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Der Israelit · 1909-10-21 · Heft 42 (21.10.1909) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 42 (21.10.1909)
Date
1909-10-21
Page
– (sequence 13)
Language
German
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d)e Wart grajrgs €ine weibliche Stimme gegen das Wahlrecht der Tranen. Bon Prof. Dr. I. Caro in Frankfurt a. M. Bei der neuerdings wieder einsetzenden Bewegung der englischen Frauenrechtlerinnen (snffragist ^omsn) dürfte es vielleicht von allgemeinem Interesse sein, zu erfahren, ob diese Bewegung eine allgemeine, weite Kreise ergreifende ist, oder ob sie nur von einigen Führerinnen künstlich gehalten wird, in der großen Menge aber keine tiefen, vielleicht gar keine Wurzeln geschlagen hat. Einen Aufschluß über diese Fragen gibt uns ein vor kurzem in London anonym erschienenes Buch einer „Arbeiterin", die gegen die Agitation für das Stimmrecht sich wendet (Mixed Herls: A. Working Woman’s Remonstrance Against the Snffrage Agitation. By M. E* S , London: Sampson, Low Marston & Co., Ltd.) Wir haben guten Grund zu vermuten, daß die „Arbeiterin" den gebildeten Ständen angehört,' sie nennt sich aber mit Recht so, da sie um ihren Lebensunterhalt schwer ringen muß. Zwar leistet sie keine körperliche, desto mehr aber geistige Arbeit, die sie zugleich mit den verschiedenen wirklichen Arbeitsklassen zusammensührt. Wenn man gegen die Komposition des Buches auch manchen Einwand erheben kann, so entschädigt es durch seinen schönen, schwunghaften, stellenweise poetischen Stil. Man fühlt, daß die Verfasserin, von ihrem Stoff begeistert, auch die Leser begeistern möchte, daß es iyr mit ihrem Widerspruch gegen die Genossinnen, denen alle Mittel,einen Parlamentssitz zu erlangen, recht sind, heiliger Ernst ist. Und sie behandelt nicht nur die Stimmrechtsfrage, sondern das Buch erweitert sich in gewiffem Sinne zu einer Besprechung der Frauenfrage überhaupt. Wir wollen von vornherein seststellen, daß wir mit Fräulein M. E. S. nicht durchweg übereinstimmen, ja, daß wir ihr nicht beipflichten, wenn sie sich prinzipiell ablehnend gegen das Stimmrecht der Frauen verhält. Aber man kann ihren Unwillen und ihre Erregung verstehen, da sie die turbulenten und durch nichts zu rechtfertigenden Szenen, die sich vor dem englischen Parlamentsgebäude abgespielt haben und noch abspielen, aus unmittelbarer Nähe geschaut hat, da ihr die organisierten Straßenumzüge, bei denen der Janhagel so oft eine Hauptrolle spielt, die Schamröte ins Gesicht getrieben haben. Sollte ihr Buch auch die ins Rollen gekommene Bewegung nicht aufhalten, so dürfte es doch immerhin beweisen, daß es in England — vielleicht auch in andern Ländern! — immer noch eine sehr große Anzahl Frauen, und es sind nicht die schlechtesten, gibt, die von den sich als Führerinnen gebärdenden weit abrücken. Nicht zu unterschätzen ist es ferner, wenn wir lesen, wie eine Frau gegen die Frauen Argumente vorträgt, die man gewöhnlich nur von den Männern aussprechen hörtwenn wir aus weiblichem Munde verrtehmen, daß die Frauen im Großen und Ganzen mit ihrem Lose zufrieden sind und daß sie ganz andere Wünsche hegen als die von der politisierenden Frau geäußerten. In der ersten Mary Maitland betitelten Skizze gibt uns M. E. S. den Lebensabriß einer Frau, die im Elend stirbt, weites ihr nicht gelingt, Arbeit zu erlangen. „Wir fordern Brot und man reicht uns einen Stein — den Wahlzettel." Arbeitsgelegenheit, Arbeitsnachweise sollte man schaffen, sie seien das erste und Hauptziel, und das werde durch die neue Bewegung zurückgedrängt und aus dem Auge verloren. Man sorge aber nicht allein für die Frauen, sondern auch für die Männer, ja, an der Spitze der Organisationen möge auch eine genügende Anzahl Männer stehen, zu thnen hätten die Frauen mehr Vertrauen,' „Frauen in leitender Stellung würden leicht diktatorisch, autokratisch, engberzig." Wozu das Stimmrecht? Wozu politische Macht? fragt M. E. S. Ein Hauptgesetz sei das der Arbeitsteilung. Die einen müßten das Geld verdienen, die andern es verwaltendiese seien für die soziale, jene für die politische Seite des Lebens verantwortlich, und es sei der Frau angemeffener, das Regiment im H iuse zu führen, von der Außenwelt kehre sie stets gern in den Bereich ihrer vier Wände zurück. Aber „Haushalt, Geldverdienst, Erholung ließen ihr keine Zeit für politische Betätigung" Die Frauen sollten nicht ihren Ehrgeiz darin suchen, den Männern blindlings in allem nachzuahmen, und sklavisch in ihre Fußtapfen zu treten, sondern sehen, was für sie das beste sei und worin sie den Mann überflügeln könnten, sie sollten eine Stellung erringen, die die des Mannes ergänzt, nicht mit ihr rivalisiert. Bemerkenswert ist auch die Ansicht der Verfasserin über die Frage der Verheiratung der Frau. Es berührt wohltuend, daß sie, die unverheiratet ist/sich nicht hat verbittern lassen, daß sie ihre Weiblichkeit bewahrt hat und den Schwestern vorhält, daß sie durch ihre schlechte Erziehung, durch ihren geringen Sinn für Häuslichkeit den Männern der Mittelklaffe die Lust zur Ehe rauben. Was ist die Folge? „Wir haben den Männern gezeigt, daß wir nicht unentbehrlich sind." M. E. S. wünscht natürlich nicht die frühere Hörigkeit der Frau; im Gegenteil, sie soll unabhängig sein, aber von ihrer Unabhängigkeit einen besseren Gebrauch machen und sich nicht selbst schaden. Höchst bezeichnend und namentlich für uns reizvoll ist es, wenn Frl. M. E. S. ihren Landsleuten die Juden, als Muster htnstellt,' ich führe ihre Worte genau nach dem Text an: „Das Familienleben des orthodoxen Juden ist in der Tat etwas, sehr Schönes. Die Christen heben wohl das Leben ihrer Frauen gegen das Leben der Frauen dieser semitischen Raffe hervor, die noch immer die Unterjochung der Frau in der Theorie aufrecht erhält. Aber was sehen wir in der Praxis? Ihre Frauen erfreuen sich einer sehr klar bestimmten und unbestrittenen Herrschaft im Hause, die Söhne bezeigen ihren verwitweten Müttern eine unbegrenzte Liebe und Rücksicht, die Töchter werden ausgestattet und versorgt, die Schwestern unterhalten,' die Frauen werden überall von ihren Männern mit Zärtlichkeit und Achtung behandelt, während ihr Geist, ihr Verstand, ihr Zauber doch nicht in Abrede gestellt werden kann. Und je orthodoxer der Jude, je strenger seine Beobachtung der alten Sitte ist, umso wahrer ist diese Erscheinung." Die Verfasserin will natürlich keine sklavische Nachahmung der Regeln des alten Testaments — autres temps, antres moenrs, sagt sie —/ aber in Anlehnung an sie wünscht sie eine Entwicklung, die die Weiblichkeit zur Geltung bringt und noch mehr entfallet, nicht eine solche, die sie unterdrückt. Bittere Ironie spricht^aus dem Kapitel die kreischendenFrau en (TheShrieking Women), das eine Perspektive des Zustandes entwickelt, in dem die Frauen den Männern völlig gleich sind, so daß die Männer in die bisherigen Berufe der Frauen eindringen müssen. M. E. S. versichert uns, und wir dürfen ihr glauben, daß die arbeitenden Frauen von den vornehmen Stimmrechtlerinnen nichts wissen wollen, daß sie mit der Anti Snffrage Leagne, d. h. mit der Gegenbewegung sympathiesieren, wenn sie auch nicht offen hervortreten. Daß diese Taktik auch von den reichen und vornehmen Anhängern der Anti Snffrage Leagne befolgt wird, geschehe deshalb, weil sie es nicht liebten, auf der Rednerbühne sich zu zeigen, in die Oeffentlichkeit gezerrt zu werden oder sich gar ins Gefängnis schleppen zu lassen, um als Märtyrerinnen sich einen Namen zu machen Das Buch schließt mit dem Wunsche, der bereits im ersten Aufsatz ausgesprochen ist, daß die ofsiziellen Arbeitsnachweise des deutschen Kaiferl. Statistischen Amtes in England nachgeahmt werden mögen. „Hierdurch würde ein wirklicher Dienst den arbeitenden Frauen und — Männern erwiesen werden.

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