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Der Israelit · 1909-10-21 · Heft 42 (21.10.1909) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 42 (21.10.1909)
Date
1909-10-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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V:»-v.;,- .U“-v^p4' MtWWMM M M Leuilleton-Beilage zu Nr. <\2 des „Israelit". »> euilleton v« Selermsdl. Bon Arthur Kahn. (Fortsetzung.) „Das will ich schon mit dem Nathe fertig kriegen," rief der alte Feuerkopf lebhaft und Zuversichtlich aus. „Auf der Stell' geh ich ins Maukemb) und laß mir Handcheskaawt) von ihm gebenmir, das bin ich euch orew^), mir schlagt er Nathe Bing so leicht nichts ab . . ." Als die Leute vor einbrechender Nacht zum Omer sich vor der Schule zusammenfanoen, konnte Chanine ihnen schon beichten, daß der Nathe zugesagt habe, den kantoralen Teil der Feier zu übernehmen. Kiewe, der sich unter den Balbatim befand, spitzte die Ohren, als er hörte, Chanine habe ohne jegliche Vollmacht und sonstige Autorisation bereits solchermaßen in das Programm eingegriffen. „Cs ist ja sehr schön von euch, Chanine, daß ihr den Nathe eingeladen habt oen Chinuch zu halten. Aber seid mirs modlet6), wenn ich sage, daß es aber doch eine Chuzpe') von euch war, ohne mich und Kahal zu fragen, mir nichts, dir nichts in Maukem zu laufen und die Leut' aufrührerisch zu machen. Wer hat euch geheißen zum Nathe gehen? he?" Da kam Kiewe schön an. „Was? mich geheißen? schrie Chanine, den diese Zurechtweisung schwer kränkte den Parnes an, indem er drohend mit den Händen fuchtelte. „Außer meinem Kaiser hat mich kein Mensch was zu heißen! und selbst wenn Ihr der Parnes von Frankfurt wäret, ließe ich mir nichts befehlen." Levi, der bei der Gruppe stand, mahnte jetzt, daß es Zeit zu Mariw sei und brach so den Wortstreit zwischen Kiewe und Chanine ab. Wie dieses im Geiste der damaligen Zeit lag, betrachteten nicht nur die Juden in Schimmes Wohnort die bevorstehende Festlichkeit als eine sie allein angehende Angelegenheit. Selbst in den entfernt liegenden Dörfern in denen Juden wohnten, fühlten sich die Leute an diesem Freudenfest beteiligt und nahmen die Botschaft mtt festlichen Gedanken entgegen. Es lag ein festfröhlicher Zug in den Menschen damaliger Zeit, vielleicht schon deshalb, weil das Leben einfacher und an Abwechslungen weit weniger manichfach verlief als heute. Man feierte nicht wie wir neueren Kulturmenschen fast ununterbrochen Jubiläen, Stiftungsfeste, Winter- und Sömmerfefte, italienische Nächte im Freien mit einem soliden Ueberzieher und die Damen in wollenem Schal gehüllt, man gehörte nicht einem Dutzend wichtiger und unwichtiger Vereine an, die sich alljährlich verpflichtet fühlen chren Mitgliedern einen Ball oder ein Festessen gewiffermaffen wie eine Pistole auf die Brust zu setzen. Als eS sich in den Nachbarorten herumsprach Schimme Bär habe beschlossen ein neues Sefer schreiben zu lassen, wurde auch dort überall sofort dieses Exeignis als ein solches aufgefaßt, das jeder brave Jude nach Kräften verschönern •) Maukem, Stadt. 4) Handcheskaw, feierliches Berspr cheu durch Handschlag. 6) orew, Bürge. 6) machet sein, verzeihen. 7) Chuzpe, Dreistigkeit. und selbstverständlich auch in eigner Person mitbegehen müßte. Die jungen Mädchen überlegten schon im Geiste, ob sie sich weiß kleiden sollten, für dem unfehlbaren Ball nicht etwas ihrer Garderobe zuzufügen hätten, mit wem sie tanzen und wieviele junge Männer kommen würden. Diese wiederum dachten natürlich in ähnlicher Weise an die Mädchen. Ein paar „Schmisser" (Raufbolde) wie der Simon von Schweppenhausen, der Feis von Bubenheim und der Maier von Fürfeld waren, sahen sich im Geiste bereits inmitten eines Knäuels Kämpfer als Sieger über ihre „Feinde", als da waren, der Jokef von Laubersheim, der Rüben von Langenlonsyeim, der Jisrolchen von Weiler und sogar der Max von Ockenheim, des Bäckeritzigs einzigen Sohn, ein großes Kind, mit harten Fäusten und dem Nacken eines Stiers; im alltäglichen Leben ein herzensguter Junge. Bei diesen Schlägereien wurden weder Messer gezückt, noch Maßkrüge oder Stuhlbeine an Schädeln zerschellt noch floß dabei Blut, denn die zustande kommenden Schlägereien entsprangen kaum jemals andern Motiven, als in den Augen der Schönen als starke und furchtlose Helden dazustehen. Wirkliche Feindschaften entstanden nie daraus,' so wenig solche auch vorausgeganaen waren. Aber nicht nur die Jugend, sondern auch die Alten folgten bereits im Geiste dem bevorstehenden Feste. Selbstverständlich wurde die neue Thorarolle, ehe sie in dem heiligen Schrein (Hechal) in der Synagoge chren Platz erhielt, zuvor in einem dem Gotteshaus am fernsten liegenden jüdischen Hause meist aber im Hause des Stifters, in einer ihrer hohen Bedeutung entsprechenden Weise und aufs Schönste aufgeschmückten Umgebung aufgestellt. Dahin begaben sich dann vor der beginnenden Feier, sämtliche Mitglieder der Gemeinde, wie sämtliche Festteilnehmer,' voran die Aeltesten und verdienstvollsten Männer, die die übrigen Torarollen der neuen Schwester entgegentrugen. War ein Baldachin aufzutreiben, so wurde der eigentliche Festzug solchermaßen eröffnet, daß unter diesem sämtliche Toraträger unter Borantritt der Musik oder der singenden Gemeinde den Zug zur Synagoge geleiteten. Nun beschäftigten sich die Männer im Orte und in der Umgegend mit der ungemein wichtigen Frage, wer wohl der hohen Ehre tellhaftig werden könnte, als Toraträger auserkoren zu werden und welche sonstigen synagogalen Ehrungen man zu erwarten hatte. Die Frauen überdachten indeffen, was sie zu ihren Festmahlzeilen aussuchen, auf wieviele Gäste sie sich richten mußten. Bon der damaligen Gastfreundschaft, besonders bet solchen Festlichkeiten, haben die Nachgebornen kaum noch eine Vorstellung. So warf denn das zu erwartende Fest nicht etwa Schatten, sondern wahre Lichtstrahlen voraus, an denen sich schon lange zuvor Alt und Jung erwärmten. Es schien, als übe der Gedanke, der Urheber eines so bedeutungsvollen Festes zu sein, auf Schimme BärS Genesung eine beschleunigende Wirkung aus. Früher als bisher erhob er sich des Morgens von seinem Lager und begab sich eines Morgens sogar, ohne Veilchens Mithilfe in die um diese Zeit leere Schul. Mit tiefer Rührung setzte er sich auf seinem Platz und betrachtete lange in tiefes Sinnen versunken, die heilige Lade. Die Tage waren heiß, voller Blüten und Reben duft, die Nächte von seltener Sternenpracht und Mondeshelle. Im Dorfe herrschte bei den Juden eine freudige Aufregung. Die „Jungen" (Jünglinge) und einige junge Ehemänner kamen des Abends zu Kiewe, in dessen Wohnung ein Klavier stand. Heute Abend wollte der Nathe Bing herauskommen und mit den Leuten Gesänge einüben, was einen hohen musikalischen Genuß versprach, und außerdem angeneWe Unterhaltung, denn ein Gesellschafter wie der Nathe, ganz abgesehen von seiner künstlerischen Begabung als Musiker, gab es weit und breit nicht mehr. Daher waren eS nicht nur die zum Singen bestimmten jungen Leute, sondern alle Dorfjuden, die sich in Kiewes Wohnung einfanden und den sonst Üblichen Schlaf bet einbrechender Nacht, hinausschoben. Bereits war die Nacht angebrochen und der Mond aufgegangen, als der Erwartete, von seinem Sohne begleitet, erschien. Mit großer Andacht und noch mehr Bewunderung hörten die Leute zu, wie allmählich aus dem anfänglich ungefügen und noch wenig melodischen Gesang immer lieblicher klingende Lieder wurden. Unter den Zuhörern waren auch Schimme und Bellchen. Veilchen schüttelte bewundernd ihr Köpfchen und rief ein über das andermal mitten in den Gesang hinein: „Was etn Meiwin, was ein Meiwin! man soll nicht meinen, daß so was möglich wär'!" Sang der Chasen den Uebenden mit seiner hinreißenden Stimme etwas vor, da ward es so stille, daß man die Menschen atmen hören konnte. „Sch'ma Jisroel! was wird das so schön werden!" rief dann Veilchen wieder voller Begeisterung mitten hinein. So kamen und gingen drei, vier, oft fünf Abende in der Woche hin und den Leuten im Dorfe wurde es zum unbewußten Bedürfnis, sobald die Nacht hereinbrach, sich bei Kiewes zu versammeln. Bald kamen die jungen Mädchen und Jünglinge dem Meister schon auf halbem Wege entgegen, und nicht selten begannen sie auf der Landstraße die bereits eingeübten Gesänge zusammen zu fingen. In Nathes Begleitung waren auch jetzt einige junge Männer aus der Stadt, die, sangeskundig und sangeslustig enthusiastisch die Gelegenheit aufnahmen, sich einmal an einem geregelten Gesang beteiligen zu können. Wo der Gesang unter jungen Menschenkindern blüht, kommt auch bald auf leisen Schritten die Liebe hinzu. Und wenn es sich die jungen Menschen, die in der herrlichen Sommernacht in einer herrlichen Natur sich einander entgegengingen auch nicht zugestehen mochten, so empfanden sie denn doch, wenn sie nach den stattgehabten Gesangesproben noch lange miteinander fröhlich durch die Helle Mondnacht schritten und dann ihr Lager aufsuchten, daß sich Bilder in ihre Seele einwoben, die sie mit süßen GlückSgefühlen erfüllten. Auch zwei junge Mädchen begleiteten öfter den lebensfrohen jüdischen GesangSmeister, die nicht nur ihre Dorffreundinnen, die ihnen entgegenkamen, sehen wollten. Allerdings vermochte Mmchen Brandeis die, als Klavierlehrerin beliebt und vielbeschäftigt, sich und ihre Mutter ernährte, beim Einüben sehr nützlich zu werden. Sie war ein zierliches Mädchen, mit feinen Gesichtszügen, großen tiefblauen, sisinig blickenden Augen. Von ihrem verstorbenen Bater, der Lehrer gewesen, hatte sie vielerlei gelernt, wovon ihre Altersgenossinnen nichts wußten, insbesondere von jüdischer Geschichte, die ihr Bater eifrig betrieben hatte. Wenn sie sich ans Klavier fetzte um die weniger begabten Sänger besonders einzuüben, während der Chasen in der Schul mit den drei beste» Sängern ein Quartett bildete, war es Elias Algesheimer, der sich alle erdenkliche Mühe gab, die Aufmerksamkeit der Lehrerin auf sich zu lenken. Trotzdem EliaS nur ein kleiner Makler war, der reichlich mit des Lebens Not -zu kämpfen hatte, um für sich, seine alte Mutter und Schwester den Unterhalt zu verdienen, fühlte er dennoch, wenn auch nur so nebenbei, sich berufen, dereinst zu den Honoratioren zu zählen. Zum mindesten wollte er ein f.inerer Mann sein, und mied daher auch alle die groben Redensarten, die unter den Viehhändlern, Metzgern, wie überhaupt bei den Leuten auf den Dörfern und beim Handel gebraucht wurden. ' (Fortsetzung folgt.)

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