Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1909)
- Date
- 1909-10-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 8 Nr. 42 Der Israelit. 31. OktsV« 1809 „ohne jegliches Recht" Schweigen als Tinwilligung behandeln zu wollen erklärt Haben, darüber wollen wir mit bem Vorstxheramt nicht rechten. Wir find von der Auffassung ausgegangen, daß Sie entsprechend den in gebildeten Kreisen allgemein herrschenden Gepflogenheiten unter allen Umständen es als eine Pflicht erachten würden, eine höfliche Anfrage zu beantworten, und wir wollten Ihnen für den Fall der Zustimmung die Mühe einer Antwort ersparen. Wenn wir uns darin gatäuscht haben, bedauern wir dies: wir werden es in Zukunft nicht vergessen. Tagegen müssen wir mit aller Entschiedenheit Ihre Verwahrung als unbegründet und den Ausdruck „Fiktion" als gänzlich unberechtigt zurückweisen. Der „Verband der Deutschen Juden" ist der Vertreter der Deutschen Judenheit auf.Grund der Vollmachten, die ihm von der gesamten deutschen Judenheit erteilt worden sind. Wenn wir jetzt sehen, daß wir das Vertrauen des Vorsteheramtes zu Fulda nicht haben, so werden wir vor die Erwägung gestellt, ob' wir in unseren Publikationen nicht mitteilen sollten, daß wir die ganze deutsche Judenheil mit Ausnahme des Borsteheramtes zu Fulda vertreten. Indessen steht uns das Interesse an der Gesamtheit so hoch, daß wir es gern vermeiden möchten, auch nur den kleinsten Teil der deutschen Juden einem abfälligen Urteil in der Oefsentlicykeit preiszugeben, und es ist deshalb leicht möglich, daß wir uns entschließen werden. Ihnen dies zu ersparen. Daß im übrigen auch die Interessen der strenggläubigen Juden bei uns eifrig gewahrt werden, dafür bürgt uns neben der Gesinnung der mit der Führung der Geschäfte des Verbandes betrauten Personen schon die Teilnahme von Männern wie Kommerzienrat Benjamin Hirsch-Halberstadt, Prof Barth- Berlin, Tr. Hirsch Hildesheimer-Berlin, Gumpertz- Hamburg, Oskar Berlin-Berlin und anderen an unserem Verbände. Herren, deren Selbstbewußtsein so weit geht, daß sie die Interessen der orthodoxen Juden nur in ihren eigenen Händen, nicht aber bei Männern, wie den eben von uns erwähnten, gewahrt vermeinen, überzeugen zu wollen, wäre ein unfruchtbares Beginnen: wir verzichten darauf. Verband der deutschen Juden. (gez.) Dr. Horwitz, Vorsitzender. J.-Nr. 185. Vorsteheramt der Israeliten. Fulda, den 19. Oktober 1909. An den Ausschuß des „Verbandes der deutschen Juden", Berlin. Auf Ihr gefl. Schreiben vom 6. Oktober beehren wir uns' Folgendes zu erwidern: Der erste Teil Ihrer gefl. Zuschrift ist nicht verständlich. Sie sprechen darin von einer Anfrage, die Sie an uns gerichtet hätten, während weder in dem Schreiben vom 9. noch in dem vom 24. August eine Anfrage enthalten ist. Wenn Sie sich auf die Gesetze der Höflichkeit beziehen, um daraus eine Berechtigung, unser Schweigen als Zustimmung behandeln zu wollen, abzuleiten, so müssen wir Ihnen wiederholt diese Berechtigung streitig machen, indem wir hervorheben, daß es im bürgerlichen Leben im allgemeinen nicht als üblich gilt, aus der Unterlassung ausdrücklichen Widerspruchs Zustimmung zu deduzieren. Wenn Sie Ihrerseits das Unzulässige Ihres Verfahrens nicht einsehen, so hat das seinen Grund in Ihrer Anschauung, daß der „Verband der deutschen Juden" sich gls die Vertretung der deutschen Gesamtjudenheit betrachten dürfe. Wir bedauern nun, diesen Anspruch Ihres Verbandes, der sich auch in dem Namen desselben ausprägt, nach wie vor als auf einer Fiktion beruhend bezeichnen zu müssen. Hierzu berechtigen uns die vorhandenen Tatsachen und zwingen uns die religiösen Interessen des historischen, gewöhnlich orthodox genannten Judentums. Tatsächlich stehen außer dem Vorsteheramt zu Fulda eine große Zahl angesehener Vereinigungen und Körperschaften (wir nennen, abgesehen von der ^Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", nur die gesetzestreuen Verbände von Rheinland, Westfalen, Bayern, Baden, Württemberg, die Verbände gesetzestreuer Rabbiner, den gesetzestreuen Lehrerbund), ebenso hunderte von Gemeinden und viele tausende gesetzestreuer Glaubensgenossen Ihrem Verbände fern, und zwgr weder aus Jndisserentismus, noch aus dem von Ihnen vorausgesetzten dünkelhaften „Selbstbewußtsein", sondern kraft ehrlicher und tief wurzelnder religiöser Bedenken, für die Sie bedauerlicher Weise kein Verständnis zu besitzen scheinen. Diese prinzipiellen Bedenken hier zu entwickeln, dürste überflüssig sein; sie sind in der Presse wiederholt sachlich un d überzeugend auseinandergrsetzt worden. . Was aber im gegenwärtigen Augenblick es zu einer gebErischen Pflicht macht, Ihrem Anspruch, als Vertreter der deutschen Gesamtjudenheit zu gelten, mit allem Nachdruck öffentlich entgegenzjutreten, sind die bereits -in unserem früheren Schreiben erwähnten Bestrebungen aus Einführung einer einheitlichen Zwangsorganisation für die preußische Judenheit, in beftett der Verband — entgegen den feierlichen programmatischen Versicherungen eines seiner ersten Führer, daß der Verband sich mit der Orgamsationsangelegenheit seinerseits nicht befassen werde — eine treibende Kraft geworden ist. Die Fiktion, daß die ganze deutsche Judenheit ohne Unterschied der religiösen Ueberzeug u n g Hinter Ihrem Verbände stehe, leistet nämlich der Vorstellung, als sei 'eine einheitliche staatliche Organisation der jüdischen Religionsgemeinschaft ohne Vernichtung der religiösen Wahrhaftigkeit und Gewissensfreiheit möglich, in der gefährlichsten Weise Vorschub. Der gesetzestreue Jude, der sich über die ganze Tragweite dieser unheilvollen Bestrebungen des Verbandes klar ist, kann daher selbstverständlich Nicht anders als Gegner desselben sein. Wenn trotz dieser schwerwiegenden religiösen' Bedenken einige namhafte gesetzestreue Herren sich entschlossen haben, dem Verbände ihre Mitwirkung zu leihen, so können wir hierfür keine andere Erklärung finden, als daß sie vermeinen, durch das Gewicht ihrer Persönlichkeit den Verband von .derartigen und sonstigen das überlieferte Judentum bedrohenden Bestrebungen mehr oder minder zurückhalten zu können. In Wahrheit erweist sich jedoch diese Hoffnung als unbegründet, da der Verband durch sein Verhalten wiederholt bewiesen hat, daß er nicht gewillt ist, seinen Charakter, bestehend in der Verkörperung einer über die religiösen Gegensätze hinweg scheitenden und daher nach unserer Ueberzeugung innerlich unwahrhaftigen und gefährlichen Anschauung, durch Berücksichtigung der Wünsche jener Herren aufzugeben. Wenn wir voraussetzen dürften, durch diese offene' Aussprache auf Ihrer Seite eine gerechtere Würdigung unserer Stellungnahme herbeizuführen und Sie in Zukunft zur Vermeidung persönlich verletzender Kommentare dieser unserer Haltung zu bestimmen, so wäre damit immerhin dem wahren Frieden in der deutschen Judenheit ein Dienst erwiesen. SSei der allgemeinen Bedeutung des Gegenstandes haben wir uns veranlaßt gesehen, die gesamte Korrespondenz der Oeffentlichkeit zu übergeben." (gez.) Nußbaum. Eschwege. Dr. Stern. Stiebet. (Wir kommen auf diese interessante Corre spoydenz zurück. Red.) Posen, 18. Oktober. Vorige Woche fand hier im Repräsentantensitzungssaale der jüdischen Gemeinde die Quartalssitzung der „Vereinigung von Rabbinern der Provinz Posen zur Wahrung des überlieferten Judentums" statt. Es waren anwesend die Rabbiner Dr. Feilchenfeld- Posen, Bamberger-Schönlanke, Blum-Posen, Grünthal-Pinne, Krauß-Schildberg, Lewin- Wreschen, Silberberg-Schrimm, Theodor- Bojanowo und Wreschner-Samter. DieRabb. Dr. Cohn-Rawitsch, Lewin-Kempen, Dünner -Rogasen und Weyl-Czarnikau waren entschuldigt. Nach Eröffnung der Sitzung machte der Vorsitzende Dr. Wreschner einige geschäftliche Mitteilungen und erstattete sodann Bericht über die zu G'inili v'v' erfolgte Versendung von Zirkularen und Broschüren über die Bedeutsamkeit und Heiligkeit der nitfipm m: 'n; es wurde beschlossen, weitere 500 Zirkulare drucken zu lassen. Eine Anfrage Dr. Theodors über die relionsgesetzliche Zulässigkeit von Sanatogen etc. für Zuckerkranke wurde auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung gesetzt, wo sie Gegenstand einer halachischen Erörterung bilden soll. An den interessanten und gründlichen halachischen Bortrag Dr. Silberbergs über ^212 roSn schloß sich eine rege und allseitige Diskussion an. An Stelle eines in letzter Stunde abgesagten Vortrages erfreute Herr Rabb. Dr. Feilchenfeld in' liebenswürdiger Weise die Teilnehmer mit einer geistreichen Erörterung einer Agada-Stelle in Sukkot 48 b, deren historische und philosophische Grundlage er klar darlegre. Mit Worten des Dankes an die Redner schloß darauf der Vorsitzende die Versammlung, die nächste wurde auf den 3. Januar festgesetzt. ©efierrstdj. 5ur frage Des Katasters in 9er Buhoroina. Wien, 15. Okt. Montag den 11. d. fand im Cafe Konkordia eine von jüdisch nationalen Wählerneinberufene, zahlreich besuchte Wählerversammlung statt, in welcher die politische Lage des österreichischen Juden, die Frage des jüdischen Katasters in der Bukowina und die Tätigkeit des Abgeordneten Kur an da besprochen wurde. Der Referent Gg. Dr. Jakob Kohn schilderte in großen Zügen die Entwicklung der jüdischen Politik in Oesterreich bis zur Gründung des „Jüdischen Klubs". Hierauf besprach er die Tätigkeit der iüdisch.liberalenAbgeordnten Ofner und Kuranoa, die er scharf verurteilte. Schließlich schlug Dr. Kohn der Versammlung die Annahme folgender Resolution vor: „Die Lage des jüdischen Volkes in Oesterreich wird täglich schwieriger. Angesichts der Lauheit seiner Freunde kann es dem Ansturm der Feinde nur widerstehen durch eigene Kraft und Zähigkeit, erwiesen und gestählt in seinem Jahrtausende al en Kampf um die Existenz. In diesem Kampfe kann das jüdische Volk nur Vertreter und Führer brauchen, die ganze Männer und selbstbewußte Juden sind. Da das bisherige politische Auftreten des Ab-. Kur and a den gänzlichen Mangel tiefer Eigenschaft bei t emselben klar autzezelgt hat, fordert die am 11. Oktober im Saale des Kafe Korkordta zahlreich versamm lte jüd sche Wählerschaft des l. Bezirks den Herrn Hofrat Kn anda auf, sein Abgeordneteumandat zurückzulegen." An der Debatte beteiligten sich Brunner, Obering. Fried, Dr. S. R. Landau u.v.a. Nach einem zusammenfaffenden Schlußworte des Herrn Dr. Kohn wurde die beantragte Resolution einstimmig angenommen. Eine starke Gruppe der Versammlungs-Teilnehmer zog nach der Versammlung zur Wohnung Kurandas und zur „Neuen Freien Presse", wo sie Demonstrationen veranstalteten. Daß diese letztere Art der Meinungskundgebung von allen Besonnenen scharf verurteilt wird, bedarf nicht erst -er besonderen Erwähnung. Czernowitz, 17. Oktober. Die mit der Wahlreform für die Bukowina im Entlvurf des Permanenzausschuffes geplante Blldung einer jüdischen Kurie ist nunmehr, wie bereits mitgeteilt, durch die Regierung endgtltig abgelehnt worden. Wie bekannt, hat der Minister alle Argumente des Entwurfes nicht gelten lassen und höchstens das Recht der Juden auf sog. MinoritäsMandate anerkannt. Entsprechend dieser Erklärung des Ministers des Innern wurde der Entwurf des Permanenz-Ausschusses durch die R^ierung abgeändert und ist bereits in veränderter Gestalt dem Landesausschuß übermittelt werden. Durch die Beseitigung der jüdischen Kurie und des jüdischen Katasters erwies sich eine Reihe von Aenderungen als nötig, so daß sich dadurch die Erledigung der Wahlreform im Landtag, der für den 15. Oktober einberufen ist, wesentlich verzögern wird. Ruftlarrv. Unter falschem verdacht. •' - - Min-;'17.'OK Unter der Anschuldigung, einer Organisation zur Befreiung jüdischer Jünglinge vom Militärdienste angehört zu haben, sind nicht weniger als -16 Rabbiner in Lithauen verhaftet worden, u. a. auch Rabbiner Ratner aus Dwinsk, Polak aus Reschitza und Kahn aus Moholiw. Alle verhafteten Rabbiner hat man nach Jekaterinoslaw verschickt, wo sie m der Haft verbleiben. Dank vielen Bemühungen wurden sie in eine gemeinsame Zelle gesperrt in der Nachbarschaft der zum Tode Verurteilten. Nach der Untersuchung wurden vorläufig nur die Rabbiner Ratner und Polak freigelassen. Diese Verhaftungen haben begreiflich in ganz Lithauen wie unter der gesamten russischen Judenheit tiefgehende Erregung und große Bestürzung hervorgerufen, umsomehr als man von der Unschuld der Rabbiner und der Haltlosigkeit der ganzen Anklage fest überzeugt ist. Tatsache ist, daß viele Rabbiner in letzterer Zeit Anfragen und Offerten betreffs Mllitärbefreiung erhalten haben, die aber alle unbeachtet und unbeantwortet blieben. Es kayn gar kein Zweifel darüber herrschen, daß es sich hier um Briefe handelt, die . von Verbändlern zum Zwecke der