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Der Israelit · 1909-10-28 · Heft 43 (28.10.1909) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 43 (28.10.1909)
Date
1909-10-28
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Der JSraeltt. Seite 18 Nr. 43_ ob er ganz treu zu Abrahams Geiste halten wird, wM er nach seinem Gebete davon abhängig machen, ob ihm auch draußen das Glück zur Seite steht. Ja, im Hause AbrahamS, — da freilich hatte er manche Beweise göttlicher Güte geschaut. Aber waren das „Beweise"? . Vielleicht war es die Klugheit und die Geschicklichkeit, war es eben gerade das Geld Abrahams, das ihm Alles gelingen ließ! Doch fern von Abrahams persönlicher Leitung, unter anderen Verhältnissen, da nimmt sich die Lebensauffassung Abrahams vielleicht ganz anders aus, dort erlebt sie am Ende ihren Bankerott! Er will ein Zeichen/ denn er zweifelt noch. Er möchte so gern in Abrahams Geiste weiterleben, dazu muß sein Vertrauen sich aber vertiefen, verinnerlichen. Muß er sich doch aus einem ganz andern Gedankenkreis losreißen, um den Gedankenflug Abrahams zur Höhe mitmachen zu können. Er richtet ein Gebet zu Gott. Die grenzenlose Verehrung für den Menschen Abraham erhöht sein Streben, ihn zu verstehen, mit ihm zu fühlen. Er bittet um Unterstützung in seinem Wollen. Aber wie er bittet, ist typisch dafür, wie man nicht beten soll. Es wird der Zufall, vom Menschen gewählter Zufall, bestimmend für den Willen hingestellt. Das Mädchen, zu dem er, Elieser, -er Mensch, zu sprechen belieben wird, soll die Erkorene sein. Gott wird in den Willen des Menschen gebannt. Es ist kein abrahamitisches Gebet. Gleich wohl wird Elieser erhört. Er hatte die Entscheidung über die Person des Mädchens von hohen sittlichen Eigenschaften abhängig gemacht. Dastraf ja schließlich Abrahams Absichten. Elieser aus Damaskus erkennt die sittliche Richtung des Abrahamshauses, er erkennt auch darin die Quelle des Segens, dessen Abraham sich erfteuen durfte. Aber er zweifelt, er ist noch ungewiß, ob diese sittliche Kraft des Abrahams Hauses so stark sein wird, im Kampf des Lebens, draußen in der feindlichen Welt obzufiegen. Wird sich die Lehre im Leben behaupten? Wird sie den Kampf gegen die Lust der Sinne auch bestehen? Josephs „Weigerung" gibt die Antwort auf die Frage. Es ist das schönste Lob, das ein sterbender Vater seinem Sohn spenden kann, wenn er sagen darf: „Als schon die Arme Deiner verdienten Schaffenshand gülden geschmückt waren, blieb doch unerschütterlich fest Dein Bogen." Bedeutet doch die Möglichkeit einer solchen Anerkennung zugleich die Macht einer Jakobserziehung. Wo hätte sie sich großartiger bewährt als bei Joseph, dem Jüngling und dem Mann, dem Sohn und dem Vater, dem Bruder und dem Ernährer, dem Sklaven und dem Gebieter, dem Gefangenen und dem Freien, dem Verachteten und dem Begehrten, dem Gehaßten und dem Geliebten? Gibt es eine Lebenslage, in der Joseph sich nicht befunden hätte und aus der er nicht als Jakobssohn siegreich hervorgegangen? Welchen Versuchungen der Anschauung und der Sitte wäre er nicht ausgesetzt gewesen? Wie bewahrte er sich seine Reinheit, wie hütete er fern von des Vaters Hut und Sorge seine Ehre und seinen Namen! Seine Erhöhung aber ruft ihn vor dem Königstron zum Zeugen des allgütigen Gottes auf, der ihn so wunderbar geführt, und der auch „Pharaos Wohl nun künden" wolle. Die Gotteshuldigung, die als erstes Wort, das er schüchtern, vor Pharao spricht, von seinen Lippen in bescheidener Abweisung alles persönlichen Lobes tönte, setzt seinem Wesen und Charakter, seinem Leiden und seinem Wirken die Krone auf. Ein Jakobsjüngling steht nach zwölfjährigem wechselvollen Schicksal, in die grausame Wett von eigenem Bein und Fleisch gestoßen, durch den plötzlichen Wechsel gegensätzlichster Verhältnisse im Augenblick der größten Gefahr für Geist und Sitte vor lauter Fürsten und Königen in voller Ruhe und Festigkeit —! Als wäre er nie von Jakobs Tisch gewichen, kündet er in Aegyptens Tronsal — wie selbstverständlich — den Namen Gottes. Ist die Probe auf Abrahams Geist und Jakobs Erziehung bestanden? Ein starkes 1HD' 1 eine klare und bestimmte, eine ruhige und vornehme Absage an allen Sinnenkult in jeder Form, an 'die Welt des Scheines mit allem Flitter. Was aller Welt noch eine offene Frage ist, ein ungelöstes Problem bedeutet, längst haben Abrahams Kinder das Geheimnis alles Lebens, den Kraftquell aller Erziehungs- Weisheit gefunden. Sie haben das Leben gemeistert durch das Losungswort des starken Willens. Sie haben ernst gestrebt, drum haben sie vermocht. Zwei Worte nur ebneten ihnen den Weg zum Lebens- und Familienglück, zwei Worte nur, die mit heiligem Symbol Abraham unverlierbar für seine späten Nachkommen schon gegeben wurden: „Sei vollkommen." Ja, dieses niwvn diese sittliche Vollkommenheit, diese Keuchheit und Sittenstrenge bilden das starke Fundament heitern Glückes und beseligender Zufriedenheit. Sie ist die Freude des Einzelnen und schlingt das Band der Eintracht um die Familie, gründet der Kinder Vertrauen zu den Eltern und bringt die Eltern den Kindern nahe, schließt die Gatten in Treue und Liebe an einander und segnet mit wahrem Glück, den „Mann, der gottesfürchtig ist" und gießt den Hauch der Weihe und der Heiligkeit über das Haus, den Tempel hoher Menschenwürde. Also steht Aharon da, umgeben von seinen Söhnen, zu Priestern an seiner Seite sie alle würdig befunden, gesalbt und geweiht, Israels und der Menschheit vorbildliche Familie. Und der Augenblick ist da, der Vertreter des Gesetzes „schlachtet", und Aharon mit seinen Söhnen sollen das Freudenopfer genießen und lehren mit ihrem Sein und Tun, ein Leben mit allen Freuden und Genüssen, ein Leben des Einzelnen, der Familie und des Volkes, auf das Gesetz göttlicher Reinheit zu gründen. Des Erdenlebens sich um so mehr zu freuen, als es zur Reinheit seines Schöpfers sich erhebt. In allem Ihn zu erkennen, mit allem Ihn zu heiligen. Das Erziehungsgeheimnis ist offenbart. Nicht nur in der Fremde und im Leid, auch daheim und im Glück hat jüdische Erziehung ihr Ziel erreicht — und die Kette ist geschloffen. Von Lot zu Elieser, zu Joseph und Aharon. Nicht Lot vermag glücklich die Augen zu schließen, Eliesers vertrauensschwaches Herz hätte Abrahams Sohn „zurück"gebracht. Josephs sittliche Stärke war der Zauberslab, der Trauer in Freude wandelte, sich und die Seinen, Land und Leute vor Tod und Verderben schützte, und in Israels Familien ein Vorbild schuf zu dem Ideal, das Aharon und' seine Söhne im hiniedigen Weltenheiligtume Gottes verwirklichen. Auf Israels sittlicher Unantastbarkeit ist sein Dasein aufgerichtet, ist sein Bund mit Gott geschlossen. Es ist nur stark nach außen, wenn es sich als Held gegen sich selbst behauptet. Würden unsere Jünglinge und Jungfrauen in Josephs sittlicher Kraft ein Vorbild schauen, dem nachzustreben ihnen als der heiligste Vorsatz ihres Lebens gälte, glücklich wäre ihre Zukunft, glücklich ihre Familie, glücklich ihr Volk und die Menschheit. Aber der Väter heiliger Ernst und der Mütter hoher Stttenadel muß dem jugendlichen Herzen die Richtung geben, und die moralische Persönlichkeit der Eltern muß so gewaltig wirken, daß der Gedanke an sie, die bloße Vergegenwärtigung ihres Bildes genügt, jede leiseste Regung zur Abirrung im Entstehen zu ersticken. Immer klarer muß unserer Jugend ihre Aufgabe werden, immer begeisterter muß sie den Vorzug erkennen, mit Abrahams Testament die Verpflichtung für alle Zeit übernommen zu haben: „Wandte vor mir her und sei vollkommen." Me und neue Probleme. n. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind die herrlichen Worte, die an der Eingangspforte der neuesten Zeit prangen/ h ]a laoteros! schallt es uns entgegen, wenn wir eingetreten sind. Doch auch die Revolution hatte ihr Gutes/ ihr Schreckgespenst hatte die Menschen unseres Jahrhunderts erfinderisch gemacht, sie haben ihre Köpfe 38. Oktober 1909. angestrengt und eine Lösung der sozialen Frage gefunden, die ihnen auf diese Weise so nahe gerückt war. Wir haben diese Lösung untersucht 1 > und gefunden, daß sie schon vor 4000 Jahren besser^ und vollständiger gegeben worden ist. Heute wollen wir aus den Zeitungsberichten des letzten Monats einige andere Schmerzen der modernen Gesellschaft kennen lernen und versuchen, auf die neuen Probleme die — alten Lösungen wiederzusinden. Das Berliner Tageblatt beklagte sich vor einigen Wochen darüber, daß die Gerichte täglich zu lange arbeiten müßten. In allen Fabriken wäre heute eine Beschränkung der Arbeitszeit eingetreten, nur von den Juristen verlange man nicht täglich neun oder zehn oder zwölf Stunden Arbeit, sondern häufig 15 Stunden und mehr. Es sind in dem Artikel Fälle angeführt, daß eine Schwurgerichtssitzung, die des Morgens um 10 Uhr begonnen hatte, bis zum Abend dauerte, dann nach kurzer Pause wieder ausgenommen wurde, worauf bis 4 Uhr verhandelt wurde. Dann hatte der Vorsitzende die Verhandlung bis zum Morgen vertagt. Schon des Nachts um 12 Uhr hatte der Verteidiger, ein bedeutender Rechtsanwalt, gebeten, die Sitzung zu schließen, da er unmöglich länger folgen könne. Dem Antrag wurde" nicht stattgegeben! Man denke: in einer Schwurgerichtsverhandlung handelt es sich um Ehre und Leben eines Menschen/ man verhandelt ruhig weiter, obgleich der Anwalt, der diese höchsten Güter des Mannes zu verteidigen berufen ist, sich unfähig erklärt, den Verhandlungen folgen zu können! Ferner: da sitzen Männer aus dem Volk, die den Spruch fällen sollen, der über das Schicksal eines Menschen entscheidet/ werden sie noch das Für und Wider richtig erwägen können, wenn ein durch Erfahrung und Beruf geübter Jurist versagt? — Es ist nur einer der Fälle, die in jenem Arttkel angeführt werden. Wir erörtern nur noch einen solchen aus dem Zivilrecht. Hier soll der Richter heute oft an einem Tage 24 bis 26 Fälle „erledigen"! Man muß sich einmal überlegt haben, daß in einem modernen, zivilisierten Staate in so — man darf sagen leichtsinniger Weise mit Leben, Ehre und Eigentum des Menschen umgegangen wird, um die Bedeutung des so gering scheinenden jüdischen Gebotes zu ermessen: Ein Strafprozeß darf überhaupt nicht des Nachts verhandelt und ein Zivilprozeß des Abends nicht begonnen werden. Zwei Weltanschauungen find es, die in diesen beiden abweichenden Gerichtsusancen sich aussprechen, wie ja jedes Gesetz Teil eines großen Ganzen ist und auch der kleinste Abschnitt den Geist des ganzen Rechtes atmet. Der jüdische Richter hat beide Parteien gleich zu behandeln. Daher wäre auch in einem jüdischen Gericht eine Anklagebank unmöglich, die im heutigen Gericht zum ständigen Inventar gehört, vielmehr heißt es ausdrücklich: Der Richter soll alles tun, um die Befangenheit des Angeklagten zu vermeiden. Weder er, noch irgend einer der Parteien darf dem Urteil vorgreifen, indem er sagt: Die Verurteilung werde ja erfolgen oder ähnliches. Da er aber vor allem den Menschen vor sich sieht, muß er auch den Menschen so zu erhalten suchen / er hat alles zu tun, um die Unschuld ans Tageslicht zu bringen und nur zwingenden Beweisen Glauben zu schenken. Dem modernen Gericht kommt' es hauptsächlich darauf an, das Verbrechen zu sühnen. Die Tat ist begangen, und jetzt gibt es keine Stunde, die zu spät wäre, und kein Mittel, das nicht herhalten müßte, damit die Tat gesühnt werde. Und zu diesen Mitteln gehört ein sehr bedeutungs- und unheilvolles: der Indizienbeweis. In der Kölnischen Zeitung fand sich vor Jahren ein Artikel, in dem dem Sinne nach ungefähr folgender Fall aus England erzählt wurde. Ein Mann wurde eines Morgens in seinem Blute im Felde aufgefunden, und noch bevor er sein Bewußtsein wiedererlangt hatte, war der Mann gestorben. Neben ihm lag das blutige *) Volkssreund Nr. 3 vom 5. April 1909.

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