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Der Israelit · 1909-10-14 · Heft 41 (14.10.1909) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
50 (1909)
Issue
Heft 41 (14.10.1909)
Date
1909-10-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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14 Oktober 1909. Der JSraekit. Seite 9. Rr. 41 gelungen ist, uns re Gemeindestatuten auf Basis der Schulchan-Aruch zu ändern und eine jüdische Volksschule ins Leben zu rufen — wie dies seinerzeit in diesen Blättern berichtet wurde —, geht er nun in seinem unermüdlichen Eifer, hier echt jüdisches Leben zu wecken, daran, unsere Gemeinde für die ungarische orth. Landesorganisation zu gewinnen, indem er darauf hinweist, daß nur § 1 unserer Statuten in diesem Sinne zu ändern wäre. Die vielen Anhänger dieser Bestrebungen entsandten eine Deputation an unseren Herrn Oberrabiner, deren * Redner die erfolgreiche Wirksamkeit unseres Rabbiners hervorhob und ihm ihre tatkräftige Unterstützung in Aussicht stellten. Somit ist zu hoffen, daß es ihm n")>2 gelingen wird, auch diesen seinen Plan zu verwirklichen. LI. L. K. Dembau (Komitat Marmaros), 5. Okt. In dem nicht weit von hier gelegenen Dorfe Deutsch- Mokre herrschen die eigentümlichsten Verhältnisse. Laut gerichtlichem Urteil steht dem Ackerbauministerium das Recht zu, sämtliche Häuser des Dorfes gegen Bezahlung zu expropriieren. Daselbst wohnen 5 jüdische Familien, die der staatliche Oberförster zur Auswanderung zwingen will. Behilflich ist ihm hierbei der neue römischkatholische Geistliche. Hinsichtlich zweier Glaubensgenoffen ist ihnen das antisemitische Vorhaben leider schon gelungen. Der eine von beiden ist ein seit 40 Hahren im Dorfe lebender 70jähriger Greis, der für das in seinem Hause gewesene Beth-Hamidrasch zwei Sisre-Thora schreiben ließ. Vor 4 Monaten nun hat der Oberförster durchgesetzt, daß der Staat das Haus des alten Mannes zwangsweise ablöste und der Besitzer wurde auch an einem Freitag unbarmherzig auf die Straße gesetzt. Ueberdies hat der Oberförster allen Bewohnern des Dorfes unter Androhung der zwangsweisen Ablösung ihrer Häuser strengstens verboten, dem alten Juden eine Wohnung zu vermieten. Hierdurch hat der arme Greis, der die geringe Ablösungssumme zur Bezahlung seiner Schulden verwenden mußte, auch seine an dieses Haus' gebundene Geschäftskonzession, d. h. also seinen ganzen Erwerb verloren. Er hatte flehentlich gebeten, er verzichte auf die Ablösungssumme, nur möge man ihn noch während der kurzen Lebenszeit, die einem Siebzigjährigen beschieden, in seinem Hause belassen, doch vergebens! Der arme Mann, der seit 40 Jahren sich im Dorfe redlich ernährte, wurde brotlos und obdachlos gemacht. Aehnlich erging es einem zweiten Juden, der ein kleines Gemischtwarengeschäft inne hatte, auch dieser mußte, brotlos gemacht, das Dorf ververlaffen. Die anderen drei Juden erwartet das gleiche Schicksal. Rußland. Die Liberalen un3 Sie luSenfrage in Rußland Petersburg, 5. Oktober. Kmz vor der Dumaersatzwahl fand hier eine Versammlung jüdischer Wähler statt, in der die Wahlkandidaten, der Kadett Kuttler, der parteilose Liberale Kusmin-Karawajew und der Sozialdemokrat So kolow ihren Standpunkt bezüglich der Judenfrage darlegten. Kuttler — der unter Witte Ackerbauminister war und jetzt aus der Wahl als Sieger hervorgegangen ist — sagte, er erstrebe in Rußland eine Staatsordnung, die jeder Nation volle Freiheit und die Möglichkeit einer ungehinderten Entfaltung ihrer besonderen Kräfte gewähre. Er verteidigte dann die Taktik der kadettischen Dumafraktion, die bemüht sei, bei jeder die Juden betreffenden Angelegenheit eine allmähliche Besserung der jüdischen Lage zu erreichen. Sokolow kritisierte das unentschlossene und schwächliche Verhalten der Kadetten, die einer Berührung der Judeufrage ängstlich aus dem Wege gingen und es nicht wagten, diese Frage in ihrer ganzen Tiefe und Furchtbarkeit aufzurollen. Selbst in die Kommiffion für Glaubensangelegenheiten, die für die Juden von besonderer Bedeutung ist, konnte der jüdische, der Kadettenpartei angehörige Abgeordnete Nisselowitsch nur mit Hilfe der Sozialdemokratie hineingewählt werden. Als die Hauptaufgabe der Dnmaopposition betreffs der Judenfrage bezeichnete Sokolow die rückhaltslose Beweisführung, daß die ruffischen Volksmaffen von der Judenfeindlichkeit der Dumamehrheit nichts wiffen wollten und dem Antisemitismus absolut sernstünden. Die von der Bureaukratie geschaffene dritte Duma sei in ihrer Mehrheit ein Werkzeug der Bureaukratie. Diese sei aber durchaus antisemitisch. Unter den russischen Bureaukraten befänden sichalleParteischattierungen, auch versteckte Liberalen und sogar geheime Sozialisten und Anarchisten, aber keine Nichtantisemiten. Und auch die der Bureaukratie treu folgende Dumamajorität sei durchaus antisemitisch. Ein schwächliches und unentschlossenes Verhalten der Dumaopposition könne deshalb nicht die mindeste Besserung für die Juden erreichen. Von besonderem Interesse waren auch die Ausführungen von Kusmin-Karawajew. „Ich bin — sagte er — Russe nach der Nationalität und Rechtgläubiger nach der Religion. Wenn ich die „Ruskoje Snamja", „Nowoje Wremja" und die anderen „patriotischen" Blätter lese, dann fühle ich, daß diese Zeitungen nicht die Jude», sondern uns, Russen, beleidigen. Sie behaupten immer wieder: Die Juden seien an der Niederlage Rußlands im fernen Osten schuld. Das heißt doch, daß unser Heer, unsere Generäle im Kriege mit Japan keinerlei faktische Bedeutung darstellten. Ferner sollen die Juden unsere Freiheits- Bewegung geschaffen haben. Wir Russen konnten demnach mit unserem eigenen Verstand zur Freiheitsidee nicht gelangen? Die Juden besitzen einen festen Charakter. Das ist ja auch ganz natürlich in anbetracht der furchtbaren Verfolgungen, denen die Juden ausgesetzt waren und noch heutzutage ausgesetzt sind. Ist aber der feste jüdische Charakter ein Fehler? Nein, er ist ein großer Vorzug für unser Land." Der Redner betonte sodann die bisherigen Fehler der Dumaopposition, die namentlich an den Juden schwer gesündigt hätte. Im weiteren Verlauf der Versammlung — die übrigens merkwürdigerweise von der Polizei nicht gestört wurde und ungehindert zu Ende geführt werden konnte — sprachen noch der Kadett Roditschew und von jüdischer Seite Landau, Sliosberg und Bruzkus. Letzterer kritisierte die Kadetten, die durch ihre Kompromißpolitik das alte Regime stärkten und so der jüdischen Bevölkerung großen Schaden hinzufügten. Die in der Versammlung gehaltenen Reden haben in weiten Kreisen, namentlich in jüdischen, große Beachtung' gefunden. P etersburg, 29. September. Die Kriegsgouverneure von Turkestan und der Hauptverwalter des transkaspischen Rayons haben dem russischen Ministerium des Innern folgenden Bericht über die dortigen jüdischen Gemeinden zugestellt : „1. Im Samarkander Rayon bilden die eingeborenen asiatischen Juden besondere Gemeinden, und die europäischen Juden ebenfalls. Juden wohnen dort in den Städten Samarkand, Chodshend und Kotokurgansk und im Dorfe Peischambe. Die Samarkander Gemeinde hat vier Synagogen, einen Rabbiner, einen Rabbinergehilfen, einen Synagogenvorsteher, einen Kassenwart und einen „gelehrten Juden". In Kotogurgansk befindet sich nur eine Synagoge; die Gemeinde in Peischambe besitzt vier Synagogen. Die letztgenannten Gemeinden haben weder einen Rabbiner noch einen Schulrat,' ihre Kultusangelegenheiten werden von sogenannten „Talmidei Cchachamim" geleitet. Im ganzen befinden sich im Samarkander Rayon 7500 Juden, davon sind 5000 eingeborne, d. h. asiatische Juden, 2. Im Fergansker Rayon sind alle Gemeinden gemischt, aus europäischen und asiatischen zusammen gebildet. Die Zahl der dortgien Juden beträgt 2000,' davon sind 7 Familien eingeborene, 502 bucharische Juden, etwa 1500 europäische Juden. 3. Im Sir-Darinsker Rayon sind die eingeborenen und die europäischen Juden nach besonderen Gemeinden getrennt. In Taschkent befinden sich drei Synagogen, von denen eine noch in der Zeit der turkestanischen Selbständigkeit errichtet wurde. In den Städten Turkestan, Tschimkent, Perowsk und Kasalinsk und im Dorfe Tschinas befinden sich nur Cheders, die auch als Bethäuserbenutzt werden. In diesem Rayon wohnen 2400 eingeborene und 400 europäische Juden. 4. JmSemiretchinsker Rayon sindgaHkeine eingeborenen Juden dadie Zahl der europäischen jüdischen Familien beträgt dort 72. Sie besitzen eine eigene Synagoge, die im Jahre 1884 erbaut wurde. 5. Im transkaspischen Rayon sind die jüdischen Gemeinenden in asiatische und europäische, eingestellt. In Aschabad befindet sich eine Synagoge in Merw 2, in Jolotan wird jetzt eine Synagoge errichtet. In diesem Rayon leben 182 europäische und 1273 asitische Juden - letztere sind meist persische Untertanen. Die Juden in Turkestan sind überwiegend Kaufleut und Handwerker." Odessa, 4. Oktober. Unser Stadthauptmann, General Tolmatschow, gefallt sich in der Rolle eines unbeschränkten Selbstherrschers und läßt besonders die jüdische Bevölkerung seine Allmacht und Willkür bei jeder Gelegenheit fühlen. Vor Jahren bestimmte er, wie Ihren Lesern bereits bekannt, einen Rabbiner in der Person von Awinowitzky, der den hiesigen Juden ganz und gar nicht genehm war und in den weitesten Kreisen der Gemeinde großen Unzufriedenheit hervorgerufen hat. Und als ein paar Gemeindevorsteher die Regierung um Bestimmung einer neuen Rabbinerwahl ersuchten, wurden sie auf Tolmatschows Veranlassung aus dem Gemeindevorftand ausgeschlossen. Jetzt ist der Stadthauptmann selbst mit Awinowitzky aus irgend einem Grunde nicht zufrieden und hat ihm seine Gunst entzogen. Er hat einer jüdischen Deputation gegenüber erklärt, eine neue Rabbinerwahl zu bestimmen — wenn die Juden bei der hier bevorstehenden Dumaersatzwahl sich als „Patrioten" erweisen. Das heißt, wenn die jüdischen Wähler ihren Stimmen nicht für den jüdischen Kandidaten Brodsky, sondern für den von den „echten Russen" aufgestellten Kandidaten abgeben. Eine solche Zumutung an Juden, daß sie einen Progromhelden wählen, ist selbst von seiten eines Tolmatschow doch etwas überraschend und sonderbar. Seine „patriotische" Mühe wird jedoch erfolglos bleiben. So weit reicht seine Macht doch nicht, daß er die Juden zu einer solchen Schandtat zwingen könnte. Rumänien» Wirkungen des blinden Nationalismus. (Bon unserem Korrespondenten.) Bukarest, 29. Sept. „Immer besser und besser!" wird wahrscheinlich Herr Nicolae J o rga ausgerufen haben, als er erfuhr, daß sich die Zöglinge des Lyceums eines Ptovinzftädtchens, sowie verschiedene Studenten ins Theater begeben haben, wo man „Manasse" spielte, und dort in lärmender Weise manifestierten, faule Eier auf die Künstler warfen und einige Polizeisergeanten verwundeten, die sich zu intervenieren erlaubten. Es ist tatsächlich schwer, sich einen größeren Erfolg vorzustellen. Und warum haben die Gymnasiasten und Studenten diese Kundgebung veranstaltet? Weil „Manasse", so behaupten sie, ein jüdisches Stück ist und weil das Stück von einem Juden, Ranetti-Roman verfaßt ist. Und nun sage man, daß wir auch hier im zwanzigsten Jahrhundert leben, dem glücklichen Zeitalter der großen Entdeckungen und Erfindungen, der Kultur und Zivilisation. Herr Jorga und seine Clique wissen nichts davon, weil sie Antisemitismus und Nationalismus allein als herrschende Staatsidee proklamieren. Aber „Manasse" ist weder ein jüdisches, noch ein staatsgesährliches Stück. Beweis dafür ist, daß das Stück auf allen großen Bühnen des

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