Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1909-10-21 · Heft 42 (21.10.1909) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 42 (21.10.1909)
Date
1909-10-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449352-2449395--65967-2508633
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

- Ste 4L Sette 7 Ä. Oltrver IM. Der Israelit. zuführen, um die unterschiedliche Behandlung jüdischer und christlicher Ausländer zu verhüten. Der Verband gibt auch ein Korrespondenzblatt heraus, wie aus dem Bericht hervorgeht, und unterhalt innerhalb Deutschlands Beziehungen zu einer großen Zahl von Korrespondenten. Es ist ferner die Bildung einer apologetischen Bibliothek ins Auge gefaßt worden. Auch auf dem Gebiete der SonntagSruhe- Gesetzgebung hat der Verband einzugreifen versucht und zwar nicht nur wegen der geschädigten Kaufleute, die am Sabbath geschlossen hatten, sondern auch des kaufenden Publikums wegen, soweit es seine Einkäufe am Sabbath nicht besorgen will und sie infolge der völligen Sonntagsruhe nicht besorgen könnte. Wir wissen nicht, ob dieser letztere Beweggrund von Seiten des Verbandes den Behörden gegenüber geltend gemacht wurde und glauben kaum, daß er geeignet ist, irgendwelchen praktischen Erfolg zu zeitigen. Der Bericht des Vorsitzenden schließt mit der Mitteilung, daß der Verband in einer gemeinsamen Kommission mit dem deutsch-israelitischen Gemeindebunde einen Entwurf für ein neues Judenorganisationsgesetz in Preußen vorbereitet habe, doch sei auf diesem Gebiete noch alles flüssig, wie sich der Referent ausdrückt. Er verläßt diesen Gegenstand mit den Worten: „Wie haben auf der heutigen Tagung sonst nicht weiter auf ihn einzugehen." Dem Bericht des Vorsitzenden waren einige Worte der Begrüßung von Seiten des Herrn Justizrat Wollstein, der im Aufträge der Synagogengemeinde Breslau sprach, sowie eines Vertreters des Regierungspräsidenten, der seinerseits für die freundliche Begrüßung, die ihm der Vorsitzende hatte zu Teil werden lassen, dankte, vorangegangen. Die eigentliche Tagesordnung bildeten 3 Referate. Herr Rabbiner Dr. Guttmann bestritt den -religiösen beziehungsweise den apologetischen Teil mit seinem Vortrag: „Die Idee der Versöhnung im Judentum," die Herren Justizrat Breslauer-Berlin und Landtags- Abgeordneter Justizrat Wolff-Liffa den politischen TeU. Der erstere sprach über „Die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen", das Thema des letzteren lautete: „D i e Juden der Oftmarken, was haben sie dem preußischen Staat und was hat er ihnen geleistet?" Beide Vorträge legten Zeugnis von einer gewissenhaften und eingehenden Prüfung der Verhältnisse av und gipfelten schließlich in den folgenden Thesen: Der preußische Staat hat ein dringendes Interesse an der Erhaltung der stets vaterländisch gesinnten jüdischen Bevölkerung in den Ostmarken. Daher fordern wir 1. In politischer Beziehung: Gerade in den Ostmarken sollte die Regierung a) die gesetzliche Gleichberechtigung der Staatsbürger auf allen Gebieten des StaatSlebenS auch für die Juden verwirklichen und namentlich auch bei der Besetzung der öffentlichen Aemter die Juden nicht zurücksetzen, b) b. i Gestatt.ng des Aufenthalts und bei Verleihung der Staatsangehörigkeit an die vom Auslände zugezogenen Juden nicht nach anderen Grundsätzen ve fahren, als gegenüber den einer anderen Religionsgemeinschaft zugehvrenden Ausländern. 2. In gesellschaftlicher Beziehung: - Alle Beteiligten sollten darauf htnwtrken, 'baß in den Ostmarken im geselligen Berk hr keine Absonderung nach dem Berusssland oder nach der Zugehörigkeit zu bestimmten Religions-Gemeinschaften stattfindet. 3. In wirtschaftlicher Beziehung: Die Behörden, insbesondere auch die Anstedlungs- Kommisfion, sollten s) bei Bergedung von Arbeiten und Lieferungen . in den Ostmarken ausnahmslos die Juden in gleichem Maße berücksichtigen wie die übrige > Bevölkerung, j b) öffentliche und private Anstalten, sowie Genoffer.- schaften und Vereine in den Ostmar eit nicht unterstützen oder empfehlen, wenn diese die Juden von der Verwaltung ausschließrn oder im GeschästSverkehc zurücksitzen. Während des Bortrages des Herrn Rabbiner Dr. Guttmann erschien gegen 11% Uhr der Oberpräsident der Provinz Schlesien, Graf Zedlitz- Trützschler,inBegleitung desOberrehierungsrats Schimmelpfennig und des Regierungsaffessors Simon, um, wie er sagte, die Vorträge zu 2 und 3 der Tagesordnung, die ein politisches Interesse für ihn als Oberpräsidenten beanspruchen, zu hören. Er wolle gern lernen und hoffe auch Neues zu hören. „Ich bin Ihrem Vorstände dankbar gewesen, daß er mich eingeladen hat und ich bin gern unter Ihnen erschienen, ich hoffe auch für mein Amt und meine Pflicht etwas mit hinauszunehmen aus diesem Saale. Aber, so fügte er mit Erhobener Stimme hinzu, ich bin nicht nur Oberpräsident und nicht nur Beamter, ich bin auch Mensch und als solcher muß ich auf den eben gehörten Vortrag vor Ihnen allen hier in voller' Aufrichtigkeit und Bestimmtheit bekennen, daß ich überzeugter, auf dem Boden des neuen und des alten Testamentes stehender E^st bin. Ich glaube, während meines langen privaten und dienstlichen Lebens den Beweis erbracht zu haben, daß ich frei bin von jeder verketzernden und von jeder die anders Ueberzeugten nicht achtenden Beurteilung. Es war mir Bedürfnis, nach dem soeben Gehörten, Ihnen dies freimütig auszusprechen, meine Herren. Ihren Verhandlungen wünsche ich vielen Erfolg. ' Die Worte des Oberpräfidenten waren durch den Bortrag des Referenten Rabbiner Dr. Guttmann veranlaßt worden, der in sachlicher Form über den Versöhnungsgedanken im Judentum, das heißt die Idee der Versöhnung des Juden mit Gott, gesprochen und dabei gegen die Erbsünde und den christlichen Mittler-Gedanken polemisiert hatte. Daß der Bortrag, der an sich wohl als ein rhetorisches, wenn auch sachlich nicht einwandfreies Meisterwerk bezeichnet werden darf, an dieser Stelle deplaziert war, wollen wir heute nur registrieren, und daß es überaus schwierig ist, in einer apologetischen Abhandlung auch gelegentlich Ausfälle gegen den Gegner zu unterdrücken, weiß der Eingeweihte nur zu gut. Wir behalten uns noch vor, speziell auf den Bortrag des Herrn Rabbiner Guttmann zurückzukommen. Der Vorsitzende Justizrat Horwitz war wohl inzwischen zu der Ueverzeugung gekommen, daß einp Verquickung politischer unb religiöser Probleme, wie sie im Verbände der deutschen Juden üblich geworden ist, doch nicht angängiges«, denn er suchte den Eindruck abzuschwächen, den der Bortrag des Herrn Rabbiner Dr. Guttmann auf den Herrn Oberpräfidenten gemacht hatte, indem er sagte, an solche apologetischen Borträge schlöffen sich, naturgemäß reine Erörterungen, die für größere Kreise geeignet seien. Im übrigen seien derartige Auseinandersetzungen doch höchstendie Meinungen einzelner. Wir wollen heute auch dahingestellt lassen, ob diese Ausführungen des Vorsitzenden besonders glücklich waren. Nach etwa halbstündiger Mittagspause wurde die Versammlung gegen 2*1* Uhr wieder eröffnet. . Vor Beginn der Diskussion zu den Vorträgen Breslauer , und Wolff wurden die üblichen Geschäftsfragen erledigt, die Neubezw. Wiederwahl des Ausschusses, der Bericht der Kassenprüfer und deren Wieperwahl. An der für einen größeren Kreis uninteressanten Diskussion beteiligten sich die Herren Platsche!, Dr. Eppstein und Landtagsabgeordneter Kassel. So kam es denn, daß die dritte Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden nach kaum dreistündiger Tagung kurz nach 3 Uhr, nachdem bereits die Mehrzahl der Zuhörer den Saal verlassen hatten^ geschloffen wurde. Bei dem abends stattgehabten Festmahl soll, wie ich höre, der Vorsitzende des Gemeindevorstandes in nicht geraoe angenehm berührender Weise an dem Guttmannschen Referat Kritik geübt haben. Breslau, 19. Oktober. Hierorts verkantet, daß der Ausschuß des Verbandes der deutschen Juden nach Schluß der Tagung des dritten Berbandstages in einer gestern ad hoc einberufenen Sitzung eine Statutenänderung beschlossen habe, wonach die Erörterung religiöser Fragen — sei es auch nur in apologetischer Form — in Zukunft ausgeschloss n sein solle. Die B.estätigung dieser Nachricht bleibt zwar noch abzuwarten, doch scheinen die Vermutungen, denen ich in meinem gestrigen Berichte Ausdruck gab, sich bewahrheiten zu sollen. 6ln lehmidier Brletoedifel Fulda, 19. Oktober. DaS „Borsteheramt der Israeliten" zu Fulda schreibt uns: " Nachstehende Korrespondenz mit dem Ausschuß des Verbandes der deutschen Juden" legen wir der Oeffentlichkeit vor, weil wir es für unsere Pflicht halten, die darin vom Verbände ohne Umschweife ausgesprochene Behauptung, er sei die Vertretung der deutschen Gesamtjudenheit, angesichts ihres gefährlichen Charakters auf das entschiedenste zurückzuweisen. L Ausschuß, des Verbandes der deutschen Juden. Berlin W. 35, Magdeburgerstr. 14, - bett 9. August 1909. An das Vorsteheramt dev Israeliten zu Fulda.. Wir machen Sie ergebenst darauf aufmerksam, daß die Berufung der Delegierten zur Hauptversammlung in den ersten Tagen des September erfolgen soll und bitten deshalb, etwa noch beabsichtigte Vorschläge zur Wahl uns gütigst bis spätestens zum 31. August zugehen zu lassen. Hochachtungsvoll Das Bureau des Verbandes der Deutschen Juden. Ausschuß des Verbandes der Deutschen Juden. Berlin. den 24. August 1909. An das Borsteheramt per Israeliten, Fulda. Hierdurch zeigen wir. Ihnen ergebenst an, daß unsere Kommission zur Berufung der Delegierten der Hauptversammlung, da Sie bisher für Ihr Borsteheramt Vertreter nicht vorgeschlagen haben, als dessen Vertteter die Herren Dr. Hermann Stern, Fulda, Joseph Nußbaum, Fulda, designiert hat. Wir nehmen an, daß Sie gegen Ihre Vertretung durch diese Herren nichts einzuwenden haben. Sollte uns nicht bis zum Ende dieses Monats ein anderweiter Borschlag beziehungsweise ein ausdrücklicher Widerspruch gegen die Berufung dieser Herren von Ihrer Seite z »gehen, so werden sie als Vertreter Ihres Borsteheramies berufen werden. " ' Hochachtungsvoll Das Bureau des Verbandes der .Deutschen Juden. (gez.) Dr. Loewenthal. Borsteheramt der Israeliten. Fulda, 15. September 1909. Aus bas gefl. Schreiben vom 24. August d. IS. sehen wir uns, da dasselbe — allerdings ohne jegliches Recht — unser etwaiges Schweigen als Einwilligung behandeln zu wollen erklärt, behufs Hintanhattung jedes Mißverständnisses zu der Erwiderung veranlaßt, daß wir als Vertreter des gesetzestreuen Judentums in der „Freien Bereinigung für die Interessen deS orthodoxen Judentums" unsre Organisatton erblicken und eine Teilnahme an der Tätigkeit Ihres BerbandeS ablehnen. Diese unsere Stellungnahme und die Gründe dafür sind genugsam in der Oeffentlichkeit bekannt: hier sei nur auf das Stteben des Verbandes nach einer staatlichen Zwangsorganisatton verwiesen. Wir ergreifen die Gelegenheit, gegen die Fiktion, die offenbar auch der Haltung Ihrer oben erwähnten Zuschrift zu Grunde liegt, als ob der „Verband der deutschen Inden" die Vertretung der deutschen Judenheit sei, entschieden Verwahrung einzulegen. (gez.) Dr. Stern. Nußbsum. An den Ausschuß des „Verbandes der deutschen Juden", Berlin. Ausschuß des Verbandes der Deutschen Juden. Berlin ...... 0. Oktober 1909. An das Borsteheramt der Israeliten zu Fulda. Aus das gefällige Schreiben vom 15. v. Mts. erwidern wir ergebenst folgendes: Ob wir in unferm Schreiben Vom 24. August

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.