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Der Israelit · 1909-10-28 · Heft 43 (28.10.1909) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 43 (28.10.1909)
Date
1909-10-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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ab, so fragt man sich, welche Parteien und Richtungen sollen eigentlich für das russische Reform- Heer in Betracht kommen? Die große Masse, einerlei, ob sie der chasfidischen oder misnagdischen Richtung angehört, ist gesetzestreu und wird es hoffentlich auch bleiben. Sie boykottiert bekanntlich sogar die jetzt schon bestehenden sogenannten „Chor-Schulen", die Privatbethäuser, die sich von den orthodoxen Synagogen durch nichtweiteres unterscheiden, als durch ihren allzu geordneten, etwas steifen Gottesdienst, und diese große Maffe wird sich um den Austritt der kleinen Zahl Gefetzesübertreter herzlich wenig bekümmern. Die „Intelligenz" aber, an die die neue Bewegung in erster Reihe appelliert, ist in ihrer radikalen Gesinnung längst über den Reformdusel hinaus. Sie saßt das Reformproblem weit tiefer, sie steht auf dem Boden reinster Assimilation uno fühlt sich über religiöse Postulate, welcher Art sie auch immer sein mögen, hoch erhaben. Die zionistische Partei und mit ihr die nationalen Gruppen aller Schattterungen werden mit Recht in dieser Bewegung, die dem Assimilattonsgedanken eine religiöse Weihe zu geben versuchtihre natürliche und vielleicht gefährlichste Feindin sehen. Bleiben also übrig die einigen Dutzend Schwärmer, die in der Sturm¬ und Drangperide ihres Lebens, die so reich an Enttäuschungen ist, immer bereit sind, sich ohne weitere Prüfung an jede neue Idee wie an einen Rettungsanker krampfhaft zu klammern. So kann am Ende doch die Polizeibehörde recht haben, die an die Deputatton, welche die Genehmigung für ihre neue Gemeinde bei ihr ngchsuchte, die Frage gestellt haben soll: „Wie soll eigentlich die neue religiöse Sekte heißen, die die Herren gründen wollen?" Ja, das religiöse Sektenwesen hat in Rußland seit vielen Jahrhunderten seine Heimat und erfreut sich nach dem bekannten Toleranzedikt von 1905 sogar eines gewissen gesetzlichen Schutzes. Daß es sich hier zur Abwechslung um eine ausgesprochen antireligiöse Sekte handelt, konnte ja der Herr Pristaw nicht wissen. Es ist aber trotzdem nicht die Möglichkeit von der Hand zu weisen, daß die jüdische Intelligenz und der ganze Troß der Assimllatoren, vom vielmögenden Rechtsanwalt in Petersburg und Odessa bis zum terroristisch gesinnten Bundisten in Wilna und Minsk aus bloßer Demonstrattonsstimmung gegen das gesetzestreue Judentum der neuen Bewegung, obwohl innerlich an derselben völlig uninteressiert, ihre weitgehendste moralische und materielle Unteifftützung angedeihen lassen. Wenigstens sprechen einige Anzeichen dafür. Denn mit einem offenen Protest gegen dieses Attentat auf das Judentum ging nur die in Wilna erscheinende zionistische Zeitschrift „Haolam" vor. Der „Hed Hasman", der skepttsch und mißtrauisch und sehr von oben herab alle Unternehmungen der Gefetzestreuen zu behandeln Pflegt, bespricht den Reformplan, wenn auch ohne helle Begeisterung, mit stillem Wohlwollen und unverhohlener Sympathie, während die Jargonpresse, an deren Spitze der „Fraind", die Reformbewegung als eine innere und äußere Erlösung des russischen Judentums begrüßt. Sollte die neue Bewegung danach wirklich Anhänger finden, die sich dann sozusagen aus wenigen aktiven und vielen passiven Mitgliedern rekrutteren würden, so sollte sie nicht verfehlen, den Führern der gesetzestreuen Massen als willkommener Fingerzeig zu geltenmit aller Kraft und doppelter Energie nun an dem bereits begonnenen Werk der Organisation weiterzuarbeiten. Die Klärung der Begriffe, die die Sammlung im Geaenlager notwendig herbeiführen muß, rann diese Arbeit der Führer nur günstig beeinflussen, um so mehr, als dadurch die Fiktion des geeinten russischen Judentums" endlich von denen zerstört wird, die sich inimer auf sie beriefen. Diese Fiktion ist ja leider auch von den Nattonalen immer aufrecht erhalten worden und den „Separierungsgelüsten" der Gesetzestreuen, d. h. ihren gesunden Organisationsbestrebungen als Hindernis iü den Weg gelegt worden. Nun werden auch sie hoffentlich einsehen, wo die geschlossene Einheit des Judentums in Wahrheit ruht und wer die wahren Feinde find, deren ganzes System dazu führen muß, in diese stolze Einheit früher oder später Bresche zu schlagen. Und sie, die Nationalen, werden sich früher oder später für das eine oder andere Lager entscheiden müssen. Korrespondenzen und Machrichten. D errtsrhes MeUH. Berliner Brief. (Bon unserem Korrespondenten ) E. B, Berlin, 24. Oktober. Im Borgarten der Universität erhebt sich nunmehr das Denkmal für Heinrich von Treitschke, dem ein großer Teil deS schönen Baumbestandes dieser Oase in der Steinwüste der hochragenden Lindenbauten zum Opfer fallen mußte. Ein Denkmal mehr im heuttgen Berlin, das ist wirklich eine Angelegenheit wenig aufregenden Charakters,' und auch die Tatsache, daß diesmal ein großer Antisemit der Gefeierte und in Stein Verewigte war, wäre allein zu wenig auffallend, um an dieser Stelle davon Nottz zu nehmen. Nur die beschämende Beobachtung, die man, nicht überraschend, auch bei dieser Gelegenheit wieder machen mußte, wie wenig unsere jüdische Jugend, die bei anderen Gelegenheiten sich so berufen glaubt, uns Alten die Lehren der Geschichte zu predigen, selbst von der Geschichte der letzten Dezennien weiß, oder wie wenig sie daraus gelernt hat, nötigt, zu jener Denkmalsweihe Stellung zu nehmen. Da deucht sie sich wunder wie objektiv und gerecht, wenn sie die Bedeutung und die antike Größe Treitschkes im Chorus mit so vielen Anderen in lauten Tönen Preist, und kann sich nicht genug tun im Abrücken von jenen, auch nur schwachen und vereinzelten Stimmen, die sich einen kleinen Zweifel verstatten, ob Treitschke wirklich der Mann dazu gewesen, um ein Denkmal neben den Brüdern Humboldt, Helmholtz und bald auch Mommsen zu verdienen. Da muß denn doch daran erinnert werden, daß, neben Adolf Wagner, Treitschke bisher der einzige Berliner Hochschullehrer gewesen, der den Katheder zu wüsten Schimpfereien und Hetzereien gegen die Juden gemißbraucht; daß er der Erfinder des eklen Wortes von den „hosenverkaufenden Jünglingen" gewesen nnd damit den akademischen Ton auf das Niveau des Hammersteinschen „Woßu" herabgedrückt hat/ daß er, um von so vielem Anderen zu schweigen, den traurigen Mut fand, dem toten Kaiser Friedrich in einem Nachruf in den „Preußischen Jahrbüchern" einen nachträglichen Fußtritt zu versetzen, indem er ihm attestierte, er habe die Fühlung mit seiner Zeit verloren, weil er den Antisemitismus als die Schmach des Jahrhunderts bezeichnete. Für die Wissenschaft war Treitschke tot, längst ehe er gestorben/ die Abschlachtung, die Paul Herrlich im Jahre 1890 an ihm vollzogen, war so gründlich, daß selbst das robuste Gewissen jener Tage nicht darüber hinwegzukommen vermochte, und das harte Wort Arnold Rüg es, daß „er als Autor und Einer, der über Philosophie und Geschichte reden will, zu nichts als zur.Vogelscheuche gut sei," wurde von der Wissenschaft fast ausnahmslos als gerecht und billig akzeptiert. — Nun muß ris-4 vis von ihm, ausgerechnet, Mommsen ebenfalls sein Denkmal erhalten, derselbe Morümsen, der beinahe diszipliniert worden wäre, weil er, das Urbild echtdeutscher, wissenschaftlicher Art, jede Gemeinschaft mit Treitschkes Art vor der Oeffentkichkeit in schroffster Form ablehnte! Auch das ist ein Treppenwitz der Geschichte, aber sicherlich kein guter! Die Allg. Ztg. des Judentums hat mit dem Neuen Quartal in Herrn Prof. Ludwig Geiger ihren neuen Chefredakteur gefunden, und der neue Herr hat, wie recht und billig, sich mit einem Programmwort bei seinen Lesern eingeführt. Wer Ludwig Geigers sonstige literarische Leistungen kennt, wird erstaunt sein, ihn hier von einer neuen Seite kennen zu lernen, als Meister der Kunst, in vielen Worten nichts zu sagen. Nur ein kurzer Satz in dem ganzen Artikel verrät alte Geigersche Art und macht eine energische Zurückweisung erforderlich / das ist, wenn er, gegen uns Orthodoxe gewandt, zum Protest „gegen die Herrschaft derer, die uns unser deutsches Vaterland verkümmern", ausholt. Es hat Zeiten gegeben, wo solche Brandmarkuna der Orthodoxen als „Vaterlandsverdrossene" gefährlicher für uns war, als heute, wo man in den maßgebenden Kreisen über unser Streben und Denken denn doch zu gut unterrichtet ist, um nicht zu wissen, wie wenig Wahres gerade an diesen Anschuldigungen daran ist. Schaden kann uns also eine derartige Verketzerung unserer Absichten und Handlungen heutzutage, wenigstens in den Augen objektiv Denkender, nicht/ aber schön ist sie darum doch nicht. E. ßs. Berlin, 24. Oktober. In der heutigen Sitzung hatten die Repräsentanten sich hauptsächlich mit Dechargierung von Rechnungsabschlüssen zu befassen. Der Vorsitzende macht bekannt, daß der Verein für jüdische „Geschichte und Literatur" am 31. Oktober eine Gedächtnisfeier für Dr. Gustav Karpeles im großen Sale der Philharmonie mittags 12 Uhr veranstaltet. Zur Anschaffung einer neuen Orgel in der Synagoge Oranienburger Straße wurden 39 663 Mark bewilligt. Eine längere Debatte entstand bei der Vorlage, den Bau der Synagoge Fasanenstraße betreffend. Die Kosten betragen eine Million einhunderttausend Mark. Die künstlerischen Arbeiten sind dem Architekten Ehrenfried Heßel übertragen worden, den Bau leitet Baumeister Höriger. Die Synagoge soll vor dem Neujahrsfeste 1911 eröffnet werden. Herr Marheimer regte auch heute wie schon oft die Abschaffung des Verkaufs der Mizwoth an. Herr Geheimrat Blumenthal bittet den Gemeindevorstand die Synagogenvorsteher aufzufordern, mit ihm über diesen Gegenstand in Beratung zu treten. Zur Einrichtung jüdischen Religions- Unterrichts in Lankwitz und Groß-Lichterfelde wurden 6000 Mk. bewilligt, wobei die Frage der Wanderprediger in Erwägung gezogen wird. Berlin, 25. Oktober. Daß die absolute Arbeitseinstellung am Sonntag, ganz abgesehen von den sabbathaltenden jüdischen Firm n, den Interessen der Geschäftswelt nicht dient, zeigt die von der „Gewerbedeputation des Berliner Magistrats" veranstaltete Enquete über die Ausdehnung der Sonntagsruhe in den offenen Ladengeschäften Berlins. Trotz der großen und intensiven Agitation, die von mehreren Seiten für die Ausdehnung der Sonntagsruhe in Szene gesetzt wurde, haben sich nur 13°/» dafür ausgegesprochen. Die Fragebogen wurden an 31 414 Firmen verteilt. Von diesen haben sich 15 915, das heißt über 50 Prozent für die Sonntagsarbeit im bisherigen Umfang ausgesprochen. Für eine verkürzte Sonntagsgeschaftszeit waren 11,116 Ladeninhaber usw., oder 35 vom Hundert, für vollständige Sonntagsruhe nur 4332, gleich 13 vom Hundert, während 51 Firmen, das heißt 0,16 Prozent keinen Wunsch äußerten. Gegenwärtig dürfen die offenen Ladengeschäfte in Berlin an Sonn- und Feiertagen geöfftret sein von 7 bis 10 Uhr und 12 bis 2 Uhr. Ausnahmen in der Richtung einer Erweiterung der freiaegebenen Verkaufszeiten find die folgenden: Milch-

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