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Der Israelit · 1909-10-14 · Heft 41 (14.10.1909) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 41 (14.10.1909)
Date
1909-10-14
Page
– (sequence 16)
Language
German
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WW Gette 16. Nr. 41. übrigen Parnosim').und den Dorfjuden wegen des Rabbiners zum etwaigen Ausbruch kamen, mußte der Chaffen schon fest engagiert sein. Er, Levi, durfte das natürlich nicht selber tun. Brachen inzwischen die Streitigkeiten um den Rabbiner aus, während über die Person des Chassen einmütige Zustimmung herrschte, so war für den Stadtrabbiner jedenfalls die ganze Sache schon peinlich. Und bei der Empfindlichkeit dieses Mannes, dessen Ehrgeiz jetzig schon ins Schrankenlose wuchs, mußte Levi Sieger bleiben. An dieser Achillesferse mußte also der Raw getroffen werden. Gerade als Levi eben sein schlaues Planchen ausgeheckt hatte, begegnete ihm Chanine. Ein triumphierendes Lächeln erhellte Levis breites Gesicht. Der Chanine, an den er nicht im entferntesten gedacht, kam ihm ungemein gelegen. Eigentlich hieß der Alte Chananja, aber/ wie nun einmal hebräische Namen oft entstellt wurden, so ging es auch dem alten Chananje, den die Juden Chanine, die Bauern sogar Kachanine nannten. Der größte Feldherr alter Zeiten, Napoleon, hatte Chanine, als dieser kaum zwanzig Jahre alt war, aufs Pferd setzen und ihm die Uniform eines französischen Soldaten anziehen lassen. An Stelle des gelben Fleckes, den die deutschen Juden damals noch an der Brust, tragen mußten, ließ der große Kaiser Ehrenmedaillen Chanine für seine Tapferkeit heften. Dafür blieb dieser seinem geliebten Kaiser sein ganzes Leben lang dankbar, und ein glühender Lobredner des großen Judenbefreiers, für den er den letzten Blutstropfen freudig hin gegeben hatte. Einst hatte Chanine vor dem Schloß zu Mainz, in dem der Kaiser residierte, Posten gestanden. Das war der schönste Tag im Leben des alten Haudegens, wovon er noch sprach, als 'er nahe den neunziger Jahren, auf dem Sterbebett lag. Er, der Chanine von Rebenheim, hatte den Kaiser, den großen herrlichen Napoleon, eine ganze Nacht hindurch zu schützen! Wo war noch so was in Jisroel Anno 1803 dagewesen! Chanine, der Wächter des Größten der Großen! Den Reitersäbel in der treuen Faust ging Chanine die ganze Nacht vor dem Schloßeingang auf und ab und hätte sich unsäglich gefreut, wenn irgend jemand den Versuch gemacht hätte, zu seinem Kaiser vorzudringen. Als er bereits hoch in die Siebzig war, reiste Chanine häufig nach Mainz, um die Stelle zu betrachten, wo er einst *) Vorstehern Der Israelit. 14. Oktober. 1W9. für Napoleon Wache gestanden und erzählte dann den Paffanten, wie er dort den Kaiser eine ganze Nacht hindurch bewacht hatte. „In einer Nacht," erzählte Chanine in seiner Begeisterung, „habe ich zweimal vierundzwanzig Stunden vor Seiner Majestät Türe Wache gestanden!" Im übrigen pflegte Chanine von seinen Kriegszügen und den Schlachten, die er mitgemacht, nicht viel Aufhebens zu machen. Für ihn war die Person des Bonaparte alles- Anfang und Ende. Er gab ein genaues Bild von Napoleons unter dem Mittelmaß großen Gestalt, den dunklen Augen in einem blaßgelben, bartlosen Gesicht mit dem runden Kinn, wie er, als der an Körpermaß Kleinste, inmitten seiner Generäle stand. Wenn man dann dem Chanine geduldig zuhörte, geriet er förmlich in Ekstasefeine bagere Gestalt richtete er dann kerzengerade auf, seine wasserblauen Augen begannen wie von einem inneren Feuer beleuchtet, aufzuflammender schlichte, einfältige Dorfjude war dann völlig verwandelt. Doch nicht nur Chanine, sondern alle Veteranen, deren der Erzähler sehr viele kannte, hingeu mit derselben Begeisterung an dem gewaltigen Kriegsherrrn und es war geradezu etwas wunderbares, wie ein fremder Herrscher sich solche fast abgöttische Verehrung unter seinen Untertanen und Soldaten noch nach einem halben Jahrhundert erhalten konnte. Wenn der Autor an dieser Stelle, um den Chanine ein wenig zu kennzeichnen, auch von Napoleon spricht, so möge der Leser versichert sein, daß dieses nicht ganz ohne Absicht geschieht. Der Geschichtenerzähler muß, wenn er aus der Vergangenheit, aus der er ein Stück miterlebt hat, getreu schildern will, auch ein wenig Geschichtsschreiber sein. Und nach der festen Ueberzeugung des Autors ist die Zeit Napoleons noch immer nicht genügend gewürdigt und eine Ehrenschuld jedes jüdischen Schriftstellers, der noch aus dem Munde seiner Zeitgenossen ihn schildern hörte, an die Lichtseiten dieses Großen zu erinnern, welche Fehler er auch den Juden gegenüber, in Verkennung ihres Charakters, einmal begangen hatte. Außer seiner unwandelbaren Liebe und Treue zu „seinem" Kaiser hatte Chanine, als er den letzten schrecklichen Feldzug in Rußland mitgemacht, nichts Nennenswertes mit nach Hause gebracht. Nicht einmal Hang zur Flasche, der so mancher Veteran später zugetan ward. Und doch fröhnte Chanine einer Leidenschaft, derenthalben er mancherlei zu leiden hatte. Er naschte getne Zucker. Für ein Stückchen Kandiszucker konnte man von ihm allerlei Dienste erlangen. Wenn er über Feld ging, so sog er an seinem Stückchen Zucker wie andere an einem Priemchen Taback. Und Chanine ging häufig über Feld, oft meilenweit des Tages, selbst als er bereits ein hoher Achtziger war. Wenn er so ging, richtiger lief, erinnerte er an einen Schnelläufer, wie solche noch Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunders vor den Wagen fürstlicher Persönlichkeiten herliefen, was mehr komisch als fürstlich aussah. Dann erinnerte Chanine an einen Schlittschuhläufer, der mit den Armen lebhafte Bewegungen macht und den Oberkörper vorbeugt. Des weiteren war Chanine ein Typus der Ehrlichkeit und Treue, dereuthalben ihm, zumal damals noch die postalischen Geldversendungen ziemlich umständlich und primitiv waren, häufig große Summen zur Beförderung anvertraut wurden. Immerhin hatte Chanine wie jeder Sterbliche auch noch andere Fehler. Sonst hätte er sich mit dem herzensguten Fradchen (Freudchen, Friede), das mit ihm im selben Hause wohnte, viel besser vertragen müssen, da das Schicksal ihn und die gleichaltrige Jungfer dazu verdammt hatte, auch am st'löen Tisch zu speisen. Der Chanine war nun einmal kein Weiberfreund und Frauenliebe seinem Herzen fremd. Kein Wunder, sein Herz gehörte dem alten Napoleon, neben dem Fradchen allerdings mit ihrem spitzen Köpfchen und den fuchsroten Haaren nicht erobernd auftreten konnte. So war Chanine, als der Lehrer Levi seiner ansichtig wurde und sür seinenPlan gewinnen wollte. Bald hatte Levi den Alten in ein Gespräch verwickelt, das mit der Mitteilung schloß, daß es bald ein Seferchinuch im Ort geben würde. Mit wachsendem Interesse hörte Chanine dieser Eröffnung zu. Seit mehr als sechzig Jahren hatte es im Dorf eine solche Festlichkeit nicht. mehr gegeben und Chanine versicherte, daß es eine S'chije von Hakodosch borchu sei, daß er noch ein Sofer erleben sollte. „Es soll was feines werden, Chanine," fuhr Levi fort. „Wenn wir nur dazu auch den Nathe Bing als Chasen') kriegen könnten, so wäraulomes^) so kein Sofer hier gesehen worden. Wenn wir ihn nur auch kriegen können, was doch schwer zu sagen ist . . ." (Fortsetzung folgt.) ') (Phasen, Vorbeter. y cmlo.ues, ^eit Menschenged nken. Für den Inseratenteil ist die Redaktion nickt verantwortlich; msnesonaefe ist es ansschliessilch Sache der Leser, die im Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonst ge Angaben rellgic asgesetzlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfen. Ohel Jwkob, Israelitische Rettaionsgesellich..München sucht seminaristisch gebildeten Relilioflslehfer zum Unterrichte an Volksschüler. 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