Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1909)
- Date
- 1909-10-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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ISPPSSE «ettt 4. 21. Oktober IMS D<n Al»rarll> reiß ein das Haus, baue ein Schiff, gib preis die Habe, rette das Leben, bringe hinein lebende Wesen aller Art in das Schiff!" Auf die Frage Utnapistis, womit er der Stadt und den Menschen gegenüber den Bau seines Schiffes rechtfertigen sollte, gibt ihm Ea den wenig göttlichen Rat, die Menschen zu belügen. Er sagte: „Du sollst so zu ihnen sagen: Weil Jliim (der mythologische Schutzherr Surippaks) mich haßt, will ich seine Stadt verlassen, um im Ozean mit Ea, meinem Herrn, zu wohnen. Euch aber wird eine Fülle an Vögeln und Fischen, sowie reicher Feldertrag zuteil!" Das Schiff Utnapistts hat im Gilgvmes-Epos sechs Stockwerke und neun Abteilungen und ist 120 Ellen lang. Gefüllt ist das Schiff mit allem, was der Schiffer an Silber, Gold und lebendem Wesen irgendwie auftreiben kann. Die Katastrophe selbst wird sehr anschaulich geschildert, und sehr belustigend wirkt es, daß einige tapfere Götter, die sich erst mit im Chor der Rache befanden, der die Flut gegen die Stadt losließ, im letzten Moment vor ihrem eigenen Beginnen so erschraken, daß sie elligst und kopflos davonliefen. Dann erzählt der Bericht: „Es wehte stürmisch, die Wolken stiegen über das Gebirge, wie ein Schlachtensturm fielen sie auf die Menschen los, sodaß der eine den anderen nicht sah. Die Götter fürchteten sich vor der Sturmflut und zogen sich im Himmel des Anu zurück. . . . Die Götter waren, wie ein Hund zusammengeduckt, an der Ringmauer gelagert. ..." DaS alles hat der abenteuerliche Schiffer genau gesehen. Er sah auch, wie sich das Meer nach sieben Tagen beruhigte, der Sturm nachließ und die Flut aufhörte. Zwei ausgesandte Boten, eine Taube und eine Schwalbe, kamen bald unverrichteter Sache zurück, ein dritter Bote, ein Rabe, kehrte nicht wiÄer. Als Utnapisti dann den Boden betrat uud sein Dankesopfer darbrachte, sammelten sich die Götter um dasselbe, wie die Fliegen. Nur Jllim, der Anstifter des Ganzen, war ergrimmt, als er Utnapisti gerettet sah. Ea, dem Beschützer Utnapistis, gelang es aber bald, seinen zürnenden Kollegen zu beruhigen. Bedarf dieser Gilgames-Bericht noch eines Wortes zu seiner Bewertung und Kennzeichnung? Man braucht nicht erst ein treugläubiger Jude zu sein, um angesichts dieser babylonischen Verwirrung erst recht der Wahrheit und unvergleichlichen Erhabenheit des biblischen Berichtes tnne zu werden, um einzusehen, daß hier — wie in allen Flutsagen der Völker — eine von heidnischer Phantasie entstellte dunkle Erinnerung an das historische Ereignis der Sintflut vorliegt, dessen wirklichen Verlauf in seiner stillen Größe uns die Bibel ausbewahrt hat. So waren es denn auch durchaus objektive christliche Orientalisten, deren Urteilskraft weder von Tontäfelchen, noch von alten Epen getrübt war, die über die Beziehung dieses Berichtes zur Bibel ein Urteil gefällt haben, das sich zwar nicht ganz mit unsrrm Standpunkte deckt, dennoch aber die ungeheure Kluft kennzeichnet, die den Wahn der Völker von der Glaubenswahrheit Israels trennt. Hören wir, was Holzinger in seinem „Kommentar zur Genesis" Seite 88 darüber schreibt: „Total verschieden ist der Geist der beiden Ueberlieferungen. Das zeigt schon ein Zug : der babylonische Flutheld rettet sein totes und lebendes Eigentum. Im biblischen Berichte steht dafür oer höhere Gesichtspunkt des Erhaltens der Tierwelt. Keiner weiteren Ausführung bedarf die Verschiedenheit über den Gedanken der Gottheit. Die Götter des babylonischen Berichtes sind echt heidnisch m ihrem Lügen und Lügenlaffen, in ihrer Gier gegenüber dem Opfer, ihren Händeln, ihrer Willkür, mit der sie mit den Menschen umspringen, und im Umschlagen ihrer Launen. Wie weit davon ist Gott entfernt, der ein Gericht über die Menschen kommen läßt nach feiner Gerechtigkeit, dssm der Mensch in seinem Gewissen zustimmen muß." In ganz ähnlicher Weise äußert sich der berühmte Orientalist Alfred Jeremias"): „Jedenfalls liegt auch hier das religiös Wertvolle nicht in dem, was Bibel und Babel gemeinsam haben, sondern in dem, worin sich beide unterscheiden. An Stelle der mythologischen Götterwelt, die sich gegenseitig belügt und überlistet und launisch über die Menschen schaltete, die in kindischer Angst vor der Flut fliehen und dann wieder in gierigem Verlangen beimQpferNoahs erscheinen,finden wir in der Bibel den zürnenden Gott, der die Welt richtet, und der sich des Gerechten erbarmt. Die biblische Sintflutgeschichte trägt bis auf den heutigen Tag in sich die Kraft, oas Gewissen der Welt zu wecken usw. Davon wiffen die außerbiblischen Sintflutberichte nichts." Nach diesem Urteil von Fachmännern dürfen wir eS uns schon erlauben, noch einige Flutsagen der alten heidnischen Volksstämme, die ebenso reale Zeugen für das Faktum der Sintflut und für den Unterschied zwischen Thoraweisheit und Völkerphantasie sind, und die zum Teile jenes unsichere, kindlich naive Tasten und Suchen, jenes dunkle Gottesahnen, wie es sich im ganzen Kult der Naturvölker kundgibt, erkennen lassen, vorzuführen. Denn nicht allein die Babylonier, sondern auch alle anderen alten Völker hatten ihre Fluttradition. Bei den Indern und Griechen, wie bei den Rothäuten Nordamerikas und den 9) Das alte Testament im Lichte des alten Orientes. Berlin 1904. Gelänge es aber selbst einem solchen waghalsigen Strick die Blockade unvermerkt zu durchbrechen und nach Hamburg, Lübeck oder sonst wohin zn gelangen und einen Paradiesapfel aufzutreiben, zurück kommen die Abenteurer sicher nicht mehr, denn über die Einfuhr wachen die Engländer noch schärfer als über die Ausfuhr. Zur 50 Dukaten, so hoch auch dieser Preis für einen Paradiesapfel ist, wird Niemand bei solcher Lebensgefahr ein Fahrzeug ausrüsten; da müßten Sie schon viel tiefer in die Tasche greifen. Und eine solche Summe würden Sie dann nicht für einen Paradiesapfel, sondern für eine Utopie riskieren, an deren Verwirklichung kein Mensch mit gesunden Sinnen glauben kann." „Am 4. August," ergänzte Graf Bernstorf, „zwei Tage nach Erscheinen der Engländer im Sund richtete ich eine Protestnote an alle Mächte, um gegen diese unerhörte Verletzung unserer Neutralität Einsprache zu erheben. Sie können sich denken, wie sehr mir daran gelegen war, daß diese Note befördert wurde; ich hatte dafür die ganze dänische Flotte zur Verfügung. Und was habe ich erreicht? Nichts, weniger als nichts. Alle ausgehenden Kuriere wurden eingefangen, ihnen ihre Schriftstücke abgenommen, nicht eine einzige Note erreichte den Ott ihrer Bestimmung. Und das war vor 4 Wochen. Heute am 2. September schließt sich der englische Sch-ffgürtel hermetisch um ganz Dänemark. Ein großer Teil Kopenhagens steht in Flammen, von Minute zu Minute speien die Feuerschlünde der englischen Batterien Tod und Verderben in unsere Reihen und Sie glauben einen Paradiesapfel für 50 Dukaten zu erlangen?" „Wir gehen bis zu 500 Dukaten", entgegnete Lei'vensdorf. „Ich werde Ihren wertvollen Anregungen folgend, die erste Ankündigung statt mit 50, mit 100 Dukaten eröffnen, und wenn sich Niemand meldet,. sie nach je drei Tagen um 100 Dukaten steigern, bis zum Betrag Von 500 Dukaten. Den Einwendungen, Ew. .Exzellenz, die aus reicher Erfahrung und tiefer Sachkunde fließen, kann ich nichts als mein Vertrauen auf Gott entgegensetzen und die redliche Absicht, Seinen Willen zu erfüllen. „Gott hat viele Boten", sagt der Talmud, und der Prophet sagt; wie der Himmel die Erde überragt, so überragen die Wege und Pläne Gottes diejenigen kurzsichtigen Menschen. Sollten wir aber wirklich unsere Absicht nicht erreichen, so ist das Bewußtsein, unsere Pflicht mit Aufgebot aller Kraft getan zu haben, etwas so Erhebendes, Trostvolles, daß der Einsatz von einer Handvoll kalten Goldes iticfyit dagegen in Betracht kommen kann." Der Minister wollte sich aber noch immer nicht fügen. Er sah ein, daß er der Zuversicht und dem Gottvertrauen, das ihm hier in dem Präsidenten der Kopenhagener Gemeinde entgegen trat, auf gewöhnlichem Wege nicht beikommen konnte. Er machte noch einen letzten Versuch. „Herr Leidersdorf, wenn wir nicht so tief von Ihrem Patriotismus überzeugt wären, wir könnten an Ihnen irre werden. Unser Vaterland blutet aus tausend Wunden, Mangel, Feuer, Tod wütet in den Straßen und läßt alle seine Freunde darauf bedacht fetnv wie dieser Jammer abzustellen oder doch zu mildern ist, und Sie und Ihre Gemeinde haben inmitten all dieser Sorge und Aufregung kein wichtigeres Anliegen, als woher Sie einen Paradiesapfel bekommen, den Sie erst in sechs Wochen gebrauchen. Ist das nicht eigentümlich?" (Fortsetzung folgt.) Chinesen, bei den Hottentotten und den Azteken Mexikos finden wir Erzählungen von einer großen Flut, welche die ganze Erde bedeckt hat. Homer hat zwar von dieser Flut nichts gesehen. Umsomehr wiffen die späteren gttechischen Dichter davon zu erzählen. So rettete sich Ogiges, als das Wasser bereits eine solche Höhe erreicht hatte, daß man die niedere Luft nicht mehr etnatm'en konnte, in einem Schiffe in den reinen Aether, den er durchschneiden mußte. Und von da ab ist alles verworren, herrscht ein wildes Chaos — nicht allein in der überfluteten Welt, sondern noch vielmehr in der Mythe. Wird einerseits die Flut mit der Schöpfung und Erschaffung des ersten Menschen in Verbindung gebracht, so nehmen andere griechische Sänger wiederum keinen Anstand, sie auf 1020 Jahre vor der ersten Olympiade, das wäre also auf die Zeit Moses zu verlegen. Eine andere griechische Flutsage wird von Apolloöoros, 100 vor der üblichen Zeitrechnung, mit breiter Ausführlichkeit erzählt. Als das eherne Geschlecht von Zeus vernichtet werden sollte, baute Deukalion einen Kasten, in den er, nachdem er ihn mit allen notwendigen Lebensmitteln versorgt hatte, mit seinem Weibe hineinging. Nun überfluteten starke Regenströme die Gefilde Hellas. Alle Menschen starben mit Ausnahme von wenigen, die sich auf Berge retteten. Nach neun Tagen und Nächten landete er am Parnaßa. Die Taube, die auch er ausschickte, diente nicht um den Stand des Wassers, sondern den des Windes festzustellen. Um wieviel anmutiger, färben- und blumenreicher wissen doch die Inder von ihrer großen Flut zu erzählen?") Der große König und MenschenvaterManu erhielt durch seinen Diener das tägliche Waschwasser. Im Becken lag aber ein kleines liebes Fischlein, und dieses sprach: „Wir jungen Fische find schlimm daran und der steten Gefahr ausgesetzt, von den großen verschlungen zu werden. Pflege mich, und ich werde mich dankbar zeigen, indem ich dich rette." „Wovor mich retten?" fragte Manu. „Eine Flut," sprach das Fischlein, „wird bald alles fortreißen, dich aber will ich retten,- so du mich sorgsam pflegst." „Wie aber soll ich dich pflegen?" ftagte der König nachdenklich. Darauf das Fischlein: „Erst in einer Schüssel, dann in einer Grube,, und erst, wenn ich so groß bin, daß ich mich gefahrlos im Meere behaupten kann, wirfst du mich in die offene See." Manu tat also und pflegte den Fisch sehr treulich. Als dieser groß war, sprach er: „Um die und die Zeit wird die Flut heranbrechen, bau dir ein Schiff und wende dich an mich, da 10) Bergl. Weber: Indische Streifen. Berlin 1k6ll Im Wircben Cbeatcr. Man schreibt uns a us Frankfurt a. M. Fremdartig und doch seelenverwandt, das war der Gesamteindruck, den wir aus hem jüdischen Theater, das zur Zeit hier im Börsensaal gastiert, mit heim gebracht haben. Fremdartig mutet das Wort „jüdiscbes Theater" auch einen Juden an; denn in Westeuropa kennt Wan keine konfessionellen Binnen Wohl spielt der Jude auf den Brettern, die die Welt bedeuten, eine eminente Rolle. Wir seben ibn als Märtyrer, als Weisen, als Wucherer und Ausbeuter und auch als komische Figur oft genug auftreten, wodurch aber die betreffenden Stücke noch lange nicht ausschließlich jüdischen Charakter erhalten. Selbst dir sogenannten jüdischen Milieustücke der letzten Jahre sind so wenig als Produkte einer jüdischen Bühne zu bezeichnen, wie etwa die bekannten dramatischen Werke der Weltliteratur, die sich zur Abwechslung einmal ihre Titelhelden aus der Judengasse geholt haben. Anders aber liegen die Verhältnisse im Osten, da wo die jüdischen Zentren noch eine eigene Welt mit eigenem reichen Gefühlsleben und eigenen Kunst bedürfnissen bilden. Freilich wäre auch dott dir Frage berechtigt, ob das jüdische Theater denn überhaupt eine jüdische Schöpfung im jüdisch histori schen und jüdisch ästhetischen Sinne ist. Eine Tat fache ist es jedenfalls, daß das jüdische Theater im Lande, das immer noch die meisten und Nrecbtesten Juden beherbergt, in Rußland, keine Wurzel fassen und keine Heimstätte finden konnte. Der Vater des jüdischen Theaters, der Jargondichter und Schauspieler Abraham Goldfaden konnte seine Ideen in Rußland nicht zur Ausführung bringen und mußte