Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 50 (1909)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1909)
- Date
- 1909-10-14
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 4 l des „Fsraelit". Var Zelermadl. c.r>.-c». 'euilleton Bon Arthur Kahn. (Fortsetzung.) So arbeitete Schimme jetzt mit dem Kopf und Herzen, nach einem Entschlüsse ringend, wie er der Vorsehung seine Dankbarkeit str seine "Wiedergenesung bezeigen konnte. „Jawohl," murmelte er, während Veilchen am Schlüsselloch horchte, „ob er noch immer mit'm Kopp schaffe," „eine Seferthora." Als gegen Abend der Kiewe mit seiner langen Pfeife bei Schimme eintrat, um sich von den weiteren Fortschritten der Genesung zu überzeugen, da vertraute ihm Schimme seine Absichten an und Kiewe, der hinter feiner Brille sehr nachdenklich auf Schimme geblickt hatte, schwieg erst eine Weile still, wie es sich für einen Ben Tore, der auf der Jeschiwe war und dermalen als Parnes die Würde der Gentein de zu wahren hatte, eben schickte. Schimme war ein wenig enttäuscht, oderauch gekränkt, daß Kiewe nicht sofort voller Entzücken seinen Plan gut hießja, nicht einmal eine Miene verzog und obendrein noch eine Weile schwieg, als oh er erst überlegen müsse, ob er überhaupt das herrliche Geschenk Schimmes für die Gemeinde auch annehmen wollte. Selbst wenn man Parnes von Rebenheim ist und anstatt einer Seferthora eine ganze Schul mitsamt einem Dutzend ThoraS geschenkt kriegen oder auch im Gegenteil hergeben soll, so muß man endlich doch einmal was dazu reden. Und der Kiew war wahrhaftig nicht verlegen um eine Antwort und Gegenrede. Zunächst tat Kiewe einige Züge aus seiner Pfeife und blies den Rauch bedächtig zum offenen Fenster hinaus, wiegte sinnend das Haupt, ehe er zu sprechen begann. „Wenn ein Kind auf die Welt kommt, fo sorgt eine ordentliche Mutter schon vorher, daß es was um und anzuziehen hat, .•-Du willst ein Seser schreiben laffen. Das Sefer ist vorderhand dein Kind und nicht Kahals Kind -Ein Kind braucht ein Kleidchen- und je reicher der Vater, desto feiner kriegt das Kind sein Kleidchen. —-Das Sefer, das du schreiben laffen willst, wenn ich schon unsere heilige Taura, die doch auch unsere Mutter ist, mit einem Kind vergleichen darf, ist nun doch dein Kind, Schimme. So mußt du also für dein herrlich Kind, die Taura, ein Kleidchen machen laffen — -Und weil dein herrlich Kind, ein Königskind ist, dessen Vater über deiner Vaterschaft, Hakodafch borchu, unser König ist, gebührt ihm auch 'ne Krön'.-Hast du mich verstanden?" Ob Schimme verstanden hatte? Mir immer größeren Augen blickte er den Freund bewundernd an. „Ja, ja," dachte Schimme „so'n Ben Taura denkt doch viel weiter, viel klarer wie solch' ungelernte Amrazzim, die nicht mal drei Psukim hintereinander lernen können." „Recht haste, Kiewe! Das Kind muß 'n Kleidchen haben, und mein Kind, was ich jetzt noch 'mal kriegen soll, und das in der heiligen Schul stehen wird, muß ein gar feines Kleidchen kriegen. Und. die Kle'i kodesch, die Krön' ein Schild und 'ne Jadd") sollen auch nit fehlen-Warum hast du aber so lang' gewartet, bis du's gesagt hast?" „Warum?" replizierte Kiewe. „Das will ich dir heint') noch nit sagen. Erst wenn du mit Gottes Hilf' 'n bischen kräftiger bist- Heint, sag' ich dir nur Jejascher Koach." Würdevoll und nachdenkend, sodaß er die Grüße die Dorfleute kaum hörte und ohne seine Pfeife aus dem Munde zu nehmen, schritt K'ewe die breite Dorsstraße hinauf. Er, der ehemalige Bochur der berühmt gewesenen Fürther Jeschiwe, hatte den Schimme wieder einmal seine geistige Überlegenheit fühlen laffen, auf eine feine Art, als ob er mit dem genesenden Schimme ein Blatt Gemoro gelernt habe. „So", dachte Kiewe mit innerer Befriedigung, „ein nackend und bloßes Sefer soll er mir nicht in die Schul bringen — schön angetan mit'Mäntelchen und Klei kodesch muß er fix und fertig das neue Sefer hinstellen. Oi, wie wird sich Belchen verchiddischen,- efscher auch ärgern um so vieles Geld. Jetzt kost's dem Schimme schon zweihundert Thaler mehr, was sonst das Kah'l und meine Chewre hätten anschaffen müssen."- Vielleicht hätte Kiewe noch länger sein Selbstgespräch fortgeführt, wenn nicht eine etwas knarrende Stimme ihn gegrüßt und aus seinen Gedanken gerissen hätte. Der Lehrer Levi, ein Mann, etwa Mitte der fünfziger Jahre, mit einem kleinen roten Kügelchen statt einer Nasenspitze im Gesicht und einer Brille vor den klug blickenden Augen,. mit dichtem schwarzen Haupt- und schon etwas ergrauendem Barthaar, blieb vor Kiewe stehen, und ihm den Weg versperrend. Der Parnes Kiewe und der Lehrer, Chasen und Schocket in der Person Levis verkörpert, standen sich gegenüber. Dieser nicht gerade besonders respektvoll, jener nicht von oben herab/ beide vielmehr wie zwei gute Bekannte. Levi, eine etwas gebückte, gedrungene Gestalt, Kiewe größer und schmächtiger. Der Lehrer wußte, woher Kiewe kam und frug nur ganz einfach: „Nun?", was soviel hieß, als: wie gehts dem Schimme? Auf dieses nun antwortete Kiewe: „Gottlob, wieder vieles beffer." Dann fuhr er, einige Züge aus der Pfeife versuchend fort: „Sie können sich jetzt 'ne Predigt vorbereiten für das Sofer')." Mit einem Ruck richtete sich Levi jäh in die Höhe. „Was?" ein Sofer? eine Predigt?" und sah mit erstaunten Augen den Parnes an. Kiewe schmunzelte befriedigt: „eine neue Seferthora, ein neues Mäntelchen, neue Kelims, ein Chinuch^), eine Sude«), kurz, hakol, bakol')!" Levi hörte, sinnend zur Erde blickend, dem lebhaft gewordenen Parnes zu. Sein Jntereffe an der bevorstehenden Feier nahm eine ganz andere Richtung und Färbung, als bei Kiewe, der bei dieser Festlichkeit doch nur eine paffive Rolle zu spielen hatte. Aber er, der Chasen, der Lehrer und zeitwelliger Prediger war hier eine höchst wichtige Personwichtiger als die Parnosim, die Balbatim und der Stifter Schimme, mit seinem Belchen zusammen. Bei allen Festlichkeiten auf dem Lande, ob es eine Schul-oder Seferchinuch war, pflegte die Gemeinde den Chasen und Raw aus der benachbarten Gemeinde, anstatt des einheimischen Lehrers und *) Silberbehänge. *) Heunl, heint; nicht ein von Juden verhunztes, sondern ein altdeutsches Wort, für „heute"- in vielen mittelalterlichen Schriften. 3) Sofer bedeutet dasselbe wie Sefernmhl oder Toraeinweihung. *) Die silberne Zierrate für die Tora. 5) Einwe hung. ®) Sude, Festmahl. 7) Hakol bakol, soviel wie alles, was zu einer Sache gehört. Kantors zu berufen. Selbst die ärmste und kleinste Gemeinde brachte gerne große Opfer, um dann besonders schön singen und predigen zu hören. Levi hatte keine schöne Stimme und war auch klug genug sich das selber einzugestehen, was bei kleinen und größern Kantoren nicht oft vorkommt. Der Chasen in dem nahen, kleinen Kreisstadt hingegen war weit und breit als ein Sänger mit einer wunderbar schönen Tenorstimme bekannt. Dieser auch sehr musikalische Mann verstand es außerdem auf geradezu geniale Weise aus wenigen ungeschulten Stimmen und unter Assistenz seines Sohnes, einen Chor zu bilden, der sich schon hören laffen konnte. Ferner wohnte in der Kreisstadt der Rabbiner, der früher selbst Lehrer war und mehr Ehrgeiz als rhetorische Begabung besaß und zugleich den Unterricht der jüdischen Jugend leitete. Konnte sich Levi auch mit dem Chasen so wenig messen, wie etwa ein Spatz mit einer Nachtigall, so lagen denn doch die Verhältnisse gegenüber dem städtischen Rabbiner gerade umgekehrt. Levi war ein vorzüglicher Lehrer, dessen Schüler bei gleicher Unterrichtszeit weit mehr lernten, als die Stadtschüler und predigen konnte der Raw auch nicht beffer als er. Hier konnte er also erfolgreich konkurrieren. Wie ein Blitz durchfuhr ihn der Gedanke, daß man am Ende ihn ausschalten und zu der bevorstehenden Feier, zu der sicher Leute aus der ganzen Umgegend zusammenströmten, den Raw als Festredner berufen würde. Dann war er an diesem allgemeinen Fest- und Freudentag zu völliger Untätigkeit verurteilt, eine lebendige Null, die Niemand beachtete. Einen Chasen, der bewundert wurde, konnnte er nicht abgeben, aber als Festprediger fühlte er sich dem Raw gewachsen, überlegen. Kiewe, der Levi aufmerksam betrachtete, erriet mit dem ihm eigenen Scharfsinn, was in Levi jetzt vorging. Dieser wiederum wollte erst erfahren, was sein Parnes plante oder gar schon beschlossen haben konnte. So griff Levi zunächst in seine Westentasche, holte eine Holzdose hervor, klopfte auf den Deckel und bot daraus seinem Vorgesetzten eine Prise Schnupftabak an, die Kiewe dankend ablehnte. Hierauf führte Levi bedächtig die Prise an seine Nase und sah von unten herauf den Parnes an. Sein Blick sagte ungefähr: „jetzt mußt du deine Trümpfe auslegen." Da Kiewe mit dem Raw in der Stadt nicht auf sonderlich freundschaftlichen Fuße stand, so erwartete Levi mit Zuversicht Kiewes Anordnung zu seinen Gunsten. Es gab aber Leute im Dorf, die Levi nicht gewogen waren und sicherlich von jedem andern und selbst lieber eine schlechte als Levis beste Predigt gehört hätten. Diese Leute konnten leicht die Berufung eines „wirklichen" Predigers durchsetzen. Doch Kiewes Machtspruch wog alle Gegenstimmen auf und sobald er etwas gesprochen, war es so gut wie eine Tat. Hierauf baute der Lehrer. Da endlich begann Kiewe, während er mit Levi langsam weiterschritt: „Als Chaffeu müffeu wir den Nathe Bing nehmendarüber ist kein Wort zu verlieren." „Nein, kein Wort", bestätigte Levi überzeugt und überzeugend. „Einen Raw hingegen 7-" paff, paff, paff, sog Kiewe an seiner Pfeife bis wieder Rauchwölkchen sichtbar wurden, „einen Raw als Prediger können wir uns sparen." Jetzt wars heraus. Levi sah den Parnes dankbar an. Als der Lehrer seiner Wohnung zuschrilt, hatte er sich, um allen ferneren Kämpfen, die doch noch zu befüchten waren, vorzubeugen, einen Plan zurechtgelegt. Ehe die noch zu befürchtenden Meinungsverschiedenheiten zwischen beu