Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1909)
- Date
- 1909-10-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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:Vv.*r3£., 28. Oktrvet 1909. Der JSraelit. «r. 4B. Seite 7 geschäfte uttb Bäckereien dürfen von 5 bis IO Uhr und von 12 bis 2 Uhr offen halten. Fleisch- und Wursthandlungen von 5 bis 10 Uhr, Blumengeschäfte im Winter von 7 bis 10 Uhr und von 12 bis 3 Uhr. Außerdem besteht eine Einschränkung der allgemeinen Verkaufszeit bei den Kohlengeschäften, die nur bis 10 Uhr offenhalten dürfen. Bemerkenswert ist, daß eine absolute Mehrheit für die vollständige Sonntagsruhe, nach der Zusammenstellung des Statistischen Amtes der Stadt Berlin, nur in fünf auf den Detailverkauf weniger angewiesenen Branchen bestand. Hamburg, 13. Oktober. Bei der gestrigen Wahl von Vertrauensleuten für die Oberrabinerwahl erhielt die Vorschlagsliste der beiden vereinigten Komitees die Mehrheit und zwar wurden die folgenden Herren gewählt: Herz, Bachrach, Michel David, Emil Helft, Siegmd. Hilsheim, D. Isaak und Hermann Philipp. Die Wahlbeteiligung war eine äußerst rege und waren nicht weniger als vier verschiedene Wahlzettel im Umlauf, die alle einen mehr oder minder bestimmten parteipolitischen Charakter trugen. Die auf Grund eines Kompromiß-Vorschlages zustande gekommene Wahl berechtigt zu der Hoffnung, daß die Oberrabbiner - Frage in aller Ruhe und Ordnung ihre befriedigende Lösung finden wird. Dresden, 22. Oktober. Der Ausgang der Hauptwahlen für den Landtag in Sachsen hat doch noch alle Erwartungen von der einen und Befürchtungen von der anderen Seite weit übertroffen. Von den 34 Abgeordneten die im ersten Wahlgange fest gewählt wurden, find nur 14 Konservative. Der Löwenanteil fiel den Sozialdemokraten zu, ein kleiner Rest den Nationalliberalen. Neben den Verlusten der Konservativen, die sich aus der allgemeinen Proteststimmung gegen die neue Steuerlast erklären, ist eine vollständige Niederlage der Antisemiten, die im Hellen, industriellen Sachsen nur allzulange ihren Platz behaupteten, zu verzeichnen. Angehörige ausgesprochen antisemitischer Gruppen haben kein einziges Mandat erlangt und kommen auch bei den Stichwahlen fast nirgends ernstlich in Betracht, so daß man sägen kann, daß der Antisemitismus als parlamentarische Fraktion in Sachsen ausgespielt hat. Es scheint, daß die Führer dieser Partei Ahlwardt, Schack, Dahsel, Bruhn usw. doch viel zur Aufklärung über daS Wesen des Antisemitismus beigetragen haben, wofür sich allerdings bis jetzt nur die Sozialdemokraten bei ihnen zu bedanken hätten. Karlsruhe, 22. Oktober. Die gestern vollzogenen, in allen politischen Kreisen mit größter Spannung erwarteten badischen Landtagswahlen haben nur in 38 von den insgesamt 73 Wahlkreisen des Landes zu einem defintiven Ergebnis geführt. Die Endentscheidung wird somit erst in den voraussichtlich am 30 d. M. stattfindenden Stichwahlen fallen. Wie bei der allgemein herrschenden Stimmung nicht anders zu erwarten war, brachten sie einen Sieg der Sozialdemokratie auf Kosten der Rechte und des Zentrums. Die antisemitische Partei, die in Baden nie eine sonderliche Rolle spielte, wird wie man jetzt schon mit Bestimmtheit sagen kann, auch im neuen Landtage kaum ernstlich in Betracht kommen. Die Linksliberalen, die im alten Landtag nur 1 Mandat hatten, stehen viermal zur engeren Wahl, darunter auch in Karlsruhe, wo sie mit der heute überall auf den Plan tretenden antisemitisch gefärbten Mittelstandspartei um das Mandat zu kämpfen hat. P o s e n, 20. Oktob. Die Btbliothekskommiffion des „Bundes gesetzestreuer jüdischer Jugendveretne", die bisher durch den Heimgang des Bundesbibliothekars Herrn Elias Rzeszewski 7"t, wie durch andere Umstände in ihrer Tätigkeit behindert war, will nunmehr mit Beginn des Wintersemesters ihre Arbeit nach folgendem Programm aufnehmen. Sie beabsichtigt: ° 1. den Vereinen bei Neuanschaffungen für die Vereinsbibliothek mit Rat zur Seite zu stehen. 2. bei gemeinsamer Anschaffung von Büchern und Zeitungen günstigere Bedingungen von Buchhändlern und Verlegern zu erlangen, 3. ein Leihwesen der Vereine untereinanderzu organisieren (zu diesem Zwecke werden sämtliche Vereine gebeten, ihren Bibliothekskatalog dem Bunde baldmöglichst einzusenden!), 4. Themen zu Vortragen und Diskufftonsabenden vorzuschlagen und geeignetes Quellenmaterial für dieselben nachzuweisen, 5. in allen sonstigen wissenschaftlichen Fragen Rat und Auskunft zu ertellen. Es ist naturgemäß, daß die Bibliothekskommiffion, die vom Bundestage zur Unterstützung und Förderung der Bundesvereine eingesetzt ist, nur in engem Konnex mit den einzelnen Vereinen Ersprießliches leisten kann. Die Vereinsvorstände werden daher dringend gebeten, die Kommission eifrig zu unterstützen und sich in allen wissenschaftlichen Fragen an dieselbe zu zu wenden. Zuschriften sind zu richten an Rabbiner Samuel Blum, Posen. Oesterreich. Prag, 16. Okt. Eine krasse Illustration für den Segen, der den jüdischen Wählern aus ihrer Zugehörigkeit zu der Wahlkurie einer anderen Nationalität naturgemäß erwachsen muß, bieten die Verhältnisse in Ko jetein i. M. Dietschechenfeindlichen Verordnungen der Christlich-Sozialen in den ntederösterreichischen Schulangelegenheiten haben dort nachhaltiges Echo gefunden Vor einigen Tagen fand dort eine öffentliche Volksversammlung statt, in welcher unter anderem auch gegen die Juden heftig losgezogen wurde, wir wenn ihnen die Hauptschuld an allem beizumeffen wäre. Die Reichsrats- und Landtagsabgeordneten hielten förmlich Hetz- und Brandreden. Trotzdem die sehr wenigen Juden dort sämtlich im tschechischen Kataster eingetragen sind, werden sie gesellschaftlich boykottiert und als Feinde angesehen. Am meisten hat darunter der Rabbiner zu leiden. Die frühere Judengaffe, in welcher sich seine Naturalwohnung befindet, ist heute schon judenrein,' dagegen hat sich dort der niedrigste Pöbel eingenistet. Die hoffnungsvolle, christliche Jugend bewirft den Tempel mit Steinen, schlägt darin am liebsten am „Kol Nidre" - Abend die Scheiben ein, während die Eltern sich vergnügt die Hände reiben. Jüngsten Sonntag wurde hier der vom Tempel nach Hause zurückkehrende Rabbiner Dr. K. Kupfer vom rohesten Pöbel grundlos angefallen, mit den unflätigsten Ausdrücken beschimpft, mit dem Erschlagen bedroht, und nur dem Umstande, daß er bald die Wohnung erreichte, hatte er es zu verdanken, daß er nicht tätlich insultiert wurde. Die Anzeige wurde zwar erstattet, doch ist bei der Lauheit der dortigen Behörden solchen Fällen gegenüber wenig Erfolg zu erwarten. Bor einigen 20 Jahren hat die Intervention des Rabbiners Jakob Brüll bei der Behörde die antisemitischen Gelüste der Bevölkerung durch strengste Maßregeln verhütet. Heute ist hier die Kultur so weit vorgeschritten, daß die Verhältnisse schon bald denen Rußlands ähneln. Czernowitz, 20. Oktober. Nachdem der Minister Haerdtl die jüdische Wahlkurie aus dem Entwürfe ausschaltete, hat sich der Permanenzausschutz an ihn aus telegraphischem Wege mit der Anfrage gewendet, ob man nicht die Namenlosigkeit der Juden im Wahlgesetze aufheben und an deren Stelle die selbstverständliche Bezeichnung „Juden" oder „jüdische Bevölkerung" aufnehmen Wune. Darauf erwiederte der Minister mit dem nachfolgenden Telegramme: „Jedwede Bezeichnung der Wahlbezirke, Wahlkörper oder Wahlkurien als jüdische oder als deutsch-jüdische ist im Sinne des h. o. Erlasses 2. 10259/M. J. absolut unzulässig. Uebriaens dürfte eine Bezeichnung der Wahlkurien anders als mit Nummern vollkommen überflüssig sein. Jede Charakterisierung der Bevölkerung durch jüdische oder deutsch-jüdische im Gesetzentwürfe oder Beilagen zu denselben wäre hintanzuhalten." Ungarn. B u d a p e st, 18. Okt. Die Sanitätsabteilung des Budapester Magistrates hat ein neues Statut betreffend die Leichenbestattung ausgearbeitet, dessen wesentlichster Punkt darin besteht, daß von nun ab jede Leiche innerhalb 6, spätestens aber 12 Stunden vom Sterbehause in die allgemeine Leichenhalle gebracht und dort bis zur Bestattung obligatorisch aufgebahrt werden müsse. Durch diese Verfügung werden manche Konfessionen, zunächst wohl die jüdische in ihren religiösen Gebräuchen stark berührt. Die Vertretungen der Budapester israelitischen Kultusgemeinden, wie auch die dortige Chewra-Kadischa haben bereits gegen diese geplante Reform mit einem ausführlichen Memorandum protestiert. * * Fürs laufende Schuljahr wurden in die Budapester Mittelschulen zusammen 11931 Schüler ausgenommen. Der Konfession nach verteilen sie sich wie folgt: 5075 (42^ pCt.) röm.-kath, 29 griechisch-kath., 62 griechisch o rientalisch, 718 evangelisch, 540 reformiert, 20 unitarisch und 5487 (46 pCt.) jüdisch. * * Anläßlich des hier stattgehabten Internationalen Medizinischen Kongresses haben, laut Veröffentlichung des ungarischen Amtsblatt-, auch viele Juden, die sich auf medizinischem Gebiete große Verdienste erworben haben, durch allerhöchsten Befehl ehrende Auszeichnungen erhalten. Schade, daß die Rumänen den Kongreß im „fremdenfeindlichen" Ungarn boykottiert haben. Die rumänischen Akademiker hätten hier gewiß weit mehr gelernt als auf ihrem unter Leitung der Herren Jorga und Cuza in Bukarest abgehaltenen Kongresse. KuMand. Moskau, 12. Oktober. Seit Sonntag tagt in Moskau der Monarchisten-Kongreß, der von etwa 150 Delegierten beschickt worden ist. Die Zahl ist gering, wenn man an die weitverbreiteten monarchistischen und echtrusfischen Vereine im ganzen Reiche denkt, aber die erst spät erlangte obrigkeitliche Erlaubnis zur Abhaltung des Kongresses hat viele Abgeordnete daran verhindert, rechtzeitig einzutreffen. Der Vorsitzende, sowie die meisten Redner in den Versammlungen find Priester, die bekannten Stützen der russischen Reaktion. Was aber der Kongreß eigentlich bezwecken soll, weiß niemand so recht zu sagen, denn die Eingeweihten wollen offenbar mit der Sprache nicht recht heraus, die Außenstehenden aber können in die geschloffen gehaltenen Versammlungen nicht hereinblicken. Allem Anschein aber nach soll eine durchgreifende Reformierung des Verbandes echt russischer Leute vorgenommen werden, doch nicht etwa in dessen Programm, das nach wie vor für vorzüglich und zweckentsprechend gilt, sondern in der Leitung des Verbandes. Der Vorsitzende Dubrowin, der als Anstifter zur Ermodung Herzensteins selbst diesen Verein stärker kompromittiert hat, als ihm zuträglich ist, soll nach der „Retsch." nebst seinem Anhang von der Leitung Lurückgedrängt werden und an seine Stelle der Priester Wostorgow mit der obersten Würde der echten Russen betraut werden. Wie weit diese Kombination deS „Retsch" richtig ist, läßt sich zur Zeit nicht nachprüfen. Für die weitere Tätigkeit des Verbandes und seine Beurteilung bleibt es im Grunde gleichgültig, wer ihn in entscheidender Weise leitet, da sich die „echten Russen" polttisch in nichts von einander unterscheiden, und somit alle die gleiche Wertschätzung verdienen. 1 ,-4&