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Der Israelit · 1909-10-21 · Heft 42 (21.10.1909) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 42 (21.10.1909)
Date
1909-10-21
Page
– (sequence 14)
Language
German
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& Seite 14. Nr. 42. Der JSraeltt. 21. Oktober 1909. iücherschav. Max Nordaus zionistische Schriften. Herausgegeben vom zionistischen Aktionskomitee. 8' 402 S. Köln und Leipzig 1909. Jüdischer .Verlag G. m. b. H., Nichts bereitet dem denkenden Beschauer der Zeitereignisse größere Schwierigkeiten als die' richtige Erfassung und Beurteilung einer Volksbewegung. ES handelt fich hier nicht um das nachempfindende und verständnisvolle Eindringen in die Wesensart einzelner hervorragender Gestalten, um deren Pläne, Absichten und Handlungen, eS liegt vielmehr eine erdrückende Fülle gleichartiger Lebensäußerungen ganzer Schichten zur Beurteilung vor, und aus ihnen soll ein gewisier, für wette Streife typischer Seelenzustand erschlossen und zur Darstellung gebracht werden. Die Gruppe gedanklicher Vorstellungen, in denen die Masse sich eins fühlt, tritt aber meist in Form von sogenannten Schlagworten in die Erscheinung, deren zündende Straft stets in der begrifflichen Weite ihres Umfangs und in -er begrifflichen Enge ihres Inhalts zu finden ist. Aus ihnen allein wird fich daher fast nie der wahre Charakter der betr. BolkSbew gung erschließen lasten. Man muß vielmehr auf die Entstehungsgeschichte dieser Schlagworte zurückgehen, und wenn eS gelingt, ihre Urheber feststellen, so gilt es nicht so sehr deren innerstes Wesen zu erfassen, als vielmehr das Geheimnis ihres Erfolges, oft ihnen selber unerklärlich, zu zergliedern und auf seine wirklichen Ursachen zurückzu fuhren. Denn wer die Maste durch Schlagworte erobert, der prägt ibr nicht seine Eigenart auf, der lehrt sie nicht nach der Weise seiner Gedanken zu denken, im Bann seiner Vorstellung zu empfinden, er bringt vielmehr lediglich die in ihr im Laufe der Jahre angesammelte Spannung blttzeSgleich zu plötzlicher Entladung und erscheint so als der Befreier tausender, unter der Wucht unklarer, aber drückender Empfindungen seuf zender Seelen, als der große BolkSkünder, der das Mysterium der stumm leidenden Bolkspshche mit beredtem Munde gelöst hat. Sin solcher BolOkünber ist Max N o r d a u den zionistischen Kreisen geworden, und eben darum darf die soeben anläßlich seines Sv Geburtstages vom zionistischen Aktionskomitee herausgegebene Sammlung seiner zionistischen Schriften auf ernste Beachtung all derer Anspruch erheben, die die zionistische Bewegung mit Jntereste und Aufmerksamkeit verfolgen. Es ist eine bekannte Tatsache, in welch e heblichem Maße der Zionismus mit Schlagworten operiert. Ihm daraus einen Borwurf zu machen, wäre unendlich töricht. Er hat, wie bereits gesagt, die Fülle der Schlagworte mit allen Volksbewegungen gemein. Man mag sich darüber ärgern, wenn man in Gesprächen oder in zionistischen Versammlungen zionistische Jünglinge auf diesen Schlagworten herumreiten sieht, als wären sie der Weisheit letzter Schlußder zionistischen Bewegung als solcher darf man sie nicht weiter zur Last legen. Der größte Teil dieser Schlagworte läßt fich nun mit Leichtigkeit auf Nordau als deren verantwortlichen Urheber zurückführen. Nordau ist ein getstvollrr Wann. Jede 'einzelne dieser nach Umfang und Charakter sehr verschiedenen, nun zu emem Bande vereinigten Kundgebungen legt hiervon beredtes Zeugnis ab. Er ist der Meister des Schlagwortes. Mindestens jede Kongreßrede brachte ein neues, das die Menge entrückte, und baS fie begeistert nachlallte — bis zur nächsten Kongreßrede. Bon den „Luftmenschen" btS zum afrikanischen „Nachtasyl', wer hätte fie nicht alle in Erinnerung, fie, die man seitdem unzählige Male hat wiederholen hören. Und doch wäre eS weit gefehlt, wollte n an in Nordau lediglich den geschickten Bolksmann, das große Genie des Augenblicks erkennen. Wer diesen Band durchlieft, der daS Denkmal einer mehr als zehnjährigen emsigen Arbeit im Dienste der ztontnischen Sache darstellt, der wird über die in allen wesentlichen Beziehungen imponierende Einheit und Geschlossenheit der Denk- und Anschauungsweise in Bezug auf die Angelegenheiten des Judentums, über die unerbittliche Wahrheit liebe und rücksichtslose BrkenntntSfteudtgkeit dem Verfasser die Anerkennung nicht versagen können. Hier spricht ein Mann, der jeden Augenblick tlar und ohne Schwärmerei wußte, waS er wollte und sofort auch zu erwägen bereit war, wie daS Gewollte unter den gegebenen Verhältnissen mit den gegebenen Mitteln zu erreichen feiein Mann, dem, sehr im Gegensatz zu Herzl, jedes Dämonische, jede Phantaste und alles Bestrickende abgeht, der aber dafür jederzelt mit beide» Füßen in der Wirklichkeit steht, mit ihr rechnet und mit ihr fertig zu werden fich bestrebt. Wahrlich, ein Parteigänger von unschätzbarem Nutzen, — ein Feütd von erschreckender Gefährlichkeit. Bon dm „Konventionellen Lügen" zu diesem Buche führt eine schnurgerade Linie. Es ist vollkommen unrichtig und verfehlt, wollte man auf daS Guthaben des Zionismus die Sinneswandlung dieses Mannes setzen. Aus dem SauluS ist niemals ein Paulus geworden. Nur der Schauplatz seiner* Tätigkeit hat fich geändert. Wie er einst ein schonungsloser Zertrümmerer der von der westeurorätschen Kultur produzierten, von ihm als Lüge denunzierten Werte war, so richtet er jetzt seine schneidende Klinge gegen die nach seiner Ueberzeugung morschen und zukunftSlosen Bestandteile des historischen Judentums, als dessen Sohn er fich zu fühlen gelernt hat, als dessen Regenerator er zu wirken entschlossen ist. Es ist wahr, er fühlt sich wieder als Sohn seines Volkes. Aber bezeichnend genug hat ihm dieses neu erworbene oder wieder erweckte Gefühl nicht ein einzige- Opfer in seiner bisherigen Art über Welt und Menschen zu denken, gekostet. „Ich sehe," so sagt er selbst (S. 369), „in der zionistischen Bewegung eine national-jüdische Bewegung, der ich mich anschlteßen darf, weil ich der jüdischen Rasse, dem jüdischen Volke angehöre. DaS jüdische Volk schließt frommgläubige Pfleger der Ueberlteferung und Freidenker in fich. Sie erkennen einander trotz dieser Verschiedenheit als Brüder an. Sie vermeiden, von dem zu sprechen, was sie trennt, und fie verweilen fteudig bei dem, was fie eint." Den Typus beSbewußtjüdischen Freidenkers produziert zu haben, das ist allerdings somit daS Werk des Zionismus, und wer in diesem TYpuS eine Errungenschaft erblickt, der ma i immerhin auf den „wiedergewonnenen" Nordau als glänzenden Erfolg der Werbekraft des zionistischm Gedankens hinweism, der mag, wie baS Aktionskomitee der zionistischen Organisation im Geleitwort zum vorliegenden Buch eS tut, in Nordau „einen neu erstandenen Jeremias , „den Herold unseres ZtonStbealS" feiern, mag mit drm Akttonskomitee in Nordaus Gesammelten Schriften und Reden „mit herzerschütternder Kraft die Klagen unseres Volkes verkündet sehen," fie als ein „glorreiches Denkmal für die Nachwelt" htnstellen. Wir gestatten uns anderer Meinung zu sein. Wir sehen in diesem Buche einen „Leuchtturm", der mit eifier nur dem Genius eigenen überwältigenden Klarheit die ganze Abgrundtiefe aufhellt, die den „neu erstandenen Jeremias" und seine GefinnungSgenossen, der die Herausgeber des Buches von dem historisch im Schrifttum und im Leben der Vorfahren überlieferten Judentum nun und für alle Zetten ttennt. Mit den verschiedensten Anschauungen über Judentum und Juden, mit einer großen Zahl von Etnwänden und Ausstellungen gegen zionistische Gedanken setzt fich Nordau in seinen Reden und Schriften auseinander. Nirgends aber findet sich auch nur der leiseste Versuch, fich mit der prinzipiellen Gegnerschaft der Gesetzestreuen zu befassen, ihre wahrlich oft genug vorgetragenen schweren Bedenken zu widerlegen. Es ist leicht, dem Assimilantentum seine Charakterlofigkeit und Nutzlosigkeit vorzuwerfenleicht auch, dem modernen Pfaffengeschwätz, dem Zion und Jerusalem nur eine Idee von Menschen» Verbrüderung ist, den Spiegel historischer Wirklichkeit entgegen,uhalttnman kann den Skeptikern, denen die den zionistischen Bestrebungen sich entgegen türmenden politischen Schwierigkeiten unüberwmolich erscheinen, ohne Mühe Mangel an Vertrauen in die Zukunft des Judentums vorwerfenendlich auch Nachweisen, -aß selbst der Sozialismus fich mit dem zionistischen Prinzip wohl vereinen lasse. All daS kann man, und Nordau tut es immer und immer wieder und setzt einen bewundernswerten Aufwand von Geist und Witz daran, die nämlichen Gedanken stets von neuem in überraschenden Wendungen, in prickelnden Paradoxen, ohne je langweilig zu werden, vorzutragen. Allein an unsere Adresse, an die Adresse der Gesetzestreuen, ist all das nicht gerichtet Uns, die wir in dem Judentum weder eine bloße Konfession und noch viel weniger eine bloße Rasse, sondern die schlechterdings untrennbare Synthese beider, der Konfession sowohl wie der Rasse, erblicken und uns als Beleg für die Wahrheit dieser Auffassung nicht nur auf das gesamte überlieferte Schrifttum, sondern vor allem auch auf die nun einmal nicht wegzuleugnende viertausenjährige Geschichte deS jüdischen Volkes, wie fie allen kund und zugänglich ist. berufen und zudem noch auf die überwältigende Mehrheit der beute lebenden Glieder des jüdischen Volkes Hinweisen, denen die nämliche Auffassung eigen ist, uns, sage ich, die mithin in der ganzen zionistischen Geschichtsauffassung nichts als eine eitle Geschtchtßklitterung nach subjektivster Willkür erblicken können, uns hat dieses ganze Buch, hat daS gesamte Schri ttum Nordaus schlechterdings nichts zu sagen. „Das Judentum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein," rief einst Nordau den Berliner Juden zu. Der Satz ist entweder eine Prophezeiung und alsdann belanglos, oder er enthält die Ueberzeugung von der Notwendigkeit, daß bas Judentum bet Strafe des Verlustes seiner Existenz in die zionistische Form fich werde überleiten lassen müffen. Welche Notwendigkeit ist hier fiemeint? Offenbar die kausale! Und hiertz wie auch onst im zionistischen Schrifttum, tritt jene gesellschaftswissenschaftliche Anschauung zu Tage, die der Zionismus mit dem Sozialismus teilt, die er von letzterem übernommen hat: der soziale Materialismus. Die Gesetzmäßigkeit deS Daseins des Judentums ist dem Zionismus in der Kausalität beschlossen. Und er postuliert für bas Judentum seine Organisation, weil sonst nach den Gesetzen der Kausalität der Untergang deS Judentums gewiß sei. Wir sind auch hierin anderer Anficht. Wir huldigen dem sozialen Idealismus und wissen uns auch hierin eins mit unserem gesamten Schrifttum, sowie vor allem mit unserer Vergangenheit. Die Gesetzmäßigkeit des jüdischen Gemeinschaftslebens ist uns eine wesentlich finale. Nicht die Einsicht in die Notwendigkeit deS Geschehens, sondern vor allem, ia ausschließlich die Einsicht in die Richtigkeit unseres WollenS und StrebmS erscheint unS als ausschlaggebende Norm für unser Handeln. Und weil daS zionistische Wollen unrichtig ist nach Lehre und Ueberlieferung, darum kann uns die zionistische Organisation nicht daS rechte Mittel zu rechtem Zwecke sein. Gestützt auf Lehre und Ueberlieferung sprechen wir daher alS eine finale Notwendigkeit den Satz auS: Das Judentum wird gesetzestreu sein oder eS wird nicht sein! I. 8. Weltanschauung und Freiheit. Bon Wilhelm Freiherr v. Pechmann. Max Hetnebach. München 1909. Ein Bortrag, der e ne Tat ist. Bon der Münchner Freistubentenschaft eingelaben, sprach der Berfaffer am 30. Juni 1909 über das Thema „Weltanschauung und Freiheit". Die Kampfstellung weiter Kreise wird genau charakterisiert als Ansturm gegen jede Religion, als die PerhorreSzierung jeder theisttschen Weltanschauung. Als erste und brauchbarste Waffe in diesem jedem Bekenner einer Religion aufgezwungenen Kampf schmiedet der Verfasser eine Definition des viel mißbrauchten Begriffes „frei" bezw. freie Weltanschauung, indem er zunächst der Genefis einer Weltanschauung nachspürt» Zur Schule führt der erste Schritt und da kann es den gegenwärtigen Kämpfern für den obligatorischen Religionsunterricht eoüte qui coüte nicht deutlich genug ins Stammbuch geschrieben werden, waS der Verfasser über die traurigen Folgen eines Konflikts zwischen Schule, Kirche und HauS andeutet (S. 13). In Kopf und Herz deS um eine Weltanschauung Ringenden führt der zweite Schritt, zur Wehestunde der ersten skeptischen Regungen, bis zur Vermählung mit atheistischer Weltanschauung. AuS diesem Kapitel nur ein markanter Satz: „Das Verhältnis ist umgekehrtdiese Abwendung (oci. vom Gottesglauben) ist daS primäre, eine atheistische Auffassung und Deutung der naturwissenschaftlichen Ergebnisse, daS sekundäre Moment." Als Weg und Symptom zugleich wird vom Verfasser die Presse dargestellt, die Anamnese schließt mit tem Schuldkonto des politischen Liberalismus in Beziehung auf die Religion. Aus all diese» teils sehr versteckten Quellen entspringt nach den Ausführungen des Verfassers zunächst der Irrtum, baß eine Weltanschauung i. r. die Lösung des Welträtsels, auf dem Wege deS Wissens erworben werden tönnte. Als Beweis für die geradezu, epidemische Wirkung dieses Irrtums beleuchtet der Verfasser Haeckels „Welträtsel", ihre Verbreitung und ihre Wirksamkeit einerseits, die fast vergeblichen Anstrengungen ihrer ehrlichen Gegner andererseits. In feiner Weise, und hier ist daS pllncium saliens, weist der Betfasser nach, daß gerade die „freien" Monisten den „blinden" Autoritätsglauben der von ihnen Geschmähten bet weitem übertreffen. Es ist die Macht eines „Glaubens", der die Reihen der Monisten zusammengeschweißt hat. Zitate aus ernsten Werken dienen dem Verfasser dazu, nachzuweisen, daß denn doch Kants Kritik nicht umsonst geübt wurde. Diesen Maßstab legt der Verfasser auch da an, wo er die Möglichkeit der Konstruktion einer Weltanschauung aus „inneren Gründe" nachzuweisen versucht. Aus dem Sehnen geboren, werden diese Gründe durch ein Wollen zur Tat, fügen wir hinzu, das Wollen in Bezug auf Prüfung und Anerkenntnis von Autoritäten. Hier ist Freiheit im erwählten Glauben, oder wie die B bel sagt ü^rQ fnrttl- Indem der Verfasser das Problem des Uebei« in der Welt, bezw. die Stellungnahme zu diesem Problem als Beispiel behandelt, das Uebel selbst als das Fehlen deS Bewußtseins der Zweckmäßigkeit der Welt und ihrer Erscheinungen definiert, findet er den Uebergang zur Gottesidee, zur freudigen Erfassung deS Lebens auf religiöser Grundlageletztere ist aber dann gegeben, wen» die Gottesidee aus dem Gebiet philosophischer Deduktionen in den Bereich deS Offenbarungsgedankens getragen wird. So weit der summarische Inhalt deS Vortrags. Es wird schwer, sehr schwer, nach dem mächtigen Eindruck, den man von dem ernsten Streben und ausgeretsten Denken de- Verfassers empfangen hat, nach dem Entschlüsse, diesm Vortrag seinen Kindern und Schülern getrost in die Hand zu geben, auch noch Kritik zu üben. Diese erstreckt fich weniger auf das spezifisch Christliche — denn daS ist des Verfassers gutes Recht — sondern hauptsächlich auf einen Punkt, auf das, was der Verfasser ttlfs Vorstellungen -er Weltanschauung nennt lS. 17). ter scheidm sich die Wege deS Verfassers und deS Bibelgläubigen im Sinne altjüdischer Gesetzestteue. Der Abfall im! jüdischen Lager begann zum großen Teil mit solchen Differenzierungen. Allein bas barzulegen ist hier nicht Raum und Gelegenheit. Aber sei dem, wie ihm wolle- Dank gebührt dem Berfaffer für das, waS er will und Dank für daS, was er sicher bei ernsten Menschen erreicht. ES ist ein herrliches Symptom, wenn Männer des Nährstandes, noch dazu in so hervorragender Stellung, wie der Berfaffer, so mannhaft für Gottesidee und Offenbarung eine Lanze - brechen, vivant sequentea. P. K.

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