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Der Israelit · 1909-10-21 · Heft 42 (21.10.1909) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 42 (21.10.1909)
Date
1909-10-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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jK.yyv.j 31. Oktober 1SVS Der JSraetit. «o. 42 «eite 8 Schilderungen Trubetzkis, soweit sie das russische Bürgertum betreffen, etwas übertrieben sind, und die Ersatzwahlen fürdieReichsduma, die jetzt in den drei größten, in kultureller wie in industrieller Beziehung bedeutendsten Städten Rußlands, Petersburg, Moskau und Odessa stattfanden, haben doch den Beweis ge liefert, daß es der Reaktion trotz der höchsten Protektion, der sie sich allezeit erfreut, noch lange nicht gelungen ist, den konstitutionellen Gedanken im Volke zu ersticken. Die Wahlen endeten überall nicht nur mit einer Niederlage des „echtrussischen Verbandes", sondern auch mit einer solchen der Oktobristen-Partei, diese Partei, die seit der ersten Duma sich so rapid nach rechts entwickelt hat, daß sie heute mit Fug und Recht als Partei der reaktionären Regierung, insofern diese noch Schamgefühl genug hat, sich mit der Dubrovingesellschaft wenigstens öffentlich nicht identisch zu erklären, gelten darf. Spricht man von den Oktobristen, so denkt man unwillkürlich an die doppelte historische Bedeutung der denkwürdigen Oktobertage 1905 für die Geschichte Rußlands. Am selben Tage, da die Verfassung in Rußland proklamiert wurde und Hunderttausende begeistert der jungen Freiheit zujubelten, erlebte auch die Reakiion ihre Wiederaufstehung und feierte sie durch blutige Orgien, wie sie die Welt seit dem Mittelalter nicht mehr gesehen hatte. Der Freiheilsmonat des russischen Volkes ist zugleich der blutigste in der Geschichte der russischen Judenheit aller Zeiten. Die Oktobristen zogen selbstredend in die Duma ein mit einem Programm, auf welchem die Wahrung der im Oktober gewonnenen Volksrechte geschrieben stand, und sind erst tm Laufe der Jahre zu dem geworden, was sie heute sind, zu der Kerntruppe der gemäßigten Reaktion, deren einziges Ziel es ist, einer den Volksrechten und besonders den Juden feindlich gesinnten Regierung allezeit Deckung zu bieten. Die Farce der Verfassungstreue, die diese Partei zu erhalten sich alle erdenkliche Mühe gibt, konnte es aber nicht verhindern, daß in den weitesten Kreisen der russischen Gesellschaft ihre wahren Tendenzen erkannt wurden. So mußte es denn auch kommen, daß in allen drei erwähnten Städten die Kadetten, die noch allein für sich die Anerkennung beanspruchen dürfen, unentwegt die Reaktion zu bekämpfen, den Sieg davontrugen. In Petersburg wurde schon im ersten Wahlgang der freisinnige Kandidat Kutler gewählt, in Moskau der Kandidat der Kadetten Schtschepkin und in Odessa, dem Hort der Schwarzen Hundert, der jüdische Kandidat Brodski. Der Ausgang der Wahl in letzterer Stadt ist nach zwei Richtungen hin erfreulich. Denn zunächst bestätigt er die auch an dieser Stelle wiederholt ausgesprochene Vermutung, daß das wilde Treiben der schwarzen Banden in Odessa nur von einer verhältnismäßig geringen Zahl professionsmäßiger Radaumacher herrühre und keineswegs die Stimmung der Mehrzahl der russischen Bürger widerspiegele. Zweitens aber zeugt er auch von einem gesteigerten Maße von Selbstachtung bei den dortigen jüdischen Bürgern. Wie wir bereits bekannt gegeben haben, hat der famose General Tolmatschof noch in letzter Stunde versucht, einen eigenartigen Pakt mit der jüdischen Gemeinde, die er seit Jahren in empörendster Weise bevormunden zu können glaubte, abzuschließen Er wollte sogar seinen „ehrenwerten" Avinowitzki, den er der jüdischen Gemeinde als Kronrabbiner aufgezwungen hatte, opfern, wenn sie bei den Wahlen ihm zu Gefallen sein, d. h. zugunsten seines echtrussischen Kandidaten stimmen sollte. Die Juden Odessas ließen sich aber selbst durch Progromdrohungen nicht einschüchtern und. haben, soweit sie nicht durch die schwarzen Banden tätlich daran verhindert wurden, in achtunggebietender Weife an der Wahl mitgewirkt. Selbstredend kann auch in Odessa von einer jüdischen Vertretung in der Duma noch nicht die Rede sein. Soweit man den neuen Abgeordneten durch seine öffentliche politische Tätigkeit kennt, kann sein Sieg höchstens nur als Erfolg der Kadettenpariei verzeichnet werden. Es ist aber immerhin erfreulich, daß diese Partei, die allein noch für Recht und Freiheit in der Duma eintritt, an drei Mandaten aus den bedeutendsten Städten des Landes gewonnen hat. Zu wünschen und zu hoffen ist es nur, daß die Kadetten den, wie in letzter Nummer mitgeteilt, gefaßten Vorsatz, fernerhin auch für die Juden mit mehr Energie und Entschiedenheit einzutreten, auch einhalten. kine neue Fiera in Rumänien? Das Treiben der rumänischen Chauvinisten wird denn doch den verantwortlichen Kreisen etwas zu bunt und man versucht es nun, hoffentlich nicht zu spät, die heraufbeschworenen Geister zu bannen. Nicht in den Regierungskreisen macht sich dieses Bestreben bemerkbar, wohl aber bei den höchsten Vertretern der rumänischen Kirche, die durch den jüngsten Studentenkongreß zu ihrem Schrecken darüber belehrt worden sind, wie vergiftend der blinde Nationalismus bereits auf die Seele der Jugend gewirkt hat. Kein geringerer als der neue Metropolit-Primas, also der oberste Hirte der rumänischen Landeskirche ist es, der es offen ausspricht, daß ihm um die Zukunft seines Landes bange sei und es daher als seine heilige Pflicht erachte, eine Gegenaktion einzuleiten. Seine erste Predigt auf seiner Inspektionsreise hielt er dieser Tage in der tauptkirche zu Plöschti und er sprach von lebe, Frieden und Versöhnung, und von Achtung, die man auch Andersgläubigen, besonders aber den Juden, die keine Fremde im Lande, sondern treue Mitbürger seien, schulde-er mahnte auch eindringlich, nicht auf Leute zu hören, deren Geschäft es fei, überall Haß und Hader auszusäen. Das sind Worte, die man in Rumänien nicht alle Tage, in Plöschti vielleicht niemals sonst hört. Denn Plöschti ist die Hauptstadt des Distriktes Prahowa, in dem die antisemitische Partei der Herren Jorga und Cuza ihr Feldlager aufgeschlagen hat und bislang den größten Einfluß ausübte. Und Kenner den Verhältnisse und der rumänischen Volkspsyche versprechen sich von diesem Eingriffe der Kirche sehr viel. Sie erinnern daran, daß man von gewisser Seite der gut kirchlich gesinnten rumänischen Bevölkerung die Judenverfolgung stets als gottgefällige Tat dazustellen bemüht war und sehen in der Aufklärungsarbeit der höchsten Kirchenbehörden, die nun der der Herren Akademiker, von der wir in letzter Nummer sprachen, glücklicherweise zuvorzukommt, den Anfang einer neuen Aera für Rumänien. Mögen sie recht behalten. Uns der f Mt der Sintflut-Citeratur. II. In allerletzter Zeit bekam der von Delitzsch in Mode gebrachte Babelkultus eine neue Aktuellität durch das Gi lgameS-Epos, dessen Verbreitung und Ausbeutung bekanntlich das zweifelhafte Verdienst des Professors Jensen in Marburg ist. Gilgames, von dem eS übrigens, nach den konfusen Aufstellungen Jensens (siehe „Israelit" No. 10 d. I.), noch nicht feststeht, ob er Moses, Aron, Pharao, Abraham ist, kann auch gelegentlich, wo es sich um die Sintflut handelt, ein Zeitgenosse Noahs sein. Gilgames, dieses altbabylonische Mädchen für alles, ging in die Unte.welt, um bei seinem Ahnherrn Utnapisti das Lebenskraut, das die Macht hätte, die Toten zu erwecken, zu holen. Bei dieser Gelegenheit eröffnete ihm der Herr in der Unterwelt die Geschichte der Stadt Surrippak am Ufer des Euphrat, die dem Untergänge durch einen ungeheuren Flutstrom verfallen war. Unter den grimmigen Göttern, die dieses Geschick über die unglückliche Stadt verhängten, war einer namens Ea, der sich desUtnapistis annehmen wollte. Er sprach: „O Mann von Surippak, aus dieser vor ihren Götteridolen im Staube liegenden Welt h nauS. Er muß diese Welt verlassen, oder fie ouS ih.en Angeln heben, er muß — sein innerstes Wesen treibt ihn unaufhal sam dazu, K1H// ,/Er dein Herr" — das ist ihm mit der Leuchtkraft von tausend Sonnen aus all d n Finsternissen ChaldäaS klar aufgegangen, über Baals Totenmälern ist ihm der lebendige Gott erschienen, und „Ihm nach!" ist von nun an sein heißestes Begehren. Da spricht Gott zu Abraham: Geh — deinem heißen Wunsche entsprechend — aus deinem Lande und zieh der Weisung deines Gottes nach. *1*? 11N71VN,, -p q-QK "7 ILX'1 ,'1N. eines Feuilleton Dreihundert Dukaten für einen krrog. Von JudäuS. (Fortsetzung.) „Entschuldigen Sie, mein Herr," meinte der Minister, „wie kann ein Mann von Ihrer Weisheit eine Bürgschaft für etwas übernsshmen, das gar nickt in 'einer Hand liegt, das überhaupt nicht in der Macht ines einzelnen Menschen steht?" „Ich übernehme sie mit allen ihren Konsequenzen," entgegnete Leidersdorf mit feierlichem Ernst, „ick übernehme sie gerade deshalb, weil die Verwickelungen, die Ew. Exzellenz fürchten, nicht in der Hand von Menschen, sondern in einer höheren Hand ruhen. Nicht meine angebliche Weisheit, sondern die Weisheit des Weisesten aller Menschen ermutigt mich dazu. Dieser sagt in seinen Sprüchen: „Wer über der Erfüllung einer Gottespflicht wacht, wird nichts Böses erfahren." Wir möchten einer uns in der Bibel vorgeschriebenen Gottespflicht genügen, deswegen setzen mir uns allen diesen Bedenken ruhig aus und vertrauen der Weisheit dessen, der uns zusichert, dag uns dann nichts Schlinunes treffen wird." „Ich bewundere dieses zuversichtliche Gottvertrauen," erwiderte der Minister „und wünschte, daß ich cs auch besäße. Da es mir aber leider abgeht, so sehe ich die Dinge mit den nüchternen Augen eines Mannes an, dem die Vorsehung die Leitung eines augenblicklich schwer geprüften Volkes übertragen hat und da bin ich verpflichtet mit meinem Worte nicht zurnckzuhalten, wenn ich Schritte sehe, die sicher gut gemeint sind uns aber schweren Schaden unter Umständen bringen können. Meine Worte haben aber nur akademischen Wert. Unser Herr Oberbefehlshaber, dem darüber die Entscheidung allein zusteht, hat bereits zu Ihren Gunsten entschieden, die Sackte ist also erledigt und ich kann Ihnen nur wünschen, daß Sie den gewünschten Erfolg haben möge, woran ich aber stark zweifle." „Diesen Zweifel habe ich ebenfalls," bemerkte General Peymann, der bisher schweigend diesen Auseinandersetzungen gefolgt war. „Oder richtiger gesagt, ich habe keinen Zweifel, daß jede Möglichkeit ausgeschlossen ist, in Dänemark einen solchen Apfel zu finden oder ihn aus dem Ausland zu beziehen. Aber in Wahrheit muß ich gestehen, daß ich gar nicht weiß, was ein Paradiesapfel eigentlich ist und so denke ich, wirds noch vielen von denjenigen gehen, welche diesen Anschlag lesen." „Ein Paradiesapfel," bemerkte Graf Bernstorf, „wird ohne Zweifel die Frucht jenes Baumes sein, die unserer Ahnmutter Eva das Paradies und das Leben gekostet Hat, mit der daher auch ihre Nachkommen recht vorsichtig umgehen sollten; aber darüber wird uns Herr Leidersdorf schon besser unterrichten können." „Der Baum, dessen Frucht dem ersten Menschenpaar verboten war, ist auch in unserer Ueberlieferung llicht mit Sicherheit festgestellt. Nach einer Ansicht war dies in der Tat, ganz wie Ew. Exzellenz benlerkten, der Paradiesapfelbaum, der vielleicht im Volksmund davon den Namen hat. Aber in Wirklichkeit hat diese Frucht nichts mit den uns bekannten Apfelarten gemeinsam. Sie ist mehr zitronenartig und führt bei uns den Namen Esrog." „Aber wozu haben Sie diese Frucht eigentlich nötig, daß Sie 5l) Dukaten dafür ausgeben wollen?" fragte der Graf. „Es handelt sich dabei um ein göttliches Gesetz, das Ew. Exzellenz im 3. Buch Mosis Kap. 23 B. 40 selber Nachlesen können und zu dessen Erfüllung wir am Hüttenfest, das dieses Jahr am 17. Oktober beginnt, verpflichtet sind. Dazu bedürfen wir eines Feststraußes, der gus Palme, Myrthen und Bachweiden besteht, zu dem dann noch der Paradiesapfel gehört." _ „Und wie denken Sie sich denn wirklich, daß ^ie durch ein solches öffentliches Ausschreiben Ihren Paradiesapfel erlangen sollten?" fragt der General. „Der einzig denkbare Fall wäre, daß tollkühne Menschen, verlockt durch den hohen Preis, sich entschließen, ein Schiff, ein Boot oder was für ein Fahrzeug sonst, auszurüsten und auf die Paradiesapfeljagd zu gehen. Daß fie von den Engländern sofort in den Grund geschossen werden, ist doch das Nächstliegende. 4 Ä Ä s .-S :! J ä frffif n »r*nfr-j ffi '\ : ii ~fir'ni lirrtiffirgAlfrifliniTY* ti^i l-f^ - ir -

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