte, es sei schon in der Ordnung, daß ich als Vertreter des Schächtens im eigenen Hause streng rituell lebe, aber auf der Reise und in einer Lage, wie die augenblickliche, wo ich kein rituell hergerichtetes Fleisch haben könne, würde ich durch Annahme ihrer Einladung meinem Prinzip nicht untreu werden. Ich blieb jedoch fest und war ftoh, als ich nach Erledigung meiner Angelegenheit noch am Vormittag zurückreisen konnte. Zwei Jahre später besuchte mich Hilty und ftagte mich, ob ich mich noch meines Besuches in doch alles Edle und Gute, alles Erhabene und Sittliche im Judentum zu finden, leuchtet doch in ihm der kostbarste Schatz von Menschenliebe und Lebensweisheit und dem großen Verstehen für Menschenweh und Menschenfehl. Und wenn wir nun Schifter anfschlagen — sind es nicht die Ausstrahlungen des heiligen Thoralichtes, das seine Verse erfüllt, ist nicht auch in ihnen dsas Hohe und Edle, das Erhabene und Sittliche in einer reinen, wundersamen Sprache niedergelegt? Und weit mehr noch! Gedichte und Dramen haben Biele geschrieben, aber ihr Leben in solch innigen Einklang zu ihren Worten gebracht, wie Schiller es getan, das taten nur wenige, das können nur wenige, und auch das ist jüdische Lebcnsanschauung. Tenn das Judentum kennt keine Privilegien für das Genie, keinen Freibrief für seine Großen, sondern höchstens das Privileg, daß sie weit mehr noch wie die anderen ihre Lebensvollendung in höchster Sittlichkeit zu suchen haben . . . Friedrich Schiller hat der Welt wenig von seinem eigenen Weh erzählt, und er hätte viel zu erzählen gehabt: er sprach vom Weh der ganzen Menschheit und was viel mehr ist, von seiner Heilung Tenn der Dichter soll der Tröster der Menschheit sein, ihr Freund und ihr Arzt. Er soll sie lieben mit jene-' Liebe, die eben nur der Dichter kennt, er soll ihr das Schöne aus vergangenen Tagen hervorzaubern in die Gegenwart, er soll die Bitternis der Gegenwart versüßen durch lichte Bilder für die Zukunft. Und Schiller tat so: alles was dem Menschen teuer ist ans Erden, die Freiheit, die Freundschaft, die Liebe, die Kraft, die Größe, die Schönheit, in ewigen Denkmalen hat er es geschaffen und hat es uns an's Herz gelegt, daß wir uns seiner freuen, und daß wir besser und froher und milder werden. Und will uns das Judentum.nicht auch besser No. 44 «etteS Champ petit erinnere und der Einladung zum Essen. Als ich die Frage bejahte, sagte er mir: „Sie haben keine Ahnung, wie froh ich damals war, daß Sie uns sobald verließen. Meine Frau und ich hatten nämlich eine Wette eingeaangen. Sie hielt es für selbstverständlich, daß Sie unser Gast sind. Ich aber sagte, Sie wären ein charakterloser Mensch, wenn Sie eine Einladung bei uns annehmen und ich ließe Sie nicht mehr über meine Schwelle, wenn Sie bei uns Fleisch genießen, das Ihnen durch Ihre Religion verboten ist. Meine Frau nannte mich einen Prinzipienreiter, aber ich ließ mich nicht irre machen. Es war ja nicht mehr schön, wie meine Frau Ihnen mit ihrer Einladung zugesetzt hat und ich fürchtete, ich könnte meine Wette und — was schlimmer ist — die Achtung vor Ihnen verlieren. Ich fürchtete jeden Augenblick, Sie könnten umfallen und.war deshalb so ftoh, als Sie fortgingen, ohne Ihrem Gesetz untreu zu werden." Einige Jahre später, als die. Behandlung der Schächtangelegenheit und ein überaus reger Briefwechsel, sowie wiederholte gegenseittge Besuche uns näher gebracht hatten, veröffentlichte Hilty in seinem „Polittschen Jahrbuche" die Abhandlung eines Berner Professors, welche die Auffassung der Bibel über den Sozialismus zum Gegenstand hatten. Ich bemerkte ihm darauf, daß ich an dieser Arbeit vieles auszusetzen hätte, das ich ihm einmal bei Gelegenheit mündlich darlegen wolle. Er meinte, ich möchte im nächsten Jahrbuch einen Aussatz über dasselbe Thema schreiben und dabei die irrigen Auffassungen richtig stellen. Dazu konnte ich mich nicht verstehen, weil diese richtige Darstellung in Hirschs Pentateuch-Kommentar zum 2. B. M., Kap. 21, enthalten ist, und ich sandte ihm den zweiten Band dieses Kommentars mit Anstreichung der betreffenden Stellen. Tags darauf schrieb er mir, er könne sich denken, daß ich ein so kostbares Buch nicht kmge in meiner Bibliothek missen möchte, ich solle ihm es nur 2—3 Tage lassen, bis dahin hoffe er es zu Ende gelesen zu haben. Für heute dränge es ihn, mir folgendes zu sagen: „Er fei imuxer überzeugt gewesen, daß das jüdische, von Gott erwählte Volr noch zu einer großen Mission berufen fei, daß es seine Rolle noch nicht auSgespielt habe, da Gott seine einmal ausgesprochene Erwählung nicht wieder rückgängig mache. Aber es sei für ihn immer ein Rätsel gewesen, wie diese Mission bei dem heutigen Stand eines großen Tells der Judenheit denkbar sei. Jetzt aber, wo er sehe, daß wir noch Männer besitzen, wie den Verfasser dieses Buches, finde er das alles begreiflich. Auch habe er aus diesem merkwürdigen Buche die Ueberzeugung gewonnen, r.tacfoen und milder und will es nicht auch unseren Weg verschönen und erheitern? Aber Friedrich Schiller hat die Wahrheiten des Judentums nicht nur in seinen Dramen durch seine Helden und Heldinnen verkünden lassen — er hat sie auch in einem seiner schönsten und schlichtesten Gedichte, in den Worten des Glaubens, seinen Menschenbrüdern als ein Denkmal übergeben: „Ter Mensch ist frei geschaffen, ist frei. lind die Tugend, sie ist Tein leerer Schall," und schließlich: „Ein Gott ist, ein heiliger Wille lebet Wie auch der menschliche wanke Hoch über der Zeit und dem Raume webt Lebendig ein höchster Gedanke." Klingt es nicht wie jüdische Lehre, daß wir frei - sind, frei in unserem Wollen und Entschließen, daß wir gerade darum die Tugend als höchsten Besitz erwählen können, und daß hoch über devZeit und dem Raume der Vater der Liebe die Geschicke Seiner Menschen lenket? Sollen wir uns nicht freuen, daß er gelebt? Gehört er nicht zu den Anserwählten, zu den Freiherren unter den Menschen, war er nicht wie ein aufstrahlendes Feuer, das im hellsten Glanze erlosch? Und soll das Judentum, das als Künder ewiger Gotteslehren über die Erde ziehet, sich nicht besonders seiner freuen, als eines Propheten, der - ohne es zu ahnen — der Welt die Segnungen der Wohnungen Jakobs und der Zelte Israels gezeigt? Wir sollen es, und darum wollen wir, wenn der 10. November gekommen, ihn in stillem Gedenken als Festtag feiern und des Vaters über dem Sternenzelte denken, der auf unerforschlichen Bahnen seine