Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1909)
- Date
- 1909-10-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Srr Mrarlit. Nr. 48 mik zu machen, die ihm als Ersatz für die seinem Publikum fehlenden positiv-jüdischen Ueberzeugun.qen unentbehrlich war. Vom allgemein religiösen Standpunkt betrachtet, entbehrt das Auftreten des Oberpräsidenten, dem man die innere Erregung deutlich anmerkte, nicht der vorbildlichen.Bedeutung. Graf von Zedlitz - Trützschler vermag es mit seinem religiösen Gewissen nicht zu vereinbaren, schweigend Ausführungen mit anzuhören, die er aus tiefster Ueberzeugung mißbilligen muß! Er protestiert und befreit damit seine Seele. Ein Ouentchen dieser religiösen Empfindlichkeit wäre manchem glaubenstreuen Juden zu wünschen. Auf die politische Seite der Verhandlungen und auf die durch die Correspondenz mit dem Fuldaer Vorsteheramt beleuchtete Art und Weise auf die der Verband seine Vollmachten erlangt, wird noch zurückzukommen sein. der Tluf der $intflut*Citeratnr. (Schluß.) Auf ähnlichem Geleise bewegen sich die Flutsagen der anderen wilden Völker Asiens und Afrikas. Die Sudanneqer haben bekanntlich ihr Wasser Noahs. Die Hottentotten reklamieren sogar No oder Hingno als ihren Stammvater. Ebenso ist das größte Fest, das der Kult der Manda-Jndianer kennt, das Archenfest, bei welchem alle Vorgänge der Flut, wie sie in der Vorstellung dieses Volkes leben, symbolisch dargestellt werden. Interessant und sehr bezeichnend ist es, daß all diese Sagen je mehr Anklänge an die biblischen Berichte aufweisen, je älter und ursprünglicher die Form ist, in welcher sie uns entgegentreten, sich aberZn dem Maße, wie sie zeitlich und räumlich sich von der Bibel entfernen, immer phantastischer gestalten und sich zu Traditionen auswachsen, die mit denen des Judentums gar nichts oder nur noch sehr wenig zu tun haben, wenn sie nicht später von Männern, die auf ihre Weise einiges Licht in das Dukel des Heidentums zubringen sich bemühten, noch nachträglich mit einigen aus der Bibel entlehnten historischen Tatsachen und den aus denselben ausstrahlenden Körnchen sittlicher Wahrheit nmgeben wurden. Von diesem Gesichtspunkte dürfte auch interessieren, was Professor Sellin") über das Verhältnis der altorientalischen Religionen zum Judentum schreibt: „Das Ergebnis der Ver- ") Die alttestamentliche Religion im. Rahmen der anderen altonentalischen. Wien 1908. gleichung ist immer dasselbe. Ein großes Ackerfeld von gleicher Qualität, gleicher Fruchtbarkeit und von demselben Gärtner gepflegt, aber nur an einer Stelle hat er ein Edelreis in den Boden gesenkt. Nur in dem einem Volke hat Gott selbst gesprochen, sich erschlossen, und dieses sein Wort hat allmählich alles neu gebildet, neu gemacht und zugleich ein gut Teil des altorientalischen Erbes neutralisiert oder ganz abgestoßen. Auf Schritt und Tritt haben wir Verwandtschaften gefunden, doch sobald wir genauer zusehen, treten uns nur die Verschiedenheiten deswegen erst recht ins Bewußtsein, sodaß es ging wie bei der Vergleichung zweier ähnlicher Menschen: dem Fernerstehenden fallen mehr die verwandten Züge auf, doch, je näher man sie kennen lernt, umsomehr ble-bt das Auge an den unterscheidenden Merkmalen hasten." Daß der Flutbericht schon von altersher die Künstler aller Art zu beachtenswerten, zum Teil auch hervorragenden Kunstwerken angeregt hat, ist bekannt. Bereits die altjüdische Dichtung, die Agada, weiß den historischen Bericht mit einem unvergleichlichen Blumenkränze von anmutigen Sentenzen und Parabeln zu schmücken. Wer kennt nicht die liebliche und innerlich ach so wahre talmudische Anekdote von der Lüge,") die es verstauben hat, beim Weltenuntergange sich ebenfalls in die Arche zu schleichen und sich so einer neuen Menschheit ViS auf den heutigen Tag zu erhalten? Wer kennt nicht die Geschichte vom undankbaren Löwen, der beim Verlassen der Arche seinem Lebensretter einen Stoß versetzte, sodaß letzterer infolge der Verletzung noch einige Zeit in der Arche Zurückbleiben mußte, wo erlü) ächzend über die Bosheit gewiffer Geschöpfe und den Undank, den er als Weltenlohe erfahren, nachdachte? Auch die bildende Kunst hatte sich bereits in sehr alter Zeit die Flutgeschichte als Sujet für ihre Schöpfungen gewählt. So ist die Münze aus der Stadt Apamja bekannt, die einen Kasten zeigt, der auf dem Wasser schwimmt und in dem sich ein Mann und eine Frau befinden. Darüber sieht man einen Vogel mit einem Zweig im Munde und daneben das gleiche Paar auf dem Festlande, die Hände hoch zu Gott erhoben. Von den neueren Kunstwerken, die die Sintflut darstellen verdient das berühmte Bild Gustav Dore's in seiner Bilderbibel, so wenig wir uns mit der Auffassung der Bibel in diesem Buche im großen und ganzen einverstanden erklären können, weitgehendste Beachtung. Aus weiten wogenden Wassern ragt einsam ein Fels empor. Auf seiner Spitze ruht eine mächtige Tizerkatze, ") Siehe Midrasch Schochartow. ") M *" K -irM'1- Siehe Lauchuma zu Noah, Abs. 0 * -%ette 4 28. Oktober 1S09_; _ rroxn mno “pny *rn r\m mit einer eleganten Redewendung schlankweg geleugnet wird. Denn bei aller Vorsicht muß im Leben dennoch da und dort die ungefüge, kantige Wahrheit durchbrechen, die das — leider — unwahrhaftige Gewebe von der Gemeinsamkeit der religiösen Grundüberzeugungen in der modernen Judenheit zerstört. Einem Virtuosen in der Kunst der philosophischen Gedankenverhüllung wie Hermann Cohen mag es allenfalls gelingen, für eine halbe Stunde im Gewonde der „allen israelitischen Glaubensgenossen" gemeinsamen „religiösen Ideen" aufzutreten. Der Breslauer Rabbiner, der ja ein prachtvolles jüdisches Temperament und zweifellos ehrliche religiöse Begeisterung besitzt, hat's aber doch nicht fertig gebracht, den Gegensatz zwischen Messias-Idee und persönlichem Messias so geschickt zu verdecken, wie Cohen zwei Jahre zuvor — innerlich knirschend — seine eigene, durchaus unjüdische Gottesauffassung hinter fein ausgefeilten philosophischen und polemischen Aphorismen zur „Gottes idee" verschwinden ließ. Also war's wirklich kein Zufall, daß die religiöse „Einheit" auch in Breslau wieder in die Brüche ging. — Aber auch der ZwischenfallZedlitz-Trützschler ist kein Zufall. Es gibt nun einmal leider heute Tausende von Juden, und im „Verband der deutschen Juden" dominieren sie, deren ganzes Judentum darin besteht, daß sie — nicht Christen sind. Die Positivität ihrer religiösen Ueberzeugung erschöpft sich in der Negation des Christentums, und ihr religiöses Selbstgefühl findet sein Genüge in der Verneinung der Erbsünde und des Mittlergedankens. Dem überzeugten,gesetzestreuen Juden ist die Polemik gegen das altgläubige Christentum eine höchst nebensächliche Sache, bei weitem nebensächlicher jedenfalls als die Abwehr jener zerstörenden bibelkritischen Minierarbeit, in deren Aufbau oder mindestens Anerkennung die „liberale" und „mittelparteiliche" „jüdische Wissenschaft" der liberalen christlichen Theologie brüderlich die Hand reicht. Wollte Rabb. G u t t m a n n bei dem Verbands- Publikum, dessen Majorität der einzige Glaubenssatz des alten Judentums □'Dirn p min Hekuba ist, überhaupt Begeisterung auslösen, so mußte er Apologie gegenüber dem Christentum treiben, und es war keineswegs ein Taktfehler, sondern innere Notwendigkeit, daß es geschah! Mag der Zwischenfall also den Leitern des Verbanoes und den Vorstehern der Synagogen- Gemeiude Breslau unangenehm gewesen sein, s i e haben am allerwenigsten ein Recht dazu, dem Redner einen Vorwurf aus seiner feurigen Pole- Brot verdienen. Wer schon etwas erübrigt hat, schreitet wohl auch neben einem Maultier drein, auf. dessen Rücken allerlei aus Kasten und Schachteln hervorblickende Herrlichkeiten schwanken. Aus diesem Grund liegen auch manche Hauser im .Hintergrund von Höfen mir Borhallen, welche durch breite, zweiflügelige Tore geschlossen werden. So können die hoch beladenen Tiere ohne Schwierigkeiten in den Hos gelangen Und wenn sich dabei die Tore öffnen, gewinnt man einen Blick ans schmale, hölzerne Treppen, anf deren ausgetretenen stufen die Hühner einporhuschcn. Andere haben dem unstären Hausicrerlcben eine beschaulichere Wirksamkeit vorgezogen und verkaufen in dunkelfeuchten Läden alte Kleider lind ähnliche Gegenstände. Am Lebhaftesten geht es in jenen Gäßchen des Abends zu. Da sitzen die Familien auf der Haustreppe: die Kinder sviclcn fröhlich lärmend: der Batcr überrechnet den Gewinn des Tages, und die Mütter sehen nach den Kochtöpfen, die über winzigen, mit Holzkohle gefüllten Oefen im freien brodeln. Tie meisten alten Kranen sind den Kostümen treu geblieben, die sie in ihrer Jugend trugen, dem kurzen, die Knöchel freilassenden Kleide, dessen Ränder mit Franzen besetzt sind und das in zwei .voneinander geschiedene Teile, den Boeder- und Hinterrock zerfällt, sowie dem dunklen, schweren Mantel. Das Haar tragen sie zusammenaeliwler unter einem grünen Tuche. Aber unter den Inden wohnen auch friedlich zahlreiche christliche Familien, und gerade in dieser Gegend trifft man auch mehrere griechische Kirchen und Kapellen. Auch die Inden Athens haben ihr Gotteshaus. Aber es war Schreiber dieses schwer, es zu finden. Ein Haus, das sich von den übrigen nur durch eine über dem Tore befindliche Laterne unterscheidet, ist die Synagoge, ein großer Saal mit grünen Vorhängen an den Fenstern, einein Betpult in der Mitte, Betstühlen, sowie hölzernen Bänken an den Wänden und einen: von der Decke herabschwebenden krhstallenen Kronleuchter. Bei ineinem Eintritt spielten sehr vergnügt und geräuschvoll ein paar kleine Jungen in den: Raum. Ein älterer wies sie zur Ruhe. Ein enger, durch ein breitet Holzgitter vom Hanptsaül abgeschiedener Raum war für die Frauen reserviert. Dort traf ich auch den Rabbiner der Gemeinde an. Ern rötlicher, teilweise ergrauter Bollbart umrahmte ein sympathisches, von lebhaften großen Augen beleuchtetes Gesicht, aus dem Intelligenz und Güte sprachen. Bor ihm saßen auf einer hölzernen Bank etwa zehn kleinere Knaben, denn der Betraum für die Frauen diente zugleich als Schulzimmer, und blickten mit großen, neugierigen Augen auf den Fremdling. An diesem Tage, einem Freitage, wo die Größeren immer zu .Hause nach dem Rechten sehen müssen, fand kein Unterricht statt und die Kinder waren nur hierher geschickt worden, um beaufsichtigt zu werden, da sie zu Hanse im Wege waren. Der Rabbiner wurde von dem in Corfu aintierenden Oberrabbiner aus Smyrna hierher gesandt. Er hat keinerlei Einnahmen, als die ihm von der Regierung als Lehrer der israelitischen Gemeindekinder gezahlten monatlichen 100 Drachmen. Obgleich seine Gemeinde nur etwa 300 Seelen zählt, von denen 50 aus Smyrna und 10 aus Deutschland eingewandert sind, ist er durch den dreimal täglich stattfindenden Gottesdienst, den Unterricht und chas ihm obliegende Schächten der Schafe und Rinder vollauf beschäftigt. Tie Gemeinde ist sehr jungen Ursprungs. Zu Anfang des Jahrhunderts gab es nur zwei bis drei israelitische Familien in Athen. Erst im Laufe der letzten Jahrzehnte entstand die jetzige Gemeinde mit eigener Synagoge, worin der Gottesdienst in hebräischer Sprache hergebrachter Weise abgehalten wird, während das Spanische die Umgangs spräche ist . ... (Die Gräber fcer Könige von Jrrva) Wie dt: „Daily.News" von ihrem Korrespondenten in Jerusalem berichtet wird, haben seit etwa zwei Monaten am Süd. ende von Ophel in der Nähe der Marienquelle (Ain- Unim es-Deredsst), also südlich von dem ehemalige» Tempelberg in der Nähe des Stadtteiles, der die einstige Davidsburg getragen hat, bemerkenswerte Aus grabnngen stattgefunden, die von Hauptmann Mou tague B. Parker, einem Müder des Earl of Morley, und einigen anderen Herren der englischen Gesellschaft unternommen werden. Ein bisher unbekannt ter Tunnel wurde entdeckt Nitd durchforscht, und zwei tiefe Schächte werden hinabgetriweü. Obwohl Stillschweigen über die Ausgrabungen bewahrt wird, hat man doch soviel erfahren, daß es sich um das Gra Davids und der Könige von Juda und um Schätz.- handelt, von denen man annimmt, daß sie sich in den Gräbern befinden. Bei den Engländern befind».. sich zwei türkische Beamte, die von der türkischen Regierung beauftragt sind, den Forschern außerordentliche Rechte einzuräumen. Die Arbeiten finden an denl Abhange oberhalb der Marienquelle statt, wo, wie die Bibelgelehrten jetzt übereinstimmend erklären, die Burg Davids stand. Die unterirdische Wasserleitung, die zur Zeit des Königs Hiskjah in Gebrauch war, scheint die Ansicht der Forscher zu bestätigen, da sie in ihrem Lause zwei weite Ausbiegungen von der geraden Linie macht. Nach Prof. Ganneaus Ansicht sind diese Bogen gemacht worden, um die Gräber der Könige von Juda, die man hätte durchschneiden müssen, zu umgehen. Nicht wenige Bibelgelehrte fir Jerusalem, so teilt der Korrespondent des genannten Blattes mit, sind der Ueberzeugung, daß, wenn die Ausgrabungen Erfolg haben, man nicht nur die Gräber,