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Der Israelit · 1909-10-28 · Heft 43 (28.10.1909) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 43 (28.10.1909)
Date
1909-10-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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28. Oktober. 1909. __ ihre Augen rollen in wilder Raubgier und noch leiser Angst. Eines ihrer Jungen hält sie schützend im Munde, die anderen spielen ahnungslos und munter an ihrer Seite. Und mit den jungen Tigern spielen ebenso harmlos zwei kleine Kinder. Einige Schritte tiefer, wo der Fels stärker abfällt, fitzt ein Knabe und starrt hinaus in die endlose Wasserwüste. Seine Blicke verraten eine leise Ahnung des ungeheuren, alles mit sich reißenden Elends, das ihn umringt. Am steilen Absturz müht sich eine Frau mit Aufbietung all ihrer letzten Kräfte, den schützenden Ort zu erreichen. Sie streckt ihr jüngstes Kind krampfhaft dem Knaben entgegen. Aber — man sieht es auch auf dem Bilde — ihre Minuten sind gezählt. Wie die Fluten dort unten den Gatten hinwegspülen, durch deffen letzte Anstrengung es der Frau noch gelang, festen Fuß zu fassen, so werden sie auch sie, auch jene Tigerin, die harmlosen Kinder mit Hinunterreißen ins gemeinsame nasie Grab. — Denn aus dem dichten schwarzen Gewölk strömen unaufhaltsam die Regenstuten. Nur ganz fern am Horizonte gewahren wir wie einen dahinhuschenden Schatten die Umriffe der Arche, welche die einzig übrig bleibende Menschenfamilie in sich birgt. So hat es denn Vorv verstanden, das schlichte und doch so furchtbare Wort nnirm mit Leben und Empfinden zu umkleiden. Freilich hat sein genialer Griffel nur die eine Seite der Katastrophe gezeichnet. Wir sehen hier nur das furchtbare Strafgericht, nicht aber auch die unendliche Liebe Gottes, die mahnt und warnt und die Unschuldigen schützt. Um wie viel schöner und anschaulicher verstanden es doch, wie bereits bemerkt, unsere talmudischen Künstler des Wortes und des Gedankens, gerade diese Momente, auf die es hauptsächlich für alle Zeit ankommt, in ihren ergreifenden Gemälden, die sie in unzähligen Sprüchen, Lehren, Sentenzen und Erzählungen von der Flut entworfen haben, hervorzuheben und zu unterstreichen. Und vertiefen wir uns in diese talmudischen Darstellungen so haben wir nicht nur historische Wahrheit und Klarheit über die vom alten wie vom modernen Heidentum so stark verdunkelte und verdrehte Tatsache der Mut gewonnen, sondern auch die göttliche, allgemein sittliche Wahrheit, die allezeit den Kernpunkt der jüdischen Welt- und Lebensanschauung bildet, erkannt. Unsere Väter und Urväter brauchten keine Beweise für die historische Wahrheit der biblischen Berichte. Solche Fragen konnten ihnen gar nicht in den Sinn kommen, weil sie, in den talmudischen, d. h. in jüdischen Gedankengängen sich bewegend, das tief in ihrem Herzen bargen, wonach eine neue Zeit so mühevoll und oft vergebens. Der MraAtt._• weil auf falschem Wege, sucht: Wahrheit und Erkenntnis. Für eine wirksame Apologetik nach.innen gibt es daher auch heute nur ein Mittel, das wie kein zweites imstande wäre, Zweifel zu zerstreuen und Licht zu verbreiten: Verbreitung gründlicher, auf Thora und Talmud besierender Wissenschaft, wie sie allein als Quelle für echt jüdische Welt- und Lebensanfchauung gelten kann. Die russische llrfolmbeweglwg. Nun wissen wir es, wo aller Uebel letzter Grund liegt. Die Quelle aller traurigen Erscheinungen im Leben der russischen Juden ist einzig darin zu suchen, daß Hie russische Judenheit bislang den Segen des Reformjudentums noch nicht kannte. Erschallten in den Synagogen Petersburgs, Moskaus und Odessas nach dem Muster einiger Großgemeiuden in Deutschland laute Chorgesänge und Orgelklänge, es wäre anders um Juden und Judentum in Rußland bestellt. So ungefähr lauten die Ausführungen eines gewissen Peperkowitsch, der in einem in allen russischen Zeitungen veröffentlichten flammenden Aufruf die Werbetrommel rührt zur Gründung der ersten Reformsynagoge in Petersburg. Herr P. sagt in seinem Auftuf, die alte orthodoxe Synagoge sei der Intelligenz fremd. Das „Jüdische", das schon das Aeußere der Synagoge verrate, wirke abstoßend. Die Art, wie da gebetet werde, der Ritus und nicht zuletzt die Sprache der Gebete entsprächen nicht dem modernen Empfinden, und nun entwirft Herr P. ein farbenreiches Bild seiner Zukunftssynagoge. Sie solle ein Sammelpunkt für die Intelligenz sein und daher auch der Kunst in Gemälden, die die Wände schmücken, in der Instrumentalmusik, die den Gottesdienst verschönert, Eingang gewähren. Daß die hebräische Sprache mit der russischen zu vertauschen sei, ergibt sich aus diesen Gedankengängen von selber. Offen solle noch die Frage bleiben, ob der Sabbat oder der Sonntag als Ruhetag in dieser Judenkirche gefeiert werden soll. Dagegen sei es außer Zweifel, daß die Schranken, die in den alten jüdischen Gotteshäusern die beiden Geschlechter von einander trennen, im modernen Tempel fallen müssen, so daß die Frau, entsprechend dem Zuge der Zeit, als vollständig stimm- und minjanberechtigtes Mitglied in die neue Gemeinde tritt. Und wie zum Hohne fügen die Initiatoren noch hinzu: „Bei der Neugründung soll alles vermieden werden, was das religiöse Gefühl verletzen könnte; so soll die Musik eine solche sein, daß sie selbst der orthodoxe Jude mit gutem Gewissen anhören könne. Ko. 4S. Seite S Die Ziele der neuen Gemeinde seien Religion, Kulturerziehung und humanitäre Arbeit." Der Aufruf hat bereits ein Alter von etwa 4 bis 5 Wochen. Wir nahmen ihn anfänglich nicht ernst und hielten ihn für einen der schlechten Witze, die sich das an Tragik wie Komik so reiche Schicksal der russischen Judenheit von Zeit zu Zeit leistet. Indessen gibt es doch scheinbar noch der wirren Köpfe, die dem Herrn P. Gefolgschaft leisten, mehr, als man gemeinhin anzuneymen geneigt ist. Die nötige Zahl der Mitglieder hat, wie man hört, sich bereits eingefunden und die neue Gemeinde ist auf der Basis des oben erwähnten Programms in Gründung begriffen. Die deutsche Judenheit, die die einige und sechzig Jahre Reform an sich vorübergehen ließ, kann hier den Entwicklungsgang dieser Bewegung in all seiuen Phasen nochmals verfolgen. Es ist im Grunde der gleiche Werdegang hüben wie drüben. Nur daß die Reform, wie jede andere Bewegung, die einst in Europa die Mode beherrschte und dort längst als überwundener Standpunkt gilt, fünf oder sechs Jahrzehnte später über die russischen Grenzpfähle dringt. Ein halbes Jahrhundert später als in Deutschland setzte die „Aufklärung" im russischen Ghetto ein und zeitigte die Haskala-Periode, die ihre vornehmste Aufgabe darin sah, einen wütenden Kulturkampf gegen das rabbinische Judentum in Szene zu setzen, welcher in etwas ruhigeren Formen heute noch fortgeführt wird. Etwa ein halbes Jahrhundert später als in Deutschland erleben wir nun auch in Rußland einen Rückgang des Thorastudiums und das damit Hand in Hand gehende Schwinden der Autorität und Souveränität der Thora, ja selbst eine bedenkliche Abnahme des Interesses für die von den ersten Kulturträgern so liebevoll gehegte und gepflegte hebräische Sprache, welche nach dem bekannten Czernowitzer Beschluß ihren Rang dem Jargon, der Sprache der Gaffe, abzutreten hätte. Und nun dürfen naturgemäß nach sechzig Jahren auch die Holdheims und Jacobsohns nicht fehlen, die aus dem finsteren Chaos, das Unglauben, „Aufklärung", Halbbildung und Pseudokultur durch gemeinsame Arbeit eines halben Jahrhunderts angerichtet haben, sich ihre Getreuen heraussuchen, sie sammeln und sie zu einem Gebilde zusammenfügen,—das Reformjudentum in Rußland. Und trotz alledem, das Leben, das politische wie das kulturelle, hat auch im Zarenreiche bei aller Absperrung und der Ungunst der Zeiten nicht stillgestanden. Die Reformbewegung ist auch in Rußland trotz der natürlichen Entwicklung, die sie genommen, heute ein Anachronismus höchst grotesker Art. Sieht man von den wenigen Schwärmern, die der Reiz der Neuheit unter oie Fahne des famosen Reformators gebracht hat. sondern auch heilige Geräte und Gefäße aus den einander folgenden Tempeln von Salomo, Zerubabel und Herodes auf Marijah finden werde, das an die Stätte dieser Arbeiten stößt. Diese letzte Ansicht ist nicht recht klar. Denn die Stelle der Ausgrabungen liegt himmerhin eine Strecke von nrehreren hundert Metern südlich von dem ehemaligen Tempelherligtum. Aus den Tempeln, besonders aus denen der Zerubabel und Herodes, könnte man in den judäiichen Königsgräüern doch 'Wohl nur dann Geräte finden, wenn man sie dorthin später gebracht hätte, etwa um s e vor den Syriern und den Römern zu sichern. (Graf Aehrenthal und die jüdische Sprache.- Wie wir im „Czernowitzer Tagsblatt" lesen, yat ein Herr H. Nippel hier, anläßlich der Erhebung des Ministers des Aeußern in den Grafenstand ihm in einer reich gezierten Enveloppe nachstehendes in hebräischen und deutschen Buchstaben geschriebenes Jargon-Gedicht zukommen lassen. (Wie das „Wiener Journal" wissen will, im Namen der orthodoxen Juden der Bukowina.) Das Gedicht hat folgenden Wortlaut: „Bon dem hohen Himmel a Bruche Möge Gott Aerenthal geben. Er soll blühen in groß Hazluche Wie Rosen in der Prackst des Lebens. Für leine Chochme in Diplomatie - Mit der bosnischen Anexie. Seine Gegner bis letzten Moment Haben wie höllisch Feuer gebrennt, Aernthal will a.Bismarck spielen? Soll Oesterreich Todesstöße fühlen? Ganz Europa im Blut ertränken? Man wird ihm haben zu gedenken! Es wird ihn haben zu gedenken: Jeder Oesterreichische Untertan Mit sein Sechel und sein Lenken In dem Jahre Neunzenhundertnan, Durch seine Chochme in Diplomatie Für die bosnische Anexie. Seine Gegner sind gefallen; Sein Vorhaben hat er durchgeführt. Freude des Friedens hört man schallen. Und seine Chochme hat die Krone geziert. Hoch Franz Josef mit seiner Regierung! Hoch Aerenthal zu der Entwirrung! Hoch Wilhelm mit seiner treuen Hand! Hoch Aerenthal zum Grasenstand!" Seine Exzellenz, Minister des Aeußern, Graf Aehrenthal hat durch seinen Hofsekretär dem Verfasser dieses urwüchsigen Gedichtes ein schönes Dankschreiben zukommen lassen, in dem er für diese liebenswürdige Aufmerksamkeit seinen herzlichsten Dank übermittelte. (Die erste deutsche Schule i» Marokko.) Tie deutsche Schule in Tanger zählt bis jetzt insgesamt "~lfi Schüler, darunter sind 23 Europäer und 33 Kinder von Eingeborenen. Unter den Europäern wieder sind 4 Kinder reichsdeutscher Eltern, 3 Kinder pon Schweizer Eltern, 4 Kinder russischer Eltern, 8 jüdische Kinder, deren Eltern deutsche Schutzgenossen sind und 4 Kinder ausländischer Eltern. Möglich, daß unter den 22 Kindern eingeborener Eltern solche von marokkanischen Juden sich befinden. Ein unter deutschem Schutz stehender jüdischer Großkaufmann in Tanger hat einen Bauplatz für den geplanten Neubau der deutschen Schule gesenkt. Nach dem Jahresbericht deutscher Schulen tu Saloniki waren im Schuljahr 1908/09 unter 162 Kindern 77 Israeliten. (Die Ausforstung des Libanon.) Der Zederwald des Libanon war, wie aus den biblischen Berichten beka.nnt, einst einer der größten Wälder der Erde. Schon tm Buche der Slönige wirb erzählt, daß König Salomon 80 000 Menschen beschäftigt habe, um vom Walde des Libanon Zedern zum Baue seines Königspalastes zu gewinnen. Die Geschichte erzählt auch von einem assyrischen König, der eine Unmasse Zederbäume zum Baue seines Palastes von Libanon Holen ließ. Auch Herodes hat den Libanon stark ausforsten lassen, sowie auch spätere Herrscher für ihre fürstlichen Bauten, Tempel usw. mit Vorliebe Zedern des Libanon verwendeten. Es ist nun kein Wunder, daß dieser berühmte Wald allmählich ausgeforftet wurde, sodaß heute kaum mehr als vierhundert Zedern im Libanon stehen. Ilm nun diese »roch wenigen, immer seltener werdenden Ueberbleibsel des einst berühmt gewesenen Waldes vor Vernichtung zu retten, hat der Gouverneur von Libanon, Rustem Pascha, gegen die Beschädigrmg oder das Fällen dieser Bäume strenge Verordnungen erlassen. Die Verordnung verbietet aufs strengste, daß Karawanen in der Nähe dieser Bäume lagern, Feuer anzünden oder Vieh weiden lassen. Selbst für das Abbrechen von Zweigen als Andenken sind schwere Strafen ausgesetzt. Das Vieh, das wahrend der Weide am Libanon erwischt wird, verfällt der Beschlagnahme. Um diesen Verordnungen Geltung zu verschaffen, hat der Gouverneur einen eigenen Wachtposten am Libanon ins Leben gerufen. rggn ' liftr ii H,1 i

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