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Der Israelit · 1909-10-28 · Heft 43 (28.10.1909) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 43 (28.10.1909)
Date
1909-10-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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m Der Mraeltt. WM^ 38. Oktober 1909 Sette 9 Nr. 43_ Weiter wird darüber aus Moskau unter den 19. Oktober geschrieben: Der Monarchtstenkonareß, der in diesen Tage in Moskau tagte, ist gestern geschloffen worden und die Deputierten sind heimwärts gereist. Mit einer gewissen Spannung hatte man ihm in liberalen Kreisen entgegen gesehen, denn es bestand die begründete Vermutung, daß auf ihm wichtige politische Fragen beraten werden sollen, die auf das Schicksal der Retchsduma einen entscheidenen Einfluß ausüben konnten. So glaubte man aus bestimmten Anzeichen darauf schließen zu können, daß der „Verband des russischen Volkes", zu dem die meisten Mitglieder des Kongreffes zählten, seinen Einfluß dahin geltend machen würde, einen Beschluß herbeizuführen, nach dem die äußerste Rechte zusammen mit der gemäßigten Rechten und den Oktobertsten in der Reichsduma gehen sollte. Bis jetzt hat dieser äußerste rechte Flügel der Volksvertretung unter Leitung des bekannten Purischkewitsch seine Aufgabe darin gesucht, die Tättgkeit der Reichsduma durch alle nur möglichen parlamentarischen und unparlamentarischen Mittel zu stören, um ihre „Arbeitsunfähigkeit" zu beweisen und womöglich sie aus einer gesetzgebenden Körperschaft in eine beratende zu verwandten. Diese Taktik hat aber bis jetzt kein anderes Resultat gezeigt, als die immer stärkere Lösung der Regierung von dieser ultrareaktionären Partei. Sobald diese jedoch ihre Taktik ändern würde, und mit Herrn Stolypin ihren Frieden machen sollte, so bestände die Gefahr, daß die Regierung ihren Hauptstützpunkt in der Reichsduma noch mehr rechts als bisher suchen würde. Diese Gefahr ist durch die Beschlüsse des Monarchisten-Kongreffes für die nächste Zeit jedenfalls beseitigt. Denn der einzig wirklich politische Beschluß, der gefaßt wurde, enthält ein Schutz- und Trutzbündnis zwischen den weltlichen und geistlichen Mitgliedern des Verbandes zum Zweck der Bekämpfung des Toleranzediktes. Sonst wurden noch rein humoristische Resolutionen gefaßt, wie z. B. die Forderung, daß alle von Nichtrussen herausgegebenen Zeitungen die Ueberschrift „für Juden" tragen müßten, und andere ähnlicher Art. Ein öraböenhmal. Jekaterinoslaw, 3. Oktober. Am Sonntag der n"npy wurde im hiesigen jüdischen Fttedhofe in Anwesenheit eines tausendköpfischen Publikums ein in seiner Art einziges Grabdenkmal aufgestellt. Es erhebt sich über dem Grabe, in welchem die ^£D liegen,' welche ruchlose Hooligans in den blutigen Pogromtagen des Oktobers 1905 verunreinigt und zerrissen haben. Das Grabdenkmal ist ein Kunstwerk von großem Werte. Es hat die Form ' eines Zeltes, in dessen Innerem das „ewige Licht" brennt. Auf drei Seiten des Monumentes ist mit großen hebräischen Buchstaben in Oold alles, verewigt, was sich in jenen traurigen Tagen zugetragen hat. Auf dem Dache des Zeltes steht weithin sichtbar, ein großrs Davids- Schild. Das Grab der Sifre-Thorah ist in unmittelbarer Nähe jenes „Brudergrabes", in welchem die Opfer jener blutigen Tage begraben liegen. Auf jener Seite, die diesem Brudergrabe zugewendet ist, befindet sich die In, schrtft in hebräischer Sprache: '2 DVn *?2 Eine Platte enthält das ganze Historicum jener Trauertage, es schließ mit folgenden interessanten Sätzen in hebräischer Sprache: „Wir, die wir Augenzeugen waren, dieser schrecklichen Ereignisse, haben die Thorahrollen aufbewahrt und dieses Grabmal gestellt gegenüber dem Grabe, in welchem die Märtyrer liegen, die hinaemordet wurden, nur deshalb, weil sie jenem Volke entstammen, das die Thorah am Sinai in Empfang genommen. Und wenn unsere Kinder fragen werden: „Weshalb ist das Blut dieser unschuldigen Geschöpfe vergessen worden?" So wird dieses Grabmal antworten: „Weil sie treu blieben ihrem Volke und der Thorah, well sie die jüdische Fahne nicht aus ihren Händen ließen, deshalb haben die Hooligans sie hingeschlaHtet." „Und unsere Kinder" — heißt es weiter —„werden sagen: wir sind Kinder von heiligen Märtyrern/ die sich für ihren Gott und seine Ehre geopfert haben." Bei der Aufstellung des Grabmals wurden mehrere ergreifende Reden gehalten. Byalistok, 16. Okt. Daß die Behörden nun die Anschuldigung der Teilnahme an den Pogromen als Beleidigung auffaffen, darf fast als kleiner Fortschritt verzeichnet werden . . . . So wird dem Redakteur der jüdisch-russischen Wochenschrift „Woßschod" Herrn Syrkin der Prozeß gemacht, weil er in seinem Blatte wiederholt Anspielungen auf die Mitwirkung der Behörden an Byalistocker Progromen gemacht haben soll. Bei der Verhandlung, die am letzten Mittwoch vor dem Kreisgericht in Petersburg stattfand, forderte der Verteidiger dl s Herrn Syrkin, Rechtsanwalt Gold stein, daß man als Zeugen den gewesenen Grodnoer Gouverneur Kister und auch die gewesenen Dumadeputierten Prof. Schtschepkin und Rechtsanwälte Jakobsohn und Arakanzew berufen soll, welche seinerzeit delegiert wurden, um den Pogrom an Ort und Stelle zu erforschen. Diese Forderung wurde natürlich abgelehnt. In seiner Rede erklärte der Angeklagte, daß er alles, was er geschrieben hat, verantworten könne, und dvß er seine Worte nicht zurücknehmen werde, wenn ihm auch die strengste Strafe drohen sollte. Das Gericht verurteilte Syrkin zu einer Geldstrafe von 100 Rubel. gvattkveidj. Paris, 18. Okt. Von den verschiedenen Abgeordneten- und Pariser Stadtverordnetenwahlen, die gestern stattfanden, hat die Wahl im Faubourg Montmatre-Viertel ein gewisses Interesse. Dieser Stadtteil war früher von dem Antisemiten Gaston Mery im Stadtrat vertreten und der Sitz ist durch den Tod Merys erledigt. Die Antisemiten stellten als Bewerber den Royalisten Andre Gancher auf und setzten für diese Bewerbung eine außerordentliche Agitation in Szene. Er erhielt jedoch gestern bloß 276 Stimmen, während sein Vorgänger 1908 mit 1819 Stimmen gewählt worden war. Sein republikanischer Gegner erhielt 1136 Stimmen. Es wird eine Stichwahl >in dem Kreise nötig, von der die Antisemiten nichts zu erwarten haben. Rumänien- Eine Jesdiiroah in Rumänien. Dr. X., Buhuschi, 20. Oktober. (Von unserem Korrespondenten.) Gar häufig erscheinen in diesen Blättern Nachrichten aus Rumänien, die aber fast ausschließlich die äußere Lage unserer dort lebenden Brüder behandeln. Ueber das innere Leben der rumänischen Judenheit dringen gar keine oder nur sehr wenige Berichte in die Oeffentlichkeit. Der Grund ist einfach der, daß es in der rumänischen Judenheit gqr kein inneres Leben gibt. Die fürchterliche äußere Lage^ unter der die Juden beinahe erliegen, hat alles Leben im Innern erstarre» lassen. Während wir gewohnt sind, es beinahe als Axiom hinzustellen, daß äußere und innere Lage des Judentums sich in umgekehrtem Verhältnis zueinander befinden, daß, je stärker und intensiver der Druck von außen, umso reicher und mannigfaltiger das Leben im Innern, so trifft bei der rumänischen Judenheit das Umgekehrte zu. mn ^lno. Von außen wütet das Schwert erbitterter Feinde gegen die rumänische Judenheit, aber anstatt daß diese traurige Tatsache sie zu emsiger, eifriger Tätigkeit, zum Ausbau des Judentums im Innern anspornen sollte, mv2 rV22 herrscht im Innern Todesstille und Grabesruhe. Es gibt wirklich nichts über das innere Leben der rumänischen Juden zu berichten. Der weitaus größere Teil der rumänischen Juden sind nur noch in den Augen unserer Feinde Juden. Die sogenannte Walachei, zu der die größeren rumänischen Städte fast alle gehören, ist für 1>as Judentum so gut wie verloren. Bezeichnend für die Verwahrlosung der religiösen Verhältnisse in diesem Teile Rumäniens dürfte die mir durch zuverlässige Persönlichkeiten verbürgte Tatsache sein, daß in gauz Bukarest, wo vielleicht über 150 000 jüdische Seelen wohnen, nur ein einziger Schächter existiert, der in religiöser Beziehung vollkommenes Vertrauen verdient. Uud dieser eine Schächter soll sich auch schon zurückgezogen haben. Von Thorastudium, von Erziehung der jüdischen Kinder in wahrhaft religiösem Geiste wissen nur diejenigen zu erzählen, die das religionslose Judentum erfunden haben. Noch trauriger sieht es in den anderen Städten aus. Ein etwas erfreulicheres Bild bietet das Judentum der Moldau. Dort ist noch religiöser Sinn und altes Judentum anzutreffen, aber auch da sieht es noch traurig genug aus. Vor allen Dingen ist auch das moldauische Judentum fürchterlich unwissend. Es gibt natürlich auch rühmliche Ausnahmen, vor allen Dingen existieren dort Rabbiner, die wahrhafte sind, aber die Masse ist unwissend, oder was vielleicht noch schlimmer ist, es gibt eine Unzahl von Halbwissern, die der Menge durch ihr Scheinwiffen zu imponieren verstehen und sie vollends verderben. Die rumänische Moldau ist das klassische Land der Halbwisser und Scheingelehrten. Diese unsäglich traurige Sachlage hak nun endlich doch einige rumänische Juden zu mannhafter Tat angespornt. Auf Betreiben des Buhnseher „Rebbe", der sich in der chaffidischen Welt eines großen Ansehens erfreut, ist in Buhuschi eine Jefchiwah gegründet worden, die es sich zum Ziele gesteckt hat, die rumänische jüdische Jugend für das Judentum zu erziehen. In einem Privatschreiben der Leiter dieser neuen Jefchiwah geben die Leiter der Jefchiwah die Gefühle wieder, die jeder Jude angesichts dieser neuen Schöpfung des altjüdischen Geistes empfinden dürfte. Sie schreiben: „Es ist eine Jefchiwah in Buhuschi in Rumänien gegründet worden! Diese wenigen Worte umfassen .eine Welt voll Größe, voll Sensation, voll Pflichtbewußtsein. Eine Hochschule ist gegründet worden, die zum Zwecke hat, unsere verwahrloste Jugend, die weder jüdisches, noch profanes Wissen hat, in die Hallen der Thora einzuführen, ihr die notwendigsten profanen Kenntnisse zu vermitteln, sie zu einem lebensfähigen Gliede der menschlichen Gesellschaft zu gestalten. Und dies alles in Rumänien, in Rumänien, das roh, verwahrlost und unjüdisch ist!" Es scheint wirklich, daß das rumänische Judentum vom Schlummer erwacht ist, daß es gesonnen ist, sich ernstlich aufzuraffen, um, wie es in dem Aufrufe heißt, „für die jüdische Seele der Heranwachsenden Jugend.zu sorgen, damit sie nicht von unserer Lehre und unserem Volke abfällt." Die Jeschihwah hat schon ihre Tätigkeit begonnen, die Schülerzahl beträgt gegenwärtig 55. Die Schüler werden von fachkundigen und gewissenhaften Lehrern im Talmud, Schreiben, Lesen und anderen Wissenszweigen unterrichtet und erhalten Wohnung, Kost und Kleidung von der Anstalt. Die Aufsicht über die Anstalt führt der oben erwähnte Rabbi von Buhuschi, dessen Persönlichkeit Gewähr dafür ist, daß die Anstalt in altjüdischem Sinne geleitet werden wird. Mit der Gründung dieser Anstalt beginnt vielleicht eine neue Aera für das rumänische Judentum. Diese Anstalt bezeugt, daß das rumänische, gesetzestreue Judentum ernstlich gewillt ist, aus seiner bisherigen Passivität herauszutreten und an den Kämpfen des selbstbewußten, gesetzestreuen Judentums aktiv teilzunehmen. Es will von nun an zu der großen Schar der treuen Gotteskämpfer auch seine Kinder als treue Soldaten erziehen. An uns ist es aber, ihm die Arbeit zu erleichtern. Die Anstalt ist wohl gegründet, aber für ihre Erhaltung ist noch nicht genügend gesorgt. Die Anstalt kann vorerst von den rumänischen Juden wenig Unterstützung erhoffen. Dem einen Telle wird diese Anstalt ein Dorn im Auge sein, und der andere Teil ist nicht in der Lage, beizusteuern. Die drückende äußere Lage der rumänischen Juden hat zu einer aller Beschreibung spottenden Ber-

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