Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1909)
- Date
- 1909-10-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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T?i)a»-:i-%'+£ <ir<*.tY*'>w avv*., 21. Oktober 1909. Der JSraeltt. Sette 9. Rr. 4L falschen Anschuldigung fingiert wurden, wofür auch die festgestellte Tatsache spricht, daß sowohl die Namen der Briefschreiber, wie die, welche die Briefe betreffen, in Wirklichkeit gar nicht existieren. Diese Briefe oder deren Reste, die man bei den nächtlichen Haussuchungen in den Papierkörben der Rabbiner unglücklicherweise gefunden hat, dienen nun als die einzigen Indizienbeweise zur Aufrechterhaltung ihrer Untersuchungshaft. Man sieht mit großer Besorgnis dem Ausgang der Sache entgegen. Die Berbandspreffe jubelt. Hoffentlich doch zu früh, denn sicherlich finden sich auch noch in Rußland Männer, die alles aufbieten, um ein Justizverbrechen unmöglich zu machen, unter dem sonst ein ganzes Volk bitter zu leiden hätte. Odessa, 11. Okt. Bei der Ersatzwahl zur Reichsduma für den Abgeordneten Pergament wurde Rechtsanwalt Brodsky, der der Kadettenpartek angehört, gewählt. Die Oktobristen hatten der Bande „echtrussischer Leute" den Kampfplatz überlaffen. Diese entwickelten vor der Wahl eine unheimliche Tätigkeit. Sie drohten, wie berichtet wurde, den Juden mit Pogromen und bedienten sich des ganzen städtischen Verwaltungsapparates, um die Wähler in schamloser Weise zu terrorisieren. Aber es half alles nichts! Selbst der vom Stadthauptmann Tolmatschow ausgeübte Hochdruck zu gunsten der „echten Russen" blieb wirkungslos - und der jüdische, der Kadettenpartei angehörige Kandidat wurde schon im ersten Wahlgange mit bedeutender Majorität gewählt. Eine solche eklatante Mederlage haben sich die Pogromhelden gewiß nicht träumen laffen. Brodsky ist als tüchtiger Rechtsanwalt, besonders auch in polittschen Prozessen sehr bekannt und gesucht. Er ist 46 Jahre alt und steht auch, obzwar erst feit 15 Jahren in Odessa ansässig, im Mittelpunkte des hiesigen öffentlichen Lebens. Besonders trug ihm seine Unabhängigkeit der Gewaltpolitik Tolmatschows gegenüber die Sympathien aller jüdischen und liberalen Kreise ein. In der innerjüdischen Politik hat sich B. bisher wenig hervorgetan, so daß die Gesetzestreuen weder Grund haben ihm von vornherein mit Mißtrauen zu begegnen noch große Hoffnungen an seine Wahl zu knüpfen. (Vergleiche Wochenrundschau.) England. Die religiOfe öewegung in bon9on. London, 11. Oktober. In einer großen Sucoth-Predigt hat Chief Rabbi Dr. Adler gegen die von der „Jewish Religious Union" unter Führung von Claude Montefiore geplanten neuen Sonntagsgottesidievste . Stellung genommen. Man merkte es dem Redner an, wie tief erregt er von dieser neuen Wendung der Dinge ist, welche in die bisher mühsam bewahrte Einheit des Kultus unter den englischen Juden (die Reform-Synagoge des Prof. Marx kam kaum in Betracht) Bresche zu schlagen droht. Hätte Dr. Adler schon Kenntnis von dem Hirtenbrief gehabt, den Claude Montefiore inzwischen an seine Gläubigen versandt hat, so würde er wohl auf die Frage des Sonntagsgottesdienstes weniger eingegangen sein, als auf die offen proklamirte Verleugnung fast sämtlicher Fundamentalprinzipien des Judentums, wie sie Claude Montefiore — allerdings nicht zum ersten Male — jetzt äußert. Der Unterschied gegen früher ist nur, daß durch den Bau einer eigenen Synagoge und dieGründung einer in jeder Beziehung selbständigen Gemeinde die „liberalen Unionisten" sich in der Tat zu einer Art neuer jüdischer Kirche konstituiren. Die Bekenntnisschrift, die Claude Montefiore versandt hat,.entyält nun natürlich für den Kenner der Verhältnisse keinen einzigen originellen Gedanken. Man kann das ganze Programm kurz dahin zusammenfaffen: Verwerfung jeder Autorität des — als Fälschung angesehenen und doch ^verehrten" — Pentateuchs sowohl als auch der mündlichen Lehre- Beibehaltung einiger altjüdischer Zeremonien wie Beschneidung, Sabbat, Festtage rc. aus Pietäts- und Opportunitätsgründen) der Glaube an einen Gott und an den Sieg des.Guten auf der Welt) dabei etwas verschwommener Unstreblichkeitsglaube und Verwerfung jedes jüdischen Nationalismus. C’est tont! Das Unternehmen würde gänzlich ungefährlich sein, wenn diejenigen, die sich zu diesem Glauben bekennen, sich öffentlich und ehrlich vom JudentiUne losfagten. Das ist aber nicht der Fall. Sie behaupten und beanspruchen vielmehr, gute Juden zu sein, und die weltgeschichtliche Sendung des Judentums erst in Wirklichkeit zu vollbringen. Man sollte jedoch annehmen, daß nur vollendete Wirrköpfe sich von dem Phrasengeklingel derer um Montefiore betören lassen könnten. Wenn das Judentum in der Tat nichts bedeutet als den Glauben an einen Gott, und wenn dieser Glaube nicht auf einer zuverlässigen historischen Überlieferung, sondern auf Ahnungen und Stimmungen beruhte, dann lohnte es sichwirklich nicht, das Martyrium des eJudentums weiterzutragen. Nichts hindert die eute, die an diesem Punkte der Skepsis angelangt find, sich für konfessionslos zu erklären und damit wen intens auf die Fälschung des historischen Begriffes des Judentums zu verzichten. Im Uebrigen bildet;a auch die zionistische Bewegung für die klarer denkenden Elemente unter den jüdischen Freigeistern einen geeigneten Unterschlupf. Es ist jedenfalls relativ logischer, sich für eine religionslose jüdische Nationalkultur zu begeistern, als für ein künstliches religiöses Gebilde, das der Idee einiger moderner Salonjuden seine Entstehung verdankt. Meines Erachtens kann es auch nicht ausbleiben, daß die jüdische Reformbewegung in England sowohl wie anderwärts innerhalb der nächsten Dezennien zum Teile in völlige Assimilation, zum Teil in religionslosen Zionismus einmündek. Dann werden sich als einzig überlebende geistigen Mächte in der Judenheit der Zionismus und die Orthodoxie geg nüberstehen. gvankveiäf. Paris, 16. Okt. Von der traurigen Lage der marokkanischen Juden zeugt wiederum eine Mitteilung der hiesigen Blätter von blutigen Ausschreitungen gegen die Juden in der Provinz Asemur. Wie aus Tanger berichtet wird, ersuchte der Pascha dortselbst den Befehlshaber des französischen Militärpostens von Sidi Hali um Beistand, der ihm auch gewährt wurde. Eine französische Schützenabteilung stellte die Ordnung in Asemur wieder her und kehrte nach Sidi Hali zurück. Da der Pascha aber befürchtete, daß sein Schritt das Mißfallen Mulai Hafids erregen könnte, hat er dem Sultan eine beträchtliche Geldsumme gesandt. So muß vom Beherrscher des schwanen Erdteiles daS Recht, seine Landeskinder vor fanatischem Gesindel zu schützen erst um teures Geld erkauft werden. S&rtei Konstantinopel, 15. Okt. Wie verlautet, hat Herr Haim Nahoum für die Lehrer an den Alliance-Schulen Befreiung vom Militärdienste erlangt! Während also Hunderte von thoratreuen Jüngern der Jeschiboth, tausende von jungen Leuten, denen die Entweihung des Sabbat und der Speifegesetze ein todeswürdiges Unrecht ist, unter dem glorreichen Szepter des Herrn Nahoum zur Verletzung ihrer heiligsten religiösen Pflichten gezwungen werden sollen, haben die gebildeten Herren Alliance-Lehrer die Möglichkeit, ihre Sabbate in der bei ihnen üblichen Weife weiter zu feiern! Amerika. New Aork, 4. Okt. Am Sonntag o"nn mro wurde hier die erste Ausstellung der Produkte amerikandsch-jüdischer Farmer eröffnet. An der Eröffnungsfeierlichkeit nahmen auch Vertreter der Regierung teil. Mr. Isidor Straus wies in seiner Eröffnungsrede auf die Entwicklung des Farmerwesens unter den Juden hin und meinte, der Kongreß der jüdischen Farmer und die damit verbundene Ausstellung seien die beste Antwort auf all die Versuche, die gemacht würden, die Einwanderung einzuschränken. Mr. Williams M. Hayes, Sekretär im Ackerbauministerium, begrüßte die Farmer im Namen der Regierung und gab seiner Freude Ausdruck, im Kreise der jüdischen Farmer erscheinen zu können. Die Regitzrung sei bereit, die jüdischen Farmer mit Rat und Tat zu fördern. Er gab den versammelten Farmern mehrere wertvolle Winke, die sie für die bessere Ausnützung des Bodens nötig haben. Die Ausstellung selbst hat unter den New Aorker Juden das lebhafteste Interesse hervorgerufen. Während der ganzen Zett war die Ausstellung unausgesetzt von Tausenden von Besuchern besichtigt worden. Man sah hier nicht nur die verschiedensten Bodenprodukte, sondern auch die allerneuesten technischen Behelfe — sogar die neuesten Brutmaschinen — ausgestellt. Interessant find die Spezialausstellunaen der berühmten BaronHirsch'schenAckerbauschule in Woodbine, in welcher täglich mehrere Stunden hindurch populärwissenschaftliche Vorträge über verschiedene landwirtschaftliche Fragen abgehalten wurden. Auf dem -Dache des AusftellungsgebäudeS wurde eine kleine Müllerfarm mit Gartenwirtschaft io oatur» hergestellt. vensiredt«. Stuttgart. 17. Oktober, In tem Würtembergischen Staatsanzeiger waren am 16. Juni d. I zwei Steckbriefe deS Kgl. Würtembergischen Gerichts der 27. Älvifion veröffentlicht worden. Davon war der eine gegen einen Musketier Haug, der andere gegen einen vormaligen Einjäh,ig-Freiwilligen der Reserve Nathan gerichtet. Wahrend bei dem letzteren daS Wort „Israelit" beigeseyt war, fehlte bei dem anderen Steckbrief die Angabe des Religionsbekenntnisses. Dies veranlaßte den Borstand des „Zentralverein-,"sich am 7. IM d. I. an daS Kgl. Württembergifche Sriegsministerium mit eine* Beschwerde zu wenden, auf die ein vom 16. August d. I. datierter Bescheid deSwürttembergischen KttegsministerS erfolgte. In diesem Bescheide heißt es: „Der mit dem Ermittelungsderfahren in der fraglichen Untersuchung beauftragte Srteasaettchtsrat, welcher jenen Steckbrief entworfen, hat sich dahin geäutzer, daß ihm jede Betätigung einer antisemitischen Gesinnung iernliege und auch bei dem Steckbrief ferngelegrn habe. In dem ihm Vorgelegen« Stammrollenauszug sei nur Alter und Religionsbekenntnis des Flüchtigen angegeben gewesen Um die in 8 183 M. St. G. O. vorgefchr ebene möglichst genaue Personalbeschreibung zu geben, Hobe er daher die Bezeichnung „Israelit" ausgenommen. DaS Kriegsmintstcrtum hat Veranlassung genommen, zu bemerken, daß der vorliegende Fall zeige, nie eine derartige Bezeichuung wenigsten« den Eche n rrweckm könne, eS sei damit auf eine gewisse'Bloßstellung de: e ngchvttgrn des israelitische« GtaubrnS abgesehen und es fich,sowett nicht jeweils besondere Gründe i orliegen, daher empfelen möchte, von Angabe deS Religionsbekenntnisses in Steck, riefen (deren Abfassung tm übrig« dem Ermessen deS GertchtSherrn zukommt) abzusehen". Burgkundstadt, 15. Okt. Der zwischen der hiefigen Stadtgemeinde und den Mitgliedern der htestgen israelitischen Kultusgemetnbe fett langem bestehende Streit, ob letztere verpflichtet sei. an den Schulumlagm für die dortigen öffentlichen Volksschulen tetkzunehmen, ist nun zu gunsten der letzteren entschieden worben. Die städtischen Kollegien hatten, wie schon früher des öfteren, auch in den Jahren 1903 und 1904 wieder beschloss«, zur Deckung der Bedürfnisse der Volksschulen Schulumlagm mtt 90 und 60 Proz. zu erheben, die AusstchtSbehürde genehmtgtelkauch die Voranschläge für 1903 und 1994 und eine Ausscheidung der Umlagm für die christlich« und für die israelitische Schule wurde von keiner Sette beanttagt, obgleich in Burgkundstadt eine israelitische Schule besteht, die auS dm eigen« Mitteln der dorttgm israelitisch« SultuSgemetnde unterhalt« wirb. Nachträglich verlangt« nun diese von der Stadt die Rückerstattung der von ihn« in dm Jahr« 1908 und 1904 erhob«« Schulumlagm, indem sie sich auf Art. 3 Abs. 8 de» SchulbebarftgesetzeS von 1908 stützten. Dieser Artikel bestimmt, daß Angehörige eines Bekenntnisses, die a«S ei amen Mitteln eine Schule ihrer Religion oder Konfession unterhalten, zu d« tm Sprengel dieser Schule angelegt« Steuer. Umlagm für Zwecke öffentlicher Volksschulen nichts zu entrichten Hab«. Der Stadt» Magistrat Burgkuudstadt verweigerte die Rückzahlung dieser Umlagen, das Bezirksamt LtchtenfelS erklärte aber mit Beschluß vom 29. Februar 1908 die Stadtaemetnde Burgkundstadt zur Rückerstattung für verpflichtet, dir oberfränlische Regierung verwarf die htergeg« vom