Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1909)
- Date
- 1909-10-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2449352-2449396--65989-2508656- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Feuilleton-Beilage zu Nr. 43 des „Israelit 'ui euilleton Das Sefcrmabl. Bon Arthur Kahn. (Fortsttzung.) Weil er gerne hochdeutsch sprach, wurde er von seinen derber veranlagten Dorfgenoffen mit dem Spitznamen „Baacher" belegt, womit ein Mensch von Wissen und befferer Bildung, aber auch ein überspannter Mensch bezeichnet werden sollte. Und weil seine gefchäftsmännischen Erfolge hinter denen seiner Altersgenossen zurückblieben, seine kaufmännische Begabung vielfach angezweifelt wurde, genoß er auch nicht das hohe Ansehen, das ein dereinstiger Parnes sich erringen muß. Seines verträumten Wesens halber wurde er öfter als Cholemer (Träumer) angesehen. Weil er aber sonst ehrlich und fleißig war, seine Mutter schlecht und recht ernährte, keine fremde Hilfe beanspruchte, war er nicht unbeliebt, genoß er sogar mancherlei Sympathien. Schimme Bäe saß auf Kiewes Ledersofa und betrachtete aufmerksam Minchen Brandeis, um das sich ein halbes Dutzend junge Leute gestellt hatten, als es am Klavier ihnen die Melodien beizubringen suchte. Schade, daß das hübsche, zierliche Mädchen keine Nedann (Mitgift) hatte und voraussichtlich als altes Mädchen sein Leben beschließen mußte. Unverdrossen wiederholte sieL'- cho daudi likras kallo, bis es harmonisch im Dreiklang und gefälligem Rhythmusivon statten ging. ,)Newwich", dachte Schimme, „dir geht als Kalle mal keiner entgegen." Und das Boi Challo der Uebenden klang fast wehmütig in Schimmes Ohren. Der Elias aber hatte schon wieder ans' dem Takt vorausgesungen und nun mußte das Ganze wiederholt werden. „Paß doch auf, Chammer", schalt Schimme, um zu zeigen, daß er auch etwas von der Sache verstehe, worauf Elias einen feuerroten Kopf bekam und beschämt in sein Heft sah. Als er wieder aufzublicken wagte, sah er Minchens Augen auf sich gerichtet. Da stieg ihm wieder das Blut ins Gesicht,' aber auch Minchen errötete bis zu ihrer schneeweißen Stirn. Das Ueben ging dann nur noch mühsam von statten. Dann kamen die Sänger aus der Schul, der Chafen und Kiewes Leon an der Spitze. Sie sahen alle erhitzt aus, von der Schwüle des Abends und dem Eifer, mit dem sie gesungen hatten. Es war eine fröhliche Erregung in den Menschen, von der auch Schimme mit angesteckt wurde. „Jetzt, ihr Leut'", rief er vergnügt, „jetzt geht Ihr all miteinander mit mir heim- Ihr könnt alle wieder Hunger und Durst gekriegt haben". „Jichud Sch'mo", rief Veilchen erschrocken aus, „es ist längst zehn Uhr und du bist doch noch ein kranker Mann. Ihr Leut, geht lieber heim schlafen'. . . ." „Nix da", schrie Schimme laut und froh gelaunt, „wo bin ich mehr krank? Wir wollen noch ein gutes Glas Wein und ein gutes Stück Pökelfleisch genießen. So jung kommen wir nicht wieder zusammen." Nicht nur weil die Leute wußten, daß Schimme die besten Weine im Keller hatte, so- .gar von dem berühmten Scharlachberger, sondern auch um Veilchen, das im Gegensatz zu ihrem Manne ungastlich und geizig war, einen Schabernak zu Spielen, begaben sich Alle, ihrer wohl zwanzig an der Zahl, in Schimmes unansehnliche Behausung, die aber trotzdem alles barg, was Gaumen und Magen erfreuen konnte. Der Schimme war ein Feinschmecker, und wenn er zuweilen ein Rind schlachten ließ, das besonders schön an Fleisch war, so wurden die besten Stücke beileibe nicht verkauft. Sie blieben in Schimmes Besitz und wurden, frisch gepökelt und geräuchert, von ihm und Veilchen allein verzehrt. Lachend, plaudernd, leise singend zogen die Leute durch die stille von Mondlicht übergossene Dorfstraße Schimmes Wohnung zu, die bald zu klein für die vielen Menschen erschien. Veilchen machte gute Mine und zwei junge Frauen halfen ihr große Stücke saftigen Pökelfleisches zerteilen, dem die späten Gäste ebenso reichlich zusprachen als dem würzigen feurigen Wein, dessen Wohlgeschmack allgemein Beifall gezollt wurde. Schimme mahnte seine Gäste nur tüchtig zuzugreifen, seinen Wein könnten nicht hundertmal soviele Leute heute Nacht austrinken, was keineswegs eine leere Prahlerei war, denn Schimme war ein bedeutender Weinbergbesitzer und seine Weine gehörten zu den besten, die in der Gemarkung wuchsen. In das fröhliche Zechgelage erscholl plötzlich das Horn des Nachtwächters. „Kinder Leb' schon aalef*) Uhr!", rief Veilchen scheinbar bedauernd, „wie schade, daß es schon so spät ist und ihr noch so weit zu gehen habt". Die späten Gäste wußten aber sehr wohl, daß diese freundlichen Worte Veilchens nicht ernst zu nehmen waren. Schimme herzlich, Veilchen spöttisch gute Nacht sagend, traten die Leute den Heimweg an. Die Dorfjuden ließen es sich nicht nehmen, in dieser herrlichen Sommernacht ihren städtischen Freunden noch ein Stück Weges das Geleite zu geben. Von den jungen Männern, die mit dem Chasen gekommen waren, blieb Mendel Herz etwas weit hinter den übrigen zurück. Er war mit Schmuls blühender Tochter und deren Mutter in eine tiefsinnige Unterhaltung geraten. Worüber sie so eingehend sprachen, wußte außer ihnen Niemand,' auch achtete man dessen nicht sonderlich. In kleinen Gruppen wandelten die Alten und Jungen sie langsamen Schrittes auf der hell erleuchteten Landstraße hin,' Me von dem feierlichen Zauber der Sommernacht befangen und in der gehobenen Stimmung, die der Gesang der heiligen Lieder in ihnen wach erhalten,' die jüngeren auch schon in der wonnigen Vorausahnung des bevorstehenden Festes. Unfern der Landstraße rauschten Wasser über Mühlräder, Frösche gurrten in hohen Tönen und zuweilen sang ein Vogel traumbefangen von den dunkel und riesenhoch sich über die Felder erhebenden Bäumen,' Zirpchen ließen dazwischen ihre hellen Stimmchen ertönen, geborgen von dem heiligen Frieden der Nacht. Finster hoben die Berge jenseits des still da liegenden Flüßchens ihr massiges Prosil zum nächtlichen Himmel, als wollten auch sie Teil haben an dem klaren Mondeslicht und verdunkelten um so tiefer die zu ihren Füßen liegenden Fluren mit phantastisch gezackten Schatten. Aus den Weinbergen stieg der den Duft des Weines atmende Geruch der reifenden Trauben und der wachsenden Blätter. Und dieser eigentümliche Weinbergsgeruch hatte etwas lebensdürstig Anregendes, die Seele gleichsam Berauschendes, die Menschen unter ihren Bann zwingend. In solchen geheimnisvollen Nächten, scheinen manche Menschen keines' Schlafes zu bedürfen und ihre Sinne werden geschärft für etwas Großes in der machtvoll zu ihrem Gemüte sprechenden Natur. Eine jener wunderbaren Nächte, in denen die Menschen menschlicher fühlen, gütiger denkenpoettsch empfindende Naturen wehmutsvoll und freudig zugleich *) elf. gestimmt und zu einer großen Tat bereit zu sein scheinen. Von dieser hohen Stimmung schienen die nächtlichen Wanderer erfaßt worden zu sein. Allgemach wurden sie stiller und nachdenklicher und die Dorfieute schienen zu vergessen, daß sie immer weiter sich von ihren Wohnungen entfernten, wie wohl die Zeit schon weit vorgerückt war. Neben Nathe Bing schritt Elias Algesheimrr und Minchen Brandeis, dicht hinter ihnen der immer sangesbereite Leon und der „Städter" Adolf, der gerne seinen schönen Baß in die Herrlichkeit der Nacht hätte hineintönen lassen. Doch der Altmeister der Sangeskunst, Nathe Bing, der Chasen aus Liebe zum jüdischen Gesang und aus seinem stark jüdischen Empfinden heraus, ging, Geige und Bogen unter dem Arm, sinnend zum gestirnten Himmel blickend, stumm dahin. Elias, ganz besonders mächtig ergriffen von dem wunderbar schönen Nachtbild, blickte zuweilen verstohlen in das von Mondlicht verklärte blaffe Antlitz Minchens, in deren Augen er einen sehnsuchtsvollen Schimmer wahrnahm. Sein Herz begann mächtig zu pochen und unwillkürlich und immer häufiger mußte er nach dem süßen Gesichtchen blicken. Die Stirne und die gerade Nase bildeten eine Linie, die dem Antlitz einen griechischen, kameenhaften Charakter verlieh. Leicht, fast schwebend schritt sie neben dem Meister hin, der zwischen den Beiden mit seinen Gedanken fernab zu weilen schien. Da begannen drei Stimmen, ganz zaghaft leise, als wollen sie erst sanft die Nacht wecken, mit den Melodien, die sie heute Abend geübt. Es war ein leichter, marschmäßiger, zur Freude rufender Rhythmus. Erst hatten die drei einige Töne leise gesummt, dann gaben sie den Tönen Worte. „Pis'chu li scha'aree Zädek, owo wom audee jo. —" Mit seiner die Herzen bezwingenden, an süßen Wohllaut unvergleichlichen Stimme, setzte dann der Chasen ein und schließlich sangen alle gemeinsam die ihnen so rasch vertraut gewordene Melodie. Und alle Füße suchten unter der Macht einer Marschmusik gleichen Schritt zu halten. Weder der Lehrer Levi, noch Kiewe, der seine lange Pfeife, die ihn selten verließ, vor sich hielt, konnten sich dieser Gewalt entziehen, und beide tappten förmlich verjüngt neben den Frauen und sangen leise und doch fröhlich mit. Zeit und Raum schienen von allen vergessen, eine gleiche fromme Begeisterung erfüllte die Herzen. Und als nun der Nathe Bing gar noch im Weiterschreiten die Geige ans Kinn setzte, da kannte der Enthusiasmus kaum noch Grenzen. Doch plötzlich blieb der Geiger, der durch Gesang und Spiel tue Herzen hinriß, stehen und sang allein, ohne sein feuriges Spiel zu unterbrechen: „Se hajom ausso adoschein nogilo w'nism'cho wou. -7-" Im Augenblick hatten sich die Chorsänger um den Meister im Halbkreis zusammengedrängt und hinter ihnen standen die übrigen erwartungsvoll. Kaum hatte der Chasen die Geige ruhen lassen und war der letzte Ton seiner Kehle entklungen, als Minchen Brandeis mit leise fibrierender, wohlgeschulter Stimme Israels uralten Jubel- und Bittgesang: „Onoadoschem hoschiono begann." Im Kanon fiel der zweite Sänger, dann der Bassist, und, Minchen ablüsend, der Chasen machtvoll ein. Und laut und immer lauter scholl das Lied hinaus in die weiten mondbeleuchteten Fluren, über den kleinen Fluß und hallte an den Felsenwänden der Weinberge wieder und verzitterte dann in der feierlichen Stille der Nacht. (Fortsetzung folgt.) I